Den Taliban internationale Legitimität zu verleihen, wäre ein verhängnisvoller Fehler

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Taliban-Sprecher Zabihullah Mujahid (hinten) spricht während einer Pressekonferenz in Kabul, Afghanistan, 7. September 2021. Foto IMAGO / Xinhua
Taliban-Sprecher Zabihullah Mujahid (hinten) spricht während einer Pressekonferenz in Kabul, Afghanistan, 7. September 2021. Foto IMAGO / Xinhua
Lesezeit: 5 Minuten

Die naiven Versuche einiger führender westlicher Mächte, die Beziehungen zu dem neu installierten Taliban-Regime in Kabul zu fördern, werden durch die kompromisslose Haltung des neuen islamistischen Regimes untergraben.

von Con Coughlin 

Nach der dramatischen Übernahme der Kontrolle über Afghanistan durch die Taliban im vergangenen Monat haben einige prominente westliche Politiker ihre Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit dem neuen afghanischen Regime bekundet. Dies, nachdem einige Taliban-Führer erklärt hatten, dass sie eine gemässigtere Regierungsform als das frühere Taliban-Regime, das das Land in den späten 1990er Jahren terrorisierte, anstreben.

Nach der Machtübernahme durch die islamistische Bewegung betonten die Taliban-Führer, dass sie einen gemässigteren Ansatz verfolgen würden. In ihrer ersten Pressekonferenz nach der Übernahme der Kontrolle über das Land versprachen die Führer der Bewegung, die Rechte der Frauen zu schützen, die Freiheit der Medien zu gewährleisten und boten eine landesweite Amnestie für Regierungsbeamte und Militärangehörige der früheren Regierung von Präsident Ashraf Ghani an, die nach der Entscheidung von US-Präsident Joe Biden, die militärische Unterstützung der USA einzustellen, in Unordnung geraten war.

Zabihullah Mujahid, der Wortführer der bewaffneten Gruppe, erklärte ausserdem, dass die Taliban friedliche Beziehungen zu anderen Ländern wünschten und dass es keiner Gruppe erlaubt sei, afghanisches Territorium für Angriffe gegen andere Nationen zu nutzen.

„Ich möchte der internationalen Gemeinschaft, einschliesslich den USA, versichern, dass niemandem Schaden zugefügt wird“, sagte Mujahid. „Wir wollen keine inneren oder äusseren Feinde“.

Der gemässigtere Ton, den die Taliban-Führer anschlagen, hat eine Reihe prominenter westlicher Politiker dazu veranlasst, ihre Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit dem neu gegründeten Islamischen Emirat Afghanistan zu bekunden, was die Befürchtung aufkommen lässt, dass die Taliban ihr Ziel, internationale Akzeptanz bei den Grossmächten der Welt zu erlangen, bald erreichen werden.

Während sich Biden in der Frage der Anerkennung des neuen islamistischen Regimes zwiespältig äusserte und sagte, es sei Sache der Taliban zu entscheiden, ob sie eine internationale Anerkennung wünschten, zeigten sich einige der wichtigsten Verbündeten Washingtons enthusiastischer, was die Aufnahme von Beziehungen mit dem neuen Regime in Kabul angeht.

Als die Taliban Anfang der 1990er Jahre das letzte Mal Afghanistan kontrollierten, wurden die Kämpfer von nur drei Staaten anerkannt: Pakistan, Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate.

Nachdem eine Reihe prominenter europäischer Politiker ihre Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit dem neuen Regime signalisiert hat, haben sich die Aussichten der Bewegung auf eine breitere internationale Anerkennung erheblich verbessert.

Auf einer Pressekonferenz nach der Übernahme Afghanistans durch die Taliban erklärte der Spitzendiplomat der Europäischen Union, Josep Borrell, dass die Europäische Union bereit sei, die Aufnahme von Beziehungen zu dem islamischen Emirat ernsthaft in Betracht zu ziehen. „Die Taliban haben den Krieg gewonnen, also werden wir mit ihnen reden müssen“, erklärte er. „Es geht nicht um eine offizielle Anerkennung. Es ist eine Frage des Umgangs mit ihnen.“

Der offensichtliche Enthusiasmus der EU für die Aufnahme von Beziehungen zu den Taliban fand ein Echo in Deutschland, wo Armin Laschet, der Kandidat von Angela Merkels Christlich-Demokratischer Union, der ihre Nachfolge als Bundeskanzler anstrebt, feststellte, dass „die Kunst einer guten Aussenpolitik“ darin bestehe, Lösungen mit Staaten zu finden, deren Ziele und Ideale andere Gesellschaften ablehnen.

