Ben & Jerry’s Israel: Ein kalter Krieg um ein heisses Thema

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Symbolbild. Foto Opacitatic, CC BY 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=48324215
Symbolbild. Foto Opacitatic, CC BY 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=48324215
Lesezeit: 10 Minuten

Der israelische Franchisenehmer von Ben & Jerry’s, Avi Zinger, spricht über den „Schlag ins Gesicht“, nachdem der globale Mutterkonzern im letzten Monat beschlossen hat, den Verkauf über die sogenannte „Grüne Linie“ einzustellen, und darüber, warum die Regierung eingreifen und etwas unternehmen muss.

von Yifat Erlich

Das farbenfrohe Äussere der Ben & Jerry’s-Fabrik in Be’er Tuvia sticht aus dem grauen Industriegebiet hervor. Tiefkühltransporter stehen bereit, um das kalte Produkt landesweit, einschliesslich Judäa und Samaria, auszuliefern. Im Inneren sind die Rohre der Produktionslinie mit einer Eisschicht bedeckt. Davor verkauft ein Laden Eis und andere Markenartikel – eine Marke, die jetzt im Zentrum eines Sturms steht.

Am 19. Juli gab Ben & Jerry’s International, das zum Unilever-Konzern gehört, bekannt, dass es sich gegen den Verkauf von Ben & Jerry’s-Eis in den so genannten „besetzten palästinensischen Gebieten“ ausspricht.

Avi Zinger, CEO von Ben & Jerry’s Israel, betrachtet die Erklärung als einen Angriff auf das Land und auch auf ihn persönlich.

„Sie nehmen eine der schönsten und leckersten Sachen die es gibt und vermischen sie mit Politik. Was hat das eine mit dem anderen zu tun? Man sollte Politik und Eiscreme nicht vermischen“, so Zinger.

Zinger, 69, brachte die Marke Ben & Jerry’s nach Israel und begann vor 35 Jahren mit der Herstellung von Speiseeis. Er hat sich geweigert der Forderung des Weltkonzerns nachzukommen den Verkauf jenseits der sogenannten Grünen Grenze einzustellen. Daraufhin beschloss Ben & Jerry’s International seine Franchiselizenz nicht zu verlängern, wie es seit der Erteilung alle 10 Jahre automatisch der Fall war. Seine derzeitige Lizenz läuft Ende 2022 aus. Das Unternehmen hat ausserdem angekündigt, dass es andere „Vereinbarungen“ für seine weitere Tätigkeit in Israel suchen wird.

Eine Aussicht, die Zinger nachts wach hält.

„Sagen wir es so: Seit dem Beginn der Krise habe ich nicht besonders gut geschlafen“, erklärt er. „Einen Monat vor der offiziellen Ankündigung des Unternehmens haben wir uns schlaflose Nächte eingehandelt, um dies zu verhindern. Seitdem sind wir in einem ständigen Strom von Schlagzeilen“, fügte er hinzu.

„Wir haben dieses Unternehmen im Laufe von dreieinhalb Jahrzehnten mit unseren eigenen Händen aufgebaut. Als es anfing, konnte man die Mitarbeiter an einer Hand abzählen, und heute beschäftigen wir über 160 Personen“, sagte er.

„Die ganze Familie ist emotional mit der Fabrik und der Marke verbunden. Meine Töchter wurden da hineingeboren. Wir alle kennen die Gründer, Ben Cohen und Jerry Greenfield, persönlich. Sie haben unser Haus in Ramat Aviv ein paar Mal besucht“, so Zinger.

Neben der Maschine stehend, die das süsse Produkt in die Becher abfüllt, sagt Zinger: „Wir sind ein Familienunternehmen, und das Ganze hat uns alle getroffen. Ich habe mir wirklich Sorgen gemacht, wie die Mitarbeiter darauf reagieren würden“.

Als die Angestellten verdaut hatten, was passiert war, erschienen sie zur Arbeit, „bereit zum Kampf“, so Zinger. „Sie erkannten, dass es sich tatsächlich um einen Akt gegen Israel handelte.

