Warum Palästinenser lieber in Israel arbeiten

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Tausende Palästinenser versammeln sich vor der Handelskammer in Deir al-Balah, einer Stadt im Zentrum des Gazastreifens, um eine Arbeitserlaubnis in Israel zu beantragen. 07.10.2021. Foto IMAGO / ZUMA Wire
Tausende Palästinenser versammeln sich vor der Handelskammer in Deir al-Balah, einer Stadt im Zentrum des Gazastreifens, um eine Arbeitserlaubnis in Israel zu beantragen. 07.10.2021. Foto IMAGO / ZUMA Wire
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Viele Palästinenser im von der Terrororganisation Hamas beherrschten Gazastreifen sind begeistert. Die israelischen Behörden haben beschlossen, Tausenden von ihnen zu erlauben, in Israel zu arbeiten. Die Nachricht von der israelischen Entscheidung verbreitete sich wie ein Lauffeuer und veranlasste Zehntausende von Palästinensern, in der Hoffnung auf eine Arbeitserlaubnis in Israel zu den Büros der Handelskammern im gesamten Gazastreifen zu strömen.

von Khaled Abu Toameh

Die Szenen, in denen sich Palästinenser darum drängeln, eine Arbeitserlaubnis in Israel zu erhalten, haben viele Palästinenser und Araber verärgert und in Verlegenheit gebracht, weil viele von ihnen der Meinung sind, dass die palästinensische Führung nicht genug tut, um das Leiden der Palästinenser zu beenden.

Die Tatsache, dass viele Palästinenser verzweifelt versuchen, in Israel zu arbeiten, ist ein Zeichen dafür, dass es der Hamas und der Palästinensischen Autonomiebehörde nicht gelungen ist, die Lebensbedingungen ihres Volkes zu verbessern, obwohl sie enorme Geldsummen aus verschiedenen Quellen erhalten, darunter die USA, die Europäische Union und die UNO.

Anstatt den jungen Menschen und Hochschulabsolventen Beschäftigungsmöglichkeiten zu bieten, beschäftigt sich die Hamas, ein Ableger der Muslimbruderschaft, mit der Anhäufung und Herstellung von Waffen und dem Graben von Tunneln, die für Angriffe auf Israel genutzt werden sollen.

Anstatt Schulen, Krankenhäuser und Industriegebiete zu bauen, investiert die Hamas Millionen von Dollar in die Bewaffnung und Ausbildung ihrer militärischen Einheit, der Izaddin al-Qassam Brigade. Die Hamas gibt das Geld lieber für jene Palästinenser aus, die bereit sind, sich dem Dschihad (heiligen Krieg) gegen Israel anzuschliessen, als für einen arbeitslosen Hochschulabsolventen im Gazastreifen.

Die Hamas hat kein Problem damit, dass Palästinenser im „zionistischen Gebilde“ arbeiten, solange ihre Führer ein luxuriöses Leben in Katar geniessen.

Das einzige Problem, das die Hamas und ihre Unterstützer haben, ist das Auftauchen von Fotos und Videos der verzweifelten Arbeitssuchenden auf verschiedenen Plattformen der sozialen Medien. Der Hamas und ihren Anhängern ist das so peinlich, dass sie nun anfangen, Verschwörungstheorien über die Urheber der Fotos von Palästinensern zu verbreiten, die sich um eine Arbeitserlaubnis in Israel beworben haben.

Der Vorsitzende des Dachverbands der palästinensischen Gewerkschaften, Sami al-Amsi, sagte, dass hinter den Tausenden von Arbeitern vor den Handelskammern im Gazastreifen „bestimmte Gruppen stehen, die nicht unschuldig sind“. Er versucht offenbar, den Eindruck zu erwecken, dass antipalästinensische Parteien Arbeiter geschickt haben um sich um Arbeitsplätze zu bewerben, damit die Palästinenser in Verlegenheit gebracht werden.

Die katastrophale wirtschaftliche Lage im Gazastreifen – 65 % Arbeitslosigkeit und 80 % Armut – sei der Hauptgrund für den „Drang“ der Palästinenser, in Israel zu arbeiten, so al-Amsi.

Statt die Hamas für Arbeitslosigkeit und Armut verantwortlich zu machen, geben al-Amsi und andere Palästinenser aber lieber Israel die Schuld.

Diese Ansicht entspricht der seit langem bestehenden Praxis der palästinensischen Führung, sich ihrer Verantwortung für die Veruntreuung und Nichtregierung zu entziehen, indem sie Israel für alles verantwortlich macht.

Viele Palästinenser und Araber kaufen ihnen diesen Unsinn jedoch nicht mehr ab und wissen genau, wer zu helfen versucht und wer nichts getan hat, um ihr Leiden zu beenden.

Die palästinensische Schriftstellerin Lina Ibrahim schrieb, dass die Szenen der Palästinenser, die in Israel eine Arbeitserlaubnis beantragen, „die Schande“ zeigen, die die Hamas über den Gazastreifen gebracht hat. Neben der hohen Arbeitslosigkeit und den Menschenrechtsverletzungen seien „junge Menschen nicht in der Lage, zu heiraten, weil die Hamas ihr Grundrecht auf Arbeit im Gazastreifen verletzt“.

Die syrische Journalistin und politische Analystin Hoda Jannat postete ein Foto der Palästinenser in einem der Registrierungsbüros zusammen mit dem folgenden Kommentar:

"Dies ist die Handelskammer von Gaza. Tausende von Palästinensern, darunter auch solche mit [akademischen] Abschlüssen, kämpfen um einen Arbeitsplatz in Israel. Ich garantiere Ihnen, wenn Israel ankündigen würde, dass es Arbeitskräfte aus Algerien sucht, würden diese die Sahara [Wüste] zu Fuss durchqueren, um in Israel zu arbeiten und der Hölle zu entkommen, in der sie zu Hause leben."

