Umfrage zeichnet ein beunruhigendes Bild des Antisemitismus in Europa

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22. Mai 2021: Demonstranten setzen eine israelische Flagge in Brand, als sie sich in der Nähe der israelischen Botschaft in Kensington, im Zentrum Londons versammeln. Unter den teilnehmenden Gruppen waren Sektionen der National Education Gewerkschaft, die Palestine Solidarity Campaign, Palestine Action und Stop The War Coalition. Foto IMAGO / VXPictures.com
22. Mai 2021: Demonstranten setzen eine israelische Flagge in Brand, als sie sich in der Nähe der israelischen Botschaft in Kensington, im Zentrum Londons versammeln. Unter den teilnehmenden Gruppen waren Sektionen der National Education Gewerkschaft, die Palestine Solidarity Campaign, Palestine Action und Stop The War Coalition. Foto IMAGO / VXPictures.com
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Eine aktuelle Umfrage in 16 europäischen Ländern wurde anlässlich der Community Leaders Conference der European Jewish Association (EJA) am Dienstag veröffentlicht und kommt zu einem überraschenden Ergebnis. Die Zahl der „Gewalttaten“ gegen Juden und „das Ausmass der antijüdischen Stimmung“ in den meisten EU-Ländern stimmen „im Wesentlichen nicht überein“.

Um antisemitische Einstellungen zu untersuchen, wurden die Befragten in der vom Meinungsforschungsinstitut Ipsos und der ungarischen Action and Protection League durchgeführten Umfrage gefragt, ob sie es für das Beste hielten, „wenn Juden dieses Land verlassen würden“. In jedem der 16 untersuchten Länder wurden insgesamt 1.000 Erwachsene befragt.

In Ländern wie Polen, Griechenland und Ungarn, in denen es jedes Jahr nur sehr wenige gewalttätige antisemitische Übergriffe gibt, war die Zahl der Befragten, die diese Frage mit Ja beantworteten, mit 24 %, 23 % bzw. 21 % höher als in den meisten anderen Ländern.

In Deutschland hingegen, wo im vergangenen Jahr eine Rekordanzahl von 2.351 Übergriffen registriert wurde, lehnten 62 % der Befragten die Frage ab, und nur 7 % stimmten ihr zu. Ähnliche Trends wurden in Frankreich beobachtet, wo 2019 insgesamt 687 antisemitische Vorfälle registriert wurden, und im Vereinigten Königreich, wo im vergangenen Jahr 1.668 antisemitische Vorfälle dokumentiert wurden.

„Es ist ein komplizierter Bericht, der eine differenzierte Betrachtungsweise erfordert“, sagte Slomo Koves, ein ungarischer Rabbiner und Gründer der Action and Protection League.

Zu den weiteren beunruhigenden Ergebnissen der Umfrage gehören:

  • Fast ein Drittel der Befragten in Österreich, Ungarn und Polen sagte, dass Juden niemals in der Lage sein werden, sich vollständig in die Gesellschaft zu integrieren.
  • Fast ein Drittel stimmte zu, dass es ein geheimes jüdisches Netzwerk gibt, das die politischen und wirtschaftlichen Angelegenheiten in der Welt beeinflusst.  (Rumänien – 29 %; Frankreich – 28 %; Tschechische Republik – 23 % ).
  • In Spanien sagten 35 %, Israelis verhielten sich gegenüber den Palästinensern wie Nazis; 29 % sagten dasselbe in den Niederlanden; und 26 % stimmten dieser Aussage in Schweden zu.
  • In Lettland sagte etwas mehr als ein Drittel – 34 % -, dass Juden die Opferrolle des Holocaust für ihre eigenen Zwecke ausnutzen; in Deutschland stimmten 23 % und in Belgien 22 % dieser Aussage zu.
  • Ein Viertel aller Befragten stimmte der Aussage zu, dass die Politik Israels sie verstehen lässt, warum manche Menschen Juden hassen.

„Juden in ganz Europa müssen ihren Regierungen und auf EU-Ebene konkrete Aktionspläne vorschlagen“, sagte Rabbi Shlomo Koves, Initiator der Umfrage. „Wir müssen unser Schicksal selbst in die Hand nehmen, wenn wir wollen, dass unsere Enkelkinder in 20-50 Jahren noch in Europa leben können.“erklärte Shlomo Koves anlässlich der Präsentation der Umfrage und fügte hinzu, dass man zunächst ein klares Verständnis der gegenwärtigen Situation brauche, das auf seriöser Forschung beruht, um dann konkrete Massnahmen zu ergreifen. In einem nächsten Schritt müsse ein unabhängiges Monitoring antisemitischer Übergriffe in den Mitgliedsstaaten initiiert werden, in denen es noch kein solches gibt. „Bildung und gesetzgeberische Massnahmen sowie Strafverfolgungsmassnahmen sind definitiv ein Schlüssel zu unserem Überlebenskampf“, so Rabbi Shlomo Koves.

Joel Mergui, der Präsident des Consistoire, einer grossen französisch-jüdischen Gemeindeorganisation, die an der Veröffentlichung der Studie mitgewirkt hat, sagte: „Obwohl die europäischen Institutionen und Politiker erhebliche Mittel aufwenden und keine Mühe scheuen, um den Antisemitismus zu bekämpfen, verbessert sich die Situation in Europa nicht. Schlimmer noch, sie verschlechtert sich“.

Die Umfrage wurde von der Action and Protection League, einer Partnerorganisation der European Jewish Association, in Auftrag gegeben und in Zusammenarbeit mit IPSOS SA unter der Leitung von Professor András Kovács von der Central European University durchgeführt.

Die Untersuchung soll einen detaillierten Überblick über die Verbreitung antisemitischer Einstellungen in der europäischen Bevölkerung insgesamt und in den einzelnen Ländern Europas bieten. Die Umfrage basiert auf den Antworten auf 70 Fragen und Folgebefragungen von 1.000 Personen in 16 EU-Ländern mit bedeutenden jüdischen Gemeinden: Österreich, Belgien, Tschechische Republik, Frankreich, Deutschland, Griechenland, Ungarn, Italien, Lettland, Niederlande, Polen, Rumänien, Slowakei, Spanien, Schweden und Vereinigtes Königreich.

Gesamte Umfrage als PDF (englisch).

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