Mitarbeiterin in der Ben and Jerry’s-Fabrik in der Nähe von Kiryat Malachi, am 21. Juli 2021. Foto Flash90

Und es sind nicht nur die Mitarbeiter: Zinger sagte, es sei „unglaublich“, wie viele Unterstützer Israels sich an ihn gewandt hätten.

„Aus Florida und Minnesota, Europa und Australien, Juden und Nicht-Juden, die spüren, dass dies auch ihr Kampf ist. Die Leute sagen, dass sie ihre Unilever-Aktien verkauft haben und schicken Briefe an den US-Kongress“, erklärt er.

Zinger ist nicht der Einzige, der die Angelegenheit persönlich genommen hat. Das gilt auch für seine Familie, vor allem für seine beiden Töchter, die mit ihm im Geschäft arbeiten, sagte er. Zunächst versuchte er, den Druck, unter dem er stand, zu verbergen, aber seine Frau Debbie bemerkte, dass er bis spät in die Nacht angespannte Telefongespräche führte. Er versuchte, sie als „Probleme in der Fabrik“ wegzuerklären.

Noch einen Monat vor der Veröffentlichung der umstrittenen Erklärung habe er sich mit der Geschäftsführung von Ben & Jerry’s International angelegt. Als er merkte, dass er gescheitert war, wandte er sich an das israelische Aussenministerium. Er traf sich auch mit der israelischen Botschafterin in Grossbritannien, Tzipi Hotovely, da Unilever in britischem Besitz ist.

Seine langen nächtlichen Telefongespräche mit den Direktoren des US-Unternehmens, in denen er versuchte, sie davon zu überzeugen, dass die Ankündigung allen Menschen jenseits der Grünen Linie schaden und den Palästinensern nicht helfen würde, blieben erfolglos.

„Sie verstanden nicht, worüber wir sprachen und gaben nach. Zum Teil wegen des massiven Drucks von anti-israelischen Organisationen und BDS, die Lügen verbreiteten“, sagte er. „Sie haben einfach unter dem Druck nachgegeben.“

In der Zwischenzeit haben auch Kleinunternehmer in Israel versucht zu helfen, wo sie nur konnten. Sogar Veranstaltungsplaner in Tel Aviv kaufen Ben & Jerry’s, um ihre Unterstützung zu zeigen, und Hightech-Unternehmen veranstalten Ben & Jerry’s „Happy Hours“ für ihre Mitarbeiter.

„Das hat mich wirklich bewegt“, sagte Zinger. „Wir sind ein treues und loyales Volk“.

Die erste Reaktion der Menschen auf die Ankündigung im Juli sei jedoch ganz anders gewesen.

“ Menschen haben ihr Eis weggeworfen. In Eilat haben sie einen unserer Kühlschränke zerstört. Wir wurden behandelt, als wären wir der Staatsfeind Nr. 1. Nachdem wir zu erklären begannen: ‚Wartet, Leute, wir sind auf eurer Seite‘, drehte sich alles“, so Zinger.

Einige sind immer noch verwirrt über die Unterscheidung zwischen der Muttergesellschaft und dem israelischen Franchiseunternehmen, sagte er.

„Wir haben eine Lizenz für die Verwendung ihrer Rezepte, das gleiche Wissen, die gleichen Grafiken, aber alles wird hier hergestellt“, erklärt er. „Wir verwenden Milch, Sahne und Eier von allen Landwirten der Umgebung. Wir sind komplett israelisch. Wir zahlen nicht einmal Lizenzgebühren an das internationale Unternehmen. Ben & Jerry’s trägt zur israelischen Wirtschaft und Gesellschaft bei und kämpft dafür, Eis in ganz Israel zu verkaufen“, fügte er hinzu.

Die Ben & Jerry’s Eiscremefabrik in Kiryat Malakhi, Südisrael. Foto: Eitan Elhadez-Barak/TPS

Der „kalte Krieg“ habe schon vor Jahren begonnen, sagt er.

