Erfinderland Israel: Zum Wohle der ganzen Welt

2
Google-Logo auf dem DLD Tel Aviv Innovation Festival, Israels grösster jährlicher Startup-Veranstaltung, am Jaffa-Bahnhof in Tel Aviv Jaffa. DLD (Digital Life Design) ist eine globale Organisation mit Sitz in Tel Aviv. Foto Kobi Richter/TPS
Google-Logo auf dem DLD Tel Aviv Innovation Festival, Israels grösster jährlicher Startup-Veranstaltung, am Jaffa-Bahnhof in Tel Aviv Jaffa. DLD (Digital Life Design) ist eine globale Organisation mit Sitz in Tel Aviv. Foto Kobi Richter/TPS
Lesezeit: 5 Minuten

„Start-up-Nation Israel“ ist als Schlagwort nicht nur in der Wirtschaftswelt gut bekannt. Kaum ein anderes Land bringt – bezogen auf die Einwohnerzahl – so viele Erfindungen hervor wie Israel. Der Israeli Avi Jorisch hat in seinem Buch „Du sollst erfinden“ einige der wichtigsten Innovationen des Landes zusammengestellt. Er blickt dabei auf unterhaltsame Art jeweils auf die Geschichte hinter der Idee, und wie diese zum Produkt wurde.

Keine andere Nation bringt – bezogen auf die Einwohnerzahl – so viele Startups und Investoren hervor wie Israel. Mit einem Anteil von über 0,3 Prozent des Bruttoinlandsproduktes haben Startups in Israel die mit Abstand grösste volkswirtschaftliche Bedeutung unter allen entwickelten Ländern – noch vor den USA mit knapp 0,2 Prozent. Der israelische Nahostexperte Avi Jorisch sammelte in seinem Buch „Thou Shalt Innovate“ einige der spannendsten Geschichten aus dem Entwicklerland Israel, nun ist es in der Edition Mena-Watch auf Deutsch erschienen.

Wussten Sie, dass die Firewall, die heutzutage aus dem Internet-Zeitalter nicht mehr wegzudenken ist, in Israel erfunden wurde? Und dass ebenso die kleine Kamera in Form einer Pille, die Ärzten Live-Bilder etwa aus dem Darm senden kann, in Israel erdacht und gebaut wurde? Avi Jorisch erzählt, welche genialen und manchmal auch starrköpfigen Israelis dahinterstehen. Bekannt ist vielen vielleicht die israelische Erfindung der Tropfenbewässerung in der Wüste oder die schwarzen Sonnenkollektoren, die 90 Prozent der Häuser in Israel auf dem Dach haben. Und auch das Raketen-Abwehrsystem „Iron Dome“, eine technische Meisterleistung made in Israel, hat weltweit von sich Reden gemacht. Aber wussten Sie, dass Israel etwa das führende Land in der internationalen Marihuana-Forschung ist?

Auf dass der Welt ein Licht aufgehe

Jorisch, der Senior Fellow beim American Foreign Policy Council in Washington D.C. ist, sucht in seinem Buch nach einem Grund für diese Innovationskraft, und das macht „Du sollst erfinden“ besonders interessant. „Dem Judentum zufolge besteht unsere Aufgabe als Menschen darin, die Lebensbedingungen auf unserem Planeten zu verbessern“, erklärt der Autor, der Geschichte an der Binghamton University, islamische Geschichte an der Hebrew University of Jerusalem und islamische Philosophie in Kairo studiert hat. Ist das Erfinden also so etwas wie ein göttlicher Auftrag für Juden?

Innovationen der Agrartechnik in Israel.

Das Buch macht deutlich, wie wichtig es für gläubige Juden ist, „ein Mentsh zu sein“ und Gutes zu tun. Die Mischna, die jahrhundertealte mündliche Ergänzung zur Torah, erwähnt zehn Mal das Konzept von „Tikkun Olam“, also die Vorstellung von der Heilung der Welt. Der Prophet Jesaja forderte das jüdische Volk auf, als „Licht der Völker“ zu fungieren, und nicht zufällig ist ja auch das nationale Emblem Israels eine Menora, der siebenarmige Leuchter. Auf dass der Welt ein Licht aufgehe.

Abwehr von Raketen und blitzschnelle Unfallhilfe

Nicht zuletzt ist es oft die Situation und Stellung im Nahen Osten, der die Israelis ausgesetzt sind. Erfindergeist heisst hier manchmal eben auch, aus einer Not heraus Lösungen zu finden, die Menschenleben retten. „Die Sehnsucht nach Wundern in unserer Zeit ist universal, keine Tradition kann diesen Impuls ausschliesslich für sich beanspruchen. Doch in Israel spielt sie eine besonders prominente Rolle“, schreibt Jorisch. Immer wieder versuchen Israelis, mit Chuzpe, menschlichem Verstand und Erfindergeist entgegen allen Unkenrufen Wundern ein wenig auf die Sprünge zu helfen. „Israelis sind für ihre oft unkonventionelle Denkweise bekannt“, schreibt der Autor. „Chuzpe, der obligatorische Militärdienst, renommierte Universitäten, wohlüberlegte Interventionen der Regierung, die Rohstoffknappheit und die ethnische und kulturelle Vielfalt im Land tragen dazu bei, dass sich das kleine Israel zu einer Hochburg technologischer Innovationen gemausert hat.“ Dabei steigern viele dieser Technologieunternehmen nicht nur den Wohlstand und die Lebensqualität der eigenen Bevölkerung, sondern verbessern auch global die Lebensbedingungen. Jorisch denkt philosophisch weiter: „Der Gedanke, dass wir Menschen Partner Gottes bei der Erschaffung und Heilung der Welt sind, ist eines der zentralen Themen des Judentums.“ Um es mit dem israelischen Unternehmer Yossi Vardi zu sagen: „Israel ist gewiss kein Land, in dem nur Heilige und Weltverbesserer leben. Doch hat die jüdische Kultur eine Nation hervorgebracht, die sich nach einem tieferen Sinn sehnt.“

