Christenverfolgung: Weltverfolgungsindex 2022

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Durch ein neues Gesetz, das ab dem 1. März in Kraft treten soll, werden chinesische Christen weiter eingeschränkt. Religiöse Inhalte dürfen nur noch mit Genehmigung im chinesischen Web veröffentlicht werden. Foto Open Doors Deutschland.
Durch ein neues Gesetz, das ab dem 1. März in Kraft treten soll, werden chinesische Christen weiter eingeschränkt. Religiöse Inhalte dürfen nur noch mit Genehmigung im chinesischen Web veröffentlicht werden. Foto Open Doors Deutschland.
Lesezeit: 7 Minuten

Während die Machtübernahme der Taliban islamistische Extremisten weltweit stärkt, löst Afghanistan Nordkorea an der Spitze des von Open Doors erstellten Weltverfolgungsindex ab. Ein Interview mit Philippe Fonjallaz, Leiter von Open Doors Schweiz.

Die Verfolgung und Diskriminierung von Christen hat sich weltweit verschärft, in Afrika mit hohem Tempo. Der Weltverfolgungsindex, der das Ausmass der Verfolgung und Diskriminierung von Christen weltweit auflistet, zeigt auf, dass derzeit mehr als 360 Millionen Christen aufgrund ihres Glaubens unter schwerer Verfolgung leiden, was einem Anstieg von 20 Millionen im Vergleich zum Vorjahr entspricht. Diese Zahl entspricht einem von sieben Christen auf der Welt. Im Jahr 2021 wurde das höchste Verfolgungsniveau seit der Einführung dieses Messinstruments vor 29 Jahren verzeichnet, nachdem die Zahlen in den letzten Jahren stetig angestiegen waren.

Nach Angaben des Hohen Flüchtlingskommissars der Vereinten Nationen (UNHCR) wurden im Jahr 2021 etwa 84 Millionen Menschen gewaltsam vertrieben, entweder innerhalb ihres eigenen Landes oder – 26 Millionen – über die Grenzen hinweg. Viele von ihnen sind Christen, die vor Verfolgung fliehen: Hunderttausende sind etwa in der Sahelzone (z.B. Burkina Faso, DRK) von islamistischer Gewalt betroffen oder fliehen vor Zwangsrekrutierung (Eritrea # 6), Bürgerkrieg (Sudan # 13), staatlicher Repression (Iran # 9) und/oder familiärer Unterdrückung aufgrund ihres Glaubens. Die überwiegende Mehrheit verbleibt in ihrer Region, als Binnenvertriebene oder als Flüchtlinge. 

Interview mit Philippe Fonjallaz, Leiter von Open Doors Schweiz, einem internationalen überkonfessionellen Hilfswerk, das sich in mehr als 70 Ländern der Welt für Christen einsetzt, die aufgrund ihres Glaubens diskriminiert oder verfolgt werden.

Herr Fonjallaz, die Christenverfolgung nimmt seit Jahren zu. Mehr als 360 Millionen Christen weltweit leiden aufgrund ihres Glaubens unter schwerer Verfolgung. Wie erklären Sie sich, dass diese Tatsache in den Medien oder in den politischen Debatten westlicher Länder kaum eine Rolle spielt?

Wenn ich die letzten zwei Jahre betrachte, ist es klar, dass die Covid-Krise nicht dazu beigetragen hat, dass die Medien Platz für globalere Themen schaffen. Aber ganz allgemein, und insbesondere in der Schweiz, glaube ich, dass es eine Art Vorbehalt gibt, sowohl in den Medien als auch in der Politik über die Christenverfolgung zu sprechen. Ich weiß nicht, ob dies mit der berühmten schweizerischen Neutralität zusammenhängt, die ich in diesem Fall jedoch als sehr bedauerlich erachte.

Gemäss Weltverfolgungsindex 2022 ist Afghanistan derzeit der gefährlichste Ort der Welt, um Christ zu sein. Wie kommt es dazu?

Die Verfolgung von Christen in Afghanistan ist seit langem extrem und fast auf dem gleichen Niveau wie in Nordkorea. Doch mit der Machtübernahme der Taliban haben für den kleinen Anzahl Christen Gewalt und Gefahr noch zugenommen, was den traurigen 1. Platz in diesem Jahr erklärt.

