Hamas plant einen Angriff auf Israel vom Südlibanon aus

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Mitglieder der Hamas al-Qassam-Brigaden an einer Parade in Gaza-Stadt im November 2021. Foto IMAGO / NurPhoto
Mitglieder der Hamas al-Qassam-Brigaden an einer Parade in Gaza-Stadt im November 2021. Foto IMAGO / NurPhoto
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Während die Hamas-Bewegung am 10. Dezember im Gazastreifen grosse Feierlichkeiten zum 34. Jahrestag ihrer Gründung abhielt, ereignete sich eine grosse Explosion im Waffen- und Munitionslager der Organisation unter der zur Hamas gehörenden Obei al-Kaab-Moschee im Flüchtlingslager Burj al-Shamali in der libanesischen Stadt Tyrus.

von Yoni Ben Menachem

Nach der Explosion gab es widersprüchliche Berichte über Todesopfer. Libanesische Quellen berichteten von 12 Verletzten, doch der Generaldirektor von al-Shifa, der medizinischen Vereinigung für humanitäre Dienste, erklärte gegenüber libanesischen Medien, dass es keine Todesopfer oder Verletzten infolge der Explosion gegeben habe. Er und Vertreter der Hamas behaupteten, die Explosion sei durch Sauerstoffflaschen verursacht worden, die zur Behandlung von COVID-19-Patienten verwendet wurden. Die Anwohner glaubten ihnen nicht.

Schliesslich veröffentlichte die Hamas einen Nachruf auf den Hamas-„Märtyrer“ Hamza Shaheen, der bei der Explosion ums Leben kam. Während seiner Beerdigung kam es im Flüchtlingslager Burj Shamali zu einem Feuergefecht, bei dem vier Menschen getötet wurden. Die Hamas behauptete, die Schiesserei sei von der rivalisierenden Palästinenserorganisation Fatah angezettelt worden.

Der saudische Sender Al-Arabiya berichtete, die Hamas habe im Keller der Moschee Raketen und Sprengsätze gelagert. Dies ist eine gängige Methode der Hamas und der Hisbollah, um Material zu verstecken. Sie verstecken Munition in Moscheen, Schulen und Krankenhäusern und nutzen diese zivilen Einrichtungen als menschliche Schutzschilde, um israelische Angriffe abzuwehren.

Das Munitionsdepot der Hamas in Tyrus war Teil der militärischen Infrastruktur, die die Organisation in den letzten Jahren im Südlibanon aufgebaut hat, als Lehre aus den Kämpfen gegen Israel im Gaza-Streifen. Diese neue Hamas-Infrastruktur war bereits während der „Operation Wächter der Mauern“ im Mai 2021 in Betrieb, als Hamas-Aktivisten im Libanon mehrere Raketen auf Nordisrael abfeuerten.

Sicherheitsquellen zufolge hat Israel in den letzten Jahren die verdeckten Aktivitäten der Hamas im Südlibanon überwacht und versucht, verdeckte Angriffe durchzuführen. Im Januar 2018 stand der hochrangige Hamas-Vertreter Muhammad Hamdan in Sidon neben seinem Auto, als es explodierte. Er erlitt leichte Verletzungen. Libanesische Sicherheitsbehörden nahmen mehrere Personen fest, die mit dem israelischen Geheimdienst Mossad in Verbindung stehen sollen.

Nach Angaben libanesischer Beamter war Hamdan der geheime Kontakt der Hamas mit dem Iran in der Region Sidon und bereitete den Aufbau einer Hamas-Infrastruktur im Südlibanon gemäss den Anweisungen des Korps der Islamischen Revolutionsgarden des Iran vor.

Israelische Sicherheitsvertreter berichten, dass die militärische Infrastruktur der Hamas im Libanon von Saleh al-Arouri aufgebaut wurde, dem stellvertretenden Vorsitzenden des Politbüros der Hamas, der auch als Leiter des militärisch-terroristischen Flügels der Hamas im Westjordanland und als Verbindungsmann zur Hisbollah fungiert.

IDF Generalmajor a.D. Eitan Dangut, der frühere Koordinator der Regierungsaktivitäten in den Gebieten, forderte kürzlich die israelischen Sicherheitsorgane auf, Saleh al-Arouri zu eliminieren, da er eine Gefahr für Israel darstelle.

