Nachhaltige Wasserkonzepte: Partnerschaft zwischen den Vereinigten Arabischen Emiraten und Israel

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Teich im Al-Hakkak-Tal in Saudi-Arabien. Foto IMAGO / Arabian Eye
Teich im Al-Hakkak-Tal in Saudi-Arabien. Foto IMAGO / Arabian Eye
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Seit der Unterzeichnung der Abraham-Friedensabkommen zwischen Israel und den Vereinigten Arabischen Emiraten am 15. September 2020 hat sich die Zusammenarbeit beider Länder stürmisch entwickelt. Auf zahlreichen Gebieten wurden Kooperationsprojekte vereinbart: Handel, Kultur, ja: zuletzt sogar bei der Erforschung des Weltalls. Eine Kooperation, die – im Moment noch – etwas weniger schlagzeilenträchtig ist, aber das Potenzial hat, die Region zum Besseren zu verändern, betrifft  Süsswasser – eine wertvolle Ressource, die knapp ist im Nahen Osten.

Jemand, der an der Kooperation auf israelischer Seite beteiligt ist, ist Noam Bedein, der Direktor des Dead Sea Revival Project zur Bewahrung des von Austrocknung bedrohten Toten Meeres.

Im April reiste Bedein als Mitglied einer israelischen Delegation mit einem der ersten Direktflüge von Tel Aviv nach Abu Dhabi. „Es war sehr aufregend“, sagt er – sein erster Besuch in einem arabischen Land. Zwar sei er vorher schon auf der Sinai-Halbinsel gewesen, aber das zähle nicht wirklich als eine solche Erfahrung.

In den Vereinigten Arabischen Emiraten treffen sich Menschen aus vielen Ländern des Nahen Ostens. Schon viermal hatte er zuvor geplant, dorthin zu reisen, doch jedes Mal wurde der Flug wegen der Corona-Pandemie gestrichen. „Es war aufregend, Menschen zu treffen und Brücken zu bauen“, so Bedein. Dass er auf dem Gebiet des Umweltschutzes und der nachhaltigen Nutzung von Wasser tätig sei, habe sich als guter Anknüpfungspunkt erwiesen, um ins Gespräch zu kommen, erzählt er. „Es ist etwas, dessen Bedeutung jeder begreifen und das jeder unterstützen kann.“

Der israelischen Delegation, mit der Bedein reiste, gehörten Funktionäre verschiedener Ministerien an, aber auch gewöhnliche Bürger. Gastgeber in den Vereinigten Arabischen Emiraten war das Ministerium für Umwelt und Klimawandel. Die Beziehungen zu den Offiziellen hatten sogar schon vor den Abraham-Abkommen begonnen. „Es war der Tag der Erde (Earth Day) 2020. Zu der Zeit, als es den ersten grossen Corona-Lockdown gab“, erläutert Bedein. Der Tag der Erde wird seit 1969 am 22. April mit einem bestimmten Schwerpunkt und Motto in über 175 Ländern begangen und soll die Wertschätzung für die natürliche Umwelt stärken, aber auch dazu anregen, das Konsumverhalten zu überdenken.

„In Israel haben wir damals aus Anlass des Tages der Erde einen grossen Fotowettbewerb zum Toten Meer veranstaltet. Mehr als 15.000 Fotografien wurden eingereicht, von Teilnehmern aus 40 Ländern. Sie zeigen das Tote Meer von beiden Seiten, der jordanischen und der israelischen.“ So wurde das Dead Sea Revival Project zu einem offiziellen Partner der für den Nahen Osten und Nordafrika zuständigen Abteilung des Aussenministeriums. So kam auch der Kontakt zum Ministerium für Umwelt und Klimawandel in Abu Dhabi zustande.

Gleich nach Unterzeichnung der Abraham-Abkommen wurde dieser Faden wiederaufgenommen. Alles drehte sich dabei um Umweltschutz, Wasser und darum, Bewusstsein für beides zu schaffen. „In der Lage zu sein, Brücken von solchem Wert zu bauen, war sehr inspirierend, und dies ist erst der Anfang“, sage Bedein.

