Die Causa Gil Ofarim: Ein Lehrstück des deutschen Kampfes gegen Antisemitismus

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Demonstration unter dem Titel
Demonstration unter dem Titel "Solidarität mit Israel" in Kiel am 22 Mai 2021. Foto IMAGO / penofoto
Lesezeit: 16 Minuten

Antisemitismus ist in Deutschland nicht immer gleich Antisemitismus. Es hängt in der Beurteilung von Judenhass stark davon ab, wer das Opfer, wer der Täter und wer diejenige Person beziehungsweise Plattform ist, die dies öffentlich macht. Ein Vergleich der Fälle des Rockmusikers Gil Ofarim, der Violinistin Ana Agre und eines 60-jährigen Juden, der im September 2021 während einer Israel-Mahnwache in Hamburg von einem Angreifer schwer verletzt wurde, zeigt dies nur zu eindrücklich auf.

von Marcus Ermler

Im Casus des Rockmusikers Gil Ofarim, der von einem Angestellten des Leipziger Hotels Westin aufgrund seines vermeintlich sichtbaren Davidsterns mit der Aussage „Packen Sie Ihren Stern ein, dann dürfen Sie im Hotel einchecken“ antisemitisch diskriminiert worden sein soll, ging nicht nur Sachsens Innenminister Roland Wöller von der CDU so weit zu sagen, dass es für ihn „eine der bedrückendsten Erfahrungen [ist] zu erleben, dass jüdisches Leben in Deutschland in einem solchen Masse gefährdet ist.“

Sachsens grüne Justizministerin Katja Meier reklamierte einen „offene[n] Antisemitismus im Hotel Westin in Leipzig“, der „unsäglich und unerträglich“ sei. Weiterhin forderte Meier, dass dieser Vorfall „Konsequenzen“ haben muss, „eine Entschuldigung reicht da nicht aus“. Und der Ostbeauftragte der Bundesregierung, Marco Wanderwitz (CDU), stellte gegenüber dem Redaktionsnetzwerk Deutschland fest, dass Antisemitismus „mitten unter uns“ sei und daher dagegen „die ganze Gesellschaft aufstehen“ muss.

Gesagt, getan. Vor dem Hotel kam es nach einem Aufruf des linken Bündnisses „Leipzig nimmt Platz“ zu einer spontanen Demonstration, in der sich hunderte Menschen mit Ofarim unter dem Motto „Kein Platz für Antisemitismus“ solidarisch zeigten. Das Bündnis wird nach dessen „Leipziger Erklärung“ aus dem Jahr 2018 hauptsächlich von Protagonisten der örtlichen Linkspartei, SPD beziehungsweise Grünen getragen. „Ein unfassbarer Fall von Antisemitismus“ twitterte so dann auch die Linksfraktion Sachsen. Und ihre Landtagsabgeordnete Kerstin Köditz sah einen veritablen „Skandal um den Antisemitismus im Westin gegen Gil Ofarim“.

Hotel Westin erklärt sich unter dem Banner des islamischen Halbmonds solidarisch mit Ofarim

Das Westin selbst war im Nachgang um öffentlichkeitswirksame Schadensbegrenzung bemüht. So äusserte die stellvertretende Hotelmanagerin gegenüber dem Leipziger Lokalmedium la-presse.org, dass man ein „weltoffenes Hotel“ sei und „jede Form von Intoleranz, Diskriminierung und Antisemitismus auf das Schärfste“ ablehnen würde. Um den Vorfall aufzuklären, stellte das Hotel für die Dauer der strafrechtlichen Ermittlungen zwei seiner Angestellten frei, wie der Blog Ruhrbarone weiter berichtete.

Ebenso demonstrierten in der Folge Mitarbeiter des Hotels mit einem Transparent vor dem Hoteleingang, das neben dem Logo des Hotels eine Fahne Israels sowie den islamischen Halbmond (sic!) abbildete. Stefan Laurin nannte dies bei den Ruhrbaronen eine „PR-Aktion“ und kommentierte weiter: „An dieser Aktion war alles falsch: Ofarim ist Deutscher und Kein Israeli. Er ist Jude und kein Moslem, so dass der Halbmond keinen Sinn macht und bei so einer Gelegenheit noch einmal das eigene Logo ins Zentrum zu rücken ist schlicht unangebracht und peinlich.“ Wenig verwunderlich, dass der Zentralrat der Juden in Deutschland später konstatierte, „Was soll dieser Banner, Westin? Eine angemessene Reaktion sieht anders aus!“

Indes passte die öffentliche Positionierung des Hotels recht gut zu einem Statement der antizionistischen „Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost“ (siehe zur Jüdischen Stimme auch Alex Feuerherdts Artikel bei Mena-Watch aus dem Jahr 2019), die beim Kurznachrichtendienst Twitter notierte, dass es „höchste Zeit [ist], den Antisemitismus als Teil des grösseren Rassismusproblems zu begreifen. Gil Ofarim beschreibt hier eine Demütigung und Ausgrenzung, die Kopftuchträgerinnen und POC [Person of Color] wohlbekannt ist.“ Die Jüdische Stimme sieht also wie das Westin in Antisemitismus und Islamfeindlichkeit eine vergleichbare Form der Diskriminierung.

