Historiker: Der Holocaust schaffte es nicht auf die Titelseite

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Vier Militärpolizisten lesen in der
Vier US-Militärpolizisten lesen in der "Stars and Stripes" über die Kapitulation der Nazis.Foto US Army Military History Institute, http://www.army.mil/-images/2007/05/06/3988/, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5487706
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Der Mord an den europäischen Juden besass im Zweiten Weltkrieg nach Erkenntnissen des Historikers Norman Domeier keine mediale Priorität. „Der investigativ recherchierende Journalist, der zwischen 1941 und 1945 am Holocaust als ‚Story des Jahrhunderts‘ dran war – es gab ihn nicht“, sagte der an der Prager Karls-Universität lehrende Historiker am Dienstag in einem Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). Soeben erschien Domeiers Buch zu den amerikanischen Auslandskorrespondenten im „Dritten Reich“ mit dem Titel „Weltöffentlichkeit und Diktatur“.

Für das mediale Desinteresse gebe es verschiedene Gründe, so Domeier. Zwar wussten die Auslandskorrespondenten Bescheid über die Massenverbrechen in Polen ab September 1939 und über die ersten Transporte von Juden in den Osten und hätten darüber berichtet. Aber die Leser in den USA, „wenn sie nicht ohnehin selber antisemitische Einstellungen pflegten“, seien mehr an anderen Themen interessiert gewesen wie dem Vorankommen der eigenen und der alliierten Truppen. Der Holocaust habe es nicht auf die Titelseite geschafft.

Ein „Schlüssel für die Erklärung des Desinteresses der auslandsjournalistischen Elite der USA am Holocaust“ ist für den Experten ein geheimer Deal zwischen NS-Deutschland und Associated Press (AP). Durch den gesamten Zweiten Weltkrieg hinweg tauschte man täglich Pressefotos über die neutralen Hauptstädte Lissabon und Stockholm aus, so Domeier. Auf diese Weise war die amerikanische und internationale Presse bis 1945 voll mit NS-Propagandafotos, die NS-Presse voll mit AP-Fotos, die antiamerikanisch und antisemitisch ausgeschlachtet wurden, wie der Historiker erläuterte.

Konkurrenten von AP hätten in diese Lücke stossen können, aber taten es nicht, so Domeier. Offenkundig habe AP durch seine vorbildlich kooperative Struktur, an die ein grosser Teil der amerikanischen Medien angeschlossen war, und die „pools“ an Nachrichten und Fotos, die vom „Office of War Information“ gebildet wurden, eine regelrechte Lähmung der investigativen Energie bewirkt, für die der amerikanische Journalismus zu anderen Zeiten berühmt war.

KNA/lau/joh

Norman Domeier, Weltöffentlichkeit und Diktatur. Die amerikansichen Auslandskorrespondeten im "Dritten Reich", Wallstein Verlag, Göttingen 2021, 768 Seiten, 49,90 Euro. 

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