Angefangen hat seine Berufslaufbahn als Kriegsfotograf in Sderot, wo er über Jahre die Folgen der Raketenangriffe der Hamas fotografierte. Damals, vor 16 Jahren, sei er der Erste gewesen, der das menschliche Drama der Bewohner Sderots dokumentierte, erzählt er. Zu diesem Zeitpunkt hatte er schon einiges gesehen: Nach dem Militärdienst war er als Rucksacktourist nach Tibet, Malaysia und Indonesien gereist. Er habe gesehen, „wie die Menschen dort nach dem Tsunami ihre Lebensgrundlagen wiederaufbauten und eine Zeitlang mit Orang-Utans gelebt“, berichtet er. „Mein Leben lang hatte ich eine Liebe zu Tieren, zu Fauna und Umwelt.“

Nachdem er sich über Jahre mit dem Konflikt an der Grenze zum Gazastreifen befasst hatte, bekam Bedein Lust, die Region um Jerusalem zu ergründen. Er reiste zum nördlichen Teil des Toten Meers.

Dieser See sei ein Ort, zu dem sich viele Israelis hingezogen fühlten, sagt Bedein. „Es ist der niedrigste Ort der Welt. Es ist ein solch einzigartiges Ökosystem.“ Jemand aus einem Kibbuz nahm ihn auf seinem Boot mit. „Ich war völlig überwältigt“, erinnert sich Bedein, „ich sah das Tote Meer wie niemals zuvor.“ Erst da habe er verstanden, warum manche es als Weltwunder bezeichneten.

Ich frage ihn nach seinem allerersten Besuch am Toten Meer. Damals sei er zehn oder elf gewesen, sagt er. „Meine Geschwister weinten, weil sie Salzwasser in die Augen bekommen hatten, und ich hatte starkes Nasenbluten.“ Als er das Tote Meer zum zweiten Mal sah, war er 16. „Es war ein Sommerlager für behinderte Kinder und junge Erwachsene aus den USA, die nach Israel kamen.“ Als die Gruppe mit einem Flugzeug von Jerusalem nach Eilat über das Tote Meer flog, sah Bedein etwas, das er nicht wusste und das auf keiner Landkarte verzeichnet ist: „In der Mitte des Toten Meeres ist Land. Ich erinnere mich, wie ich aus dem Fenster schaute und sah, dass das Tote Meer zwei Teile hat.“ Selbst in Israel sei vielen Menschen nicht klar, dass diese beiden Teile des Toten Meeres seit 40 Jahren getrennt sind. „Den Leuten ist nicht klar, wie sehr wir diesen einzigartigen Platz verlieren.“

Der Bootstrip sei eigentlich seine erste „wirkliche“ Erfahrung mit dem Toten Meer gewesen. „Weil ich es vom See aus sah.“

Die Küsten des Toten Meeres sind heutzutage zum grössten Teil für Besucher gesperrt. Der Grund: Tausende von gefährlichen Kratern – Erdfälle, auch Dolinen genannt. „Erdfallstrukturen entstehen, wenn die Decke über einem Hohlraum in einer Gesteinsschicht mit lösbarem Anteil (Kalkstein, Gips oder Salz) mechanisch instabil wird und zusammenbricht“, heisst es in einem Fachartikel auf der Website der Helmholtz-Gemeinschaft. Rund 6.000 solcher Erdfälle gebe es am nördlichen und westlichen Teil des Toten Meers, sagt Bedein. „Die Küsten sind nicht zugänglich. Alle Strassen sind gesperrt, die Strände wurden in den letzten Jahren geschlossen. Mit dem Boot zu fahren, ist fast die einzige Möglichkeit, das Tote Meer zu erkunden.“

