Golda Meir: Eine unabhängige, starke Frau

Lesezeit: 6 Minuten

Golda Meir, eine der mächtigsten Frauen in der Geschichte Israels, war die dritte Frau des 20. Jahrhunderts, die an der Spitze einer Nation stand. Obwohl sie eine häufige Kritikerin der feministischen Bewegung war, stand Golda selbst im Mittelpunkt des Interesses und der Kritik aufgrund ihres Geschlechts. Wie ist sie damit umgegangen? Warum stimmte sie zu, eine Synagoge in Moskau zu betreten, aber nicht in Tel Aviv? Und was hat das mit der israelischen Hutmachervereinigung zu tun?

von Shir Aharon Bram

Am 17. März 1969 geschah etwas Bedeutsames in Israel: Golda Meir wurde zur Premierministerin ernannt. Sie wurde die erste Frau in der israelischen Geschichte an der Spitze des Landes und erst die dritte Frau an der Spitze einer nationalen Regierung im 20. Jahrhundert, vor ihr waren Sirimavo Bandaranaike (Sri Lanka) und Indira Gandhi (Indien). Die Ernennung einer Frau zur Premierministerin Israels, eines jungen, umkämpften Landes, nur zwei Jahre nach dem Sechs-Tage-Krieg, war nicht selbstverständlich; jedoch führte die Kette politischer Ereignisse nach dem Tod ihres Vorgängers Levi Eshkol zu Meirs Ernennung, die gegenüber Figuren wie Yigal Alon, Moshe Dayan und Pinchas Sapir bevorzugt wurde.

Nur die ultra-orthodoxe Partei Agudat Israel sprach sich offiziell gegen Goldas Ernennung aus, wobei der Fraktionsvorsitzende Yitzhak-Meir Levin die Sorge äusserte, dass die Ernennung einer Frau zur Premierministerin der israelischen Abschreckung schaden würde. Abgesehen davon gab es keinen anderen offiziellen oder öffentlichen Kritikpunkt gegen Goldas Ernennung. Meir war trotz ihres Images und ihrer Rolle kritisch gegenüber der feministischen Bewegung, obwohl sie sich oft als Frau kritisch äusserte. Nichtsdestotrotz war die Tatsache, dass sie die Premierministerin des Staates Israel war, ein Thema von grossem Interesse und zog sowohl offene als auch unterschwellige Kritik auf sich.

Trennung von Religion und Staat?

Golda Meir hatte ein komplexes Verhältnis zur Religion, das schon lange vor ihrer Amtszeit als Premierministerin begann. Während eines offiziellen Besuchs in Moskau im Jahr 1949 als Israels Botschafterin in der Sowjetunion besuchte Golda die berühmte Moskauer Chorsynagoge. Fotos des Besuchs wurden in Israel und in der ganzen Welt veröffentlicht, und nach ihrer Rückkehr nach Israel forderte der Knessetabgeordnete Benjamin Mintz sie auf, eine Synagoge in Tel Aviv in ähnlicher Weise zu besuchen, indem er sagte: «Ich lade Sie in die Grosse Synagoge zu einem Dankgebet ein. Oder besuchen Sie nur Synagogen in Moskau?» Ohne mit der Wimper zu zucken, klärte Meir auf, dass sie die Synagoge in Moskau betreten und sich bereit erklärt hatte, in der Frauenabteilung zu sitzen, weil sie die dortigen Juden kennenlernen wollte. Aber was Tel Aviv anging, so würde sie gerne in die Synagoge gehen, sobald die Gleichberechtigung erreicht sei und sie im Hauptsaal neben den männlichen Gemeindemitgliedern sitzen dürfe.

Bereits in den frühen 1950er Jahren wurde Golda als mögliche Kandidatin für das Amt des Bürgermeisters von Tel Aviv gehandelt, was eine Diskussion über die Fähigkeit einer Frau in einer solch hohen Position auslöste. In den Medien wurde eine breite, lebhafte Debatte zu diesem Thema geführt. Miriam Shir schrieb in ihrer Kolumne mit dem Titel «Was sagst du, Frau?» in der hebräischen Tageszeitung Davar: «Wir alle brauchen Sie, Golda Myerson, als ‹Oberste Hausfrau› für die Stadt Tel Aviv.»

Die Kolumnistin Miriam Shir unterstützte Golda Meir für das Amt des Bürgermeisters von Tel Aviv, Davar, 26. Juli 1955

Nach ihrem Amtsantritt als Ministerpräsidentin äusserten sich hochrangige Rabbiner des Landes unterschiedlich über ihre Ernennung. Der aschkenasische Oberrabbiner Israels, Isser Yehuda Unterman, verweigerte, als er nach seiner Meinung zu diesem Thema gefragt wurde, einen Kommentar mit der Begründung, dass es für ihn keinen Grund gäbe, eine Meinung zu äussern, solange er nicht von offizieller Seite dazu befragt werde. Der Israel-Preisträger und Leiter des religiösen Chabad-Gerichts, Rabbi Shlomo Yosef Zevin, entschied sich, seine negative Meinung öffentlich kundzutun und stützte seine Ablehnung auf Maimonides‘ Hilkhot Melakhim. Der sephardische Oberrabbiner von Israel Yitzhak Nissim erklärte, dass es kein Problem mit der Ernennung gäbe, während Rabbi Ovadia Yosef, der damalige sephardische Oberrabbiner von Tel Aviv, es nicht eilig hatte, seine Meinung zu äussern, und nur sagte, dass die Angelegenheit erst im Detail untersucht werden müsse.

