Displaced Persons und ihre Synagogen – Beten nach der Schoah

Überlebende von KZ, Zwangsarbeit und Todesmärschen waren nach dem Krieg oft heimatlos. Auch Juden kamen als Displaced Persons in von Alliierten geschaffenen Lagern unter, errichteten dort Beträume und nutzten Synagogen.

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1947, Jüdische Displaced Persons im Lager Bergen-Belsen. Foto United States Holocaust Memorial Museum, mit freundlicher Genehmigung der Gedenkstaette Bergen-Belsen
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Zwischen 400 und 1.300 Menschen wurden bei den Novemberpogromen von 1938 ermordet oder in den Suizid getrieben. Über 1.400 Synagogen, Betstuben und sonstige Versammlungsräume wurden zerstört. Die sogenannte Reichskristallnacht war ein Schritt hin zur Schoah mit mehr als sechs Millionen ermordeten europäischen Juden. Wer überlebt hatte, harrte oft zunächst in Deutschland aus – vielfach mit dem Ziel, auszuwandern.

von Leticia Witte (KNA)

Sie gehörten zu der Gruppe der sogenannten Displaced Persons (DPs). Nach Angaben des Zentralrats der Juden in Deutschland gab es rund 200.000 Juden aus Osteuropa, die nicht mehr in ihre alte Heimat zurückkehren konnten oder wollten. Die Zahlen stiegen weiter an, als im Zuge von Nachkriegs-Pogromen in Polen viele dort lebende Juden auswanderten. Um all die Menschen unterzubringen, errichteten die Alliierten Camps etwa in Kasernen, ehemaligen KZs und als Barackendörfer.

In diesen Lagern wurde neben der materiellen Grundversorgung auch ein religiöses Leben aufgebaut, mit Synagogen und Beträumen. Das geschah nicht sofort, weil die Camps als Provisorien gedacht waren und die Menschen vielfach an eine schnelle Auswanderung nach Palästina beziehungsweise später in den neu gegründeten Staat Israel, in die USA oder nach Australien dachten, wie Ulrich Knufinke erklärt. Er leitet die Forschungsstelle für jüdische Architektur in Europa, „Bet Tfila“, und betont: „Es war eine prekäre Situation in den Lagern.“

Manch eine Initiative zur Einrichtung eines Betraumes sei von den DPs gekommen – unter ihnen auch Rabbiner. Darüber hinaus engagierten sich Knufinke zufolge Militärrabbiner aus dem Kreis der Alliierten und jüdische Hilfsorganisationen wie das American Jewish Joint Distribution Committee. Beträume entstanden in Baracken oder Kasernen, deren Wände manchmal mit religiösen Motiven bemalt wurden. Draussen wurden Davidsterne und hebräische Schriftzeichen angebracht, selbst Ritualbäder (Mikwen) wurden aufgebaut.

Juden, die 1946 nach dem Pogrom von Kielce aus Polen fliehen, auf ihrer beschwerlichen Reise durch die Tschechoslowakei in die Displaced Persons-Lager in Deutschland und Österreich. Video JDC Archives.

Wenn erst einmal ein solcher Raum gefunden war, brauchte es Ritualgegenstände wie Thorarollen, Tallitot (Gebetsschals) und Tefillin (Gebetsriemen). Hier sprang das American Jewish Joint Distribution Committee ein, das auch koscheres Fleisch und zum Pessachfest ungesäuerte Brote, Matzen, verteilte.

Manch jüdische Überlebende gingen aus den DP-Camps heraus und richteten ältere Synagogen her, die bei den Novemberpogromen nicht völlig zerstört worden waren. „Das war ein Schritt in die deutsche Öffentlichkeit, das wurde auch genauso gesehen“, betont Knufinke.

Als ein Beispiel nennt er Celle: Dort lebten demnach rund 1.500 Juden, Überlebende aus Bergen-Belsen, unter den Einwohnern – also nicht in einem DP-Lager. Die britische Armee half ihnen, die nicht abgebrannte Synagoge der Stadt zu nutzen, wie Knufinke sagt. Die Stadt habe die Wiederherstellung bezahlt. Noch heute seien in der Synagoge das Lesepult (Bima), ein Teil des Thoraschreins, ein Vorhang und auch Lampen aus der Zeit erhalten.

Später sei die komplette Gemeinde mit ihrem Rabbiner ausgewandert. Nicht ungewöhnlich, betont Knufinke: „Gemeinschaften waren damals oft mehr als religiöse Gemeinschaften.“ Denn viele Schoah-Überlebende hatten sonst niemanden mehr. Auch nach der Auswanderung kamen laut Knufinke Überlebende nach Gedenkveranstaltungen im früheren KZ Bergen-Belsen zu einer Feier in dieser Synagoge zusammen.

In den DP-Lagern lebten Juden unterschiedlicher Strömungen. „Es gab extreme kulturelle Unterschiede“, sagt Knufinke. Die meisten waren Juden aus Osteuropa, die vielfach orthodox geprägt waren. Mitglieder deutscher, meist liberaler Gemeinden hielten sich Knufinke zufolge oft nur kurz in den DP-Lagern auf und kehrten in ihre Heimatorte zurück, sofern sie nicht emigrierten. Mitunter habe es in Camps daher Betmöglichkeiten für Anhänger unterschiedlicher Strömungen gegeben.

Der Experte sagt, dass sich die Forschung erst seit den 1990er Jahren verstärkt mit den DPs und ihren Einrichtungen befasse: „Wir haben eine riesige Forschungslücke.“ Das liege auch daran, dass mit der Auswanderung Gegenstände, Fotos und andere Materialien verschwunden seien. So seien nur wenige Bilder von Camp-Synagogen beziehungsweise Beträumen erhalten. In Augsburg seien vor wenigen Jahren in einem Depot für ausrangierte heilige Schriften Materialien aus der DP-Zeit entdeckt worden.

KNA/lwi/pko/cas