«Geschichte einer Kollaboration»: Die Hohenzollern und die Nazis

Letztendlich werden die Richter in Potsdam entscheiden, ob Kronprinz Wilhelm (1882-1951) den Nazis Vorschub geleistet hat. Wer grundlegende Infos zu diesem brisanten Thema sucht, wird fündig.

1
Foto Screenshot Hardcover, Propyläen Verlag
Foto Screenshot Hardcover, Propyläen Verlag
Lesezeit: 3 Minuten

Die Hohenzollern und die Nazis – das Thema dominiert den diesjährigen Bücherherbst. Und Neuerscheinungen werden gerne darauf hin abgeklopft, ob sie grundlegende Einsichten für die Beantwortung der Frage liefern: Hat das ehemalige Herrscherhaus dem Nationalsozialismus Vorschub geleistet? Denn von der Beantwortung der Frage hängt ab, ob sie für Enteignungen in der unmittelbaren Nachkriegszeit entschädigt werden. 

von Christiane Laudage (KNA)

Für den Historiker Stephan Malinowski steht die Antwort fest: „Drei Generationen in dieser Familie haben mit den politisch relevanten Handlungsträgern versucht, die Republik zu zerstören und den Nationalsozialismus zu unterstützen, und zwar von Anfang bis Ende“, sagte er in der vergangenen Woche bei der Vorstellung seines Buches „Die Hohenzollern und die Nazis“. 

Zur Zeit der Weimarer Republik und im Dritten Reich spielten nach Malinowski drei Generationen der Familie eine Rolle. „Insbesondere im Milieu der Rechten übte die Familie sichtbare und unsichtbare Funktionen aus: Der Kaiser in Doorn, der Kronprinz und seine Frau in Potsdam und Schlesien, die Prinzen in Potsdam und die zweite Ehefrau des Kaisers“. Sie waren „Akteure, die im In- und Ausland wahr- und auch ernst genommen wurden.“

Zu der Familie gehörten Orte. Da war einmal Haus Doorn in den Niederlanden, wo Wilhelm II. im Exil lebte. Von diesem Ort wurde die „Republik von ihrem ersten bis zu ihrem letzten Tag angegriffen“, so Malinowski. Neben Doorn war Potsdam ein weiteres Zentrum der Republikfeindlichkeit als eines der „wichtigsten Aufmarsch- und Aktionsfelder der politischen Rechten“. Im Potsdamer Schloss Cecilienhof lebte Kronprinz Wilhelm mit seiner Frau Cecilie, in der Stadt verschiedene Geschwister und Kinder des Kronprinzen. 

Diese drei Generationen waren oft genug untereinander zerstritten, aber einig in der Hoffnung auf die Wiedererrichtung der Monarchie. Dafür suchten sie Allianzen: Der Historiker konstatiert für die Männer und Frauen der Familie eine „starke Öffnung“ zur republikfeindlichen Rechten.

Die Unterstützung, die laut Malinowski die Hohenzollern dem Nationalsozialismus zukommen liess, machte sich nicht bezahlt. Alle Hoffnungen auf die Wiedereinführung der Monarchie waren schon sehr bald zerplatzt und die Hohenzollern wie auch der Adel überhaupt sahen sich immer stärker ins politische Abseits gedrängt. 

Dennoch boten sie dem Historiker zufolge dem Dritten Reich ihre Mitarbeit an. Der Kronprinz versuchte sich als „Brückenbauer zwischen der alten und neuen Zeit“ zu empfehlen, sein Sohn Louis Ferdinand (1907-1994) machte im Ausland, besonders in den USA, Werbung für das Dritte Reich. Ausschlaggebend dafür seien sowohl materielle Motive wie auch geteilte Feindbilder gewesen – Marxisten, Republikaner und Juden.

Als dann in den 1950er Jahren seine erfolgreiche Autobiografie erschien, war Louis Ferdinand, der Enkel des Kaisers und nach 1951 Chef des Hauses Hohenzollern, von einem Werbeträger für das NS-Regime ein Mitglied des Widerstands mutiert, wie es Malinowski darstellt. Von einer aktiven Rolle der Familie im Widerstand könne jedoch keine Rede sein. 

Der Adel sei ein Meister der Selbstdarstellung, sagt der Historiker und zeigt, wie sich die Hohenzollern immer wieder mit einem Stab von Beratern aus PR-Leuten, Historikern und Juristen umgeben haben, die ihnen halfen, sich neu zu erfinden und in der Öffentlichkeit zu positionieren. 

Im Ringen um die dauerhafte Aufmerksamkeit erzielte der Kronprinz erstaunliche Erfolge, so Malinowski. Alles, was der Kronprinz machte oder nicht, ging durch die Presse in der ganzen Welt. Sein zweiter Sohn Louis Ferdinand wurde nach dem Krieg zum adeligen Grandseigneur, der die Demokratie unterstützte, aber dennoch diskret zu verstehen gab, dass er im Falle einer Wiederauferstehung der Monarchie bereitstünde.

„Re-Branding: Monarchie für Demokraten“ nennt Malinowski das. Die Familie positionierte sich als „symbolisch herausragende Mitglieder des konservativen Milieus der Republik“, die formvollendet die Übereinstimmung von konservativen Traditionen und Demokratie darstellten. In seinem fulminanten Buch geht der Historiker auch auf diesen Teil der Familiengeschichte ein. 

Stephan Malinowski, "Die Hohenzollern und die Nazis. Geschichte einer Kollaboration", Propyläen Verlag, Berlin 2021, 752 Seiten, 35,00 Euro.

KNA/lau/joh

1 KOMMENTAR

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.