Zehn Lehren aus dem letzten Gaza-Krieg

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Raketen der Terrororganisationen Hamas und Islamischer Dschihad in Gaza werden auf zivile Ziele in Israel abgefeuert. Gaza, 11. Mai 2021. Foto Majdi Fathi/TPS
Raketen der Terrororganisationen Hamas und Islamischer Dschihad in Gaza werden auf zivile Ziele in Israel abgefeuert. Gaza, 11. Mai 2021. Foto Majdi Fathi/TPS
Lesezeit: 4 Minuten

Von Efraim Inbar und Eran Lerman

Die nächsten Monate und Jahre werden zeigen, ob es Israel gelungen ist, sich eine Periode der Ruhe an der Gaza-Front zu erkaufen. In der Zwischenzeit muss das Land aus den Ereignissen der Militäroperation „Guardian of the Walls“ lernen. Im Folgenden zehn Erkenntnisse, welche die IDF und die israelische Regierung bei den Vorbereitungen auf den nächsten Konflikt berücksichtigen sollten:

1. Die Mehrheit der israelischen Bevölkerung ist mit den Resultaten der Operation unzufrieden. Insbesondere kann die Annahme nicht akzeptieren, dass die Hamas nicht davon abgeschreckt werden kann, Terror gegen Israel einzusetzen. Die meisten Israelis sind der Meinung, dass die Operation hätte fortgesetzt werden sollen, bis die Hamas zerschlagen ist, trotz der zu erwartenden Verluste. Diese Bereitschaft, den Kampf fortzusetzen, macht deutlich, dass die israelische Empfindlichkeit gegenüber Verlusten geringer ist, als allgemein angenommen wird. Die öffentliche Stimmung wurde in den israelischen Medien nicht richtig wiedergegeben.

2. Zugleich sollte sich die israelische Regierung nicht dazu verleiten lassen, die Hamas „zu zerschlagen“. Es gibt gute Gründe für die derzeitige Politik des „Rasenmähens“, das heisst gelegentliche militärische Aktionen zur Schwächung der Hamas. Die Luft- und Artillerieschläge gegen die Hamas-Infrastruktur reduzierten ihre operativen Fähigkeiten und erreichten eine vorübergehende Abschreckung. Der Zeitraum, in dem Ruhe herrschen wird, hängt nicht nur von dem Preis ab, den Israel von der Organisation fordert, sondern auch von Faktoren, über die Israel nicht die volle Kontrolle hat.

Dies gilt insbesondere dann, wenn an der Nordgrenze eine weitaus grössere Herausforderung durch die Hisbollah existiert. Israel muss sich Handlungsfreiheit gegenüber dieser Bedrohung bewahren, die zehnmal ernster ist als jene durch die Hamas. Israel sollte eine Informationskampagne lancieren, um seiner eigenen Bevölkerung die zugrundeliegende Logik der gegenwärtigen Politik zu erklären und ihre Vorteile im Vergleich zu alternativen Vorgehensweisen hervorzuheben.

3. Die Operation stellt eine Warnung vor der Möglichkeit eines Krieges mit mehreren Fronten dar. Es muss dringend untersucht werden, welche Implikationen sich daraus für Weiterentwicklung der IDF ergeben. Dies schliesst eine Bewertung mit ein, ob Israel über genügend Präzisionsmunition und Abwehrraketen für Iron Dome verfügt. Auch die Personalstärke der israelischen Polizei muss beibehalten werden. Es müssen Vorbereitungen getroffen werden, um mit weitverbreitetem ordnungswidrigem Verhalten während eines Krieges fertig zu werden, besonders in gemischten jüdisch-arabischen Städten.

4. Die Aufrechterhaltung der Abschreckung erfordert entschiedene Reaktionen auf Waffenstillstandsverletzungen seitens der Hamas und auf jedes Anzeichen einer Rückkehr zum „Rinnsal“ von Raketen oder Brandbomben. Waffenstillstandsverletzungen sollten genutzt werden, um ranghohe Hamas-Mitglieder auszuschalten, vorausgesetzt, die dafür notwendigen Informationen sind vorhanden.

