Jüdische Studenten in Europa und der Antisemitismus

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Rund 3.000 Menschen versammelten sich auf dem Albertine-Platz, besser bekannt als Mont des Arts, in der belgischen Hauptstadt Brüssel, um gegen Israel zu protestieren. 15. Mai 2021. Foto IMAGO / Le Pictorium
Rund 3.000 Menschen versammelten sich auf dem Albertine-Platz, besser bekannt als Mont des Arts, in der belgischen Hauptstadt Brüssel, um gegen Israel zu protestieren. 15. Mai 2021. Foto IMAGO / Le Pictorium
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Wenn es ein Überlebenshandbuch für jüdische Studenten an den Universitäten Europas gäbe, würde es wahrscheinlich damit beginnen:

  1. Sag niemandem, dass du Jude bist.
  2. Verurteile Israel als einen terroristischen Völkermord-Staat.
  3. Gewöhne dich daran.

von Abigail R. Esman

So zumindest die Erfahrung von Studierenden an der Universität Maastricht in den Niederlanden, wie aus aktuellen Berichten und einem aufschlussreichen Interview mit einem jüdischen Studentenvertreter hervorgeht. Aber auch Studierende an Universitäten in Belgien, Frankreich und dem Vereinigten Königreich sind mit ähnlichen Formen des Antisemitismus auf dem Campus konfrontiert. Im vergangenen Monat erklärte das Vereinigte Königreich, dass „antisemitische Übergriffe auf dem Universitätsgelände ein Rekordniveau erreicht haben“ – ganze 59 Prozent mehr als im Jahr 2020. Eine Studentin der Universität Glasgow wurde laut „Times“ aufgefordert, „sich selbst zu vergasen“; einer anderen wurde ein mit Fotos versehenes Bild ihres Kopfes in einer Guillotine geschickt.

Und es betrifft nicht nur Studenten. Ein Professor der Universität Maastricht sagte zu einem jüdischen Kollegen: „Wenn du deinen Job behalten willst, darfst du niemandem sagen, dass du Jude bist und dass du Israel unterstützt.“

In einem Gespräch mit der niederländischen Online-Zeitung Israel Nieuws beschrieb der Maastrichter Student Ethan Gabriel Bergman Dutzende von Vorfällen an der Schule, darunter die Entscheidung der Verwaltung, den Internationalen Holocaust-Gedenktag im Schulkalender zu ignorieren und nur den „Schokoladenkuchentag“ zu vermerken, der auf dasselbe Datum fällt. Im vergangenen Mai, als Anti-Israel-Demonstrationen Europa erschütterten, trugen Demonstranten an der Universität Transparente, auf denen stand: „Alles, was [Israel] sehen will, ist Blut. Arabisches Blut, so viel wie möglich – Blut, je mehr, desto besser – Blut, die Hauptsache ist, dass arabisches Blut vergossen wird“, während andere anti-israelische Gesänge auf Arabisch skandierten.

Doch als ein jüdischer Student in einer studentischen Facebook-Gruppe verzweifelt darüber schrieb, waren die Antworten, die daraufhin eintrafen, alles andere als unterstützend. „Dreckiger Krebs-Jude, ich hoffe, dass sie die Gaskammern wieder einschalten“, schrieb eine Person, und eine andere: „Dein stinkendes Volk wird vernichtet werden.“

Der Student, der anonym bleiben möchte, meldete den Vorfall der Universitätsverwaltung und bat um disziplinarische Massnahmen. Die Antwort: Meinen Sie nicht, dass Sie es verdient haben, weil Sie so unfreundlich waren?

Auch Bergman hat seinen Anteil an Judenhass erlebt. Als er Anfang des Jahres in seine Wohnung im Studentenwohnheim zurückkehrte, fand er ein Hakenkreuz an seine Tür gemalt und seine Mezuzah zertrümmert vor. Und die meisten seiner eigenen Professoren, so sagte er gegenüber Israel Nieuws, haben sich zu Unterstützern von Boykott, Desinvestition und Sanktionen gegen Israel (bekannt als BDS-Bewegung) bekannt – ein Trend, den er als Mitglied der European Jewish Association (EJA) international beobachten konnte. Der EJA selbst sei gesagt worden, dass „Universitäten und Studentengruppen nur dann mit ihnen zusammenarbeiten werden, wenn jüdische Studenten sich gegen Israel wenden und bei gemeinsamen Veranstaltungen keine Verbindungen zu Israel herstellen“. Dies laufe darauf hinaus, dass man Juden sage, sie müssten die BDS-Bewegung unterstützen, um von Nicht-Juden akzeptiert zu werden.

Als die jüdische NGO Centrum Informatie en Documentatie Israel (CIDI), die Universität Maastricht aufforderte, auf Bergmans Interview zu antworten, leugnete der Vorstand der Universität, von den von Bergman beschriebenen Vorfällen oder Tendenzen Kenntnis zu haben. „Weder Mitarbeiter noch Studenten haben sich über konkrete Fälle von Diskriminierung beschwert“, hiess es.

