Die eliminatorische Ideologie der Hamas

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Bis jetzt hält der Waffenstillstand. Der jüngste Gaza-Konflikt liegt hinter uns und ist aus den Schlagzeilen verschwunden. Via Kairo verhandeln die Konfliktparteien über den Austausch von Gefangenen und die Wiederaufnahme der Lieferung von Gütern.

von Simon Erlanger

Doch die Ruhe ist trügerisch. Denn der nächste Gaza-Konflikt liegt vor uns, wenn es nicht zu einer politischen Lösung kommt. Doch ein langfristiger Waffenstilstand oder gar ein Frieden zwischen Israel und der Hamas bleibt in weiter Ferne. Dies dürfte so bleiben, solange die Hamas an ihrer eliminatorischen Ideologie festhält. Diese verkündet sie in ihrer Charta in aller Offenheit. Der Text ist nur so gespickt mit Zitaten aus klassischen antisemitischen Machwerken, wie den «Protokolle der Weisen von Zion». Wie dort steht in der Hamas-Charta, dass die Juden sowie die Freimaurer und Rotarier an allem schuld sind, was die Moderne ausmacht und die traditionelle Gesellschaft auflöst: An Liberalismus, Sozialismus, Feminismus, Demokratie, am ersten Weltkrieg, der Auflösung des Kalifats, am Zweiten Weltkrieg und an vielem mehr. Wörtlich tönt das dann so: «So erlangen sie (die Juden) durch das Vermögen die Kontrolle über die internationalen Medien … Durch das Vermögen lösten sie Revolutionen in verschiedenen Teilen der Welt aus, um ihre Interessen zu verwirklichen und Gewinne zu erzielen. Sie standen hinter der französischen Revolution, den kommunistischen Revolutionen und den meisten Revolutionen hier und da, von den wir gehört haben und hören».

Wir haben es hier mit klassischen antisemitischen Motiven aus dem Arsenal der europäischen Gegenaufklärung des 19. Und 20. Jahrhunderts zu tun, die schon in der Vergangenheit verheerende Wirkung entfaltete, Die «Protokolle» wurden vom seinerzeitigen russischen Geheimdienst gefälscht, um die Reformbewegungen im zaristischen Reich zu diffamieren. Weltweit verbreitet wurden insbesondere die Ausgabe aus den 1920er Jahren des Automobilpioniers Henry Ford in aus den USA und die deutschen Ausgabe des völkischen Antisemiten Theodor Fritsch. Hitler rezipierte diese Verschwörungstheorie und zitiert aus ihr 1923 in «Mein Kampf». Mit der Gründung der «Muslimbruderschaft» finden die «Protokolle» nach 1928 Eingang in den politischen Diskurs des Islamismus. Trotz der Aufdeckung als Fälschung im Berner Prozess von 1933–1935, der aufgrund einer Strafanzeige des Schweizerisch-Israelitischen Gemeindebundes SIG stattfand, blieben die Protokolle im Umlauf. Bis heute sind sie eines der am meisten verbreitesten Werke überhaupt. Sie werden weltweit rezipiert. Nach wie vor entfalten die «Protokolle der Weisen von Zion» ihre tödliche Wirksamkeit.

Entsprechend kompromisslos und eliminatorisch ist auch die in der Hamas-Charta ausgedrückte Haltung gegenüber dem Staat Israel. Das Land Israel wird als ewiger Teil des «Dar al-Islam», des islamischen Herrschaftsbereiches, gesehen: «Palästina ist den Generationen der Muslime bis zum Tag des Jüngsten Gerichts gegeben.» Verhandlungen und territoriale Kompromisse werden kategorisch abgelehnt. «Derartige Initiativen, sogenannte friedliche Lösungen und internationale Konferenzen zur Lösung der Palästina-Frage stehen im Widerspruch zur Ideologie der Islamischen Widerstandsbewegung. Denn der Verzicht auf auch nur einen Teil Palästinas ist ein Verzicht auf einen Teil des Glaubens», erläutert die Charta. Von Zeit zu Zeit werde der Ruf nach der Abhaltung einer internationalen Konferenz laut: «Die Palästina-Frage kann nur durch den Dschihad gelöst werden. Initiativen, Vorschläge und internationalen Konferenzen sind sinnlose Zeitvergeudung, frevelhaftes Spiel», so die Hamas-Charta.

Es ist eine deprimierende Lektüre, die fassungslos zurücklässt. Man muss sich deshalb schon fragen, warum all die Sympathisanten und Demonstranten, die sich in der jüngsten Gaza-Krise mit der Hamas identifizierten vor dieser Tatsache die Augen verschliessen? Warum distanzieren sich linksgrüne Israelkritiker nicht von dem klassisch antisemitischen Inhalt der Charta? Geschieht dies aus Unwissenheit? Oder politischer Unbedarftheit? Oder weil niemand die Ideologie der Terrororganisation zur Kenntnis nimmt und die online problemlos in diversen Varianten abrufbare Charta liest? Oder stimmen die Sympathisanten in Europa und den USA gar mit den Aussagen der Charta und der darin zitierten «Protokolle» überein? Die Vorkommnisse und Sprechchöre an den Gaza-Demonstrationen in den USA, Deutschland, Frankreich und der Schweiz lassen zumindest bei einem Teil der Teilnehmer letzteres befürchten. Dass würde in eine Zeit passen, in der mit der Corona-Epidemie Verschwörungstheorien antisemitischer Natur wieder en Vogue sind.

Simon Erlanger ist Historiker, Lehr- und Forschungsbeauftragter und Autor.

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