Buch über Judentum und Natur – Anregend für Geist und Sinne

Orthodoxe Juden in den Schweizer Alpen. Jüdische Lehren als "frühes Naturschutzrecht". Antisemitismus im Kurbetrieb. Ein Buch erkundet nun in vielfältiger Weise die Beziehung zwischen Judentum und Natur.

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Jüdischer Almanach Natur, Erkundungen aus der jüdischen Welt, Herausgegeben von Gisela Dachs. Foto Buchumschlag Suhrkamp Verlag AG
Jüdischer Almanach Natur, Erkundungen aus der jüdischen Welt, Herausgegeben von Gisela Dachs. Foto Buchumschlag Suhrkamp Verlag AG
Lesezeit: 3 Minuten

Jetzt, im Spätherbst, begibt sich auch die Natur in einen ruhigeren Modus. Eine gute Zeit, um über sie nachzusinnen und gedankliche Ausflüge zu unternehmen. Mit dem Sammelband „Natur. Erkundungen aus der jüdischen Welt“ führen diese Ausflüge zugleich in religiöse und spirituelle Gefilde, was ebenfalls gut zu der eher kontemplativen Jahreszeit passt. Geografisch streicht der Leser durch die Alpen, die US-Catskills oder durch unterschiedliche Landschaften Israels. Dazu kommen Beiträge zum untergegangenen Landjudentum, zum Naturverständnis der Religion, zu Tieren in der Bibel, Motiven auf israelischen Banknoten oder einem Phänomen namens „einsame Stühle“.

von Leticia Witte

All das ergibt eine anregende Mischung – für den Geist und die Sinne. Denn manchmal kann man den Duft eines Gartens mit seinen Kräutern und Früchten beinahe riechen oder den Wind spüren. Der Band ist in der Reihe des Jüdischen Almanachs der Leo Baeck Institute erschienen und von Gisela Dachs herausgegeben worden. Damit steht er in einer Reihe mit früheren Almanach-Themen wie „Freundschaften. Feindschaften“ oder „Sex & Crime. Geschichten aus der jüdischen Unterwelt.“

Zurück zur Natur. Den Beiträgen voran stellt die Herausgeberin ein Zitat Paul Celans: „Denn der Jud und die Natur, das ist zweierlei, immer noch.“ Der Almanach versuche eine Annäherung an ein „sensibles Thema, denn in den zweitausend Jahren der Diaspora wurden Juden vielfach als wurzellos und entfremdet von der Natur beschrieben“, so Dachs. Das Bild vom grossstädtischen Juden gehöre zu den „gängigen Stereotypen deutsch-jüdischer Geschichte“.

Dass es in diesem Buch eben auch um historische Dimensionen geht, macht nicht nur der Beitrag des Historikers Michael Brenner deutlich. Er schreibt, dass zwar um 1930 fast jeder dritte deutsche Jude in Berlin und jeder zweite in einer der sieben grössten Städte des Reiches gewohnt habe. Doch noch 100 Jahre zuvor hätten Juden vor allem in Dörfern und Kleinstädten gelebt. Und auch in der Weimarer Republik seien Grossstadtkritik und Naturbegeisterung unter deutschen Juden ausgeprägt gewesen.

Brenner erklärt, dass Juden schon im 19. Jahrhundert Einrichtungen gegründet hätten, „um ihre Nähe zum Boden und landwirtschaftlichen Berufen“ auszudrücken, etwa die Israelitische Gartenbauschule Ahlem bei Hannover – um dem Vorwurf des wurzellosen Grossstädters etwas entgegenzusetzen. Der Historiker beschreibt zudem den Antisemitismus der 1920er Jahre im Alpenverein und in Kurbädern, setzt sich mit der von den Nazis verklärten „deutschen Scholle“ auseinander sowie mit Landschaften als Orte der Schoah in Deutschland und Osteuropa.

Weitere Beiträge widmen sich beispielsweise Celans Werk „Gespräch im Gebirg“, das nach einem verpassten Treffen mit Theodor W. Adorno 1959 in den Schweizer Alpen entstand. Dass in dieser Region heute mit Davos ein beliebtes Ausflugsziel orthodoxer Juden liegt, erfährt der Leser ebenfalls. Apropos orthodox: Das Buch enthält eine Betrachtung über einen Brauch der Breslaver Chassidim, die sich in die Natur zur „Isolierung“ zurückziehen – dafür stehen die „einsamen Stühle“ in der Landschaft, die 2020 in der Jerusalemer Schau „Seated in Seclusion: Bratslav Hasidim and Contemporary Design“ vorgestellt wurden.

In weiteren Kapiteln geht es unter anderem um Parks und das Meer in Israel, die dortige Wüste als Landschaft, ihre symbolische Bedeutung in Abgrenzung zur Siedlung sowie den Jüdischen Nationalfonds und „Öko-Zionismus“. Erhellend ist auch der Beitrag zum Naturverständnis des Judentums von der Literaturwissenschaftlerin Yael Kupferberg, die darin Bezug auf Schabbat und Landwirtschaft, die Speisegesetze und die Feiertage nimmt.

Kupferberg erinnert daran, dass der sorgsame Umgang mit der Natur ein „zentraler Bestandteil jüdischer Ethik“ sei: Der Mensch dürfe die Natur gebrauchen, aber nicht ausbeuten. Er trage die Verantwortung für einen „ausgewogenen Umgang“, und er solle die Erde „behüten“. Die Lehren von Thora und Talmud gelten demnach als „ein frühes Naturschutzrecht“ – die Lebensgrundlage darf niemals zerstört werden.

Gisela Dachs (Hrsg.), "Jüdischer Almanach Natur. Erkundungen aus der jüdischen Welt", Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag, 224 S., ISBN 978-3-633-54313-7.

KNA/lwi/pko

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