Jüdische Gebetbücher zeugen von Verfolgung durch Nazis

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Das Fragment lässt Stellen des Psalm 80 aus dem Machsor erkennen. Foto: J. Vogel/LVR-LandesMuseum Bonn
Das Fragment lässt Stellen des Psalm 80 aus dem Machsor erkennen. Foto: J. Vogel/LVR-LandesMuseum Bonn
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Von Juden im Holocaust versteckte Gebetbücher sind am Donnerstag in Bonn vorgestellt worden. Entdeckt wurden sie – oder vielmehr Fragmente aus Holz und Papier – im März 2020 bei Bauarbeiten in Zülpich, wie das Amt für Bodendenkmalpflege im Rheinland (ABR) am Donnerstag in Bonn mitteilte. „Die Fundumstände deuten darauf hin, dass die Textfragmente wohl während des Zweiten Weltkriegs vergraben wurden“, erklärte ABR-Leiter Erich Classen. „Dank Recherchen der Stadt Zülpich können wir das konkret mit jüdischen Einzelschicksalen während des Holocausts in Verbindung bringen.“

Die Überbleibsel der Gebetbücher lagen dem Amt zufolge direkt unter dem Strassenbelag. Auf dem Papier fanden sich hebräische Schriftzeichen. Experten bargen den Fund. Dieser wurde dann in den Restaurierungswerkstätten des Landesmuseums Bonn, das wie das ABR zum Landschaftsverband Rheinland (LVR) gehört, freigelegt und konserviert. Papier und Heftung mit Eisenklammern deuten darauf hin, dass die jüdischen Gebetbücher aus den 1920er-Jahren stammen.

Recherchen des Stadtarchivs Zülpich ergaben laut ABR, dass an der Fundstelle früher ein Haus gestanden hatte, in dem der jüdische Viehhändler Moritz Sommer mit seiner Familie lebte. Ab 1941 sei dieses Haus von den Nationalsozialisten als „Judenhaus“ genutzt worden. Mindestens drei weitere jüdische Familien, deren eigene Häuser und Wohnungen enteignet worden waren, hätten zusammen mit Familie Sommer in vermutlich sehr beengten und schlechten Verhältnissen gelebt. Moritz Sommer, seine Frau Lina und ihr Sohn Kurt seien 1942 im Vernichtungslager Maly Trostinez in Belarus ermordet worden. Auch von den übrigen Bewohnerinnen und Bewohnern habe niemand überlebt. Das Haus und die dazugehörigen Gebäude seien Ende des Zweiten Weltkriegs bei einem Bombenangriff zerstört worden. Später sei an der Stelle eine Strasse entstanden.

Die Experten vermuten, dass eine der Familien die Gebetbücher unter dem Dielenboden eines Schuppens hinter dem Haus in einer Holzkiste vergrub. Es gibt vor Ort bereits Stolpersteine, die an Moritz, Lina und Kurt Sommer erinnern.

KNA/ahi/amo/joh

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