Breite Solidarität mit Ofarim aus Politik, Leitmedien und Zivilgesellschaft

Deutschlands Leitmedien, Politik und Zivilgesellschaft waren sich nach dem eindringlichen Video Ofarims einig, dass es sich hier um einen Fall von Antisemitismus handeln muss. So sprach CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak Ofarim öffentlich seine Solidarität aus. SPD-Aussenminister Heiko Maas sagte bei der Verleihung des Shimon-Peres-Preises in Berlin, dass Leipzig „kein Einzelfall“ sei und es einen „Schulterschluss der Gesellschaft“ gegen Antisemitismus geben müsse.

Anetta Kahane, die Vorsitzende der Amadeu Antonio Stiftung, nannte Ofarims Diskriminierungserfahrung gegenüber dem Deutschlandfunk Kultur einen „typischen Vorfall“ in Deutschland. Der SPIEGEL kommentierte, dass der Übergriff in Leipzig „in seiner Ausprägung von der strukturellen Qualität des in Deutschland existierenden Antisemitismus in all seinen Formen“ zeuge.

Der reichweitenstarke ZDF-Satiriker Jan Böhmermann, dessen Magazin ZDF-Magazin Royale unlängst den renommierten Hanns-Joachim-Friedrichs-Sonderpreis für Fernsehjournalismus erhielt, schrieb an seine 2,3 Millionen Follower bei Twitter: „Sachsen geht um die Welt.“ Ebenso betonte der Bayerische Rundfunk, dass der Fall sogar darüber hinaus „weltweit für Entsetzen gesorgt“ habe. Denn selbst CNN berichtete in den fernen USA über diesen Vorfall.

Was die Reaktionen allerdings einte: Ohne selbst auf irgendeinen Beleg verweisen zu können, reichten einzig die Worte Ofarims. Ganz ohne Hintergrund waren die so zunächst überstürzt scheinenden Reaktionen dennoch nicht. So erklärte Prof. Dr. Julia Bernstein von der Frankfurt University of Applied Sciences im Interview mit ZDFheute, dass das was Gil Ofarim widerfahren wäre, sich auch mit den Ergebnissen ihrer empirischen Forschungen zu Diskriminierungserfahrungen von Jüdinnen und Juden decke. „Es ist gefährlich, einen Davidstern in Deutschland zu tragen. Das berichten uns die Befragten die ganze Zeit“, so Bernstein.

Bereits im Mai 2021 antisemitisch motivierte Angriffe in Leipzig

Auch in Bezug auf Leipzig hat die Causa Ofarim eine Vorgeschichte des Antisemitismus. Denn erst Anfang Mai 2021 wurde eine Israelin in Leipzig antisemitisch beleidigt und angegriffen. So dokumentierte das Redaktionsnetzwerk Deutschland seinerzeit, dass eine „Anwohnerin mitbekommen haben [soll], dass die junge Frau auf Hebräisch telefonierte, und sie dann heftig angegangen haben“.

So beleidigte sie die Israelin dabei nicht nur, sondern soll „auch versucht haben, ihr den Weg in die eigene Wohnung zu versperren und später, als die Jüdin wieder in ihrer Wohnung war, die Tür aufzubrechen und hinein zu gelangen“, so das Redaktionsnetzwerk Deutschland weiter.

Nach Bericht des Lokalmediums la-presse.org sei gegen die Angreiferin „wegen des Tatvorwurfs der vorsätzlichen Körperverletzung und der versuchten Nötigung“ durch das Amtsgericht Leipzig ein Strafbefehl mit einer „Geldstrafe in Höhe von 70 Tagessätze“ erlassen worden; dieser Beschluss ist seit dem 24. September 2021 nunmehr rechtskräftig.

Wenige Tage nach der Attacke auf die Israelin kam es erneut zu einem antisemitischen Ausbruch. So berichtete das Leiziger Stadtmagazin kreuzer darüber, dass Mitte Mai 2021 auf einer pro-palästinensischen Demonstration „Für die Freiheit Palästinas“ nicht nur antisemitische Plakate gezeigt und entsprechende Parolen gerufen wurden, sondern überdies auch die Teilnehmer der israelsolidarischen Gegendemonstration angegriffen worden sind.

Die Leipziger Volkszeitung ergänzte, dass es auf der Pro-Palästina-Kungebung zu „Free Palestina“-Rufen kam und es Forderungen nach dem Stopp des israelischen Siedlungsbaus gegeben habe. Videos aus sozialen Netzwerken belegten zudem, dass während der Demonstration ebenso „Kindermörder Israel“ und „Frauenmörder Israel“ gerufen wurde.

Trug Ofarim gar keine Kette mit einem Davidstern?

In der Causa Ofarim ist es indes mittlerweile alles nicht mehr so eindeutig, wie es auf den ersten Blick schien. Denn Videoaufnahmen, die der BILD vorliegen, legen nämlich inzwischen nahe, dass Ofarim am besagten Tag gar keine Kette mit Davidstern trug. Die polizeilichen Ermittlungen führten in der Auswertung der Überwachungskameras aus der Lobby des Hotels möglicherweise zu diesem Schluss, so die Leipziger Volkszeitung.

Auch ein Untersuchungsbericht einer vom Hotel Westin beauftragten unabhängigen Anwaltskanzlei rückte die Causa vor wenigen Tagen ebenfalls in ein anderes Licht. Demnach soll keiner der befragten Zeugen etwas von einem Davidstern gehört haben, mehr noch soll Ofarim selbst gegenüber den Mitarbeiter ausfällig geworden sein und gedroht haben „ein Video für Instagram“ aufzunehmen, welches dann „viral“ gehe.

