Nicht selbst sein können wie Gott – Über Ursachen des Antisemitismus

Es ist eine Tatsache, dass der Antisemitismus in Europa zunimmt. Besonders unter dem Deckmantel der Israelkritik ist es wieder salonfähig, Juden als Volk zu dämonisieren und zu delegitimieren. Was sind die tieferen Ursachen?

0
Symbolbild. Medienanlass Verfassungsschutz Bayern. Foto IMAGO / ZUMA Wire
Symbolbild. Medienanlass Verfassungsschutz Bayern. Foto IMAGO / ZUMA Wire
Lesezeit: 3 Minuten

Der neue Hass auf Juden kommt von rechten Antisemiten ebenso wie von Menschen aus islamischen Ländern, wo die Feindschaft gegenüber Juden und Israel zum Programm gehört. Auch im links-grünen Milieu ist der Anti-Israelismus mehrheitsfähig. Man beurteilt den einzigen jüdischen Staat auf der Welt so negativ wie keinen anderen. Die Uno veröffentlicht jedes Jahr mehr Resolutionen gegen Israel als gegen alle anderen Länder. China, Nordkorea, Syrien, Russland, Iran, Saudi-Arabien, die Hamas: rechnet man alle Resolutionen gegen diese Länder und Organisationen zusammen, kommt Israel immer noch schlechter weg.

Das Problem des Antisemitismus ist allerdings älter als der heutige Staat Israel. Judenfeindschaft gibt es seit etwa 2‘500 Jahren. Die Frage nach dem Warum ist so komplex wie die Frage nach den historischen Erscheinungsformen. So wie generell die Frage nach dem Wesen von Rassismus und Hass. Monokausale Erklärungen müssen scheitern. Im Fall des Antisemitismus kann es jedoch helfen, die biblisch-theologische Ebene miteinzubeziehen.

Nach der Bibel sind die Juden das von Gott auserwählte Volk. Auch wenn man das nicht glauben mag und die Bibel grundsätzlich nicht besonders ernst nimmt, wirkt es auf viele Menschen offenbar dennoch wie ein Ärgernis. Das «auserwählte Volk»? Das kann als Stachel im Fleisch Anderer wirken, vor allem, wenn mit Neid auf die ausserordentlichen kulturellen, technisch-wissenschaftlichen Leistungen der jüdischen Kultur geschaut wird. Eine für die gesamte Freiheitsgeschichte des Westens elementare Kultur.

Aus der Sicht des Glaubens hat das durchaus mit Gott zu tun. Genauer gesagt mit der Tatsache, dass der Gott der Bibel durch dieses Volk spricht. Und dass Gott, wenn er durch das jüdische Volk spricht, damit eben auch den anderen Völkern etwas sagen will. Der biblische Gott möchte eine Botschaft mitteilen und sichtbar machen, von der alle Kulturen lernen können. Die 10 Gebote sind wie ein geistliches Fundament des rechten Menschseins. Die Bibel bietet Einsichten, die über alle Rassen und Kulturen hinaus weisen, auf die höchste, transzendente Ebene. Die Bibel zeigt: Der Mensch ist mehr als das Zufallsmaterial der Evolution, mehr als seine Hautfarbe, seine Kultur. Mehr als der Staub seiner Pläne und Städte. Seine Würde ist in den Himmel eingeschrieben.

Vor 11 Jahren, anlässlich des 65jährigen Gedenktages der Befreiung von Auschwitz, hat Papst Benedikt XVI. diesen Gedanken so formuliert: „Im Tiefsten wollte man mit dem Zerstören des jüdischen Volkes und dem Zerstören Israels, mit dem Austilgen dieses ganzen Volkes den Gott töten, der Abraham berufen hat. Den Gott, der am Sinai gesprochen hat. Den Gott, der am Sinai die bleibend gültigen Maße des Menschseins aufgerichtet hat (…) Wenn das jüdische Volk einfach durch sein Dasein Zeugnis gibt von dem Gott, der zum Menschen gesprochen hat und ihn in die Verantwortung nimmt, so sollte dieser Gott endlich tot sein. So sollte die Herrschaft endlich nur noch dem Menschen gehören.»

Es lohnt sich, diesem Gedanken nachzuspüren. Die Ursachen des Antisemitismus mögen verschiedener Natur sein, je nach dem, ob es sich um rechten, islamischen, christlichen oder linksgrünen Antisemitismus handelt. Aber dass der Hass auf Juden Jahrtausende alt ist und in neuen Varianten der Dämonisierung und Delegitimierung jüdischen Lebens immer wieder in Erscheinung tritt – das könnte mit der Verantwortung zusammenhängen, in die Gott den Menschen nimmt, wenn er durch die jüdischen Propheten spricht und uns damit alle herausfordert. Es könnte sein, dass der Judenhasser in der Tiefe auch ein Gotteshasser ist. Genauer gesagt: ein Hasser des Gedankens, nicht selbst sein zu können wie Gott.

Über Giuseppe Gracia

Giuseppe Gracia (54) ist Schriftsteller, Publizist und Kommunikationsberater. Sein neuer Roman „Glorias Finale“ ist erschienen bei Nagel & Kimche, Zürich

Alle Artikel

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.