Kann jetzt das jüdische Leben in Europa wieder „aufblühen“?

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Symbolbild. Chanukka-Fest mit Eröffnungsfeier des Neuen Jüdischen Zentrums Chabad, Opernplatz, Frankfurt am 17.12.2017. Foto IMAGO / Michael Schick
Symbolbild. Chanukka-Fest mit Eröffnungsfeier des Neuen Jüdischen Zentrums Chabad, Opernplatz, Frankfurt am 17.12.2017. Foto IMAGO / Michael Schick
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Die Europäische Kommission, die Exekutive der Europäischen Union, hat letzte Woche eine Neun-Jahres-Strategie zur Bekämpfung des Antisemitismus und zur Förderung des jüdischen Lebens in den 27 Mitgliedsstaaten vorgestellt. Bereits wenige Stunden nach der Veröffentlichung wurde das Strategiepapier von führenden jüdischen Organisationen gelobt. Der Vorsitzende des Europäischen Jüdischen Kongresses (EJC), Moshe Kantor, bezeichnete das 26-seitige Dokument als „beispielloses und wichtiges Dokument, das als Fahrplan zur deutlichen Reduzierung des Antisemitismus in Europa und darüber hinaus dienen wird“.

von Ben Cohen

Ist ein solcher Optimismus gerechtfertigt? Eine Antwort auf diese Frage kann wohl erst im Jahr 2030 gegeben werden, wenn die verschiedenen Programme und Initiativen, die jetzt von der Kommission auf den Weg gebracht werden, einer gründlichen Bewertung unterzogen werden. Aber man kann sagen, dass die Strategie einige ermutigende Ideen enthält, dass ihr Verständnis dessen, was Antisemitismus ausmacht, nuanciert und differenziert ist, und dass das Team hinter der Strategie – ich denke dabei insbesondere an Katharina von Schnurbein, die Koordinatorin der Kommission für die Bekämpfung des Antisemitismus – sich zutiefst dafür einsetzt, den ältesten Hass der Welt auf dem Kontinent auszurotten, der ihm den fruchtbarsten Boden bietet.

Die Arbeitsdefinition der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA) für Antisemitismus bildet die Grundlage für die Bewertung der Situation in Europa durch die Kommission und die moralischen und rechtlichen Verpflichtungen der Mitgliedstaaten, wenn es darum geht, jüdisches Leben in der EU zu schützen. Insgesamt zählen die jüdischen Gemeinden in der EU 1,5 Millionen Menschen (die Anzahl hat sich durch den Brexit um 300.000 verringert). Es sind diese Menschen und diese Gemeinden, die die Kommission – wie ihre Präsidentin Ursula von der Leyen es ausdrückte – „wieder aufblühen“ sehen möchte.

Darüber hinaus wird in der Strategie anerkannt, dass Israel ein „wichtiger Partner“ der EU ist, auch im Kampf gegen Antisemitismus, und es wird kein Zweifel daran gelassen, dass die Art von Äusserungen über Israel, die man auf Universitätsgeländen in der EU wie auch in den USA hört – dass der jüdische Staat ein „rassistisches Unterfangen“ sei und dass Juden überall die Verantwortung für seine angeblichen Verbrechen trügen – unter die Rubrik Antisemitismus fallen.

Auch das ist ein bedeutender Fortschritt, denn das war sicher nicht immer so. Vor genau 41 Jahren wurden bei einem von palästinensischen Terroristen verübten Anschlag auf die Synagoge in der Rue Copernic in Paris vier Menschen getötet und 46 verwundet. Der damalige französische Premierminister Raymond Barre verurteilte das, was er einen „abscheulichen“ Anschlag nannte, der „Juden auf dem Weg zur Synagoge“ galt und „unschuldige Franzosen beim Überqueren der Rue Copernic“ traf. Als er diese Unterscheidung zwischen „Juden“ und „Franzosen“ vornahm, sprach Barre nicht in einem Vakuum. Viele seiner Kollegen sahen das genauso, und auch in den Regierungskreisen der europäischen Länder im Allgemeinen und in den Aussenministerien im Besonderen gab es ähnlich antisemitische Gefühle, und fast alle hätten sich in einer Zeit, in der der Einfluss der arabischen Öl-Lobby sehr gefürchtet war, dagegen gesträubt, Israel als „wichtigen Partner“ zu bezeichnen.

