Antijüdische Schmähplastiken an Kirchen – Wie geht man damit um?

Mal subtil, mal drastisch: An mehreren Kirchen gibt es antijüdische Darstellungen als Skulpturen, Reliefs und auf Gemälden. Juden und Christen diskutieren über den Umgang damit und die Macht der Bilder.

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"Judensau" an der Stadtkirche Wittenberg. Foto Posi66, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=64797027
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Sie sind wuchtige Steine des Anstosses: Antijüdische Schmähplastiken und andere Darstellungen, die Juden verunglimpfen, sind in und an mehreren Kirchen in Deutschland zu sehen. Sollen sie weg? Oder vor Ort mit Hinweistafeln eingeordnet werden? Immer wieder stellt sich die Frage des Umgangs – teilweise beschäftigen sich Gerichte damit wie im Fall des Wittenberger mittelalterlichen Reliefs einer „Judensau“. Am Dienstag ging nun die dreitägige Konferenz „Bilderverbot?! Zum Umgang mit antisemitischen Bildern und Schmähskulpturen an und in Kirchen“ in der Evangelischen Bildungsstätte auf Schwanenwerder in Berlin zu Ende.

von Leticia Witte und Karin Wollschläger (KNA)

Auch hier wurde die Frage unterschiedlich diskutiert. Aus Sicht des Präsidenten des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, müssen noch mehr Schmähplastiken als solche gekennzeichnet werden. Zudem sollte über die dazugehörige Geschichte aufgeklärt werden: „Ein Benennen und Offenlegen judenfeindlicher Motive ist wichtig, um den Blick auch für die allgegenwärtigen Formen von Antisemitismus zu schärfen.“

Die Skulpturen von den Kirchen schlicht zu entfernen, greife zu kurz, „denn antijüdische Geschichte lässt sich nicht ungeschehen machen, indem man die steinernen Reliefs abschlägt und glättet“, betonte Schuster. „Eine Entfernung solcher Skulpturen würde die Phänomene von Antisemitismus, die weiterbestehen, verkennen.“ Schuster forderte von den Kirchen, sie sollten sich noch umfangreicher von judenfeindlichen Skulpturen und Bildern an ihren Gotteshäusern distanzieren – auch wenn sich auf diesem Feld schon einiges geändert habe.

Mit Blick speziell auf Wittenberg sprach sich der Leipziger Theologe Alexander Deeg gegen eine Abnahme des Reliefs aus: Wenn es in ein Museum gebracht würde, wäre das zu wenig. Denn: „Der Riss muss sichtbar bleiben“ – aber nicht in einer „verletzenden Dimension“. So sei es denkbar, eine Tafel oder eine farbig gestaltete Fläche vor das Relief an der Fassade anzubringen. Dahinter bliebe die „Judensau“ erhalten und könne bei bestimmten Gelegenheiten auch gezeigt werden. Die Tafel signalisiere der Öffentlichkeit, dass an dem Platz etwas nicht passe. Auf diese Weise könnten Fragen und Überlegungen aufseiten der Betrachter entstehen.

Auf dem Relief in etwa vier Metern Höhe an der Predigtkirche des Reformators Martin Luther (1483-1546) ist ein Rabbiner zu sehen, der den Schwanz eines Schweins anhebt und ihm in den After sieht. Zwei weitere Juden saugen an den Zitzen des Tiers. Das Schwein gilt Juden als unrein. In Wittenberg erinnern seit 1988 ein Mahnmal und eine Informationstafel an den historischen Kontext, in dem die Schmähplastik entstand. Forderungen nach einer Abnahme der Darstellung beschäftigen weiterhin die Gerichte. 

Der Kulturbeauftragte der Evangelischen Kirche in Deutschland, Johann Hinrich Claussen, sagte auf der Tagung, eine Skandalisierung von judenfeindlichen Bildwerken sei richtig, da es sich um Skandale handele. Zugleich führe in der „hocherregten Mediengesellschaft“ die Erregung oft genug zu „fruchtlosen Polarisierungen und am Ende nur zu einer Erschöpfung“. Um aber etwas daraus zu lernen, sei ein vertiefter und vertiefender jüdisch-christlicher Dialog nötig.

Wie jetzt auf der Tagung in Berlin. Doron Kiesel, wissenschaftlicher Direktor der Bildungsabteilung des Zentralrats der Juden, hob hervor: „Die Frage ist, wie können wir aus diesen Zeitzeugnissen gemeinsam lernen, um eine Sprache zu finden, die für Juden und für Christen gleichermassen deutlich macht, dass wir heute etwas gemeinsam verstanden haben.“ Er habe den Eindruck, schon durch solch eine gemeinsame Debatte könnten „diese Figuren, wie brutal, wie kränkend und wie verletzend sie auch sind, ihre Wirkung allmählich verlieren“. Er sprach sich gegen Verhüllungen aus und gab zu bedenken, dass dies dann an vielen Orten bundesweit geschehen müsse, nicht nur an Kirchen.

Diese widmen sich hier und da ganz konkret der Aufarbeitung von unrühmlichen steinernen Zeugnissen. So gibt es die neue Publikation „Der Kölner Dom und ‚die Juden'“ mit einem Geleitwort von Vertretern der Kölner Synagogen-Gemeinde. Darin werden Forschungen zu Juden abwertenden Darstellungen im Dom vorgestellt. Im Juli wurde eine Ausstellung im Domforum auch zu christlichem Antijudaismus eröffnet, im Festjahr „1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“. Und in Bamberg beispielsweise gibt es Debatten über die Darstellung der Synagoga am dortigen Dom – und einen Runden Tisch zu solchen Fragen.

KNA/lwi/kws/joh

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