Al-Arouri (links) bei einem Treffen im Iran mit Admiral Ali Shamkhani, dem Sekretär des Obersten Nationalen Sicherheitsrates des Iran. Foto ISNA

Die militärische Infrastruktur der Hamas im Libanon, zu der mehrere hundert Leute in den palästinensischen Flüchtlingslagern gehören, wurde mit Billigung der Hisbollah und des Iran und unter den Augen der libanesischen Regierung aufgebaut.

Die militärische Theorie der Hamas besagt, dass Israel im Falle eines Krieges an der Grenze zum Gazastreifen an zwei Fronten gleichzeitig angegriffen werden sollte. Dies würde verhindern, dass die Hisbollah für einen Angriff auf Israel vom Südlibanon aus verantwortlich gemacht wird.

Die Hisbollah strebt derzeit keine militärische Konfrontation mit Israel an und befürchtet, dass Israel die gesamte zivile Infrastruktur des Libanon zerstören und das Land „in die Steinzeit zurückversetzen“ würde, wie hohe israelische Offizielle gedroht haben. Nach Einschätzung des israelischen Sicherheitsapparats besteht das Ziel der militärischen Infrastruktur der Hamas im Libanon derzeit vor allem darin, Israel mit einem massvollen Raketenbeschuss zu belästigen, ohne dass es zu einem Krieg im Südlibanon kommt.

Der Raketenbeschuss aus dem Südlibanon auf Israel erfolgt in Abstimmung zwischen Saleh al-Arouri und Yahya Sinwar, dem Hamas-Führer im Gazastreifen. Während der Kämpfe im Gazastreifen im Mai 2021 wurde in Beirut ein gemeinsamer militärischer Operationsposten mit dem Korps der Islamischen Revolutionsgarden, der Hisbollah und der Hamas eingerichtet, wie der Chefredakteur der libanesischen Tageszeitung Al-Akhbar berichtet.

Israelischen Sicherheitsquellen zufolge unterweist der Iran Mitglieder der Hamas im Südlibanon in der Herstellung von Raketen und Drohnen. Das Produktionssystem der Hamas im Libanon ist Teil der „Bauabteilung“ der Terrororganisation und umfasst mehrere Werkstätten unter dem Kommando von Majed Khader, der in der Türkei stationiert war und letztes Jahr in den Libanon versetzt wurde.

Stellvertretender Hamas-Führer Saleh al-Arouri und Hisbollah-Führer Hassan Nasrallah 2017 in Beirut. Foto Hisbollah-Pressestelle

Der neue militärisch-terroristische Zweig der Hamas im Libanon operiert unter ziviler Tarnung und verfügt über mehrere Einheiten: eine Einheit, die für die Rekrutierung neuer Kämpfer zuständig ist, eine Einheit für die Herstellung von Waffen und den Kauf von Raketen sowie eine Einheit für die Ausbildung von Kampftruppen. Die Werkstätten und Raketen sind in zivilen Gebäuden im Libanon versteckt, unter anderem in Wohnhäusern und Geschäften.

Israel sollte die verdeckten militärischen Aktivitäten der Hamas im Libanon aufdecken und die libanesische Regierung für jede feindliche Aktion gegen Israel verantwortlich machen. Die Einrichtung eines neuen militärischen Flügels der Hamas im Libanon zur Vorbereitung ihrer Offensive gegen Israel symbolisiert ein Erstarken der Hamas, die aufgrund ihrer militärischen Fähigkeiten zu einer wichtigen regionalen Kraft geworden ist, die mehrere arabische Länder destabilisieren könnte.

Israel sollte unbedingt die militärischen Kapazitäten der Hamas im Gazastreifen zerstören, denn die Organisation entwickelt sich schnell zu einem militärischen Monster, das Israel nicht nur vom Gazastreifen, sondern auch vom Libanon aus bedroht. Israel sollte die Führer des militärischen Flügels der Organisation neutralisieren, die diesen gefährlichen Trend anführen, allen voran Saleh al-Arouri.

Yoni Ben Menachem ist leitender Nahost-Analyst des Jerusalem Center for Public Affairs, ein unabhängiges israelisches Forschungsinstitut für politische und gesellschaftliche Fragen mit Sitz in Jerusalem. Übersetzung Audiatur-Online.

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