Bei der Staatsanwaltschaft Leipzig ist mittlerweile auch eine Anzeige des beschuldigten Hotel-Mitarbeiters eingegangen, der Ofarim hierin Verleumdung vorwirft. Gegen diesen Vorwurf wehrt sich Ofarim wiederum seinerseits mit einer Strafanzeige gegen den Mann.

Ofarim bleibt übrigens bei seiner Darstellung. Gegenüber der WELT sagte er: „Ich habe die Kette nie ausgezogen. Ich habe sie eigentlich immer an“. Er sei sich aber nicht mehr sicher, ob unter oder über dem T-Shirt. Jedoch müsse der Hotel-Mitarbeiter die Kette gesehen haben. Denn er sei schliesslich bekannt dafür, eine Kette mit einem Davidstern zu tragen, so Ofarim weiter. Zudem könne man den Stern auch durch das T-Shirt sehen.

Die Glaubwürdigkeit des eben erwähnten Untersuchungsberichts des Leipziger Hotels zweifelt Ofarim an. So schrieb sein Anwalt: „Ein vom Hotel bezahlter Untersuchungsbericht wird genauso wie zuvor an die Medien gespielte unvollständige Videosequenzen kein Beitrag zur Wahrheitsfindung sein“.

Ofarim in der Vergangenheit wiederholt Ziel antisemitisch motivierter Diskriminierung

Wer nun allerdings glaubt, Ofarim hätte sich hier einen PR-Gag in eigener Sache erlaubt, um seine Plattenverkäufe anzukurbeln, der sei daran erinnert, dass der Musiker in der Vergangenheit bereits wiederholt Ziel antisemitisch motivierter Diskriminierung gewesen ist.

Bei der ARD-Sendung „Hart aber fair“ erzählte Ofarim im Jahr 2018 über seine Schulzeit in München, dass Mitschüler auf seine Schulbank Hakenkreuze gemalt hätten, einmal im Monat bei seiner Familie Hundekot im Briefkasten lag und er sogar mit der Aussage konfrontiert wurde, dass „Dachau nicht weit weg von hier ist“.

So voreilig die Solidaritätsbekundungen nun erscheinen mögen, so vorschnell bahnen sich jetzt Kritik und Distanzierungen ihren Weg. Befremdlich sind in diesem Zusammenhang insbesondere die Statements, die nun verkünden, dass Ofarim doch eine besondere Verantwortung gehabt hätte, einen Fall von Antisemitismus einwandfrei zu behandeln. Von einem Bärendienst im Kampf gegen Antisemitismus ist dann gerne die Rede, wie es die taz oder der Berliner Tagesspiegel reklamierten.

Darin schwingt nichts anderes als die enttäuschte Erwartung mit, dass Juden im Kampf gegen Antisemitismus gefälligst der ihnen zugeschriebenen Opferrolle in tadelloser Weise gerecht werden müssen. Eike Geisel identifizierte in dieser spezifisch deutschen Erwartungshaltung an Juden einst die für sie darin vorgesehene Aufgabe als „moralische Pausenclowns für das wohlige Gruseln“, die so „für die kleine Betroffenheit zwischendurch zu sorgen“ hätten.

Im Jahr 2020 wurde israelische Musikerin in Frankfurt antisemitisch diskriminiert

Unabhängig davon, was nun genau vorgefallen ist und ob sich Ofarims Darstellung am Ende dann nicht doch noch bewahrheitet, liefert diese Affäre, wenn man sie mit dem Fall Ana Agre, einer in Deutschland arbeitenden israelischen Violinistin, kontrastiert, ein nachhaltig ins Bewusstsein dringendes Sittengemälde des deutschen Kampfes gegen Antisemitismus.

Über den Judenhass, den Agre vor einem Jahr erlebte, schrieb der deutsch-israelische Journalist Chaim Noll seinerzeit einen sehr nachdenklich stimmenden Artikel bei der „Achse des Guten“. Nur anders als im heutigen Fall war das Schweigen in Medien und Politik damals ohrenbetäubend beziehungsweise die Beschönigung dieser Causa nur allzu selbstentlarvend.

Was war passiert? Am 1. Juli 2020 fand in der Nähe von Agres Haus eine Anti-Israel-Demonstration von Pro-Palästina-Aktivisten der Organisation Samidoun statt, darunter viele Muslime. Samidoun ist nach einem Bericht von Benjamin Weinthal in der Jerusalem Post dafür bekannt, die „Freilassung verurteilter palästinensischer Terroristen aus israelischen Gefängnissen sicherzustellen“ sowie die „BDS-Kampagne gegen Israel“ zu unterstützen. Wenig überraschend, dass die Organisation in ihrem Demonstrationsaufruf dann auch von einem „seit Jahrzehnten vorherrschenden rassistischen System[] der Apartheid sowie des Siedlungskolonialismus“ in Israel spricht.

Agre stellte sich mit einer Israel-Flagge diesen Israelhassern als Einzelperson offen entgegen. Die Demonstranten indes bedachten Agres öffentliche Israelsolidarität mit „Nazis raus!“-Rufen. „ In den Köpfen dieser jungen Muslime und sympathisierenden Deutschen ist eine israelische Fahne offenbar ein Nazi-Symbol“, bemerkte Noll in seinem Bericht.