Die Strategie der Kommission zeigt, dass derartige Vorurteile in der gegenwärtigen Denkweise der Führungsgremien der EU keinen Platz haben. Die zahlreichen Friedensabkommen, die im letzten Jahr zwischen Israel und mehreren arabischen Staaten geschlossen wurden, haben diesen Prozess sicherlich gefördert, da es nun keinen Block arabischer Staaten mehr gibt, den die EU in der Israel-Frage besänftigen muss.

Die Tatsache, dass die EU nun viel besser weiss, was Antisemitismus ist und wie man ihn erkennen kann, wird jedoch leider nicht zu dem drastischen Rückgang des Antisemitismus führen, den sich die Autoren der Strategie erhoffen. Das bedeutet keineswegs, dass die Bildungsprogramme, die Schulungen zur Bekämpfung von Hasskriminalität, die Projekte zur Erinnerung an den Holocaust und die jüdischen Lebenserfahrungen, die im Rahmen der Strategie in den nächsten neun Jahren durchgeführt werden sollen, wertlos sind. Aber keine nationale Regierung und keine transnationale Einrichtung kann die Geschehnisse in einer freien Gesellschaft vollständig kontrollieren.

Wie die COVID-19-Pandemie auf anschauliche Weise zeigt, hat sich der Antisemitismus alter Prägung, der Juden als Brunnenvergifter darstellt, mit einem sehr viel neueren Antisemitismus zusammengetan, der sich die Sprache und die Bilder des Holocausts zu eigen macht, um für die Verweigerung von Impfungen zu plädieren. Hinzu kommt, dass im Mai und Juni dieses Jahres die Länder der EU und auch das Vereinigte Königreich von pro-palästinensischen Demonstrationen erschüttert wurden, bei denen Juden offen verunglimpft wurden und antisemitische Vorfälle sprunghaft anstiegen.

Wie die Kommission in ihrer Strategie sehr gut erkannt hat, ist die Massenkommunikationstechnologie entscheidend für die Aufrechterhaltung der antisemitischen Denkmuster, die wir in physischer Form auf den Strassen sehen. In den nächsten zehn Jahren wird diese Technologie immer ausgefeilter und überzeugender werden und die Menschen dazu bringen, noch mehr Zeit online zu verbringen, und zwar in Kontexten, die durch Virtual-Reality-Tools verbessert werden. In der sich herauskristallisierenden neuen Version des Internets werden sich Antisemiten neue Möglichkeiten bieten, sich zu profilieren und die Doktrin zu verbreiten, dass immer dann, wenn eine Krise auftritt – eine Pandemie, ein Krieg im Nahen Osten, ein Krieg ausserhalb des Nahen Ostens, ein Staatsbankrott, ein Börsencrash – die Juden die Schuld tragen.

Werden Ausflüge mit Teenagern zu Synagogen, jüdischen Museen und Konzentrationslagern in der Lage sein, mit den entgegengesetzten Botschaften zu konkurrieren, die online verbreitet und vielleicht von Freunden oder der Familie verstärkt werden? Wird die Erinnerung an den jüdischen Beitrag zu ihrer Kultur die normalen Europäer vor den antisemitischen Botschaften schützen, die sie im Internet und auf dem Handy sehen, oder vor pro-palästinensischen Demonstranten, die zum Boykott israelischer Produkte vor den örtlichen Supermärkten aufrufen, oder vor Impfgegnern in KZ-Uniformen?

Vermutlich nicht, könnte man meinen. Die bisherigen Anzeichen deuten darauf hin, dass die 2020er Jahre ein Jahrzehnt werden, das von einer zunehmenden Spaltung der europäischen Gesellschaften geprägt sein wird, insbesondere unter den vielen politischen Parteien und Wählern, die ohnehin nichts mit der EU zu tun haben wollen. Antisemitismus gedeiht in gespaltenen Gesellschaften. Mit der Veröffentlichung der Kommissionsstrategie können wir also sagen, dass sich die EU verändert hat, aber wir sollten nicht davon ausgehen, dass ganz Europa folgen wird.

Ben Cohen ist ein in New York City ansässiger Journalist und Autor. Auf Englisch zuerst erschienen bei Jewish News Syndicate. Übersetzung Audiatur-Online.

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