Der Islamische Staat und sein Krieg gegen die Taliban

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Symbolbild. Foto IMAGO / AGB Photo
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Bei einem verheerenden Selbstmordanschlag auf dem internationalen Flughafen Hamid Karzai in Kabul, Afghanistan, wurden am 26. August 13 amerikanische Soldaten und 169 Afghanen, darunter etwa 30 Taliban-Kämpfer, getötet. Der Anschlag machte einmal mehr deutlich, dass der Islamische Staat (IS) selbst in einer Zeit der Flaute über grosse operative Fähigkeiten verfügt und seit seiner Gründung eine rigide und konsequente ideologische Linie gegen alle „Ungläubigen“ verfolgt.

von Galit Truman Zinman

Im Gegensatz zu anderen islamistischen Terrororganisationen, die dazu neigen, sich bei Bedarf unter Bedrohung oder bei gemeinsamen Interessen zusammenzuschliessen, bleibt der IS seiner DNA treu und weigert sich, mit anderen islamistischen Organisationen die er nicht anerkennt, zusammenzuarbeiten. Wie der IS im Juni 2014 erklärte, muss der Islam auf der ganzen Welt „unter einer Flagge, der Flagge des Glaubens“, aufgezwungen und durchgesetzt werden, und diese Flagge sei ausschliesslich ihre eigene. Jeder, der den Islam nicht auf IS-Art praktiziert, ist ein eingeschworener Feind, ein „Ungläubiger“, ein „Kreuzritter“ oder ein „Abtrünniger des Islam“, einschliesslich anderer islamistischer Terrororganisationen. Daher geht der IS keine Bündnisse mit solchen Organisationen ein, selbst wenn dies seine Position an verschiedenen Orten der Welt stärken könnte. Der „Krieg gegen Ungläubige“ des ISIS ist gegenüber anderen Muslimen ebenso intolerant wie gegenüber Juden und Christen.

Im Gegensatz zu anderen islamistischen Terrororganisationen wie der Hamas stand der IS der Übernahme Afghanistans durch die Taliban kritisch gegenüber und begrüsste deren Erfolg nicht und identifizierte sich auch nicht damit. Kürzlich wurde in einer Zeitschrift des Islamischen Staates ein Artikel veröffentlicht, in dem die Zusammenarbeit zwischen den Taliban und den USA während der Übernahme Afghanistans durch die Taliban, mit Schimpf und Schande kommentiert wurde. In dem Artikel wurde behauptet, dass die Eroberung des Landes durch die Taliban in vollem Einvernehmen und in Abstimmung mit dem US-Militär erfolgt sei und daher nicht von den beeindruckenden operativen Fähigkeiten der Organisation zeuge. Die Tausenden von „Kreuzfahrer“-Soldaten seien in gutem Einvernehmen und im gegenseitigen Vertrauen zwischen den Parteien evakuiert worden, während sie nach Ansicht des IS ohne vorherige Verhandlungen oder Vereinbarungen schändlich hätten ausgewiesen werden müssen. Nach Ansicht des IS war die Evakuierung Afghanistans durch die USA eine Machtübergabe von einem Freund an einen anderen und daher eher eine Schande als ein Triumph für die Taliban.

Es war daher zu erwarten (und es gab eindeutige nachrichtendienstliche Warnungen in dieser Hinsicht), dass die IS-Provinz Khurasan ihr Haupt erheben und einen gewaltsamen Kurs gegen die Taliban und ihre „ausländischen Verbündeten“ einschlagen würde. Der Flughafen von Kabul, von dem Zehntausende amerikanische und westliche Soldaten und Zivilisten evakuiert wurden, war der ideale Ort für einen Terroranschlag.

Trotz einiger wichtiger ideologischer Schnittmengen, wie der Einführung der Scharia, der Ausübung des Dschihad und der Eroberung von Territorium, besteht eine inhärente Feindseligkeit seitens des IS gegenüber den Taliban, die er als Komplizen des Westens wahrnimmt. Die Anschläge in Kabul haben erneut gezeigt, dass der IS an einer kompromisslosen ideologischen Linie festhält und nicht bereit ist, sich einem islamistischen Terrorbündnis anzuschliessen, selbst wenn es sunnitische Muslime wie die Taliban umfasst, die sich auf die Anfänge des Islam berufen. So wie der verstorbene IS-Führer Abu Bakr Baghdadi es definierte, steht das IS-„Lager des Islam und des Glaubens“ fest vor dem „Lager der Ketzerei und der Heuchelei“, das vom Rest der Welt vertreten wird, einschliesslich der islamistischen Terroristen, die nicht dem Islamischen Staat angehören.

Dr. Galit Truman Zinman ist Mitarbeiterin des BESA-Zentrums und lehrt an der Fakultät für Politikwissenschaft der Universität Haifa. Sie ist spezialisiert auf ethnischen und religiösen Nationalismus und islamistischen Terrorismus, mit Schwerpunkt Islamischer Staat. Übersetzung Audiatur-Online.

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