Erschütternd in der Folge: Die Frankfurter Polizei forderte nicht die Demonstranten, sondern Agre daraufhin auf, den „Platz zu verlassen, weil ihr Auftritt die jungen Muslime provoziere“ (sic!). Mehr noch ermittelte die Polizei im Anschluss gegen Agre wegen „Beleidigung gemäss Paragraph 185 Strafgesetzbuch“.

Auch damals gab es Videoaufnahmen, die jedoch, ganz im Gegensatz zum Fall Ofarim, die antisemitisch motivierte Diskriminierung seh- und hörbar dokumentierten. Diese drei Videoaufnahmen, die Ana Agre auf ihrer Facebook-Seite hochlud und die auch heute dort noch einsehbar sind, machen deutlich, dass zuerst Agre ihre Israelflagge zeigte und nach „Palästina“-Rufen der Demonstranten dann die „Nazis raus!“-Rufe in Agres Richtung von den zuvor Genannten erfolgten. In seiner Täter-Opfer-Umkehr der Ausdruck eines klassischen Schuldabwehr-Antisemitismus, der sich hier in dieser israelbezogenen Judenfeindlichkeit der Protestierenden manifestiert.

Im Gegensatz zu Ofarim erfuhr Violinistin Agre so gut wie keine Solidarität

Wie in den Aufnahmen weiterhin zu erkennen ist, wurde Agre zudem wiederholt von (mutmasslichen) pro-palästinensischen Demonstranten bedrängt und verbal angegangen. Eine Demonstrantin scheint dabei Agre auch bewusst aus unmittelbarer Nähe mit ihrem Mobiltelefon zu filmen. Andere Protestierende müssen diese Provokateure dabei zurückhalten. Wenn es eine Übergriffigkeit beziehungsweise Provokation gab, zeigen die Videos nur die der Demonstranten.

Im Gegensatz zu Gil Ofarim erfuhr Ana Agre übrigens so gut wie keine Solidarität. Nicht von den Leitmedien, nicht von der Politik und auch nicht aus der deutschen Zivilgesellschaft. Die beiden Frankfurter Leitmedien FAZ und Frankfurter Rundschau beriefen sich in ihrer Reflexion der Ereignisse einzig auf die Darstellung der Polizei, die damals festhielt, dass Agre „die Flagge Israels in Richtung der Versammlungsteilnehmer [schwenkte], die sich noch vor Ort aufhielten.“ Weiter soll Agre „[e]iner 29-jährigen Versammlungsteilnehmerin […] den Mittelfinger entgegen[gestreckt]“ haben. Aufgrund letzterem erstattete diese Teilnehmerin vor Ort eine Strafanzeige wegen Beleidigung, so die Polizei Frankfurt.

Ob die Redaktionen zur Aufklärung der Sachlage überhaupt mit Agre gesprochen hatten, erfährt man leider nicht. Und warum Ofarim in jede Kamera sprechen durfte, Agre indes keinerlei Raum für ihre Sicht der Dinge bekam und es zudem niemandem einfiel, die von ihr zur Verfügung gestellten Videoaufnahmen zu sichten, ist eine weitere politmediale Merkwürdigkeit im Vergleich dieser beiden Vorfälle. Während man also Ofarim ohne jeden Beleg Glauben schenken wollte, überprüfte man die von Agre dokumentierten Nachweise nicht einmal.

Jedoch wird im Artikel der Frankfurter Rundschau klarer, warum die antisemitisch motivierte Diskriminierung Agres zu jener Zeit so wenig Beachtung fand beziehungsweise bagatellisiert worden ist. Man störte sich daran, dass ausgerechnet die „Achse des Guten“ und dann auch noch Chaim Noll dies öffentlich machte. Über Nolls Artikel heisst es dort nämlich: „[w]es Geistes Kind der ‚Achse des Guten‘-Autor ist, offenbart er selbst in Nebensätzen“ und dass der „Text vor allem in rechtsradikalen Portalen wie ‚jouwatch‘ gefällige Resonanzkörper“ fand. Was Noll nun dafür kann, dass rechtsradikale Websites seinen Bericht aufgreifen, bleibt dabei unklar.

Israelin, die sich offensiv dem migrantischen Antisemitismus entgegenstellte

Warum also hat der Fall Ana Agre, in dem der Antisemitismus sogar auf Video gebannt vorliegt, nicht die gleiche politische wie mediale Aufmerksamkeit auf sich gezogen wie die Causa Ofarim? Die Gründe sind offensichtlich.

Es waren die falschen Täter. Eben nicht irgendwelche ostdeutsche Ewiggestrige, die man heute in der Angelegenheit Ofarim doch zu gerne als Schuldige ausgemacht hätte, sondern Menschen mit Migrationshintergrund, die dann auch noch Muslime waren und sich gegen ein durch die Organisation Samidoun herbeiphantasiertes israelisches „System[] der Apartheid sowie des Siedlungskolonialismus“ lautstark einsetzten. Erst jüngst zeigte der Skandal um die Beschäftigung von Nemi El-Hassan im öffentlich-rechtlichen Rundfunk, wieweit antisemitisches Gedankengut aus migrantischen Kreisen in Deutschlands Juste Milieu salonfähig ist.