Welches sind die anderen Ländern, in denen Christen ebenfalls regelmässig getötet, verfolgt oder misshandelt werden?

Unsere Analyse kommt zum Schluss, dass die Christenverfolgung in nicht weniger als 76 Ländern mindestens stark ist. Es gibt jedoch zwei Situationen, die uns besonders beunruhigen. Zum einen handelt es sich um die Situation in Afrika südlich der Sahara. Extremistische islamistische Gruppen haben die Covid-Krise sowie die Schwäche und Lähmung der etablierten Regierungen ausgenutzt, um ihren Druck in der Region weiter zu erhöhen. In dieser Region, zu der unter anderem Nigeria und Burkina Faso gehören, wurden weltweit die meisten Christen aufgrund ihres Glaubens getötet. Zum anderen geht es um die Verschlechterung der Lage in Ländern unter autoritären Regimen. Sie erhöhen den Druck auf ihre Bevölkerung, auf die Opponenten und auf die religiösen Minderheiten. Ich denke dabei insbesondere an China und Indien. In zwei unterschiedlichen Kontexten ist es jedoch eine vergleichbare Ideologie, die zu einer immer stärkeren Verfolgung von Christen führt: „Eine Nation, ein Volk, ein Glaube“.

Was bedeutet es konkret in China ?

In China ist es die Allmacht des kommunistischen Regimes, die auf dem Spiel steht. Was die Kirchen betrifft, so werden zum Beispiel ihre Aktivitäten eingeschränkt oder sogar verboten (auch online), Pastoren werden unter Druck gesetzt und inhaftiert, Jugendliche unter 18 Jahren dürfen nicht an religiösen Aktivitäten teilnehmen und die christliche Literatur wird eingeschränkt (auch Online).

Aber inwiefern ist die Situation in Indien mit China vergleichbar?

Es ist der extreme Nationalismus, der sie verbindet. In Indien, die nationalistischen «Hindutva»-Ideologie wird immer stärker, in der Inder zu sein bedeutet, ein Hindu zu sein. Eine Welle der Gewalt gegen Christen und andere religiöse Minderheiten wurde von der politischen Führung des Landes vernachlässigt oder sogar gefördert und ging mit einem Anstieg von Desinformation und Propaganda in den sozialen und Mainstream-Medien einher.

Wie ist die Lage in Saudi-Arabien? Warum erscheint das Land nicht auf der Liste Ihrer gefährlichsten Orte?

Saudi-Arabien befindet sich immerhin auf Position 11 unseres Index und die Verfolgung wird dort als extrem eingestuft (81 von 100 Punkten). Die meisten Christen in Saudi-Arabien sind Expats, die aus Ländern von Asien und Afrika stammen. Sie werden nicht nur ausgebeutet und schlecht bezahlt, sondern sind aufgrund ihrer ethnischen Zugehörigkeit und ihres niedrigen Status regelmäßig verbalen und körperlichen Übergriffen ausgesetzt. Ihr christlicher Glaube kann ihre Verletzlichkeit noch verstärken.

Gibt es auch einheimische Christen?

Ja und diese wenige Konvertiten mit muslimischem Hintergrund leiden unter starkem Druck, vor allem seitens ihrer Familien, und halten ihren Glauben im Allgemeinen geheim. Wenn saudische Christen den Islam verlassen, machen sie sich nach dem Apostasie Gesetz strafbar, auf das die Todesstrafe steht. Allerdings haben Gerichte in den letzten Jahren keine Todesstrafe für Apostasie verhängt.

Gemäss Ihrem Bericht riskieren christliche Männer in Afghanistan den sicheren Tod, wenn ihr Glaube entdeckt wird. Frauen und Mädchen werden vergewaltigt, verschleppt oder verkauft. Die Taliban machen aktiv Jagd auf Christen und gehen sogar von Tür zu Tür, um sie zu finden. Wie ist es möglich, dass man im Westen dennoch meint, mit den Taliban als legitime neue Regierung verhandeln zu müssen?

