Antisemitismus im Deutsch-Rap allgegenwärtig

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Symbolbild. Graffittischriftzug in Karlsruhe. Foto IMAGO / Enters
Symbolbild. Graffittischriftzug in Karlsruhe. Foto IMAGO / Enters
Lesezeit: 8 Minuten

Die Texte des Deutsch-Rap beinhalten oft antisemitische Vorurteilen und Hetze. Valentin Goldbach hat sich mit dem Thema auseinandergesetzt. Der Student der Kulturwissenschaften an der Universität Bremen schreibt an seiner Masterarbeit zum Thema „Deutschrap als Subjektivitätsstrategie. Ein Versuch einer ethno-psychoanalytischen Begriffsfindung“. Anlässlich des Fachforums: „Verschwörungsmythen – Graubereiche und ihre Schnittstellen zum Antisemitismus, haben wir ihn gefragt, wie schlimm das Phänomen wirklich ist.

Audiatur-Online: Was hat Dich zu dem Thema gebracht?

Valentin Goldbach: Millionen von Menschen hören Deutsch-Rap, vor allem Jugendliche, und daher bekommt es eine enorme Relevanz. Ausserdem ist es ein riesiges Konsumfeld. Auch viele Menschen in meinem Umfeld hören Deutsch-Rap, und auch wenn sie einen Bezug zu politischer Bildungsarbeit haben und die Texte dieser Musik kritisch sehen, können viele trotzdem sofort einen kompletten 12-Minuten Song von Bushido auswendig wiedergeben. Menschen in meinem Alter sind einfach mit dieser Musik aufgewachsen. Ich hatte zunächst Religionswissenschaften studiert, und daher hatte ich auch im Studium der Kulturwissenschaften einen religiösen Blick auf die Themen. Mich fasziniert, wie Religion ein System der Welterklärung sein will. Auch im angeblich areligiösen Zeitalter haben die Menschen ihre Religionen. Man muss sich nur einmal in ein Fussballstadion setzen, egal in welcher Stadt.

Welche Verbindung gibt es zwischen Rap und Religion?

Das zeigt ganz gut ein Song von „Fler“, „Warum bist du so“ Er gedenkt darin eines Sozialarbeiters in Berlin, der ermordet wurde. Darin heisst es: „Du hattest viele Pläne, HipHop war die Religion.“ Wenn man Religion betrachtet als System, das den Alltag erträglicher machen soll und in dem es nicht unbedingt eine Gottheit braucht, dann kann ein Vegetarismus, der dir sagt, was du essen darfst und was nicht, einen religiösen Aspekt haben. Religion ist eine Entscheidung für eine bestimmte Lebensweise. Denn die Welt ist zu komplex, um sie einfach so verarbeiten zu können. Da liegt die Nähe zum Rap oder Hip Hop. Zu dem gehört nicht nur die Musik, sondern das DJing, das Breakdancing, Grafitti und die Mode. Für viele 13-Jährige gehört zur Musik, die sie hören, eine ganz bestimmte Hose und eine ganz bestimmte Jacke dazu.

„Das sozialpädagigische Milieu in den 90er Jahren war antiamerikanisch und antiimperialistisch“

Viele deutsche Rapper bekennen sich zum Islam. Gibt es da einen besonderen Zusammenhang?

Es gab beim Hip Hop immer schon eine enge Verbindung zu politischen Strömungen, etwa zu den Black Liberation Movements. Denn diese Musik wurde mehrheitlich von Schwarzen in Amerika gemacht, von Latinos, und auch einige Juden waren dabei. Die Kultur kam aus den sozial schwachen Bezirken, und die waren damals mehrheitlich von Schwarzen bewohnt. Im Hip Hop gab es dann Anleihen an Malcolm X und seine Islam-Bezüge; es gab positive Bezüge auf Muhammad Ali, den starken kämpfenden schwarzen Mann, der sich gegen Rassismus zur Wehr setzt. Es gab diverse Bezüge zu Black Islamist Movements. In Deutschland wiederum gab es zwar keine so grosse schwarze Minderheit in der Bevölkerung, aber es gab viele Einwanderer aus der Türkei, aus dem Iran, Afghanistan und den nordafrikanischen und arabischen Ländern. Die Legitimation, Hip Hop zu machen, kam über das Ghetto, und es entstanden Bezüge auf die Gegenden der Sozialwohnungen. Ab den Nullerjahren war besonders Bushido wichtig, der sich etwa selbst als der „Erste Kanacke auf dem Bravo Cover“ bezeichnete. Ausserdem war das deutsche Rappen zunächst im linken Mittelschichtsmillieu beliebt. Jugendzentren waren da sehr wichtig, die den Jugendlichen einen Raum geboten haben. Und es ist ja kein Geheimnis, dass das sozialpädagogische Milieu in den 90er Jahren sehr stark antiamerikanisch und antiimperialistisch eingestellt war. Da tauchen Bezüge zum Islam als vom amerikanischen Kulturimperialismus unterdrückte Religion und Antizionistisches auf. Es gibt von „Freundeskreis“ eine Textzeile aus dem Jahr 1999, da heisst es: „Nehmt Ministern die Diäten, dass sie fasten wie an Ramadan, bald werden Köpfe rollen weil jetzt andere an die Töpfe wollen, auch aus dem Vollen schöpfen, wollen ihr’n Tribut nicht falschen Götzen zollen.“