Es war das falsche Opfer. Eine Israelin, die sich offensiv dem wohlorchestrierten migrantischen israelbezogenen Antisemitismus entgegenstellte, statt nur den passiven „moralischen Pausenclown für das wohlige Gruseln“ zu spielen. Denn wie charakterisierte Henryk M. Broder die deutschen Erwartungshaltung an die lebenden Juden einst so treffend darin, „nicht zu unfairen Mitteln zu greifen und sich nicht allzu heftig zu wehren, wenn sie angegriffen werden.“ Eine Erfahrung, die, nebenbei bemerkt, Gil Ofarim nach der anfänglichen Welle der Solidarität jetzt auch machen muss.

Es war mit der „Achse des Guten“ die falsche, weil vermeintlich rechte Plattform, die diesen Vorfall publik macht. An deren Dokumentation von Antisemitismus stört man sich gerne in selbsternannten antifaschistischen Kreisen. Und in der sozialistischen Tageszeitung „Neues Deutschland“, dem ehemaligen Zentralorgan der SED, wird die „Achse des Guten“ schon einmal mit der renommierten Frauenrechtsorganisation „Terre des Femmes“ gleich nach „Rechtsaussen“ geschoben.

Und es war schliesslich mit Chaim Noll der falsche Autor, der nämlich nicht nur den scheinheiligen Einsatz der deutschen Politik gegen Antisemitismus mehr als einmal in seinen Artikeln behandelte, sondern darüber hinaus es auch noch als Jude wagt, diese Bigotterie aufzuzeigen. Die Marginalisierung Nolls ging in der Vergangenheit sogar so weit, dass eine bekannte Online-Enzyklopädie einen Artikel über Noll führte, in dem dieser mit einer rechtsnationalen Zeitschrift in Verbindung gebracht wurde, um ihn und seine publizistische Tätigkeit in Verruf zu bringen.

60-jähriger Jude von pro-palästinensischem Muslim schwer verletzt

Auch die verhaltenen Reaktionen auf den antisemitischen Angriff auf einen Juden in Hamburg im September 2021, während einer Mahnwache für Israel, haben vergleichbare Wurzeln wie im Falle von Ana Agre: Stellte sich doch im Nachgang heraus, dass der Täter einen Migrationshintergrund hat und vermutlich ein Muslim ist. Wie die BILD später enthüllte, spielte der Täter sogar zuvor in einem Film, in dem es um eine Familie von Holocaust-Überlebenden ging, einen Schläger, der einen jüdischen Schüler drangsaliert. Unglaublich, aber wahr.

Und was war genau passiert? Am 18. September 2021 nahm nach Bericht von WELT beziehungsweise BILD ein 60-jähriger Mann mit seiner Mutter an einer Mahnwache für Israel und gegen Antisemitismus in der Hamburger Innenstadt teil. Hierbei ist er dann zunächst von einem anderen Mann, der sich später als 16-jähriger Jugendlicher entpuppte, antisemitisch beleidigt worden und daraufhin mit der Faust ins Gesicht geschlagen worden.

Die Mutter des Opfers schilderte gegenüber der BILD die Szenerie sehr drastisch: „Er lag mit blutendem Gesicht dort. Ich dachte, dass sein Auge zerfetzt ist. Er hatte Splitter seiner Brille im Gesicht. Sein Jochbein muss nun operativ aufgefüllt werden. Es ist das Schlimmste, was einer Mutter passieren kann, so etwas mit anzusehen.“

Die taz berichtet weiter davon, dass es auch „Free Palestine“-Rufe des Täters und seiner Begleiter gegeben habe. Ein muslimischer wie auch ein pro-palästinensischer Hintergrund stünden daher im Raum. Nach Informationen der BILD riefen der Täter und seine Mitstreiter auch „Scheiss Juden“ und „Ich ficke deine Mutter“. Die Mutter des Täters soll im Nachgang sogar gesagt haben, dass Opfer „hat es verdient“.

Die Folgen für das Opfer sind gravierend. Laut der Jüdischen Allgemeine hat der Mann womöglich bleibende Schäden am Auge erlitten. Der Jüdischen Allgemeinen berichtete der Schwerverletzte jedoch verwundert weiter, dass „[d]ieser antisemitische Angriff auf mich“ allerdings „vergleichsweise wenig öffentliche Aufmerksamkeit erfahren“ habe.

Zwar gab es Anfang Oktober bereits die nächste Mahnwache gegen Antisemitismus in Hamburg, die indes nicht direkt eine Solidaritätsaktion mit dem Mann vorsah und zudem für Streit unter den Teilnehmern sorgte, weil es eine Mahnwache für Israel war. Ein prominenter Protestierender, der Chef vom Hamburger Filmfest, hatte aufgrund seiner Haltung zur Politik Israels ein „Problem“ damit, so der NDR. Der Filmfest-Chef kam auch deswegen, weil sein Festival den oben bereits genannten Film über eine Familie von Holocaust-Überlebenden vorführte, in dem der mutmassliche Schläger in einer Nebenrolle zu sehen war.

Malca Goldstein-Wolf organisierte einen Solidaritäts-Schweigemarsch

Um dem Opfer zu zeigen, dass es nicht alleine ist, organisierte die Kölner Aktivistin Malca Goldstein-Wolf einen Solidaritäts-Schweigemarsch in Hamburg. Der BILD sagte Goldstein-Wolf, dass sie eine herzzerreissende Nachricht von der Mutter des Opfers bekommen hätte. „Da konnte ich nicht anders. Judenhass wird immer aggressiver. Juden sind an manchen Plätzen in Deutschland nicht mehr sicher, wenn sie als solche erkennbar sind. Wir müssen uns eindeutig positionieren“, so Goldstein-Wolf weiter.