5. Israel sollte den Wiederaufbau des Gazastreifens nicht überstürzen, da jegliche Hilfe unweigerlich von der Hamas zur Aufrüstung missbraucht werden wird. Es ist wenig wahrscheinlich, dass die Bemühungen der USA, einen Wiederaufbaumechanismus ohne Beteiligung der Hamas zu etablieren, von Erfolg gekrönt sein werden.

6. Israel und Ägypten haben ein gemeinsames Interesse an einem schrittweisen und kontrollierten Prozess, der keine militärischen Ressourcen für die Hamas bereitstellen wird. Die Beteiligung von Katar sollte durch Mechanismen ersetzt werden, die den Einfluss Ägyptens stärken. Der erneute Geldfluss aus Katar direkt an die Hamas-Führung in Gaza muss verhindert werde. Wie die auf Jerusalem abgefeuerten Raketen gezeigt haben, lässt sich damit keine Ruhe kaufen. Letztlich unterstützt Katar die Muslimbruderschaft und stärkt so die Macht der Hamas in Gaza.

7. Israel muss darauf bestehen, den Wiederaufbau des Gazastreifens mit der Rückkehr der israelischen Geiseln und den Leichen der 2014 gefallenen IDF-Soldaten zu verknüpfen. Keine humanitäre Geste ohne entsprechende Erwiderung durch die Hams.

8. Eine Entmilitarisierung des Gazastreifens könnte höchstens durch eine langanhaltende IDF-Besatzung erreicht werden. Nichtsdestotrotz hat die Forderung nach Entmilitarisierung einen taktischen Nutzen: Sie erlaubt die Verzögerung des Wiederaufbaus, bis ein umfassendes Arrangement erreicht wird und/oder die Etablierung eines Wiederaufbaumechanismus, der die Ausbeute der Hamas-Führer minimiert.

9. Israel sollte die Verbindung zwischen der Hamas und Jerusalem kappen. Araber in Israel und der ganzen Welt müssen, dass Juden ein Recht haben, auf den Tempelberg zu betreten, ihren heiligsten Ort überhaupt. Die erneuten Besuche von Juden (und Touristen) auf dem Tempelberg waren ein positiver Schritt, der zeigt, dass der „Status quo“ (der auch für Jordanien wichtig ist und faktisch die Akzeptanz der israelischen Souveränität in der Stadt bedeutet) wiederhergestellt wurde. Eine praktische Lösung in Sheikh Jarrah ist anzustreben, ohne dabei dem Druck nachzugeben, der Israels Souveränität in seiner eigenen Hauptstadt aushöhlen würde. In jedem Fall ist die Politik in Ostjerusalem fortsetzen, welche die Integration der dort ansässigen Araber in die israelische Gesellschaft fördert.

10. Die Feindseligkeit zwischen Juden und Arabern wird nicht so bald verschwinden. Eine angespannte Koexistenz aufgrund des anhaltenden ethnisch-religiösen Konflikts bleibt auf absehbare Zeit ein Teil der israelischen Lebensrealität. Nichtsdestotrotz sind die Bemühungen zur Integration israelischer Araber in allen Lebensbereichen fortzusetzen, während zugleich strikte Grenzen für akzeptables Benehmen gezogen und durchgesetzt werden. Gewaltverhalten wiederum muss scharf geahndet werden. In diesem Zusammenhang ist die Sicherstellung von Schusswaffen und Munition in der israelisch-arabischen Bevölkerung der derzeit wichtigste und dringlichste Auftrag der israelischen Polizei.

Efraim Inbar ist der Präsident des Jerusalem Institute for Strategy and Security (JISS). Eran Lerman, ein Oberst der Reserve in der IDF, ist der Vizepräsident des JISS. Zuerst erschienen auf Englisch beim Jerusalem Institute for Strategy and Security. Übersetzung Audiatur-Online.

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