Die Bibel, sozialpolitische Umverteilungen und der Antisemitismus

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Eine Tora an der Klagemauer in Jerusalem. Foto Shraga Kopstein/Unsplash.com
Eine Tora an der Klagemauer in Jerusalem. Foto Shraga Kopstein/Unsplash.com
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„Wenn es dem König recht ist, wird aufgesetzt, dass man sie (die Juden) ausmerze. Dann werde ich zehntausend Kikkar Silber in die Hände der Zuständigen auszahlen, damit sie es in die Schatzkammern des Königs bringen (Ester 3, 9)“.

Ein Kommentar von Peter Ruch

Haman, der Grossfürst des Perserkönigs Xerxes, forderte von den Untertanen die bedingungslose Unterwerfung. Der Jude Mordechai verweigerte sie ihm, so dass der beleidigte Haman die Juden ausrotten wollte. Dem König versprach er eine grosszügige Beteiligung an der Beute. Hier werden zwei Hauptmotive des Antisemitismus kenntlich: Minderwertigkeitsgefühle und Raublust.

Nach dem Wegfall der Feudalordnungen im 19. Jahrhundert konnte jeder aufsteigen. Die Juden erwiesen sich vielerorts als erfolgreiche Unternehmer und Händler. Der französische Monarchist Edouard Drumont versprach schon 1890 seinen Wählern, mit dem Vermögen der Juden «die soziale Frage zu lösen». In Saloniki brannte 1917 aus unbekannten Gründen das Zentrum nieder. Sogleich wurden die Juden, denen drei Viertel des Quartiers gehörten, durch ein Bauverbot enteignet. Als Polen 1918 wieder auf der Landkarte erschien, gab es rauschende Feste – und Gewaltausbrüche mit Plünderungen gegen die Juden. In der Ukraine begannen gleichzeitig Massenraubmorde an weit über 60 000 Juden, um die Versorgung der Truppen zu gewährleisten. Auch in Litauen war die Judenfeindschaft mit wirtschaftlichen Ansprüchen der rückständigen Mehrheit eng verknüpft, wobei auch andere Minderheiten unter die Räder kamen. In Rumänien wurden Juden von der Matura ferngehalten und Immobilien enteignet, um sie Lehrern, Offizieren und Beamten zu übergeben. In Ungarn pries der Justizminister 1938 seine antijüdische Gesetzgebung als Akt der «sozialen Gerechtigkeit» an. Auch in der NSDAP war dieses Motiv bedeutsam: Auf der Wannseekonferenz versprach Heydrich, die «Endlösung» würde sozialpolitische Probleme lösen.

Wer den modernen Antisemitismus durchschauen will, darf die sozialpolitischen Umverteilungen nicht ausser Acht lassen.

Peter Ruch ist ehemaliger evangelisch-reformierter Pfarrer von Küssnacht am Rigi, Theologe, Autor und Stiftungsrat des Liberalen Instituts in Zürich und Stiftungsrat der Audiatur-Stiftung. Zuerst erschienen in der Weltwoche.

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