Goldstein-Wolf scheute sich dabei nicht den Solidaritäts-Schweigemarsch unter dem Motto „Keinen Fussbreit auch dem islamistischen Antisemitismus“ laufen zu lassen. Damit wolle man darauf hinweisen, dass „Antisemitismus nicht nur von rechts, sondern in salonfähiger Variante von links geschürt wird und von muslimischer Seite oftmals besonders aggressiv ist“, wie es im Aufruf heisst.

Am Schweigemarsch nahmen nach Bericht von Hamburger Morgenpost und der BILD Regionalredaktion rund 300 Menschen teil, darunter Juden, Christen, Aleviten und kurdische Muslime. So auch der Hamburger CDU-Bundestagsabgeordnete Christoph de Vries, der gegenüber der Hamburger Morgenpost erklärte, dass er es „unerträglich [finde], dass Juden in Hamburg und in ganz Deutschland wieder übelsten Beleidigungen und tätlichen Angriffen auf offener Strasse ausgesetzt sind“.

Daher sähe er es als seine Pflicht, „sich solidarisch und schützend vor unsere jüdischen Bürger zu stellen“, weshalb es für ihn auch eine „Selbstverständlichkeit“ gewesen sei, an dem Marsch persönlich teilzunehmen, so de Vries gegenüber der Hamburger Morgenpost weiter.

Causa Ofarim kurz vor dem Jahrestag des antisemitischen Anschlags von Halle

Was lernt man also schliesslich beim Vergleich der drei Fälle? Während Ofarim von Anbeginn an jede Solidarität und Öffentlichkeit erhielt, wurde die Causa Agre entweder bagatellisiert oder gleich vollständig ignoriert. Hätte Chaim Noll letzteres nicht für die „Achse des Guten“ dokumentiert, wüsste man davon mutmasslich bis heute nichts.

Im Falle des schwerverletzten Mannes ist es einzig der Kölner Aktivistin Malca Goldstein-Wolf zu verdanken, dass dieser Vorfall mitsamt der mutmasslich muslimischen beziehungsweise islamistischen Täterschaft durch den von ihr organisierten Schweigemarsch öffentlich blieb und nicht unter den Teppich gekehrt werden konnte.

Ob die Causa Ofarim zu Beginn nur deswegen eine solche breite Aufmerksamkeit auf sich zog, weil sich ausgerechnet in Ostdeutschland, kurz vor dem Jahrestag des antisemitischen Anschlags von Halle, der Judenhass vermeintlich Bahn brach, bleibt allerdings am Ende Spekulation. Ohnehin müssen bis zur endgültigen Beurteilung des Falls die Ermittlungsergebnisse von Staatsanwaltschaft und Kriminalpolizei abgewartet werden, wie Ofarim selbst es auch über seinen Anwalt verlauten liess.

Was jedoch klar geworden sein sollte: In Deutschland ist es in der politmedialen Einordnung von Antisemitismus offenkundig wichtig, wer das Opfer, noch mehr wer der Täter sowie schlussendlich wer diejenige Person und dasjenige Medium ist, die dies öffentlich machen. Ein schauerliches Lehrstück des deutschen Kampfes gegen Antisemitismus.

Dr. Dr. Marcus Ermler, ist Mathematiker sowie Informatiker und beschäftigt sich in seiner Forschung mit Logik, Graph Rewriting und Topologie. Darüber hinaus publiziert er über Antisemitismus und Antiamerikanismus jeder politischen Färbung.

8 KOMMENTARE

  1. Die Strafe meinen Davidstern schon über 60 Jahre so auch eine Tätowierung am linken Oberarm mit dem wort darunter, Shalom. bis jetzt wurde ich noch nicht angegriffen oder darauf beleidigend befragt. Gil Ofarim müsste darüber stehen, der Antisemitismus und Judenhass , wird in Deutschland bleiben, damit müssen sich Juden abfinden. Leider!

