Desmond Tutu und die Juden

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Erzbischof Desmond Tutu in Kapstadt, Südafrika am 7. Oktober 2016. Foto IMAGO / ZUMA Press
Erzbischof Desmond Tutu in Kapstadt, Südafrika am 7. Oktober 2016. Foto IMAGO / ZUMA Press
Lesezeit: 6 Minuten

Der kürzlich verstorbene Erzbischof Desmond Tutu war ein Nobelpreisträger und ein Held der Anti-Apartheid-Bewegung. Doch trotz seiner vielen Qualitäten hatte er ein regelrechtes Problem mit Juden und dem jüdischen Staat. Er hatte zwar viele jüdische Freunde und Bewunderer. Doch seine offenkundig antisemitische Rhetorik, die er öffentlich zu Protokoll gab, bewies immer wieder, dass man ein sympathischer, ja sogar liebenswerter Held sein kann und dennoch ein gefährlicher Narr.

von Jeremy Rosen

Ich habe versucht zu verstehen, warum so viele nette, gute Christen anscheinend so grosse Probleme mit Israel haben. Ist es nur die Sympathie für den Aussenseiter? Oder ist es die Anmassung mancher Israelis? Ist es etwas an den Juden oder dem Judentum, was sie kränkt?

Mahatma Gandhi, einer der Begründer des modernen Indien, galt als heiliger Mann. Auch er konnte sich nicht mit jüdischen Bestrebungen anfreunden. Gandhis grosses Ideal war das des Satyagraha: gewaltloser Widerstand gegen das Böse. Eine wunderbare Idee in der Theorie, und eine sehr christliche Idee des Hinhaltens der anderen Wange. Über Hitlers Bösartigkeit sagte Gandhi 1938: „Die kalkulierte Gewalt Hitlers mag zu einem allgemeinen Massaker an den Juden führen, aber wenn ihr Geist auf freiwilliges Leiden vorbereitet wäre, könnte das Massaker in einen Tag des Dankes und der Freude verwandelt werden.“

Vielen Dank, aber nein danke. Er bewunderte den Grossmufti von Jerusalem, der Hitler besuchte, um sich zu vergewissern, dass er im Falle eines Einmarsches in den Nahen Osten auch die Juden dort ausrotten würde. Er schlug sogar vor, dass „die Juden der Doktrin des Satyagraha folgen und sich den Arabern opfern sollten, um erschossen oder ins tote Meer geworfen zu werden.“ Man fragt sich, warum er Stalin kein Satyagraha vorgeschlagen hat.

Es gab zwei Männer, die ich bewunderte, beide waren überzeugte Christen und widmeten einen Grossteil ihres Lebens dem Kampf gegen die Apartheid. Und doch litten sie nicht unter Tutus blindem Fleck, wenn es darum ging, mit den jüdischen Bestrebungen nach einem Heimatland und dem Recht auf dessen Verteidigung zu sympathisieren. Robert Birley und Trevor Huddleston – beides Männer, die ich erst spät in ihrem Leben durch mein Engagement in der Anti-Apartheid-Bewegung kennengelernt hatte und die enge Freunde waren.

Robert Birley (1903-1998) setzte sich während des Zweiten Weltkriegs gegen die Nazi-Propaganda ein. Von 1949 bis 1963 war er Rektor des Eton College und wurde dann von 1964 bis 1967 Gastprofessor für Pädagogik an der Witwatersrand University in Südafrika. Dort engagierte er sich mutig in der Anti-Apartheid-Bewegung. Nach seiner Emeritierung schrieb und hielt er zahlreiche Vorträge über Bildung und Menschenrechte. Er kam 1974 als Ehrengast in unser Carmel College. Er war brillant, integer und menschlich – ein Musterbeispiel für einen guten englischen Schuldirektor.

Trevor Huddleston (1913-1998) war ebenfalls ausserordentlich begabt. Nach seinem Studium in Oxford wurde er anglikanischer Priester. Im Jahr 1940 trat er eine Stelle in Kapstadt an und zog dann nach Johannesburg, wo er im schwarzen Township Sophiatown wirkte, das für seine Slums, Kriminalität und Armut berüchtigt war. Huddleston widmete sich den Menschen dort und war ein beliebter Priester und ein geachteter, furchtloser Anti-Apartheid-Aktivist. Er war Mentor vieler begabter junger Männer und Frauen, darunter auch Desmond Tutu.

Huddleston kehrte 1956 nach England zurück. Er setzte seine Anti-Apartheid-Arbeit als Präsident der Anti-Apartheid-Bewegung fort. Ich traf ihn zum ersten Mal, als ich 1965 Ehrenvorsitzender der schottischen Anti-Apartheid-Bewegung war. Als er 1994 an der Gründung der Gedenkstätte „Lebendiges Südafrika“ beteiligt war, die all jenen gewidmet ist, die durch politische Gewalt ihr Leben verloren haben, lud er mich zur Einweihung ein, und danach gingen wir einen Kaffee trinken. Er entschuldigte sich für die Art und Weise, wie seine Kirche gegen Israel Stellung bezogen hatte; er sah nicht ein, dass die Unterstützung der Palästinenser eine Verleumdung Israels erforderte.