Die Sache mit dem Hut

Der der Sonne ausgesetzte Kopf von Frau Meir diente als negatives Beispiel für alle israelischen Frauen“, schrieb die israelische Hutmachervereinigung in der Zeitung Maariv am 9. Mai 1973.

Am israelischen Unabhängigkeitstag 1973, zu Ehren des 25-jährigen Bestehens des Staates Israel, hielt die IDF ihre letzte Militärparade ab. Es wurde beschlossen, den Brauch wegen der hohen Kosten endgültig abzuschaffen, und dies sollte das letzte Hurra sein, abgehalten in Anwesenheit des Premierministers, der auf dem Podium sass. Kurz nach der Parade veröffentlichte die israelische Hutmachergewerkschaft (wie sich herausstellte, gab es so etwas) einen offiziellen Beschwerdebrief in einem etwas augenzwinkernden Maariv-Artikel, der sich mit dem schlampigen Auftreten der Ministerpräsidentin und der Tatsache, dass sie während der Parade keinen Hut trug, befasste. «Frau Meirs Bärenkopf, der der Sonne ausgesetzt war, diente als negatives Beispiel für alle israelischen Frauen», schrieben die Gewerkschaftsmitglieder und forderten, dass Meir eine Vorreiterin in Sachen Mode wird und hilft, die Hutmode unter israelischen Frauen zu fördern. Die Gewerkschaftsmitglieder boten sogar an, ein spezielles, nach Golda benanntes Hutmodell zu entwerfen, dessen Verkauf den wirtschaftlichen Schaden kompensieren würde, den sie durch ihr Auftreten vorhersagten, von dem sie befürchteten, dass es israelische Frauen dazu bringen würde, ganz auf Hüte zu verzichten.

Wäre ein männlicher Premierminister auch für seinen Mangel an Modebewusstsein kritisiert worden?

Nach dem nationalen Trauma, das durch den Jom-Kippur-Krieg verursacht wurde, der später im selben Jahr ausbrach und trotz der Tatsache, dass die Agranat-Kommission sie nicht direkt für schuldig befand, wurde Golda die Schuld für das Ergebnis gegeben. Sie trat schliesslich 1974 von ihrem Amt als Premierministerin zurück.

Rücktritt von Premierminister Gold Meir. April, 1974. Foto: Sammlung Dan Hadani, Nationale Fotosammlung der Familie Pritzker in der Nationalbibliothek von Israel.

Golda Meir wurde in Israel und auf der ganzen Welt berühmt für das Durchbrechen einer gläsernen Decke (Metapher für das Phänomen, dass Angehörige einer bestimmten Bevölkerungsgruppe, z.Bsp. Frauen, nicht in Führungspositionen aufsteigen, Anm.d.Red.) sowie für ihre lange politische Karriere. In Israel sind ihr Vermächtnis und ihr Image zwar sehr bekannt, aber manchmal Gegenstand von Kontroversen, die vor allem mit dem Ergebnis des Jom-Kippur-Krieges und der Selbstgefälligkeit, die diesem vorausging, zusammenhängen. Ausserhalb Israels war Golda jedoch Gegenstand grosser Bewunderung und Respekt, sogar zu Lebzeiten. Sowohl 1973 (als sie doppelt so viele Stimmen erhielt wie die First Lady Pat Nixon) als auch 1974 wurde sie in einer Gallup-Umfrage zur «Most Admired Woman» gewählt. Nach ihrem Tod benannte New York City einen Platz nach ihr und ein Hollywood-Film, A Woman Called Golda, mit Ingrid Bergman in der Hauptrolle, wurde über ihr Leben gedreht.

In letzter Zeit scheint es, als ob die historische Figur Golda Meir so etwas wie ein Revival erfährt. Letzten Monat wurde bekannt, dass der Oscar-prämierte israelische Regisseur Guy Nativ an einem neuen Film über Meir arbeitet, die von der preisgekrönten Schauspielerin Helen Mirren gespielt werden soll. Ein weiteres Projekt, das derzeit Gestalt annimmt, ist eine Fernsehserie über die israelische Staatschefin, die von Barbara Streisand produziert wird und in der die Schauspielerin Shira Haas die Hauptrolle spielt. Die Serie mit dem Titel Lioness, die auf Francine Klagsbruns Biographie über Golda Meir basiert, wird sich auf die Rolle der ehemaligen israelischen Premierministerin während des Jom-Kippur-Krieges konzentrieren.

Es ist klar, dass ihre Vergangenheit in Israel anders wahrgenommen wird als im Rest der Welt, aber wie sie selbst sagte: «Man kann und darf nicht versuchen, die Vergangenheit auszulöschen, nur weil sie nicht in die Gegenwart passt.»

Shir Aharon Bram ist Redakteur bei der Nationalbibliothek von Israel. Übersetzung Audiatur-Online.

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