Ben & Jerry’s verlangte von Zinger, dass er ihre sozialen Ansichten übernimmt und 7,5 Prozent seines Gewinns für soziale Zwecke spendet, wie sie es tun. Dann kam die Frage auf, welche Organisationen mit dem Geld unterstützt werden sollten. Die Ben & Jerry’s Foundation bevorzugte Organisationen wie das Hilfswerk der Vereinten Nationen für Palästinaflüchtlinge im Nahen Osten (UNRWA), während Zinger dies nicht tat („Ich habe immer geprüft, ob eine Organisation pro-israelisch ist“). Schliesslich liessen sie ihm die freie Wahl.

Neben der Unterstützung krebskranker Kinder und gefährdeter Jugendlicher ist Ben & Jerry’s Israel an einem Projekt zur Verbesserung der Beziehungen zwischen den Generationen in der äthiopisch-israelischen Gemeinschaft beteiligt. Ausserdem unterstützen sie einen gemeinsamen Lehrplan für Juden und Araber, Israelis und Palästinenser.

„Wir haben früher an dem Projekt Saat des Friedens teilgenommen, bei dem arabische und jüdische Kinder gemeinsam ein Camp in den Vereinigten Staaten besuchen. Früher kamen alle voller Angst und Hass an und verliessen das Camp als beste Freunde. Leider ist der Gründer gestorben und das Programm hat eine andere politische Ausrichtung bekommen, so dass wir uns zurückgezogen haben“, sagte er.

Zinger begegnete Ben & Jerry’s Eiscreme erstmals 1983 in New York, als er Betriebswirtschaft studierte. Er trat an sie heran und unterzeichnete einen Vertrag. 1988 kehrte er mit der Lizenz und den Rezepten in der Hand nach Israel zurück. Es dauerte ein Jahr, bis er das Geschäft aufgebaut hatte. Im September 1989 eröffnete er das erste Geschäft in der Dizengoff-Strasse in Tel Aviv. In den ersten Jahren konzentrierte er sich auf die Eröffnung von Geschäften und kam so auf 16 Filialen. Die zweite Intifada mit ihren blutigen Selbstmordattentaten veranlasste ihn, eine andere Richtung einzuschlagen.

„Ich hatte solche Angst, dass meinen Arbeitern etwas zustossen könnte oder dass Kinder in die Luft fliegen würden, während sie bei uns Eis essen, also schloss ich die Läden und konzentrierte mich auf die Herstellung von Eis. Im Laufe der Jahre hatten wir Erfolg, und heute stammen 49 Prozent des in Israel verkauften hausgemachten Eises von uns.“

Am 28. Juli veröffentlichten Cohen und Greenfield in der New York Times einen Meinungsartikel, in dem sie erklärten, dass die Einstellung der Aktivitäten in den „besetzten Gebieten“ kein Boykott Israels sei. Sie brachten ihre uneingeschränkte Unterstützung für die Entscheidung der globalen Muttergesellschaft zum Ausdruck und wiesen darauf hin, dass sie diese als eine der wichtigsten in der Geschichte des Unternehmens betrachten.

Haben Sie seit der Veröffentlichung des Artikels mit Cohen und Greenfield gesprochen?

Nein, habe ich nicht. Ich habe nicht das Gefühl, dass es nötig ist. … Letztendlich haben sie die Entscheidung nicht getroffen und können sie nicht rückgängig machen, also sehe ich keinen Grund, jetzt mit ihnen zu sprechen. Vielleicht in der Zukunft.

Sind Sie verletzt?

Sehr sogar. Ich bin für die Meinungsfreiheit. Es ist nichts falsch daran, Israel oder seine Politik zu kritisieren. Aber uns direkt anzugreifen? Lassen wir das grosse Ganze für einen Moment beiseite. Wir hier in der Fabrik kämpfen, um unseren Lebensunterhalt zu verdienen … plötzlich Massnahmen zu ergreifen, die angeblich mit Ihren Werten übereinstimmen, uns aber auf dem Weg dorthin mit Füssen treten, ohne zu erkennen, was Ihre Werte mit diesem Schritt zu tun haben? Ich bin sehr enttäuscht.