Im Gegensatz dazu äusserten sich Frankreich und Grossbritannien eher ambivalent zur Aufnahme von Beziehungen zu den Taliban. Ein Sprecher des französischen Aussenministeriums erklärte, die Frage der Anerkennung der Taliban sei für Frankreich „derzeit nicht von Bedeutung“, während der britische Premierminister Boris Johnson warnte, es wäre ein Fehler, wenn ein Land ein neues Regime in Kabul vorzeitig oder bilateral anerkennen würde.

Die enge Zusammenarbeit zwischen den Taliban und den westlichen Streitkräften auf dem Flughafen von Kabul während der jüngsten Evakuierung ausländischer Staatsangehöriger hat jedoch dazu geführt, dass einige hochrangige europäische Politiker nach wie vor die Auffassung vertreten, dass das neue Regime möglicherweise bald offiziell anerkannt werden kann.

Die europäischen Pläne, engere Beziehungen zu Kabul zu knüpfen, werden jedoch durch das Verhalten des neuen Taliban-Regimes, das sein Versprechen, sich zu bessern, nicht einlöst, sondern zu seiner alten, kompromisslosen Haltung zurückzukehren scheint, ernsthaft untergraben.

Nachdem die Taliban eine Reihe prominenter Kämpfer in leitende Positionen in der neuen Taliban-Regierung berufen haben, werden sie nun beschuldigt, Todesschwadronen zu entsenden, um ehemalige Mitglieder der afghanischen Sicherheitskräfte gefangen zu nehmen und zu töten. Jüngsten Berichten zufolge wurden in den letzten drei Wochen mindestens vier afghanische Elite-Agenten der Terrorismusbekämpfung von den Taliban gejagt und getötet; in einem Fall rissen sie dem Opfer alle Fingernägel aus, bevor sie es erschossen.

Bei den Opfern soll es sich um Angehörige der Einheiten 011 und 041 handeln, von Briten und Amerikanern ausgebildete Einheiten, die für das Aufspüren und Verhören von Taliban zuständig waren und früher im Hauptquartier des afghanischen Geheimdienstes, dem National Directorate for Security (NDS) in Kabul, stationiert waren.

Das rücksichtslose Vorgehen der Taliban bei der Verfolgung ihrer ehemaligen Feinde hat den ehemaligen nationalen Sicherheitsberater der USA, Herbert Raymond McMaster, dazu veranlasst, die westlichen Staaten vor der Aufnahme diplomatischer Beziehungen mit dem neuen Regime zu warnen.

In der Londoner Sunday Times warnte McMaster die westlichen Staats- und Regierungschefs eindringlich davor, sich von den Behauptungen der Taliban täuschen zu lassen, sie seien eine gemässigtere Bewegung als ihre Vorgänger.

„Wir sollten nicht länger so tun, als hätten sich die Taliban verändert“, warnte McMaster. „Unsere Selbsttäuschung hat viele dazu verleitet, eine orwellsche Umkehrung der Moral anzunehmen, bei der sie dschihadistische Terroristen als Partner betrachten.

„Wir wissen, wer sie sind, wie sie rekrutiert werden und warum sie gefährlich sind. Die Taliban sind entschlossen, dem afghanischen Volk eine brutale Form der Scharia aufzuzwingen, und sie sind mit Terroristen vernetzt, die entschlossen sind, ihren Dschihad gegen alle fortzusetzen, die sich ihrer pervertierten Auslegung des Islam nicht anschliessen.“

Nach dem zunehmend kompromisslosen Verhalten der Taliban seit der Machtübernahme im letzten Monat zu urteilen, gibt es kaum Anzeichen dafür, dass die islamistischen Kämpfer bereit sind, einen versöhnlicheren Ansatz für die Regierung des afghanischen Volkes zu wählen, eine Haltung, die berücksichtigt werden müsste, bevor die europäischen Staats- und Regierungschefs den verhängnisvollen Fehler begehen, dem neuen islamistischen Regime in Afghanistan internationale Legitimität zu verleihen.

Con Coughlin ist Redaktor für Sicherheits- und Aussenpolitik bei The Telegraph und Distinguished Senior Fellow am Gatestone Institute. Auf Englisch zuerst erschienen bei Gatestone Institute. Übersetzung Audiatur-Online. 

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