«Das Buch Alice» – Über den Diebstahl geistigen Eigentums von jüdischen Autoren

Die Historikerin Karina Urbach thematisierte vor einem Jahr am Fall ihrer Grossmutter Alice Urbach den Diebstahl geistigen Eigentums von jüdischen Autoren. Seitdem ist Bewegung in dieses Thema gekommen.

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Das Buch Alice. Foto IMAGO / teutopress
Das Buch Alice. Foto IMAGO / teutopress
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Josef Löbel (1882-1942) war der Eckart von Hirschhausen seiner Zeit. Als Arzt, Schriftsteller und Journalist galt er als Meister der humorvollen Wissensvermittlung, sagt die Historikerin Karina Urbach. Sein grösster Erfolg: Knaurs Gesundheitslexikon. Warum sein Name heute völlig unbekannt ist? Sein Bestseller wurde von einem „arischen“ Arzt gestohlen, der auch das Buch eines anderen jüdischen Autors „übernahm“, wie Urbach erklärt.

von Christiane Laudage

Sein Fall hat sie nach eigenen Wortten am meisten bewegt. Seit sie vor einem Jahr mit „Das Buch Alice“ auf den Diebstahl geistigen Eigentums von jüdischen Autoren aufmerksam machte, haben ihr Kollegen von anderen Fällen erzählt, denen sie nachgegangen ist, wie Urbach erzählt.

Von Josef Löbel berichtete ihr der Medizinhistoriker Peter Voswinckel. Er fand heraus, dass Löbels Gesundheitslexikon von einem Peter Hiron übernommen worden sei, hinter dem sich das NSDAP-Mitglied Herbert Volkmann verborgen habe. In der aktualisierten Neuauflage ihres Buches schildert Urbach, dass Volkmann/Hiron auch das Buch eines anderen jüdischen Autors „übernahm“. Dieser „arische“ Mediziner baute dann seine ganze Nachkriegskarriere auf den gestohlenen Büchern auf, während die jüdischen Autoren beide Suizid begingen, so Urbach.

Ähnliche Fälle habe es auch bei den Juristen gegeben, sagt sie. Da hat sich was getan. Der Verlag C.H. Beck gab Ende Juli bekannt, dass juristische Standardwerke nicht mehr länger nach NS-Juristen benannt würden. Seit mehreren Jahren stand der C.H. Beck Verlag in der Kritik, weil Juristen und Wissenschaftler auf die Verstrickung der Namensgeber in den Nationalsozialismus hingewiesen hatten. Zuletzt kam auch Druck aus der Politik.

Was ihre Grossmutter Alice Urbach (1886-1983) betraf, deren Kochbuch „So kocht man in Wien!“ schon 1938 nach dem „Anschluss“ Österreichs „arisiert“ wurde, konnte die Historikerin Urbach eine späte Wiedergutmachung erreichen. Im Dezember 2020 gab der Ernst Reinhardt Verlag nicht nur die Rechte an Karina Urbach zurück, er legte auch eine limitierte, nicht frei verkäufliche Neuauflage des Koch- und Haushaltsbuchs auf, jetzt wieder mit dem korrekten Autorennamen Alice Urbach.

„Alice Urbach hat nach dem Krieg darunter gelitten, dass ihr Werk nicht mehr in der Originalfassung mit ihrem Namen erschienen ist. Wir bewerten das damalige Verhalten des Verlages als moralisch nicht vertretbar“, teilte der Ernst Reinhardt Verlag damals mit. Karina Urbach erhielt in Kopie 18 Briefe, die ihre Grossmutter in den 1950er Jahren an den Verlag schrieb.

„Es sind sehr höfliche Briefe“, konstatiert Urbach und sagt, dass ihre Grossmutter darin um die Rückgabe ihrer drei Werke gebeten habe. „Das war eine weitere Überraschung. Ich hatte bis zu diesem Zeitpunkt keine Ahnung, dass Alice neben ihrem grossen Koch- und Haushaltsbuch ‚So kocht man in Wien!‘ noch zwei weitere Manuskripte geschrieben hatte.“ Der Verlag habe diese Bücher dann alle unter dem „arischen“ Autorennamen Rudolf Rösch veröffentlicht, so Urbach.

Alice Urbach gelang es noch rechtzeitig, Wien in Richtung England zu verlassen, mit einem Exemplar ihres Kochbuchs in der Tasche. Drei ihrer Schwestern starben während des Holocaust. 1946 emigrierte Alice Urbach in die USA zu ihren Söhnen. Der Verlust ihres Kochbuchs lag bis zu ihrem Lebensende schwer auf ihrer Seele.

Ihre Grossmutter Alice Urbach steht auch im Mittelpunkt einer Dokumentation für den deutsch-französischen Fernsehsender Arte, die Anfang 2022 gesendet werden soll. Karina Urbach sagt, darin gehe es um geraubte Bücher, „aber auch um Alices abenteuerliches Leben von Wien über England nach Amerika.“ In England hat Alice Urbach dann ein Heim für jüdische Flüchtlingskinder geleitet, das, wie sich nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges herausstellte, eigentlich ein Waisenhaus war.

„Es war für mich ein besonderer Moment, eines dieser jüdischen Kinder zu interviewen“, erzählt Urbach. „Ihr Name ist Alisa, und sie ist mittlerweile 92 Jahre alt. Sie sagte mir, sie habe drei wichtige Dinge von Alice gelernt: Selbstständigkeit, Respekt für andere und ein sehr gutes Rezept für Hefekuchen.“

KNA/lau/lwi

Karina Urbach, Das Buch Alice. Wie die Nazis das Kochbuch meiner Grossmutter raubten, Berlin 2021, Ullstein Taschenbuch, 464 Seiten, 12,99€ - ab 18. Oktober erhältlich. Karina Urbach stellt am 21. Okober um 19.30 Uhr in der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt am Main das aktualisierte Buch vor. Anmeldung unter: exilarchiv-veranstaltungen@dnb.de.

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