Die komplizierte Geschichte der Juden in Amerika

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Judah P. Benjamin, circa 1856, Foto United States Library of Congress ID ppmsca.05642. Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=33012645
Judah P. Benjamin, circa 1856, Foto United States Library of Congress ID ppmsca.05642. Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=33012645
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Die jüdische Geschichte in Amerika wurde zum grössten Teil von der grossen Welle jüdischer Einwanderer geschrieben, die um die Jahrhundertwende ankamen. Dass diese Welle einen enormen Einfluss auf das amerikanische Leben und die Kultur hatte, ist unbestreitbar. Aber sie ist nicht die ganze Geschichte der Juden in Amerika – weit gefehlt. Juden kamen im Gefolge der ersten amerikanischen Siedler und liessen sich vor allem in Charleston, South Carolina, nieder, einer religiös toleranten Stadt, die verschiedene protestantische Sekten, Katholiken und Juden gleichermassen willkommen hiess. Heute scheint das normal zu sein, aber um 1600 war es das sicher nicht, vor allem nicht in der Massachusetts Bay Colony, wo sogar viele Protestanten nicht willkommen waren, geschweige denn Katholiken und Juden.

von Michael Finch

Die Juden, die sich im Süden niederliessen, waren in erster Linie sephardische Juden, deren Wurzeln bis nach Spanien und in den Mittelmeerraum zurückreichen. Sie assimilierten sich und wurden Teil der Gesellschaft des Südens; einige wurden zu Landbesitzern oder waren so wohlhabend, dass sie sogar Sklaven besassen. Man kann diese Juden dafür anklagen, so wie man jeden anklagen kann der damals Sklaven besassen, aber es war Teil der amerikanischen Gesellschaftsordnung zu jener Zeit.

Aus dieser Kultur ging ein einzigartiger Mann hervor: Judah Benjamin. Seine Familie stammte aus England und lebte auf den Westindischen Inseln. Sie wanderten nach South Carolina aus, als er noch ein Kind war. Er war ein brillanter Schüler und wurde im Alter von 14 Jahren in Yale als Student angenommen, wo er jedoch keinen Abschluss machte. Stattdessen verliess er Yale frühzeitig und liess sich in New Orleans nieder, wo er sich einen Namen machen sollte. Als autodidaktischer Anwalt erreichte er bedeutende Erfolge und wurde sehr wohlhabend. Er gründete die Illinois Central Railroad, diente in der Legislative von Louisiana und wurde schliesslich als Vertreter Louisianas in den US-Senat berufen.

Während des Bürgerkriegs unterstützte Benjamin die Konföderation. Er diente im Kabinett von Jefferson Davis, zunächst als Justizminister, später als Kriegsminister und schliesslich als Aussenminister. Nach der Ermordung von Abraham Lincoln beschuldigten viele Nordstaatler Benjamin, hinter dem Komplott zu stecken. Schliesslich war er der „Kopf der Konföderation“ und verleumderischen Angriffen aus dem Norden ausgesetzt. Hier zeigte der Antisemitismus sein hässliches Gesicht. Verfolgt von diesen Gerüchten floh Benjamin später nach London, wo er einen Neuanfang wagte und bis zu seinem Tod in den 1880er Jahren ein sehr erfolgreicher Anwalt und Autor wurde.

Trotz dieser beeindruckenden persönlichen Geschichte haben viele Historiker Judah Benjamin im Laufe der Jahre geschmäht. Warum eigentlich? Zum Teil, weil er ein Sklavenhalter war, aber vor allem, weil er ein Konföderierter war.

Die Schriftstellerin Diane Cole, die für das Wall Street Journal das neue Buch von James Traub über Benjamin rezensiert hat, ist da keine Ausnahme – aber sie findet einen speziellen Grund, diesen amerikanischen Staatsmann zu diskreditieren. Cole hält Benjamin für unwürdig, bewundert zu werden, weil er als Jude Sklaven besass. Sie behauptet, es sei für jeden Juden ein Zeichen von Heuchelei, die Sklaverei zu verteidigen, da das jüdische Volk selbst der Sklaverei entkommen sei, als Moses es aus Ägypten führte. Darüber hinaus argumentiert sie, dass der Besitz von Sklaven nicht mit ihrem Verständnis der jüdischen Tradition übereinstimmt“. Cole versäumt es jedoch zu erwähnen, dass der Besitz von Sklaven auch nicht mit dem Verständnis der christlichen Tradition in Einklang zu bringen ist.

