Über die Judenfeindlichkeit im frühen Islam

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Gesamtansicht der zerstörten Al-Nuri-Moschee und des Al-Hadba-Minaretts. Die Al-Nuri-Moschee, die im Jahr 1172 erbaut wurde und zu der auch das Al-Hadba-Minarett gehört, wird derzeit von der UNESCO in ihrer alten Form wieder aufgebaut, nachdem sie im Krieg gegen ISIS (Islamischer Staat im Irak und in Syrien) zerstört wurde. Foto IMAGO / ZUMA Wire
Gesamtansicht der zerstörten Al-Nuri-Moschee und des Al-Hadba-Minaretts. Die Al-Nuri-Moschee, die im Jahr 1172 erbaut wurde und zu der auch das Al-Hadba-Minarett gehört, wird derzeit von der UNESCO in ihrer alten Form wieder aufgebaut, nachdem sie im Krieg gegen ISIS (Islamischer Staat im Irak und in Syrien) zerstört wurde. Foto IMAGO / ZUMA Wire
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Als im Mai 2021 überall auf der Welt Demonstrationen als Folge des Konflikts zwischen Israel und der Hamas stattfanden und vielerorts in Krawalle ausarteten, war die gängige Meinung, dass der arabisch-jüdische Konflikt um Palästina und Israel die Ursache für diese Ereignisse war. In Berlin, Deutschland, wurden beispielsweise am 16. Mai über 90 Polizeibeamte verletzt. Diese Einschätzung ist aber nur zum Teil richtig.

von Alfred Schlicht

Schon in den Anfängen des Islams wandte sich der Prophet Mohammed, nachdem er zunächst eine positive Einstellung zu den Juden gezeigt hatte, gegen die Juden in Medina, wo er den ersten islamischen Staat gegründet hatte.

Er war überzeugt, dass seine Botschaft im Prinzip mit den Lehren identisch war, die Juden und Christen zuvor erhalten hatten, und dass diese „Leute des Buches“ schliesslich den Islam annehmen würden. Aus diesem Grund beteten die Muslime in den ersten Jahren des Islam (bis 623 n. Chr.) in Richtung Jerusalem und nicht nach Mekka.

Mohammed ermahnte seine Zeitgenossen daran, zur „Religion Abrahams“ zurückzukehren, die von früheren Propheten zu den Christen und Juden gebracht worden war. Muhammads Rolle wies jedoch eine Besonderheit auf: Er war der letzte Gesandte Gottes, das „Siegel der Propheten“, der die endgültige Wahrheit brachte. Auf der Grundlage seiner Identität, wie er sie selbst wahrnahm, war es verständlich, dass er mit universeller Anerkennung und Akzeptanz durch die Juden rechnete, die innerhalb der Gemeinschaft lebten, die er in Yathrib, später Medina(t al-Nabi), Stadt des Propheten, gegründet hatte. Andererseits waren die Juden, die stolz auf ihre Tradition waren, natürlich weit davon entfernt, diese „neue“, verzerrte Form ihrer Religion zu akzeptieren und anzunehmen. Muhammad, in dessen Universum das „Volk des Buches“ eine privilegierte Stellung innehatte, war von dieser Abfuhr höchstwahrscheinlich zutiefst enttäuscht. Dies erwies sich als Wendepunkt: Von da an änderte sich seine Haltung gegenüber den Juden (und Christen) grundlegend.

In Sure 5, Vers 51 des Korans heisst es: „O ihr Gläubigen, nehmt Juden und Christen nicht als Freunde!”

Nach islamischen Massstäben ist dies nicht die Meinung des Propheten Mohammed, eines menschlichen Wesens, sondern es ist das Wort Gottes. Diese Worte wurden in politisches Handeln umgesetzt: Die grossen Schlachten, die die Muslime in jenen Jahren gegen ihre Feinde führten, wurden von Aktionen gegen die Juden begleitet, die innerhalb des muslimisch dominierten Gemeinwesens in Medina lebten. Zwei jüdische Stämme wurden vertrieben; den dritten jedoch ereilte ein noch tragischeres Schicksal: Männer wurden getötet, Frauen und Kinder wurden versklavt. Diese harten Massnahmen wurden mit dem Vorwurf des jüdischen Verrats, der Kollaboration mit dem Feind und des Bruchs von Vereinbarungen durch die Juden gerechtfertigt.

Es gibt nur muslimische Quellen über diese Ereignisse, keine jüdischen oder neutralen Berichte. Selbst wenn wir das Argument gelten lassen, dass einige der Juden die Feinde des Propheten unterstützten, bleibt die Frage, ob alle Juden „schuldig“ waren und warum Kinder „bestraft“ wurden.

Im Jahr 628 griff Mohammed Khaybar an, eine Oase fast hundert Meilen von Medina entfernt, in der Juden seit Jahrhunderten lebten und in die sich einige der aus Medina Vertriebenen geflüchtet waren. Khaybar wurde mit Gewalt eingenommen, und die Juden durften unter von den Muslimen diktierten Bedingungen bleiben. Damit sie bleiben und ihre landwirtschaftlichen Tätigkeiten fortsetzen durften, mussten sie Tribut zahlen und sich den muslimischen Regeln und Einschränkungen unterwerfen.

Diese Episode ist bedeutsam: Es wurde ein Präzedenzfall für die Behandlung von Nicht-Muslimen im entstehenden Reich des Islam geschaffen. In Anlehnung an die Praxis des Propheten wurden Juden und Christen fortan im muslimischen Staat unter der Bedingung geduldet, dass sie eine Sondersteuer zahlten und einen untergeordneten Status akzeptierten. Diese Situation hat sich bis heute gehalten; in fast allen islamischen Staaten gelten Nicht-Muslime als inferior, auch wenn sie rechtlich den Muslimen gleichgestellt sind.

Andererseits sollten wir nicht vergessen, dass es damals auch Juden gab die lieber in muslimischen Ländern lebten. Als die spanischen Juden nach der christlichen Reconquista im Jahr 1492 die Wahl zwischen Konvertierung und Exil hatten, verliessen die meisten Spanien in Richtung Islam, nicht in andere christliche Länder. Es gelang ihnen, ihre religiöse und kulturelle Identität im Kontext des Osmanischen Reiches zu bewahren, wo sie ihre eigene jüdisch-spanische Sprache bis ins zwanzigste Jahrhundert pflegten.

Dr. Alfred Schlicht, der an der Universität München promoviert hat, war von 2010 bis 2013 stellvertretender Generalkonsul der Bundesrepublik Deutschland in Atlanta und ist Autor mehrerer Bücher über den Islam und die Geschichte des Nahen Ostens.

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