Als Grund wird unter anderem genannt, dass die Lage der Bevölkerung derzeit äußerst prekär ist und sich beispielsweise eine Hungerkrise ausbreitet. Daher versuchen die westlichen Länder, Hilfe zu leisten, ohne dabei die Macht der Taliban zu stärken. Politisch ist es auch ein fast unmögliches Gleichgewicht, eine weitere Destabilisierung der Region zu verhindern, ohne dieses freiheitsfeindliche und gewalttätige Regime zu legitimieren.

Allein zwischen den Jahren 2020 und 2021 gab es unter verfolgten Christen einen Anstieg um 20 Millionen Menschen. 2021 wurde das höchste Verfolgungsniveau seit der Einführung des Weltverfolgungsindexes vor 29 Jahren verzeichnet. Warum nimmt die Christenverfolgung derart zu?

Wie bereits erwähnt, sind die Hauptfaktoren, die diese Verschlechterung der Lage seit mehreren Jahren erklären, vor allem die Entwicklung des islamistischen Extremismus in mehreren Regionen der Welt, darunter in Afrika, sowie ideologische oder religiöse Nationalismen, die unter anderem zunehmend Druck auf religiöse Minderheiten ausüben.

Was sollten Verantwortungsträger in Westeuropa und auch in der Schweiz angesichts dieser Lage dringend tun?

Der wichtigste Einfluss, den die Behörden unserer Länder haben könnten, besteht darin, die Frage der Menschenrechte und der Religionsfreiheit in den bilateralen Kontakten mit den betreffenden Ländern kompromisslos anzusprechen. Wir fordern, dass unsere Behörden mehr Mut haben und die Hilfe für bestimmte Länder oder die Entwicklung von Handelsbeziehungen von einer besseren Achtung der Menschenrechte abhängig machen. Ich glaube, dass dies eine Pflicht ist, die unsere Regierungen haben.

Was sollten die Medien tun?

Die Medien spielen eine wichtige Rolle, wenn es darum geht, die Öffentlichkeit auf die Verfolgung aufmerksam zu machen, denen Millionen von Menschen auf der ganzen Welt aufgrund ihres Glaubens ausgesetzt sind, unabhängig davon, ob sie übrigens Christen oder Angehörige anderer religiöser Minderheiten sind. Denn es ist leider ein weit verbreitetes Phänomen.

Ist der Islam verantwortlich für die zunehmende Christenverfolgung im Nahen Osten? Gäbe es ohne islamisch dominierte Länder weniger verfolgte Christen?

Man kann sagen, dass die Christenverfolgung im Nahen Osten nach wie vor sehr beunruhigend ist, aber die Gewalt ist zurückgegangen, insbesondere durch eine fragile „Normalisierung“ der Lage in Syrien und im Irak. Weltweit gesehen genügt ein Blick auf die Rangliste unseres Index, um festzustellen, dass eine der Hauptursachen für die Verfolgung von Christen mit dem islamistischen Extremismus zu tun hat, auch wenn die anderen, bereits zuvor erwähnten Ursachen, die mit diktatorischen oder nationalistischen Regimen zu tun haben, nicht unterschätzt werden dürfen.

Was tut Open Doors, um die Lage zu verbessern? Was können andere Hilfswerke tun, zusammen mit den verantwortlichen Regierungen?

Neben unserem Ziel, breit zu informieren, um das Bewusstsein für die Situation verfolgter Christen zu schärfen, ist es für uns vor allem wichtig, immer mehr Menschen zu mobilisieren, um sie durch Gebet oder konkrete Unterstützung unserer Projekte in 73 Ländern zu unterstützen. Wir stehen unseren verfolgten Geschwistern zur Seite, um ihnen zu helfen, sie zu ermutigen und ihnen zu ermöglichen, trotz der Umstände in ihrem Glauben standhaft zu bleiben.

Über Giuseppe Gracia

Giuseppe Gracia (54) ist Schriftsteller und Kommunikationsberater. Sein neues Buch «Die Utopia Methode» (Fontis Verlag, 2022) beleuchtet die Gefahren utopischer Politik.

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1 Kommentar

  1. Was sagt die CDU dazu? Und Indien würde ich streichen, die brauchen die Grünen um Krieg auch gegen China führen zu können.

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