Coles Kritik offenbart ein grobes Missverständnis der jüdischen Geschichte und kommt einer üblen Verleumdung Benjamins oder anderer jüdischer Südstaatler gleich. Man kann sicherlich jemanden dafür verurteilen, dass er Sklaven besass, aber Juden herauszugreifen und gleichzeitig die jahrhundertelangen nicht-jüdischen Sklavenhalter zu ignorieren, ist leider antisemitisch.

In der antiken Welt besass praktisch jeder Sklaven: Römer, Griechen, Perser, und ja, auch Juden. Die Sklaverei war in der antiken Welt so alltäglich wie heute das Aufstehen und der Gang zur Arbeit. George Washington und Thomas Jefferson hatten Sklaven; sie waren dennoch in anderer Hinsicht grosse Männer. Wir mögen es nicht mögen, wir mögen es moralisch verwerflich finden, aber es ist eine Tatsache, und es war ein Teil dieser Gesellschaften und hat sich über Tausende von Jahren bis in die Neuzeit fortgesetzt.

Mose hat die Juden aus der Knechtschaft befreit; er hat nicht jeden Sklaven in der Welt in die Freiheit geführt. Es stimmt, dass Mose und die jüdische Tradition letztendlich ein Beispiel für alle Menschen zu allen Zeiten sein sollten. Aber darum ging es beim Exodus, als er stattfand, nicht. Die Tora bezeichnet die Sklaverei nicht als Übel; sie gibt sogar Anweisungen, wie man jemanden, der in Knechtschaft gehalten wird, behandeln soll: Wenn man einem Sklaven einen Zahn ausschlägt, dann muss der Sklave freigelassen werden, um den Verlust des Zahns auszugleichen. Wenn du nur einen Mantel hast, musst du ihn deinem Sklaven geben. Es bietet eine humanere Vorlage für die Sklaverei als viele andere antike Gesellschaften, aber es ist kaum ein Anti-Sklaverei-Traktat. Damit will ich niemanden verurteilen, schon gar nicht diese alten jüdischen Texte, die vor Tausenden von Jahren geschrieben wurden. Die Tora hat in der jüdischen Tradition den Samen gepflanzt, aus dem schliesslich der Ruf nach Freiheit für alle Menschen hervorging. Derweil lebten die Juden, wie alle anderen Menschen auf der Erde, in ihrer eigenen historischen Zeit und Kultur, in der die Sklaverei allgegenwärtig war.

Die Juden im Süden lebten so, wie andere Amerikaner zu dieser Zeit im Süden lebten, „mit allen Fehlern und Mängeln“. Abgesehen von ihrem Sklavenbesitz ist die Tatsache, dass sich die Juden so weit in die amerikanische Gesellschaft integriert haben, ein Beweis für die amerikanische Tradition, auch wenn einige dieser Traditionen Makel aufweisen. Betrachten wir im Gegensatz dazu das Leben der Juden im Russischen Reich in der Mitte des 18. Jahrhunderts, die ständig von Pogromen und dem Tod durch einfallende Kosakenhorden bedroht waren. Die Fähigkeit von Juden wie Benjamin, den amerikanischen Traum zu verkörpern und sich im amerikanischen Süden durchzusetzen, war eine beeindruckende Leistung.

Zwei-Dollar-Note der Konföderierten, mit Judah P. Benjamin. Foto B’nai B’rith Klutznick Jüdisches Nationalmuseum

Für die Rezensentin Diane Cole ist Benjamins Assimilation an die Gesellschaft der Südstaaten und insbesondere seine Führungsrolle in der Konföderation ebenfalls eine unverzeihliche Sünde. Sie wirft Benjamin seine „entsetzlichen politischen Loyalitäten“ vor, versäumt es aber erneut, seine Handlungen im Lichte des historischen Kontextes zu betrachten. Betrachten wir eine Frage, die nicht nur für Benjamin, sondern für jeden Amtsträger, jeden Militäroffizier oder offen gesagt jeden, der in der Konföderation gedient hat, gilt: Warum führt man überhaupt einen Krieg? Ein Grund war, zumindest zu jener Zeit, dass man kämpfte, um seine Heimat, seine Familie und seine Lieben, sein Land und seine Gemeinschaft zu verteidigen.

Vor dem Bürgerkrieg war die Loyalität eines Amerikaners gegenüber seinem Heimatstaat oft wichtiger als die Loyalität gegenüber den Vereinigten Staaten als Land. Das mag uns nicht gefallen, wir mögen das lächerlich oder sogar verräterisch finden, aber wir leben nicht mehr in der Mitte des 18. General Robert E. Lee lehnte, sehr zum Spott vieler – Konservativer wie Liberaler – Präsident Lincoln ab, als ihm das Angebot gemacht wurde, die Unionsarmee zu führen. Aber wie konnte Lee in Erwägung ziehen, eine Armee anzuführen, die auf sein Haus, seine Familie und seinen Heimatstaat marschiert? Ist das wirklich so schwer zu verstehen?