Warum ist Israel auch heute noch – und vor allem in den progressiven protestantischen Kirchen – so verhasst? Manche Leute machen die Ersatztheologie dafür verantwortlich. Diese besagt, dass der alte Bund zwischen Gott und Israel von den Juden gebrochen wurde, weil sie Gott ungehorsam waren. Das Alte Testament wurde durch das Neue abgelöst. Die Christen wurden das neue auserwählte Volk. Zur Strafe waren die Juden dazu verurteilt, im Exil zu leiden, und nur die Wiederkunft des christlichen Messias konnte sie von ihrem Makel befreien.  Wenn sie vorher in ihr Land zurückkehrten, widersetzten sie sich (wie einige unserer eigenen Spinner meinen) Gott. Aus diesem Grund wird auch heute noch öffentlich gesagt, dass Juden nicht in der Lage sein werden, die Himmelspforte zu betreten.

Die katholische Kirche hat seit Papst Johannes dem 23. einen langen Weg zurückgelegt, um die Ersatztheologie zu überdenken. Dennoch gibt es immer noch viele, vor allem linksgerichtete protestantische Christen, die diese Entwicklung noch nicht verinnerlicht haben. Selbst in Grossbritannien wird heute Israel für den tragischen Rückgang der christlichen Bevölkerung im Nahen Osten verantwortlich gemacht. Eine Ironie des Schicksals, denn Israel ist das einzige Land im Nahen Osten, in dem die christliche Bevölkerung gewachsen ist und in dem neue Kirchen gebaut werden.

Traurigerweise gab es in letzter Zeit einige Fälle von Anschlägen jüdischer Extremisten in Jerusalem. Jüdische Extremisten greifen auch andere Juden an; jede Gesellschaft hat ihre Aussenseiter. Sie sind gefährliche Verrückte, die von der israelischen Gesellschaft, auch in der Haredi-Welt selbst, verachtet werden.

Aber die antijüdischen Christen ziehen es vor, sich auf diese wenigen Fälle zu konzentrieren, anstatt auf die Tausenden von Christen, die Gewalt oder Vertreibung erlitten haben. Das Christentum wurde im Irak praktisch ausgerottet. Es gibt zehn Länder, in denen Christen am stärksten verfolgt werden: Nordkorea, Afghanistan, Somalia, Libyen, Pakistan, Eritrea, Jemen, Iran, Nigeria und Indien. Daran ist wohl Israel schuld, natürlich!

Das christliche Hilfswerk Open Doors führte den starken Rückgang der Christen in dieser Region ausdrücklich auf „islamische Unterdrückung“ zurück. Und sagte, dass islamistische Extremisten im von der Palästinensischen Autonomiebehörde verwalteten „Westjordanland“ die Christen dazu veranlassten, gewalttätige Angriffe zu fürchten. Im Jahr 2005, als Israel sich einseitig aus dem Gazastreifen zurückzog, lebten dort etwa 5.000 Christen. Seit die Hamas die Kontrolle übernommen hat, leben dort weniger als eintausend Christen.

Alte Lügen und Vorurteile bleiben bestehen. Viele Menschen halten Jesus, den Juden aus Judäa, für einen Palästinenser (als ob es damals keine Juden gegeben hätte). Und die alte Verleumdung, dass die Juden Jesus getötet haben, wird als moderne Verleumdung dafür benutzt, dass die Israelis alles daran setzen, palästinensische Kinder abzuschlachten. Weihnachten ist heutzutage kein Tag der Heilung mehr, sondern wird von den Feinden Israels als Propaganda benutzt, um zu schaden.

Die andere Entschuldigung für Tutus Hass ist die Pseudo-Theorie der „Intersektionalität“, die alle Leidenden als gleichwertige Opfer betrachtet, unabhängig von ihrem Grad oder davon, ob ihr Schmerz selbstverschuldet ist oder nicht. Man kann auch feststellen, dass die Vereinten Nationen mehr Fehler an Israel finden als an jedem anderen Land der Welt und Millionen und Abermillionen ausgeben, um Israel zu beschuldigen, in der Hoffnung, dass je länger sie es versuchen, desto grösser die Chance ist, dass jemand in der Lage sein wird, den jüdischen Staat zu zerstören.

Gott sei Dank können ehrbare Menschen wie Robert Birley, Trevor Huddleston und viele andere ehrenwerte, rechtschaffene Christen einen falschen Vergleich erkennen, wenn sie ihn sehen – und sie können Bedürftige und Enteignete unterstützen, ohne ein Land zu verleumden, das verzweifelt nach Frieden sucht.

Jeremy Rosen ist Schriftsteller und Rabbiner und lebt derzeit in New York. Auf Englisch erschienen bei The AlgemeinerÜbersetzung Audiatur-Online.

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