Auf diese Weise habe er auch erkannt, wie bedroht das Tote Meer sei, schildert Bedein. Es war fünf Monate nach seiner ersten Bootsfahrt. Er nahm eine Gruppe dänischer Touristen mit. „In dem Moment, wo wir an Bord gingen, war ich schockiert, weil es überhaupt nicht das war, was ich fünf Monate zuvor gesehen hatte. Das Wasser war so weit zurückgegangen, dass ich den Ort nicht mehr wiedererkannte.“

Bedein verdeutlicht das an einer Zahl. „Jeden Tag verliert das Tote Meer die Menge Wasser, wie es 600 olympische Swimmingpools fassen. Das ist enorm.“ Er entschied, dass er selbst etwas tun müsse, um die israelische Bevölkerung und die Menschheit aufzurütteln. Das tut er nun seit fünf Jahren. „Ich habe eine einzigartige Dokumentation, die zeigt, wie das Wasser jedes Jahr zurückgeht, über einen Zeitraum von fünf Jahren.“ Die „Schönheit und Magie“, die ausserhalb des Wasser sichtbar werde, sei ebenfalls Teil der Dokumentation.

Das Dead Sea Revival Project ist die einzige Umweltorganisation, die sich ganz auf das Ufer des Toten Meers konzentriert. Medien wie CNN und National Geographic haben über die Organisation berichtet. Sogar von der NASA erfahre er Anerkennung seiner Arbeit, sagt Bedein. Seine Forschung am Toten Meer habe Relevanz für die Erforschung des Planeten Mars. Denn Wasserproben aus dem Toten Meer zeigen, dass selbst in dem so extrem salzigen Wasser Mikroorganismen leben. Wenn man sie dort antrifft, kann man sie eines Tages vielleicht auch auf dem Mars entdecken, glauben Forscher. „Je besser wir das Tote Meer erkunden, desto mehr begreifen wir, wie es mit verschiedensten Dingen überall auf der Welt zusammenhängt.“

In Dubai hat Bedein eine Arbeitsbeziehung zu einer Schule namens Arbor School aufgebaut, in der die Vermittlung von ökologischem Wissen im Mittelpunkt des Lehrplans steht (zusätzlich zu den gewöhnlichen Unterrichtsinhalten, die die Schüler ebenfalls lernen). Beim Welttag des Wassers 2021 war Bedein in der Schule Gastredner.„Ich habe weiterführende Schulen besucht und konnte die Schüler mit Erzählungen über das Tote Meer begeistern“, sagt er. So könnten junge Erwachsene ermuntert werden, sich für den Schutz des Wassers in ihrem eigenen Land einzusetzen.

Der Besuch in den Vereinigten Arabischen Emiraten inspirierte Bedein zu einem neuen Projekt, das er Middle East Eco Tourism nennt. „Wir haben eine Vision, eine regionale Allianz mit den Ländern des neuen Mittleren Ostens zu schmieden, mit denen wir nun befreundet sind – rund um die Themen nachhaltige Wasserwirtschaft.“ Delegationen sollen dann hin- und herreisen und Erfahrungen austauschen.

Ich frage Bedein, ob es solche Beziehungen auch zu Israels Nachbarland Jordanien gibt, mit dem Israel 1994 einen Friedensvertrag geschlossen hat. Er würde sich das wünschen, antwortet er. Leider gebe es auf Regierungsebene immer wieder Spannungen, die dem entgegenstünden. Er hoffe aber, dass die Vereinigten Arabischen Emirate helfen könnten, auch Israel und Jordanien einander näher zu bringen. Die grossen Probleme des Nahen Ostens könnten nur gemeinsam gelöst werden. Das Austrocknen des Toten Meeres sei ein Beispiel dafür. Ein anderes sei die Trinkwasserknappheit Jordaniens.

