UNRWA-Chef in Gaza: Persona non grata für die Hamas

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UNRWA Mitarbeiter in Gaza nehmen an einer Protestaktion teil und fordern den Rücktritt von Matthias Schmale. 31. Mai 2021. Foto IMAGO / ZUMA Wire
UNRWA Mitarbeiter in Gaza nehmen an einer Protestaktion teil und fordern den Rücktritt von Matthias Schmale. 31. Mai 2021. Foto IMAGO / ZUMA Wire
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Weil er der israelischen Armee öffentlich ein präzises und ausgeklügeltes Vorgehen bei den jüngsten Kampfhandlungen bescheinigte, protestierten die Hamas und andere palästinensische Organisationen vehement gegen den Leiter der UNRWA-Niederlassung in Gaza. Obwohl dieser sogleich zurückruderte und um Entschuldigung bat, berief das Hilfswerk ihn ab. Er wäre seines Lebens sonst auch nicht mehr sicher gewesen.

Es waren bemerkenswerte Worte, die Matthias Schmale vor einigen Tagen gegenüber dem israelischen Fernsehsender Channel 12 sprach. Zur Situation im Gazastreifen nach den jüngsten Auseinandersetzungen zwischen der Hamas und Israel befragt, sagte der Leiter der dortigen Dependance des Palästinenser-Hilfswerks der Vereinten Nationen (UNRWA), es habe während der elftägigen Kampfhandlungen keinen akuten Mangel an Wasser, Lebensmitteln und medizinischer Versorgung gegeben. Auch anschliessend sei diesbezüglich keine Notsituation eingetreten, denn Israel habe Lieferungen über den Grenzübergang Kerem Shalom zugelassen und damit die Versorgung der Bevölkerung ermöglicht.

Widersprach diese Aussage der vor allem in Kriegszeiten oft zu hörenden Behauptung, in Gaza drohe eine humanitäre Katastrophe, so mochte Schmale auch die kaum weniger weit verbreitete Legende vom israelischen Krieg gegen die palästinensische Zivilbevölkerung oder gar vom Genozid nicht bestätigen. Er sei zwar „kein Militärexperte“, so der Deutsche, aber er würde nicht bestreiten, dass die israelischen Militärschläge präzise gewesen seien. Weiter sagte er:

„Ich habe auch den Eindruck, dass die Art und Weise, wie das israelische Militär in den elf Tagen zugeschlagen hat, sehr ausgeklügelt war. Aber das ist nicht mein Thema. Mein Thema ist ein anderes: Viele Kollegen haben mir gesagt, sie hätten das Gefühl, dass sich die Schläge im Vergleich zum Krieg 2014 dieses Mal viel heftiger anfühlen, was ihre Auswirkungen angeht. Also: Ja, sie [die Israelis] haben, mit einigen Ausnahmen, keine zivilen Ziele getroffen, aber die Heftigkeit der Schläge war stark zu spüren.“

Das waren ungewohnte Töne für einen UNRWA-Funktionär, denn diese Einrichtung und ihre Führungskräfte bedienen üblicherweise das palästinensische Narrativ und beteiligen sich an der Dämonisierung und Delegitimierung des jüdischen Staates. Die Verbindungen zur Hamas sind eng, die Angestelltenvertretungen des Hilfswerks sind fest in der Hand der Terrororganisation, das Lehrpersonal an den Schulen teilt vielfach deren Weltbild und Ziele und indoktriniert die Schüler mit antisemitischer und jihadistischer Propaganda. Dass ein Verantwortlicher der UNRWA nicht in die allgemeine Verurteilung und Verteufelung Israels einstimmt, sondern zumindest differenziert, ist die grosse Ausnahme.

Hamas und palästinensische NGOs erbost, Schmale rudert zurück

Keine humanitäre Notlage also? Punktgenaue und gezielte Militärschläge durch die israelische Luftwaffe, die nicht gegen Zivilisten gerichtet waren? Das entsprach zwar der Wahrheit, löste aber trotzdem – oder besser gesagt: genau deshalb – vehemente Proteste aus. Und das, obwohl Matthias Schmale im Interview noch eingeschränkt hatte, dass auch Kinder getötet worden seien und dass es bei aller Präzision „einen inakzeptablen und unerträglichen Verlust von Menschenleben auf der zivilen Seite“ gegeben habe.

Die Hamas sprach dennoch von einer „völligen Verzerrung zugunsten der Zionisten“, und palästinensische NGOs waren in einer gemeinsamen Erklärung der Ansicht, dass Schmale „die Verbrechen, die während der jüngsten israelischen Offensive gegen palästinensische Zivilisten im Gazastreifen begangen wurden, völlig ignoriert“. Sie warfen dem Leiter der UNRWA in Gaza vor, „indirekt die Präzision und Raffinesse der israelischen Armee zu loben“, während Israel „in Wirklichkeit ständig Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen das palästinensische Volk“ begehe.

Schmale ruderte umgehend zurück. Auf Twitter schrieb er, seine Bemerkungen hätten „diejenigen beleidigt und verletzt, deren Familienmitglieder und Freunde während des gerade zu Ende gegangenen Krieges getötet und verletzt wurden“. Er bedaure „aufrichtig, ihnen Schmerzen zugefügt zu haben“. Seine Aussagen seien aus dem Kontext gerissen worden, um Israel bei der jüngsten Operation zu in gutem Licht dastehen zu lassen. „Das ist eine eklatante Manipulation meines Interviews. Ich habe nicht gesagt, dass die IDF im Rahmen des Kriegsrechts operiert hat“, fuhr er fort. Es müsse „eine unabhängige Untersuchung sowie eine Rechenschaftspflicht für diese Aktionen geben“.