Maastricht – eine der 50 besten Universitäten Europas mit über 21.000 Studierenden – ist auch nicht die einzige Universität in den Niederlanden mit einem massiven Antisemitismusproblem. Im Jahr 2018 luden Mitglieder der Hochschulgruppe „Students for Justice in Palestine“ (Studenten für Gerechtigkeit in Palästina) an der Vrij Universiteit (Freie Universität) in Amsterdam, die von der linksextremen Gruppe „Revolutionaire Eenheid“ unterstützt wird, die palästinensische Terroristin Rasmieh Odeh ein, an der Schule zu sprechen.

In Belgien hat die Universität Gent im vergangenen Mai eine Erklärung veröffentlicht, in der sie sich „mit dem palästinensischen Volk solidarisch erklärt, das sich seit 1948 gegen ein Siedler-Kolonialregime wehrt, das ethnische Säuberungen … und Apartheid betreibt“. 1300 Professoren, Forscher und Studenten unterzeichneten die Erklärung, wie die belgische Zeitung Mondiale News berichtet.

Ungeheure Aggressivität des antijüdischen Hasses

Ein Teil dieser Anti-Israel-Mentalität lässt sich einfach durch die demografische Entwicklung erklären. Die Zahl der muslimischen Schüler übersteigt die der jüdischen Schüler sowohl an den Sekundarschulen als auch an den Universitäten in Europa bei weitem. Nicht-muslimische Schüler haben mehr Kontakt zu Muslimen, haben mehr muslimische Freunde und sind den Ansichten ihrer muslimischen Mitschüler, die zwangsläufig Palästina unterstützen, stärker ausgesetzt. Wie Bergman in seinem Interview anmerkt, ist er oft der erste Jude, den seine Kommilitonen treffen.

Aber das erklärt weder die ungeheure Aggressivität des antijüdischen Hasses an den europäischen Universitäten noch die pro-palästinensische, anti-israelische Einstellung so vieler europäischer Professoren. Neben der raschen Verbreitung von Fehlinformationen über die sozialen Medien mangelt es vielen jungen Europäern (und Amerikanern) an echtem Wissen über den Holocaust, und schon gar nicht über die Geschichte Israels und den israelisch-palästinensischen Konflikt. Eine kürzlich im Vereinigten Königreich durchgeführte Studie ergab, dass nur 52 Prozent der Briten die Zahl der in der Shoah getöteten Juden kannten; andere Studien ergaben, dass 10 Prozent der britischen Schüler glaubten, dass nicht mehr als 100.000 Juden ermordet wurden. In einer von der Anne-Frank-Stiftung durchgeführten Umfrage wussten immerhin fast 60 Prozent der niederländischen Schüler, dass 6 Millionen Juden ermordet wurden, aber über 40 Prozent wussten es nicht.

Die Holocaust-Überlebende Regine Suchowolski-Sluszny, die regelmässig in belgischen Schulen Vorträge über ihre eigenen Erfahrungen hält, sagte gegenüber Israel Nieuws, dass Lehrer oft mit Fragen über Israel und Palästina zu ihr kommen und versuchen, das Nazi-Regime mit Israel zu vergleichen.

„Sie wissen wenig über die Geschichte oder die tatsächliche Situation im Nahen Osten“, sagte sie. „Es interessiert sie nicht, und so folgen sie dem, was sie im Fernsehen hören.“ Selbst die Bücher, die sie benutzen, seien „alles andere als objektiv“, sagte sie. Das Ergebnis: Belgien hat eine der negativsten Ansichten über Israel und über Juden in Europa. „Es ist politisch nicht korrekt, jüdische Menschen offen zu unterstützen“, stellte Suchowolski-Sluszny fest. „Und schon gar nicht den Staat Israel.“

Manchmal geht es sogar noch weiter. In einem Fall habe ein Schüler dem Schuldirektor gesagt: „Ich werde einer Jüdin nicht die Hand geben“.

Die Tatsache, dass junge Menschen in ganz Europa nach wie vor kein oder nur ein unzureichendes Verständnis für den Holocaust und nur wenig wirkliches Wissen über den israelisch-palästinensischen Konflikt haben, lässt viele Juden um ihre Zukunft fürchten, insbesondere in Ländern, in denen, wie in den Niederlanden, bei Anti-Israel-Protesten häufig islamistische Fahnen und Aufrufe zur Wiederherstellung des Kalifats zu sehen sind.

Auch die Medien, so Suchowolski-Sluszny, insbesondere die sozialen Medien, seien nicht hilfreich. „Angriffe auf jüdische Israelis erscheinen selten in den Nachrichten“, sagte sie. „Nur die Reaktionen Israels auf die Messerstechereien, die Zerstörungen, die Raketenangriffe aus dem Gazastreifen – sie werden in den Nachrichten behandelt. Wenn es keine wirkliche Erklärung dafür gibt, nährt das nur den Antisemitismus … Und der Kreis dreht sich weiter.“

Abigail R. Esman ist freiberufliche Autorin und lebt in New York und den Niederlanden. Ihr neues Buch, Rage: Narcissism, Patriarchy, and the Culture of Terrorism, wurde im Oktober 2020 von Potomac Books veröffentlicht. Auf Englisch zuerst erschienen bei The Investigative Project on Terrorism (IPT). Übersetzung Audiatur-Online.

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