Beides hänge eng miteinander zusammen: Die Industrie – Mineralien, die aus dem Toten Meer gewonnen und weltweit verkauft werden – machten nur 30 Prozent des Problems aus, erklärt Bedein. „Der Rest des Problems ist, dass der Zufluss zum Toten Meer ausgetrocknet ist.“ Denn das Tote Meer erhält sein Wasser vom Jordan und dem See Genezareth. Der Jordan könne das Tote Meer mit bis zu einer Milliarde Kubikmeter Wasser pro Jahr versorgen. Auf jordanischer Seite gebe es jedoch über tausend Pumpen, die Wasser für Landwirtschaft und Trinkzwecke abpumpen. „Der Jordan ist fast ausgetrocknet und liefert nur noch zehn Prozent dessen, was möglich wäre“, so Bedein.

Wie könnte eine Lösung aussehen? „Ein seit langem auf dem Tisch liegender Plan sieht vor, im Norden Israels zwei weitere Entsalzungsanlagen zu bauen, die den See Genezareth mit Wasser versorgen könnten. Dann würde man die Dämme zwischen dem Jordan und dem See Genezareth öffnen und das Wasser auf natürliche Weise fliessen lassen.“ Damit das Wasser dort ankommt, müsse es diplomatische Gespräche mit Jordanien geben, mit dem Ziel, die Pumpen am Jordan zu entfernen. „Dies ist eine sehr langfristige Lösung, die durch regionale Zusammenarbeit erfolgen muss“, sagt Bedein. „Daran führt kein Weg vorbei. Deshalb muss Jordanien ein Teil der Lösung sein. Und der Weg, Jordanien in die Arbeit an einem viel grösseren Aspekt des Wassers einzubeziehen – das das wertvollste Gut des gesamten Nahen Ostens ist – besteht in der Zusammenarbeit mit den Vereinigten Arabischen Emiraten.“ Wie Israel seien die Emirate „sehr fortschrittlich“ bei Lösungen und Technologien zur nachhaltigen Wassernutzung. „Bei meinem Besuch in den Vereinigten Arabischen Emiraten war es sehr aufregend zu sehen, wie ein arabisches Land seine Fähigkeiten und Ressourcen für den Aufbau und die Planung einer Zukunft einsetzt. Leider – ich möchte nicht zu politisch werden – ist es in Gaza genau umgekehrt.“ Er sei eine Woche vor dem letzten Gaza-Krieg aus den Emiraten zurückgekehrt, erzählt er. Im Gazastreifen werde das „ganze Geld nicht verwendet, um eine lebenswerte Zukunft aufzubauen“.

Für viele Menschen aus der ganzen Welt, die die Vereinigten Arabischen Emirate besuchten, seien diese eine „Inspiration in Bezug auf Nachhaltigkeit und Ökotourismus“. Zwei Drittel der Länder der Welt werden in diesem Jahrzehnt unter Wasserknappheit leiden. „Die Lösungen kommen aus Israel und können mit Hilfe der Vereinigten Arabischen Emirate die Welt und die Region begeistern. Daran arbeite ich: Gemeinsam mit den VAE den Ökotourismus entwickeln und auf andere Länder des Nahen Ostens auszudehnen. Denn Wasserschutz beginnt mit Bildung.“

Zum Schluss unseres Gesprächs frage ich Noam Bedein, was sein persönliches langfristiges Ziel im Leben ist. „Nicht nur den regionalen Ökotourismus etablieren, sondern auch ein Tor nach Asien werden. Da habe ich angefangen: in Indonesien. Mein Traum ist es, mit diesem Geist in Indonesien anzukommen und diplomatische Beziehungen mit dem grössten muslimischen Land der Welt aufzubauen, um Ökotourismus und Wassernachhaltigkeit voranzutreiben. Das ist mein Traum für die Zukunft.“

Über Stefan Frank

Stefan Frank ist freischaffender Publizist und lebt an der deutschen Nordseeküste. Er schreibt regelmässig über Antisemitismus und andere gesellschaftspolitische Themen, u.a. für die „Achse des Guten“, „Factum“, das Gatestone Institute, die „Jüdische Rundschau“ und „Lizas Welt“. Zwischen 2007 und 2012 veröffentlichte er drei Bücher über die Finanz- und Schuldenkrise, zuletzt "Kreditinferno. Ewige Schuldenkrise und monetäres Chaos."

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