Eine weitere Verleumdung Benjamins ist die Behauptung, er habe versucht, seine jüdische Herkunft zu verbergen. Kritiker weisen darauf hin, dass er eine Christin aus New Orleans heiratete und nicht übermässig religiös war; viele haben ihn kritisiert, weil er den Sabbat nicht einhielt und angeblich Schweinefleisch ass. Auch wenn Benjamin nicht übermässig religiös gewesen sein mag, scheint der Vorwurf, er habe versucht, seine jüdische Herkunft zu verbergen, unbegründet. Es gibt – und gab – viele Juden, die vielleicht nicht in die Synagoge gehen oder Schweinefleisch oder Schalentiere essen, sich aber dennoch als Juden betrachten, so wie es auch viele Christen gibt, die vielleicht nicht in die Kirche gehen, sich aber dennoch als Christen betrachten. Er änderte seinen Namen nicht in John Smith und versuchte auch nicht, seine Herkunft zu verleugnen. Benjamin war nicht der erste US-Senator jüdischer Abstammung, der dem Senat angehörte. David Levy Yulee aus Florida war es, aber Levy Yulee war zum Christentum konvertiert; Judah Benjamin konvertierte nie.

Die heutige Wahrnehmung des Südens ist eine, in der Jim Crow, der Ku-Klux-Klan, die Verbrennung von Kreuzen und der Judenhass in der öffentlichen Vorstellung eine grosse Rolle spielen. Viele Jahrzehnte lang beruhte diese Wahrnehmung natürlich auf einer Realität, zumindest in Teilen des Südens. Diese Wahrnehmung entstand jedoch im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert. Der Süden kann sich auch auf eine Tradition religiöser Toleranz berufen, die bis in die Zeit vor dem Bürgerkrieg zurückreicht und es einem Mann wie Judah Benjamin ermöglichte, sich zu entfalten. In der Tat haben sich die Mitglieder der „Lost Cause“ (mit dem Ausdruck The Lost Cause wird eine revisionistische und pseudowissenschaftliche Ideologie bezeichnet, die sich nach der Niederlage im Amerikanischen Bürgerkrieg unter der weissen Bevölkerung der Südstaaten entwickelte, Anm.d.Red.) im Süden nicht so sehr von Judah Benjamin abgewandt, sondern ihn einfach ignoriert.

Der Süden vor dem Bürgerkrieg war ganz anders, und Geschichte ist, wie jeder weiss, der sich damit befasst, kompliziert. Antisemitismus hat es schon immer gegeben, und er war in der Geschichte Amerikas durchaus vorhanden. Man könnte auch argumentieren, dass der Antisemitismus vor dem Bürgerkrieg im Norden stärker ausgeprägt war als im Süden. Diane Cole weist in ihrer Rezension ansatzweise auf den berüchtigten Generalbefehl Nr. 11 von General Ulysses S. Grant aus dem Jahr 1862 hin, mit dem er alle Juden aus seinem Militärbezirk vertrieb. Dieser Befehl kam, nachdem es ein Versorgungsproblem gab und Grant jüdische Händler dafür verantwortlich machte.

Trotz der damals herrschenden Intoleranz wurde Benjamin in den 1850er Jahren von den Präsidenten Fillmore und Pearce nicht nur einmal, sondern zweimal für den Obersten Gerichtshof der USA nominiert. Dies geschah mehr als 60 Jahre bevor Louis Brandeis 1916 als erster jüdischer Richter am Obersten Gerichtshof vereidigt wurde. Benjamin lehnte diese Ernennungen ab, um seine Position im US-Senat zu behalten, aber das ist der Grad des Respekts, den er zu dieser Zeit nicht nur im Süden, sondern landesweit genoss. Pearce und Fillmore waren beide aus dem Norden. Benjamins Erfolg ist ein Zeugnis für Amerika und seine Ideale. Dass ein jüdischer Mann zu dieser Zeit zu solchen Höhen der Macht aufsteigen konnte, sollte bewundert und gefeiert werden. Es gibt nicht viele andere Beispiele aus dieser Zeit, in denen Juden in der Lage waren, solche Machtpositionen zu erlangen. Wie das Sprichwort sagt: Only in America.

Benjamins Geschichte ist eine durch und durch amerikanische Geschichte, auf die alle Amerikaner und insbesondere die amerikanischen Juden stolz sein sollten.

Michael Finch ist Präsident des David Horowitz Freedom Center und Autor des Gedichtbandes „Finding Home“. Auf Englisch zuerst erschienen bei Gatestone Institute. Übersetzung Audiatur-Online.

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