Hamas erklärt Schmale und seinen Stellvertreter zu unerwünschten Personen

Zu dieser Bitte um Entschuldigung habe ihn niemand gezwungen, beteuerte er. Das mag stimmen, doch Matthias Schmale dürfte vor allem bewusst geworden sein, dass er sich im Gazastreifen mit öffentlichen Äusserungen, in denen der jüdische Staat und dessen Armee nicht als das ultimative Böse dargestellt werden, in Lebensgefahr bringt. Niemand hatte das Interview mit ihm manipuliert, niemand hatte seine Aussagen aus dem Kontext gerissen. Es ist ganz einfach so, dass bereits differenzierte Äusserungen gravierende Folgen haben können.

Die UNRWA berief Schmale schliesslich auf unbestimmte Zeit ab, wie auch seinen Stellvertreter David de Bold. Beide waren von der Hamas zu personae non gratae erklärt worden, und vor dem zentralen UNRWA-Gebäude in Gaza gab es eine Demonstration mit der Forderung „Schmale raus“. Schmale und de Bold seien „zu Konsultationen und Diskussionen über die jüngsten Entwicklungen in Gaza“ ins Jerusalemer Hauptquartier der UNRWA einbestellt worden, zitierte die Nachrichtenagentur Reuters einen Sprecher des Hilfswerks. Die stellvertretende UNRWA-Generalkommissarin Leni Stenseth werde vorübergehend das Gaza-Team leiten.

Schon einmal musste Matthias Schmale den Gazastreifen verlassen: Im Herbst 2018 blockierten nach Entlassungen und Arbeitszeitverkürzungen infolge von Mittelkürzungen palästinensische UNRWA-Angestellte tagelang die Büros des Hilfswerks in Gaza. Dazu kamen massive Drohungen gegenüber dem Führungspersonal der Einrichtung, neun Mitarbeiter wurden deshalb aus dem Gazastreifen nach Israel evakuiert, darunter auch Schmale.

UNRWA entdeckt Hamas-Tunnel unter einer ihrer Schulen

UNRWA-Generalsekretär Philippe Lazzarini zeigte sich derweil in einer Erklärung „ernsthaft besorgt über die Schwere und das Ausmass der Angriffe, die sich gegen die leitenden Mitarbeiter des UNRWA im Gazastreifen gerichtet haben“. Man protestiere zudem „nachdrücklich gegen die von den De-Facto-Behörden in Gaza vermittelte Position, dass sie die Sicherheit unserer Mitarbeiter nicht mehr garantieren könnten“. Das habe dem Hilfswerk keine andere Wahl gelassen, „als die Mitarbeiter aufzufordern, den Gazastreifen zu verlassen, da ihre Sicherheit für die UNRWA oberste Priorität hat“.

Dass Schmale noch einmal für die UNRWA nach Gaza zurückkehrt, scheint unwahrscheinlich, weil die Gefahr zu gross ist. Unterdessen hat das Hilfswerk eine weitere Erklärung veröffentlicht, in der sie bekannt gibt, unter einer ihrer Schulen in Gaza einen Tunnel gefunden zu haben. Solche Stollen sind im Gazastreifen gang und gäbe; die Hamas hat ein ganzes System von ihnen errichtet, um sich für ihre terroristischen Aktivitäten unterirdisch bewegen zu können.

Aus diesem Grund hatte die israelische Armee diesen Tunnel im Mai aus der Luft zerstört. Die Schule, die dabei ebenfalls beschädigt wurde, diente während der Kampfhandlungen als Notunterkunft, war zum Zeitpunkt des Beschusses nach UNRWA-Angaben aber menschenleer. Es gehört zur Kriegsführung der Hamas, sich in Wohngebieten zu verschanzen und Schulen, Krankenhäuser sowie Moscheen als Munitionsdepots zu verwenden oder zu untertunneln. Die israelische Armee soll so vom Beschuss abgehalten oder als Kriegsverbrecher angeprangert werden, wenn sie doch auf dortige Stellungen oder Tunnel zielt.

Die Causa Schmale hat einmal mehr gezeigt, dass selbst Mitarbeiter von UN-Einrichtungen ihres Lebens im Gazastreifen nicht mehr sicher sind, wenn sie in einem lichten Moment einmal nicht das über Israel erzählen, was man üblicherweise von und in den meisten Gremien der Vereinten Nationen über den jüdischen Staat äussert und was für gewöhnlich sehr weitgehend mit der palästinensischen Propaganda übereinstimmt. Matthias Schmale hatte für einen Augenblick vergessen, dass es bei der UNRWA üblich ist, Israel zu dämonisieren, und der israelischen Armee Augenmass in ihrem Vorgehen bescheinigt. Das hat er teuer bezahlt.

Alex Feuerherdt ist freier Autor und lebt in Köln. Er hält Vorträge zu den Themen Antisemitismus, Israel und Nahost und schreibt regelmässig für verschiedene Medien unter anderem für die «Jüdische Allgemeine» und «Mena-Watch». Zudem ist er der Betreiber des Blogs «Lizas Welt». Feuerherdt hat im Jahr 2018 gemeinsam mit Florian Markl das Buch «Vereinte Nationen gegen Israel – Wie die UNO den jüdischen Staat delegitimiert» vorgelegt, das im Berliner Verlag Hentrich & Hentrich erschienen ist.

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