Ben & Jerry’s: Kalter Krieg gegen „Siedlungen“

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Symbolbild. Eine Eistafel an einem Kiosk. Foto IMAGO / Future Image
Symbolbild. Eine Eistafel an einem Kiosk. Foto IMAGO / Future Image
Lesezeit: 3 Minuten

Der weltweit bekannte amerikanische Eiscreme-Hersteller Ben & Jerry’s will künftig seine Waren nicht mehr in den sogenannten „israelisch besetzten palästinensischen Gebieten“ verkaufen. Die Firma erklärte am Montag, dass sie „die Bedenken erkannt habe, die unsere Fans und vertrauenswürdigen Partner mit uns geteilt haben“, und dass es „unvereinbar mit unseren Werten wäre, mit den aktuellen Handelsvereinbarungen weiterzumachen.“ 

Auf die Süssigkeit werden vor allem die israelischen Bewohner von Judäa und Samaria verzichten müssen. 

In den israelischen Medien war von einem „kalten Krieg“ gegen die Siedlungen die Rede. Ebenso wurde da empört gefragt, was denn Eiscreme mit Politik zu tun habe. Es gebe eine langjährige Partnerschaft mit einem Lizenznehmer, der Ben & Jerry’s Eiscreme in Israel herstellt und in der Region vertreibt.

Der israelische Premierminister Naftali Bennett sprach am Dienstagmorgen mit dem CEO des Mutterkonzerns von Ben & Jerry’s, Alan Jope, am Telefon. „Soweit der Staat Israel betroffen ist, wird dieser Schritt ernsthafte Auswirkungen haben, sowohl rechtlich als auch anderweitig, und Israel wird energisch gegen jeden Versuch vorgehen, seine Bürger zu boykottieren“, sagte Bennett zu Jope.

Nach der Erklärung von Ben & Jerry’s, verfasste der israelische Botschafter bei den USA und den Vereinten Nationen, Gilad Erdan, einen Brief an die Gouverneure aller 35 US-Bundesstaaten, die sogenannte „Anti-BDS-Gesetze“ verabschiedet haben – also Gesetze, die Sanktionen gegen Unternehmen verhängen, die die Boykott-, Desinvestitions- und Sanktionsbewegung (BDS) unterstützen, die zum Boykott Israels und israelischer Städte in Judäa und Samaria aufruft.

Erdan forderte die Gouverneure auf, die jeweiligen Anti-BDS-Gesetze ihrer Staaten gegen Ben & Jerry’s zu aktivieren.

„Zusätzlich zu den grossen moralischen Schwierigkeiten, die sich aus einem solchen Boykott ergeben, scheint die angekündigte Politik von Ben & Jerry’s auch potenzielle rechtliche Konsequenzen nach sich zu ziehen, basierend auf Gesetzen, die von mehr als 35 Staaten, einschliesslich Ihres Staates, erlassen wurden und die dazu gedacht sind, diese Art von hassgetriebenen Boykotten zu bekämpfen.“

Der Botschafter zitierte die Klagen und Schritte mehrerer US-Bundesstaaten gegen Airbnb, nachdem das Unternehmen im Jahr 2018 einen Boykott israelischer Städte in Judäa und Samaria angekündigt hatte.

Die israelische Wirtschaftsministerin Orna Barbivai (Jesch Atid) reagierte am Montag auf die Entscheidung von Ben & Jerry’s, indem sie den Behälter mit Ben & Jerry’s Eiscreme, den sie in ihrer Gefriertruhe hatte, in den Müll warf.

Ben & Jerry’s hat 1988 seine erste Fabrik ausserhalb der USA in Javne südlich von Tel Aviv eröffnet und war damit sehr erfolgreich. Jetzt soll der Vertrag mit dem israelischen Partner aufgekündigt werden, was laut Medienberichten in Israel „viele Arbeitsplätze“ kosten werde. Zahlen wurden allerdings nicht genannt. 

Entsprechend der heutigen Moden bietet Ben & Jerry’s auch veganes Eiscreme an. Für das orthodox jüdische Publikum in Israel wurde „koscheres“ Eiscreme mit Geschmacksrichtungen angeboten, die den jüdischen Feiertagen angepasst waren. So gelang es der Firma, den israelischen Markt zu erobern und in Supermärkten prominent angeboten zu werden.

Jetzt muss abgewartet werden, ob der beschlossene Boykott der Siedlungen auch in Israel zu einem Boykott der Konsumenten führen wird.

Die Firma wurde 1978 von den jüdischen Kindheitsfreunden aus New York, Ben Cohen und Jerry Greenfield, gegründet. Sie eröffneten 1978 ihren ersten Eiscreme-Laden in einer renovierten Tankstelle in Burlington, Vermont. Sie stehen seit langem auf der Seite der sogenannten progressiven Anliegen in den USA.

2018 gerieten sie in die Kritik, weil sie den Women’s March und Linda Sarsour – Vorstandsmitglied des Women’s March – unterstützten, die eine BDS-Unterstützerin ist und einmal twitterte: „Nichts ist gruseliger als Zionismus.“

Heute agiert das Unternehmen weltweit als hundertprozentige Tochter von Unilever.

Ulrich W. Sahm, Sohn eines deutschen Diplomaten, belegte nach erfolgtem Hochschulabschluss in ev. Theologie, Judaistik und Linguistik in Deutschland noch ein Studium der Hebräischen Literatur an der Hebräischen Universität in Jerusalem. Seit 1975 ist Ulrich Sahm Nahost-Korrespondent für verschiedene deutschsprachige Medien und berichtet direkt aus Jerusalem.

2 KOMMENTARE

  1. Es gibt doch gar keine besetzte Gebiete? Eine Chance mit den faktisch falschen Betitelungen und negativ behafteten Assoziirungen.

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