Baden: «Vom Schutzjuden zum Schlossherrn»

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Landvogteischloss Baden. Foto Autor unbekannt - Swiss National Library, nbdig-18038, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=36452993
Landvogteischloss Baden. Foto Autor unbekannt - Swiss National Library, nbdig-18038, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=36452993
Lesezeit: 2 Minuten

Zur Zeit der Helvetischen Republik bewohnte für kurze Zeit der Jude Wolf Dreyfuss das Badener Landvogteischloss. Am Sonntag, 28. November 2021, 11 Uhr referiert Martin Bürgin im Historischen Museum Baden über das turbulente Leben von Wolf Dreyfuss und die jüdische Geschichte der frühneuzeitlichen Eidgenossenschaft. Die Veranstaltung wird per Live Stream übertragen.

Zur Zeit des Ancien Régime stand das Badener Landvogteischloss als Symbol für die eidgenössische Herrschaft. Hier residierte der Landvogt. Aus jüdischer Perspektive erinnert der Ort in erster Linie an die diskriminierenden Sonderrechte, welchen die Jüdinnen und Juden unterworfen waren. Das änderte sich mit dem Niedergang der alten Eidgenossenschaft. Mit der Ausrufung der Helvetischen Republik wurden die Sonderabgaben der Juden aufgehoben. Die Verleihung des Bürgerrechts wurden ihnen allerdings nach wie vor verweigert.

Einer, der sich dagegen wehrte, war Wolf Dreyfuss. Als Wortführer der jüdischen Gemeinden von Lengnau und Endingen verfasste er eine Protestnote. Während des knapp fünfjährigen Bestehens der Helvetischen Republik wurde er zu einer einflussreichen Figur. Er wurde von der Zentralregierung damit beauftragt, nicht mehr benötigte Immobilien der alten Herrschaft zu veräussern. Eines dieser Häuser war das Badener Landvogteischloss mit Nebengebäuden, Gärten und Reben. Anstatt die Anlage zu versteigern, kaufte sie Dreyfuss auf eigene Kosten und richtete im April 1800 seinen Wohnsitz darin ein. Mit dem Einzug ins Landvogteischloss Baden brachte er seinen persönlichen Geltungsanspruch zum Ausdruck. Gleichzeitig gelang ihm ein symbolpolitischer Coup: Während der alten Ordnung mussten die Jüdinnen und Juden im Landvogteischloss um Schutz und Schirm bitten und diesen für teures Geld erwerben; nun lebte einer dieser ehemaligen «Schutzjuden» in demselben Schloss. Damit brachte er zum Ausdruck, dass sozialer und wirtschaftlicher Aufstieg mit der neuen Ordnung auch für Juden möglich sei. Für die kurze Zeit der Helvetischen Republik sollte er recht behalten.

Zum Referenten

Martin Bürgin ist Historiker und Religionswissenschaftler. Er arbeitete in Forschungsprojekten an den Universitäten Basel, Bern und Zürich, war Fellow am Leo Baeck Institute for the Study of German-Jewish History and Culture in London sowie Gastwissenschaftler am Academic College of Tel Aviv-Yaffo und an der Tel Aviv University.

Zur jüdischen Geschichte der frühneuzeitlichen Eidgenossenschaft und der Helvetik hat Martin Bürgin mehrere Beiträge publiziert. Unter anderem hat er im 2020 erschienenen Buch «Jüdischer Kulturraum Aargau» das Überblickskapitel zur Frühen Neuzeit und ein Portraitartikel zu Wolf Dreyfuss verfasst. Dem Badener Publikum ist er als Kurator/Moderator der seit Januar 2015 laufenden Film- und Referatsreihe «royalscandalcinema» im Kulturlokal Royal bekannt.

Die Veranstaltung kann auch per Live Stream besucht werden: https://www.youtube.com/watch?v=ie6XyXc6rjs

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