Anti-Terror-Experte: „Taliban kooperieren mit islamistischen Kräften in Syrien“

0
Taliban-Kämpfer in Kabul, der Hauptstadt Afghanistans am 17. August 2021. Foto IMAGO / Xinhua
Taliban-Kämpfer in Kabul, der Hauptstadt Afghanistans am 17. August 2021. Foto IMAGO / Xinhua
Lesezeit: 4 Minuten

Ein israelischer Experte für Terrorismusbekämpfung hat davor gewarnt, dass die Aktivitäten und Propaganda von Al-Qaida in den letzten Wochen dramatisch zugenommen haben, parallel zur Übernahme Afghanistans durch die fundamentalistischen Taliban.

von Yaakov Lappin 

Michael Barak, ein leitender Analyst am Institut für Terrorismusbekämpfung in Herzliya, der Vorlesungen zum Thema Terrorismus und radikale islamische Bewegungen hält, erklärte gegenüber der Nachrichtenagentur JNS, dass die Taliban „mit mehreren islamistischen Kräften im Nahen Osten, einschliesslich des Al-Qaida-Ablegers in Syrien, verbündet sind“.

Er beschrieb einen „ernsthaften Anstieg des Aktivitätsniveaus der Al-Qaida-Publikationen“ in den letzten Wochen und fügte hinzu, dass 12 informelle Organisationen damit begonnen haben, die Propaganda der Terrororganisation zu verbreiten.

Ein Grossteil dieser Propaganda ziele darauf ab, zu Anschlägen gegen die Vereinigten Staaten und Frankreich, aber auch gegen Israel aufzurufen, so Barak.

„Die Al-Qaida ist aufgrund der Ereignisse in Afghanistan auf dem Vormarsch“, sagte Barak. Obwohl die Taliban eine Allianz mit Al-Qaida in Afghanistan leugnen, sei diese Behauptung falsch, denn die Taliban beherbergen etwa 400 Al-Qaida-Mitglieder im Land.

Mit Blick auf den IS sagte Barak, dass die Fähigkeiten der Organisation „zu Unrecht bagatellisiert werden. Sie ist nicht verschwunden, sie wendet lediglich andere Taktiken an“.

Er fügte hinzu: „Ich sehe nicht, dass der IS schwächer wird – im Gegenteil, er wird immer stärker, vor allem im Irak und in Afrika.“

In Afghanistan hingegen habe die Macht des Islamischen Staates  (IS) abgenommen, was zum Teil auf das Erstarken seines Gegners, der Taliban, zurückzuführen sei, erklärte er: „Die Offensive der Taliban hat das Prestige und die Legitimität des IS verringert.“

Im Nahen Osten setzt der IS, nach dem Verlust seines Kalifats im Jahr 2019, auf Guerillakrieg und konzentriert sich dabei auf den Irak.

„Dies ist die offizielle Linie, die vom verstorbenen IS-Führer Abu Bakr al-Baghdadi (der 2019 bei einer US-Razzia im Nordwesten Syriens getötet wurde, Anm.d.Red.) verkündet und von den IS-Sprechern propagiert wird“, so Barak. „Sie nennen es den ‚Krieg der Zermürbung‘. Sie sagen, dass dies ihr Muster sein wird, bis sich die Bedingungen ändern und sie wieder in den Mittelpunkt rücken können.“

«Ökonomischer Zermürbungskrieg»

In ihrem Guerillakrieg haben IS-Terroristen Getreidefelder und Lebensmittellager in Brand gesteckt, die eigentlich für schiitische bewaffnete Organisationen im Irak bestimmt waren. „Sie nennen das den Wirtschaftskrieg. Der IS greift auch das Stromnetz im Irak an. Das alles ist Teil ihres wirtschaftlichen Zermürbungskrieges“, so Barak.

Er schätzt, dass der IS heute zwischen 12.000 und 14.000 Kämpfer im Irak und in Syrien stationiert hat, eine Zahl, die er selbst als recht hoch einstuft.

