ZDF-Fernsehfilm über die Wannseekonferenz

Matti Geschonnek rekonstruiert in seinem Fernsehfilm die Wannseekonferenz vor 80 Jahren. Sie stellte einen wichtigen Schritt zum Massenmord an Europas Juden dar. Am Dienstagabend hatte der Film in Berlin Premiere.

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Im Konferenzraum eröffnet Reinhard Heydrich, Chef des Reichssicherheitshauptamts, Chef der Sicherheitspolizei und des SD, die Besprechung. Von links: Adolf Eichmann (Johannes Allmayer), Ingeburg Werlemann (Lilli Fichtner), Heinrich Müller (Jakob Diehl), Reinhard Heydrich (Philipp Hochmair), Otto Hofmann (Markus Schleinzer), Friedrich Wilhelm Kritzinger (Thomas Loibl). Foto ZDF / JULIA TERJUNG.
Im Konferenzraum eröffnet Reinhard Heydrich, Chef des Reichssicherheitshauptamts, Chef der Sicherheitspolizei und des SD, die Besprechung. Von links: Adolf Eichmann (Johannes Allmayer), Ingeburg Werlemann (Lilli Fichtner), Heinrich Müller (Jakob Diehl), Reinhard Heydrich (Philipp Hochmair), Otto Hofmann (Markus Schleinzer), Friedrich Wilhelm Kritzinger (Thomas Loibl). Foto ZDF / JULIA TERJUNG.
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Jeder Platz wird von einem Offizier mit einem Namenskärtchen versehen. Das karge Tischarrangement ergänzt eine Sekretärin mit Notizblock und Bleistift. Die letzten Vorbereitungen für eine zwanglose Besprechung zur „Endlösung der Judenfrage“, wie es die Einladung vermerkt, werden an diesem Morgen des 20. Januar 1942 getroffen. Die handverlesenen Teilnehmer wurden von Reinhard Heydrich in die abseits gelegene Villa am Wannsee geladen. Der Ort gibt dem Beschluss später den Namen.

von Katharina Dockhorn

Mit einer Einführung aus dem Off in den historischen Kontext beginnt Matti Geschonnecks Fernsehfilm „Die Wannseekonferenz“. Er stützt sich auf die protokollierten Diskussionen um die Organisation des Massenmordes und den aktuellen Stand der Geschichtswissenschaft, für die nun auch Archive in der ehemaligen Sowjetunion zugänglich sind.

Deren Wissensstand beziehen Magnus Vattrodt und Paul Mommertz in ihr Drehbuch mit ein. Der Film verzichtet auf Musik, um die Zuschauer nicht zu manipulieren. Die Premiere fand am Dienstagabend im Berliner Kino Zoo-Palast im Beisein von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier statt. Das Zweite strahlt den 105-minütigen Beitrag kurz nach dem 80. Gedenktag des Treffens am 24. Januar um 20.15 Uhr aus. Um 22.00 Uhr folgt die Dokumentation „Die Wannseekonferenz“.

Film und Fernsehen wagten sich bereits mehrmals an die Fiktionalisierung dieses Ereignisses. 1984 inszenierte Heinz Schirk einen Fernsehfilm mit prominenter Besetzung – Jochen Busse, Peter Fitz, Martin Lüttge, Robert Atzorn. 2001 standen Kenneth Branagh, Colin Firth und Tom Hiddleston in der Version von Frank Pierson vor der Kamera. In beiden Filmen wird ein Gegenspieler aufgebaut, der vorsichtig gegen den brutalen Mord-Vorschlag argumentiert.

Geschonneck verzichtet auf diesen grundlegenden dramaturgischen Kniff, wozu auch die das Projekt beratenden Historiker rieten. Einzig Wilhelm Stuckart macht in diesem Film einige kleine Einwände zum Ausmass der Verfolgung gemäss der von ihm mit verfassten Nürnberger Rassentheorien. Allerdings nur, um sein eigenes Lebenswerk zu retten.

Grundlegender Widerspruch gegen die Planungen zum Massenmord bleibt aus – die Männer eint die Absicht, eine effektivere Methode des Tötens als die systematischen Erschiessungen zu finden, denen bereits Millionen Menschen jüdischen Glaubens im Osten Europas zum Opfer fielen. Die Belastungen für die beteiligten Soldaten, die Symptome des posttraumatischen Belastungssyndroms zeigen, werden als zu hoch eingeschätzt.

Das Sitzungsprotokoll der „Wannsee-Konferenz“ offenbart, wie deutlich über den geplanten Mord an Millionen Juden in Europa in der Teilnehmerrunde gesprochen wurde. Das historisch einmalige Dokument wird heute – gut gesichert – im Politischen Archiv des Auswärtigen Amts verwahrt und gehört zu einer Akte mit der Überschrift „Endlösung der Judenfrage“. Foto ZDF / Klaus Josef Sturm.

Das Konzept geht dank der schauspielerischen Qualität des Ensembles – unter anderem Maximilian Brückner, Fabian Busch, Godehard Giese und Peter Jordan – und einem Drehbuch auf, das dem statischen Geschehen Dynamik gibt. Am Wannsee treffen Logistiker des Vernichtungskrieges aufeinander, für die die Menschen jüdischen Glaubens nichts als Zahlen sind, die es effizient und systematisch zu dezimieren gilt. Entsprechend bleibt ihr Ton sachlich, die Kühle der Männer und ihre distanzierte Sprache hinterlassen beim Zuschauer ein mulmiges Gefühl.

Der Verzicht auf einen klassischen Handlungsaufbau sei ein Wagnis, weiss Produzent Oliver Berben, der mehr als vier Jahre lang nach dem passenden Konzept suchte. Zwei Jahre lang entwickelte er gemeinsam mit Geschonnek, den Autoren und Historikern das Buch.

Für den Regisseur kam ein sehr persönlicher Aspekt hinzu: Sein Vater, der Schauspieler und Kommunist Erwin Geschonnek, ging 1933 in den Widerstand und wurde 1939 verraten. Er überlebte mehrere Konzentrationslager und den Untergang der „Cap Arcona“, auf der mehr als 4.000 Häftlinge gen Westen gebracht werden sollten.

Durch seine nüchterne Machart unterstreicht der Film erneut die These von der Banalität des Bösen. Geschichte wurde in nüchterner Atmosphäre von durchschnittlichen Männern geschrieben, die zuvor verschiedene Methoden des Massenmordes ausprobieren liessen und die Erfahrungen bündelten. Sie sind sich vielleicht der Dimension ihres Beschlusses bewusst, halten ihn aber für richtig und notwendig.

Diese Ungeheuerlichkeit und Unmenschlichkeit herausgekitzelt zu haben und es mit dem Wissen zu kombinieren, dass auf die Perversion des Denkens und der Sprache mörderisches Handeln folgt, zeigt die hohe künstlerische Qualität des Filmes.

KNA/mit/aps/cas/gbo/joh

Hinweis: "Die Wannseekonferenz", Regie: Matti Geschonneck, Buch: Magnus Vattrodt und Paul Mommertz. ZDF, Mo 24.01., 20.15 - 22.00 Uhr.

1 Kommentar

  1. Deutsche sind nicht nur „Weltmeister“ im Judenvernichten, sondern auch in dessen „Aufarbeitung“ und „Bewältigung“.
    (Gleichzeitig wird die Kriegshetze gegen Russland immer weiter angeheizt, soweit zum Thema „aus der Geschichte lernen“.)

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