  2. Ich möchte einen Vorschlag machen für ein Heilmittel.
    „Eine familiäre Entnazifizierung“. Der von USA in Bayern 1945 eingesetzte amerikanische Demokratisierungs Professor Pollok sagte zu dem ebenfalls von USA eingesetzten Bayerischen Ministerpräsidenten Högner:
    „Herr Ministerpräsident bevor Sie neu beginnen müssen Sie die Verwaltung völlig neu aufbauen, denn diese war zum größten Teil schuld an den Verbrechen der Dritten Reiches.“ Högner nahm den Rat nicht an. Die Fachkenntnisse von Gewissenlosen war bei Högner gefragt. Das müssen sich jetzt alle, täglich dreimal in Erinnerung bringen und fragen, war ein Etappenhengst oder gar eine Herde derartiger brauner in der Familie? War einer, der über den lustigen Stellungswechsel 1943 jubilierte, in der Familie? Ja, solche brauchte man auch nach 1945. Da kann der Bubi auch noch Bürgermeister der Hauptstadt der Bewegung werden.
    Da braucht man keinen Arzt oder Apotheker fragen und auch nicht die SZ, da ist familiäre Gewissenserforschung angesagt, nur diese kann uns befreien.
    Weiter müssen Sie sich alle selbst fragen, war ein Kriegsgewinnler in meiner Familie?
    Das ist leicht festzustellen. Besaß die Familie vor 1933 dies und das, nach 1945 war der familiäre Besitz dies und jenes, da ist persönliche Ehrlichkeit gefragt, das Grundbuch hilft.
    Bitte rechnen Sie auch den Anstieg von Titel und gesellschaftlicher Würde und Ansehen mit zu dem Gewinn. Denn von Opa, Papa, Oma, Mama war das Höchste oft der ausgestreckte Arm und nicht der Geist, das ist traurig. Fotoalben der Familie helfen dabei. Und die guten kleinen Kinder können dann fragen und das Wissen in Sachen Familiengeschichte erweitern. Es muss sein, auch wenn es weh tut. Dagegen zeigt ein Gefreiter von der Ostfront, oder ein an Rachitis erkranktes Mitglied der Familie, die Nicht-NS-Parteinähe der Familie. Sollte über ein Familienmitglied ein Disziplinarverfahren ergangen sein oder gar Gefängnisstrafe, so ist das sehr positiv zu bewerten. Sollte aber ein Schriftsteller in der Familie sein, so sollte man bitte lesen, was da auf das Papier gebracht wurde. Eine familiäre Entnazifizierung tut Not in Deutschland, helfen Sie mit Deutschland ehrlicher zu machen. Durch diese familiäre Gewissenserforschung lernt man Nazis erkennen und hört auf über Nazis zu schreien. Besonders gefährlich ist eine plötzliche Besitzvergrößerung auch nach 1945 durch Persilscheinausstellung. Helft alle mit, dass diese dunkle Zeit wirklich von Anfang bis Ende aufgearbeitet wird. Lasst Licht in die Dunkelheit, schaut nicht über den Zaun, das Schreckliche ist sehr oft im eigenen Umfeld. Der silberne Leuchter, die schöne Vase, das tolle Besteck, der edle Schmuck das teure Bild, keiner will wissen woher sie stammen. Der Erwerber könnte ein Kreishauptmann aus der Familie gewesen sein dessen blutrünstige Taten keiner kennen will, zum Beispiel in Lemberg.
    Versuchen Sie bitte diese Anleitung gegen Nationalismus und Antisemitismus in dem deutschen Eichenblätterwald unterzubringen, danke.
    Ich bin gerne bereit bei Antifa Freunden Hilfestellung zu geben bei Bewältigung der Familiären Entnazifizierung Vertraulichkeit wird zugesichert für Physische Schäden wird nicht gehaftet. Ja Physische Schäden wird so macher bekommen.

  3. Zum Fall Hotel Westin. Ich habe das Ganze seit der ersten Pressemeldung verfolgt und kann mich dabei natürlich auch nur auf den Eindruck stützen, den das erste Video bei mir hinterlassen hat. Für mich war Ofarim darin glaubwürdig, wie er die Situation geschildert hat. Ich will im Folgenden versuchen, einige meiner Überlegungen darzulegen.

    Es gibt folgende Fakten:
    – Während dem Einchecken ist definitiv irgendetwas absolut Unangenehmes oder Inakzeptables passiert als Ofarim in der Warteschlange stand und andere Wartende, für ihn nicht nachvollziehbar, vorgezogen wurden.
    – Es gab eine Auseinandersetzung an der Rezeption, bei der mit Ofarims Ärger offensichtlich unprofessionell umgegangen wurde, weil er daraufhin das Hotel verließ. Es gab eindeutig keine Versuche, das Ganze gütlich zu lösen oder dem Gast entgegenzukommen.

    Überlegungen:
    Beide oben genannten Fakten sehe ich als starke Stützung der Darlegung Ofarims.
    Wäre er ein Selbstdarsteller, hätte er andere Formulierungen gewählt. Er hat stattdessen das Geschehen trotz sichtbarer Aufgewühltheit eher zurückhaltend und vor allem nachvollziehbar geschildert.
    Dass sich kein Zeuge gefunden hat, der seine Darlegung stützt, ist kein Beweis, dass er die Unwahrheit gesagt hat. Zeugen des Hotelpersonals, die sich später plötzlich(!) ebenfalls daran erinnert haben wollen, dass nichts geschehen ist, was Ofarims Darlegung stützt, sind zumindest mit einiger Skepsis zu betrachten.
    Wenn auf den qualitativ schlechten Videos die Kette nicht zu sehen ist, muss erklärt werden, wie es stattdessen zu dem Konflikt gekommen ist. Gibt es auch Aufnahmen, die zeigen wie er das Hotel betreten hat?

    Zwei der häufigsten Behauptungen halte ich für konstruiert und unglaubwürdig: Ofarim wolle lediglich seinen Bekanntheitsgrad steigern und habe sich deshalb alles nur ausgedacht. Ersteres erscheint mir als böswillige Unterstellung, die erstaunlich oft vorgebracht wurde; gegen den zweiten Punkt spricht m.E., dass er damit ein unkalkulierbar hohes Risiko eingegangen wäre. Es gab etliche Kameras und jeder Anwesende hätte zufällig oder bewusst die entsprechende Szene mit dem Smartphone aufzeichnen können.

    Kurz und gut: Es sprechen einige Schlussfolgerungen dafür, dass hier etwas Grundsätzliches extrem schiefgelaufen oder gar noch Schlimmeres passiert ist. Ich halte Ofarims Schilderung insgesamt nach wie vor für glaubwürdig.