Ein saudischer Aktivist, Al-Hamoodi4, kommentierte:

"Der Gaza-Streifen muss von der Hamas-Bande befreit werden. Die Wahrheit kommt vor der Weltöffentlichkeit ans Licht. Arbeiter aus dem Gazastreifen bringen ihre Freude über die Erteilung von Arbeitsgenehmigungen in Israel zum Ausdruck. Die Arbeitslosenquote hat 50 % überschritten, die meisten von ihnen sind junge Menschen. Einer von ihnen sagte, dass er die ganze Nacht nicht schlafen konnte, nachdem er die Nachricht [dass Israel Arbeiter aufnimmt] gehört hatte."

Yaseen Izeddeen, ein palästinensischer Aktivist aus dem Gazastreifen, schrieb hingegen, dass die Szenen, in denen sich Tausende von Palästinensern um einen Arbeitsplatz in Israel bewerben, „inakzeptabel“ seien.

"Wie sollen wir unser Land befreien, wenn wir die Strassen der Siedler fegen, ihre Unterwäsche waschen und ihre Siedlungen bauen? Ich habe erwartet, dass die Hamas die [palästinensischen] Arbeiter im Westjordanland auffordert, nicht mehr in Israel zu arbeiten, und den Menschen im Gazastreifen keine Genehmigungen erteilt!"

Interviews mit einigen der armen Arbeitssuchenden zeigten die traurige Realität des Lebens unter der Hamas.

„In den letzten 15 Jahren hatten wir keine Arbeit, kein Einkommen“, sagte ein Arbeiter.

„Im Gazastreifen gibt es keine Arbeit, kein Leben, ich habe erwachsene Kinder, und ich kann sie nicht verheiraten“, sagte ein anderer Arbeiter.

Ein Beamter der Handelskammer in Gaza-Stadt, der namentlich nicht genannt werden möchte, sagte, dass am ersten Tag der Registrierung mehr als 10.000 Personen eine Arbeitserlaubnis für Israel beantragt hätten. Er rechnet damit, dass sich die Zahl in den kommenden Tagen verdoppeln wird. Tausende andere haben in anderen Registrierungszentren in verschiedenen Teilen des Gazastreifens Anträge gestellt.

Auch die Palästinensische Autonomiebehörde unter der Leitung von Mahmoud Abbas trägt die Verantwortung für das, was viele als wirtschaftliche und humanitäre Krise im Gazastreifen bezeichnen. Vor vier Jahren verhängte Abbas eine Reihe von Sanktionen gegen den Gazastreifen, in der Hoffnung, dass sich die Palästinenser dort gegen die Hamas auflehnen würden. Er strich Tausenden von Staatsbediensteten die Gehälter und stellte die Finanzhilfe für viele verarmte Familien ein. Ausserdem trug er durch die Entlassung zahlreicher Beamter zum Anstieg der Arbeitslosenquote bei.

Die wiederholten Appelle der Hamas und anderer Palästinenser, die Sanktionen aufzuheben, wurden von Abbas und anderen Mitgliedern der internationalen Gemeinschaft ignoriert. Warum sollten viele internationale Parteien Abbas und die Palästinensische Autonomiebehörde für ihre Verbrechen verantwortlich machen, wenn sie die Schuld bequem auf Israel abwälzen können?

Die verzweifelten Palästinenser, die jetzt Schlange stehen, um in Israel zu arbeiten, sind die Opfer einer gescheiterten palästinensischen Führung. Sie sind Opfer der Korruption und Inkompetenz der Palästinensischen Autonomiebehörde und der Hamas.

Diese Palästinenser sind auch die Opfer des anhaltenden Konflikts zwischen den beiden rivalisierenden Parteien, eines Konflikts, der den Palästinensern zwei getrennte Ministaaten im Westjordanland und im Gazastreifen beschert hat. Palästinensische Führer, die tagtäglich zur Gewalt gegen Israel aufrufen, haben kein Problem damit, Israel anzuflehen, Palästinensern zu erlauben, in Israel zu arbeiten.

Eine letzte Frage: Wo bleibt die Verantwortung der arabischen Länder gegenüber ihren palästinensischen Brüdern? Warum öffnet zum Beispiel Ägypten nicht seine gemeinsame Grenze mit dem Gazastreifen, damit die Palästinenser nach Ägypten kommen und dort arbeiten können? Warum erlauben die arabischen Regierungen den Palästinensern, die an Israels Tür klopfen und um Hilfe bitten, nicht, in die arabischen Länder zu gehen und dort zu arbeiten?

Darauf gibt es leider nur eine Antwort: Die Araber wollen, dass die Palästinenser Israels Problem bleiben. Wenn sich die palästinensischen Führer nicht einmal um ihr eigenes Volk kümmern können, warum sollte dann ein arabischer Herrscher aufstehen?

Israel scheint die einzige Hoffnung für die hungernden Arbeiter im Gaza-Streifen zu sein, die nicht nur von ihren Führern, sondern auch von ihren arabischen Brüdern im Stich gelassen wurden.

Khaled Abu Toameh ist ein preisgekrönter arabisch-israelischer Journalist und TV-Produzent. Auf Englisch zuerst erschienen bei Gatestone Institute. Übersetzung Audiatur-Online.

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