„Antizionismus gehört zur Inszenierung von Unterdrücktsein“

Kannst Du weitere Beispiele nennen?

Es gibt von den „Beginnern“ aus dem Anfang der 90er ein Lied, das heisst „Dies ist nicht Amerika“, wo sie rechtfertigen wollen, warum sie auf Deutsch rappen, und in dem es eine merkwürdige Abgrenzung von den USA gibt. Dabei sind sie ja selbst eigentlich auf den amerikanischen Kulturimperialismus hereingefallen, sonst wären sie keine Hip Hopper. Nebenbei: Jan Delay hatte eine zeitlang die grösste Nike Air-Sammlung Europas. Dann gibt es einen projektiven Abspaltungsmechanismus, da bediente man sich antisemitischer Momente, wo man zwischen dem Guten und dem Schlechten unterscheiden wollte. Auf der einen Seite das böse Kapital, auf der anderen Seiten die Unterdrückten, und da das Feindbild die USA sind, wäre es unnatürlich, in Deutschland auf Englisch zu rappen. Daher kommen viele Begriffe aus dem antisemitischen, deutsch-nationalen Denken.

Bei „Freundeskreis“ geht es viel um den Unterschied zwischen dem raffenden Kapital der Musikkonzerne und der eigenen, „echten“ Musik. Das setzt sich fort, Bushido etwa stellte klar, als „Schwarzkopf“ könne er nicht auf der Seite von Israel und den USA stehen. Weiter setzte sich diese Phänomen fort bis zum Gangsta-Rap, in dem es um Provokation geht. Dort gibt es offen antisemitische Songs, die mit Verschwörungsmythen und Antizionismus spielen. Antizionismus gehört einfach zur Inszenierung von Unterdrücktsein. Man muss unterdrückt sein, um Hip Hop machen zu können, man muss marginalisiert sein. Und zur Front der Marginalisierten, die bei vielen immer mitkonstruiert wird, gehört eben auch „Palästina“. Deswegen gehört der Antizionismus dort zum festen Bestandteil. Anfang dieses Jahres sah man, dass alle Rapper, von Sido bis Eko Fresh, bei einer „Free Palestine“-Bewegung mitmachten.

Aber wo ist der Begegnungspunkt von jemanden, der beispielsweise in Berlin Wedding wohnt, mit Israel?

Antizionismus ist innerhalb von vielen islamischen Ländern quasi Staatsideologie geworden Die Unfähigkeit, die eigene Bevölkerung zu versorgen, löst man mit Antizionismus auf, in dem man in Israel einen Sündenbock installiert. Da ist der Iran das beste Beispiel, in dem es den Menschen nicht gut geht, aber in dem durch Hass auf Israel ein Zusammenhalt erzeugt wird. Andererseits ist es die Geschichte des linksdeutschen Antizionismus, der sich 1967 beim Sechstagekrieg wie später die RAF auf die Seite der Feinde Israels stellte. Bei der Suche nach einem Sündenbock sucht man ja nach etwas, was nicht wirklich greifbar ist. Man braucht die Strippenzieher, die irgendwie da sind, aber dann doch nicht greifbar sind. Da bietet sich die jüdische Gemeinschaft an, weil sie auf der ganzen Welt zerstreut und irgendwie überall und nirgendwo zu Hause zu sein scheint.

Valentin Goldbach, Antisemitismus im Deutsch-Rap.

Antisemitismus gehört also im Deutsch-Rap irgendwie wie eine Mode einfach dazu?