  4. Leider haben Journalisten ein grundsätzliches Problem mit der Feststellung von Sachverhalten. Das fällt mir als Juristen wieder und wieder auf. Journalisten benutzen eine falsche Technik, nämlich Überlegungen außerhalb der reinen Sachverhaltsermittlung.

    Welche Beweismittel gibt es im Zivilprozess? SAZUP! Also: Sachverständigenbeweis, Augenscheinseinnahme, Zeugenaussage, Urkundenbeweis und Parteivernehmung. Im Strafprozessrecht spricht man statt von Parteivernehmung von der Einlassung des Angeklagten. Es liegt auf der Hand, dass Zeugenaussage und Parteivernehmung die unsichersten Beweismittel sind, da die Erinnerung von zahlreichen Faktoren – darunter nicht zuletzt die eigenen Interessen – abhängig ist. Leider begeistern sich die Journalisten vor allem für diese beiden Beweismittel.

    Als entscheidend sehe ich hier das Video (als Augenscheinsobjekt). Es bildet objektiv das tatsächliche Geschehen ab – leider wie bei Überwachungsvideos üblich als mit einer Kartoffel aufgenommenem Ruckelfilm. Was mit diesen Aufnahmen im Widerspruch steht, kann nicht wahr sein. So einfach ist zunächst einmal die Einordnung.

    Auf dem Film ist zu sehen, dass der Davidstern nicht sichtbar getragen wird. Ob Ofarim den Stern nun überhaupt getragen hat oder nicht, ist dabei völlig unerheblich. Entscheidend ist, ob er sichtbar getragen wurde. Auf dem Film ist später zu sehen, dass der Stern sichtbar ist, nämlich als Ofarim auf dem Bordstein saß. Dass der Stern zunächst nicht sichtbar war, hat also nichts mit den Mängeln der Aufnahme zu tun.

    Die angebliche Aufforderung „pack den Stern weg“ ist nur verständlich, wenn der Stern sichtbar getragen wurde und nicht etwa unter der Kleidung, in der Hosentasche oder im Koffer. Anderenfalls wäre der Stern ja schon weggepackt gewesen und hätte weder eincheckendem Hotelgast noch Portier veranlasst, zum Wegpacken aufzufordern. Wenn man sich also auf die Videoaufnahme bezieht, ist Ofarims Schilderung nicht glaubwürdig und wohl unwahr.

    Weiter stellt sich die Frage, ob der Stern bei unmittelbarer Gegenwart durch die Kleidung sichtbar war. Hierzu hat Ofarim auf einem anderen Video den Stern unter die Kleidung – auch hier ein Shirt – gesteckt, und es war NICHT zu sehen.

    Ofarims Hilfskonstruktion, es sei bekannt, dass er den Stern trage, hat keinen Wert. So berühmt ist er auch nicht (ich habe von seiner schierer Existenz überhaupt erst durch die Causa erfahren), und ich bestreite, dass allgemein bekannt ist, dass er einen Davidstern trägt.

    Es spielt keine Rolle, ob er bei anderen Gelegenheiten antisemitisch angegangen wurde und was anderen Juden widerfahren ist. Bei Betrachtung der vorliegenden Beweise meine ich, dass sich Ofarim mehr Sorge um den Ausgang des Ermittlungsverfahrens machen muss als der Portier, falls der Staatsanwalt in Leipzig bereit ist, sich in seinem Büroschlaf stören zu lassen.

    • Vom rechtlichen Standpunkt aus kann ich an Ihrer Analyse keinerlei Kritik üben. Allerdings muss ich anmerken, das ihre extrem verengte Sichtweise Ihnen den Blick für die Aufgabe des Journalismus verstellt und Sie damit sogar die Aufgaben der Gerichte nicht voll erfassen lässt. Die journalilstische Arbeit reicht weit über einen Einzelfall hinaus, den ein Gericht verhandelt. Und sie ist unverzichtbar für die Wirkung von Urteilen über den Gerichtssaal hinaus. Nur der Journalist kann nämlich gesellschaftliche Ursachen von Gerichtsverfahren beeinflussen, indem er diese aufzuzeigen kann und die Menschen dazu bringt, über sie nachzudenken. Gerade als Jurist sollten Sie nicht außer Acht lasen, dass genau dieser Aspekt für die Entfaltung der Generalpräventiiven Wirkung von Gerichtsurteilen essentiell ist. Ohne ihn würden die Gerichte in einer Demokratie ihre Aufgaben nur unzureichend erfüllen können und bald vor der schieren Masse gleich gelagerter Fälle kapitulieren müssen. Ihre belehrende Überheblichkeit über die aus Ihrer Sicht „falsche Technik“ ist also fehl am Platze. Die „vierte Gewalt“ hat gesellschaftlich mindestens eine ebenso große Bedeutung, wie die anderen drei. Nur zusammen sorgen sie für einen funktionierenden Staat, in dem man gerne leben möchte. Die Welt ist mehr, als ein Gerichtssaal.

      • Ihre Ausführungen sind durchaus richtig, allein: Sie sind im Fall Ofarim zu nichts nütze. Zuerst braucht man einen Sachverhalt, und den haben wir hier nicht.

  5. Die vielen sicheren Vorfälle stützen Ofarims Aussage nicht ansatzweise.

    Die Causa Gil Ofarim, ist nicht ansatzweise ein Lehrstück für Antisemitismus, sondern ein Lehrstück dass die Menschen erst reden und dann denken.

    Und ja man konnte von Anfang an Zweifel am Hergang haben!

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