Cohen und Greenfield scheinen den Zeitgeist des amerikanischen Judentums zu repräsentieren. Wie konnte sich das US-Judentum so weit von der israelischen Mehrheit entfernen, welche die Siedlungen grösstenteils unterstützt?

Die Dinge ändern sich. Die Linken in den USA gewinnen an Macht, und das ganze Narrativ über das Thema Rasse ändert sich. … Irgendwie ist Israel zum bösen „Weissen“ geworden, während die Palästinenser es geschafft haben, sich selbst als die geschundene Seite, als die ausgebeuteten „Schwarzen“, zu etablieren.

Haben Sie vor, weiter zu kämpfen?

Wir stehen an vorderster Front. Wir haben uns das nicht ausgesucht, wir wurden reingezogen, aber wir werden kämpfen. Wir haben einen langen Kampf vor uns, sowohl in der Öffentlichkeit als auch vor Gericht. Wenn wir nicht hoch erhobenen Hauptes an die Sache herangehen, werden wir vielleicht nicht gewinnen. Wenn wir wissen, dass alle hinter uns stehen und wir Rückendeckung haben, bin ich mir sicher, dass wir gewinnen können, und sie ihre Entscheidung ändern müssen. [Israels politische Führung] muss verstehen, dass dies kein Kampf um eine kleine Fabrik in Kiryat Malachi ist. Dies ist ein diplomatischer, nationaler Kampf. Wenn sie sich nicht einmischen und ihren Einfluss auf die Entscheidungsträger auf höchster Ebene geltend machen, wird sich nichts an der Entscheidung ändern.

Haben Sie Antworten von Palästinensern erhalten?

Von Palästinensern habe ich keine Antwort erhalten, aber von arabischen Israelis schon. Sie sind ziemlich verwirrt, aber im Grossen und Ganzen kennen sie uns als Unternehmen und unterstützen uns als Lieferanten.

Wie haben sich Ihre Umsätze seit dem 18. Juli entwickelt?

Am ersten oder zweiten Tag gab es einen Einbruch. Die Leute warfen das Eis weg. Aber nachdem wir uns an die Öffentlichkeit gewandt hatten, gab es eine Veränderung und dann einen Höhepunkt. Viele Leute sind in den Laden gekommen und haben Eis gekauft. Die Spitze hat den anfänglichen Schaden wieder wettgemacht, wir haben also nichts verloren. Ben & Jerry’s Eis ist auf dem israelischen Markt ungewöhnlich beliebt, weit mehr als auf anderen Märkten im Ausland; ich habe Daten aus der ganzen Welt. Wir stellen ein Produkt her, das jeder liebt, und zwar auf die beste Art und Weise, mit Rohstoffen und fairem Handel, mit Rücksicht auf die Umwelt und mit sozialem Engagement. Ausserdem verdienen unsere Arbeiter 25 bis 35 Prozent mehr als der Durchschnitt in anderen Fabriken.

Man könnte Eiscreme mit anderen Rezepten und einer anderen Marke herstellen. Sogar der israelische Supermarktunternehmer Rami Levy hat das vorgeschlagen. Man hätte damit Erfolg.

Ich bin nicht dafür, denn so wie ich das sehe, wäre das ein Einknicken vor einer anti-israelischen Entscheidung.

Sie haben noch anderthalb Jahre Zeit bevor die Lizenz abläuft.

Wenn die Lizenz ausläuft und wir uns in der gleichen Situation befinden wie heute, wäre das ein grosses Versagen unserer Politik. Es wird ein Schneeball sein, der nicht aufzuhalten ist. Wenn Ben & Jerry’s die Entscheidung nicht rückgängig macht, denke ich, dass andere internationale Unternehmen, die ebenfalls unter Druck stehen, in dieselbe Richtung gehen werden. Das muss eine rote Linie für die Regierung sein.

Yifat Erlich ist Autorin und investigative Journalistin. Dies ist eine gekürzte Fassung eines Artikels, der zuerst in Israel Hayom erschien. Übersetzung Audiatur-Online.

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