Der Autor beschreibt, wie es zur Erfindung des „Iron Dome“ kam, der seit 2011 sehr effektiv und sehr zur Verblüffung von Ingenieuren Raketen aus dem Gazastreifen abfängt. Aber auch der Blick auf die Entstehung der „Ambucycle“-Fahrer, einer Wortneuschöpfung aus „Ambulanz“ und „Motorrad“, lohnt sich. Dank dieser Kleinstambulanzen und einem ausgeklügelten Messenger-System können Rettungssanitäter in Israel viel schneller vor Ort sein, und viele Tausenden Menschen haben sie seit 2001 vor dem Tode gerettet.

Der Israeli Amit Goffer erfand das Exoskelett „ReWalk“, das schätzungsweise bereits 580 Querschnittsgelähmten weltweit wieder das Gehen ermöglicht, darunter vielen Veteranen der US-Armee. Der „Grain Cocoon“ ist ein hermetisch versiegelbarer, sackähnlicher Behälter für die Lagerung von Reis, Getreide und Hülsenfrüchten – er erstickt schlichtweg Ungeziefer innerhalb von rund zehn Tagen. „So können ca. 99 Prozent der Ernte gerettet werden“, schreibt Jorisch. Erfunden hat den „Cocoon“ Shlomo Navarro in den 1990er Jahren in Israel, inzwischen wird er in zahlreichen afrikanischen, lateinamerikanischen und asiatischen Ländern eingesetzt. Navarro, inzwischen Anfang achtzig, wird häufig mit dem biblischen Joseph verglichen, weil der Ägypten vor der Hungersnot rettete, indem er den Pharao davon überzeugte, Getreide unterirdisch zu lagern.

Das Exoskelett „ReWalk“.

Es macht Spass, das Buch zu lesen. Jorisch stellt auch Geschichten von etwas unbekannteren israelischen Forschungen vor wie etwa die am psychoaktiven Bestandteil von Cannabis, THC. (Inzwischen trägt der Wirkstoff dazu bei, die Schmerzen von schätzungsweise 147 Millionen Menschen zu lindern, die an Krebs, Aids, MS und verschiedenen anderen Erkrankungen leiden.) Jorisch geht bei seinen Erläuterungen weniger auf die Technik ein, als vielmehr auf die Personen dahinter. Gerade aus diesen spannenden Lebensgeschichten wird einmal mehr klar, wie bunt die Bevölkerung Israels zusammengesetzt ist, und welchen Reichtum dies in Form von Innovationskraft in sich bringt.

Einziger Kritikpunkt ist, dass die Beispiele, die der Autor nennt, grösstenteils etwas alt sind. Gerade im vergangenen Jahrzehnt ist Israel führend geworden auf dem Gebiet der Hochtechnologie und der Digitalisierung. Nur als kurze Fussnote landen in Jorischs Buch etwa bedeutende moderne Innovationen aus Israel wie der erste Computer-Chip von Intel, der USB-Stick, der ICQ Messenger und das GPS-Navigationssystem „Waze“. Dem Thema Autonomes Fahren könnte man in dieser Hinsicht sicherlich ein ganzes Buch widmen, denn hier sind israelische  Ingenieure führend. Dennoch kann man Jorischs Aufruf nur unterschreiben: „Politische Entscheidungsträger, Parlamentarier, Ingenieure, Ärzte, Anwälte, Banker, Entwicklungshelfer und Fachleute aller Richtungen, denen es um die Lösung kleiner und grosser Probleme geht, sollten ihren Blick auf der Suche nach bereits existierenden oder erst noch zu entwickelnden Lösungen stets nach Israel richten.“

Avi Jorisch: „Du sollst erfinden. Wie israelischer Einfallsreichtum hilft, die Welt besser zu machen“ 294 Seiten, Edition Mena-Watch, ISBN 978-3-200-07853-6. 19 Euro

Jörn Schumacher arbeitet als freier Journalist und lebt in der Nähe von Münster. Er hat Linguistik, Philosophie und Informationswissenschaft studiert und war viele Jahre Redakteur beim deutschen Webportal Israelnetz und beim Christlichen Medienmagazin pro.

2 KOMMENTARE

    • Google hat eine leistungsfähige Suchmaschine erfunden. Ferner haben sie das Android-Betriebssystem für Smartphones entwickelt, das nach wie vor von den meisten Menschen benutzt wird. Auch Smartphones von Google sind keinesfalls zu verachten. Kurz und gut: Google hat neben einigen Negativpunkten durchaus eine Habenseite mit etlichen positiven Buchungen vorzuweisen.

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.