Adorno und Horkheimer sprechen von einem Ticket-Denken: Man schliesst sich einer Sache an und löst damit ein Ticket, und darauf stehen auch andere Sachen drauf. Selbst bei Leuten aus der Rapper-Szene, die sich selbst eigentlich gar nicht so aktiv äussern, tauchen in irgendwelchen Zeilen dann plötzlich Bilder auf, die dieser Gedankenwelt entlehnt sind.

Hast Du noch weitere Beispiele?

Ein Beispiel, das viele mitbekommen haben, war die Echo-Verleihung an Kollegah und Farid Bang. Der Streit ging um die Textzeile „Mein Körper ist definierter als der von Auschwitz-Insassen“. Diese Zeile stammte von Farid Bang. Ich finde diese line geschmacklos, aber sie hätte auch von geschmacklosen Rappern ohne antisemitisches Weltbild gedropt (gesungen, Anm. d. R.) worden sein. Wirklich vielsagender sind Kollegas Videos auf Facebook. Darin gibt es immer wieder seine Erzählung von ihm als Helden, der sich gegen das Unrecht der Welt stellt. Das waren immer fiktive Erzählungen, die das Böse darzustellen versuchen und sich der antisemitischen Bilder bedienen. Da ging es etwa um die „Neue Weltordnung“ (NWO), das allsehende Auge, also die Illuminaten, in einem Video tauchte sogar eine Hakennase auf, es geht um Rothschild, die Bilderberger und so weiter. Das findet sich auch bei „Prinz Pi“ alias „Prinz Porno“.

Ein anderes Beispiel ist Antizionismus, der sich nicht so sehr in den Rap-Texten äussert, sondern eher in den Sozialen Medien. Der Rapper Mc Bogy hat dort etwa behauptet, er habe seinen Job wegen des jüdischen Rappers Ben Salomon verloren, weil der seine angeblichen Kontakte zu den Chefs von MTV habe spielen lassen – eine klassische Verschwörungstheorie.

Im Deutschrap wird das Bild vom Mann als Einzelkämpfer propagiert, der gegen die Zumutungen der Moderne kämpft. Das steht im direkten Zusammenhang mit den Rechten und der Identitären Bewegung.

Wie gefährlich ist das Phänomen?

Es ist gefährlich. Wenn jemand wie Kollegah das Coaching-Programm „Alpha Mentoring“ anbietet und wenn man sich anschaut, wie der frauenverachtende Diskurs der Incels (freiwllig alleinstehende junge Männer) den gegenwärtigen Rechtsterrorismus mitgeprägt hat, dann sieht man ideologische Schnittmengen, auch zum islamistischen Terrorismus. Es gibt diese Radikalisierung, man sah sie etwa bei Deso Dogg, der nach Syrien geflogen ist, um für den Islamischen Staat zu kämpfen. Aber Deutsch-Rap ist da natürlich nur ein Teilfaktor; es sind Individuen, die sich aus vielen unterschiedlichen Gründen für Gewaltanwendung entscheiden. Man macht es sich zu einfach, sowohl wenn man sagt: Das ist die eine Ursache, als auch, wenn man sagt: Das hat damit nichts zu tun. Wenn in der Musik aber die Gewalt omnipräsent ist, gewöhnt man sich irgendwann daran.

Was kann man dagegen tun? Und wer tut etwas dagegen?

Ben Salomon, ein jüdischer und israelischer Rapper, tut viel gegen das Phänomen. Ausserdem gibt es diese Organisation „Artists against antisemitism“, die im Mai ins Leben gerufen wurde. Darin ist Babsi Tollwut sehr engagiert. Was aber das Wichtigste ist: Man muss das Phänomen überhaupt erst einmal verstehen. Viele Ansätze aus der Sozialarbeit werden dem Problem meiner Meinung nach nicht gerecht, weil sie Antisemitismus nur als Reaktion auf eine gescheiterte Integration sieht. Die Wut ist nach diesem Ansatz eigentlich legitim, sie muss nur anders kanalisiert werden. Das zeigt, dass man Antisemitismus nicht ganz verstanden hat. Man sollte sich vorher konkret mit dem Problem auseinandersetzen: Was ist Rap überhaupt, wie funktioniert Deutsch-Rap, was hat da bereits Nähe zum Antisemitismus?

Vielen Dank für das Gespräch!

Jörn Schumacher arbeitet als freier Journalist und lebt in der Nähe von Münster. Er hat Linguistik, Philosophie und Informationswissenschaft studiert und war viele Jahre Redakteur beim deutschen Webportal Israelnetz und beim Christlichen Medienmagazin pro.

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