Im Irak arbeitet der IS mit einer Reihe sunnitischer Stämme zusammen, fügt er hinzu. In Syrien sei der IS schwächer geworden, bleibe aber in der Nähe der syrisch-irakischen Grenze aktiv und versuche, syrische Städte zu infiltrieren – bisher mit begrenztem Erfolg.

„Natürlich baut der IS auch sogenannte Schläferzellen in Europa auf und schickt diese manchmal in den Irak und nach Afrika“, so Barak.

Auf der Sinai-Halbinsel hat das ägyptische Militär weiterhin Mühe, die Präsenz des Islamischen Staates zu zerschlagen, und die Terrororganisation ist dort nach wie vor sehr aktiv und fordert im Nordsinai regelmässig Opfer unter den ägyptischen Sicherheitskräften.

In den vergangenen Jahren hat Israel den Einmarsch grösserer ägyptischer Streitkräfte in den Sinai genehmigt, um den IS zu bekämpfen, aber diese Mobilisierung „war bisher nicht erfolgreich“, so Barak. „Es ist die Rede davon, saudische Gelder in die lokale Beduinenbevölkerung im Sinai zu investieren, um die Rekrutierungsbemühungen des IS zu bekämpfen“.

In Jordanien stellt eine kleine Anzahl von IS-Anhängern eine begrenzte Bedrohung dar, die jedoch von den jordanischen Sicherheitskräften erfolgreich bekämpft wird, so Barak. Ende Juli gaben jordanische Sicherheitskräfte die Verhaftung von vier mutmasslichen IS-Mitgliedern bekannt, die angeblich Anschläge gegen die israelischen Verteidigungskräfte an der jordanisch-israelischen Grenze geplant hatten.

«Aufstände in Afrika werden zunehmen»

Dennoch sei Afrika das wahre globale Aktivitätszentrum des IS, so Barak. „Der IS erobert dort immer mehr Gebiete, wie eine Art Plage“, sagt er. „Dies geschieht in Staaten, denen es an Souveränität fehlt, wie Burkina Faso, Mosambik und Kongo.“

Er bemächtigt sich der natürlichen Ressourcen, wie z. B. der Goldreserven in Burkina Faso, und verkauft sie um einen Teil seiner Aktivitäten zu finanzieren, berichtet Barak und fügt hinzu, dass der IS in seiner offiziellen Wochenzeitschrift Al-Naba die Versuche afrikanischer Staaten, eine Koalition gegen ihn zu bilden, verspottet hat.

„Solange es keine echten internationalen Bemühungen zur Terrorbekämpfung gibt, wird der IS-Aufstand in Afrika zunehmen“, warnte Barak. Dies gilt insbesondere für Nigeria, wo der IS bereits einige Gebiete im Norden des Landes kontrolliert, und für den Tschad.

Der Islamische Staat sei eine Organisation, die schnell lerne, so Barak. Der IS habe aus den Erfahrungen mit dem Kalifat begriffen, dass es besser sei, die Souveränität schrittweise aufzubauen, als übereilt einen neuen Staat auszurufen.

„Die Kämpfer des IS behaupten, das Kalifat existiere de facto“, so Barak. „Sie raten den Anhängern, sich in die vom IS kontrollierten Gebiete zu begeben, um den ‚richtigen‘ Lebensstil beizubehalten, und sie planen, in Zukunft alle zu überraschen. Sie zitieren Aufzeichnungen von Überlieferungen des islamischen Propheten Mohammed, um ihre Darstellung zu untermauern und glauben, dass sie ein göttliches Versprechen auf ihrer Seite haben.“

Israel seinerseits werde seinen Verbündeten weiterhin nachrichtendienstliche Informationen zur Verfügung stellen, um die Pläne des Islamischen Staates zu bekämpfen und zu vereiteln, bekräftigte Barak.

Yaakov Lappin ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Begin-Sadat Center for Strategic Studies. Übersetzung Audiatur-Online.

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.