Die Fatalen Sieben im KZ – Zur Rolle des Muftis al-Husaini und weiterer Helfer in der Schoah

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Amin al-Husseini besucht das Konzentrationslager Trebbin 1942. Foto Kedem Auction House Jerusalem
Amin al-Husseini besucht das Konzentrationslager Trebbin 1942. Foto Kedem Auction House Jerusalem
Lesezeit: 20 Minuten

Jerusalems Auktionshaus Kedem stellte 2017 drei von sechs vorher unbekannten Fotos ins Internet. Darauf inspiziert der einst fast vier Jahre in Berlin weilende Grossmufti von Jerusalem Amin al-Husaini, Mitte, gemeinsam mit Nazi-Offiziellen und Personen der Regierung ein Nazi Konzentrationslager. Den Auktionären nach meinte ein Experte, dass dort Insassen Zwangsarbeit im Lager Trebbin nahe Berlin leisteten, das von 1942 bis 1945 eine SS Artillerie-Schule mit einem Nebenlager des Konzentrationslagers Sachsenhausen in Oranienburg war. Nach dem Ersten Weltkrieg als christliche „Stadt des Friedens“ erbaut, übernahm diese die SS 1935. Unter den Gefangenen waren auch Juden aus Ungarn. Ihren Alltag prägten Zwangsarbeit, Terror und Gewalt, erklärt dort eine öffentliche Gedenktafel mit einem Luftbild des Lagers in Glau bei Trebbin darauf. Kedem hoffte, dass Betrachter die Männer auf den Fotos identifizieren helfen.

von Wolfgang G. Schwanitz

Wie sich zeigt, kann ich nun diese Geschichte zwischen Europa, Mittelost, Indien und Amerika anhand jener fünf ausländischen Gäste aufhellen. Die Fotos liefern auch unwiderlegbare Beweise, dass alle der anwesenden Männer ein genaues Wissen über das Schicksal der Juden in Nazi-Deutschland erwarben sowie über das mögliche Schicksal der Juden in ihren eigenen Heimatländern unter Nazi-Herrschaft. Laut Kedem sind die Bilder mit “Foto-Gerhards Trebbin” gestempelt, was bezeuge, dass sie wohl in Trebbin, 30 Kilometer südlich von Berlin, „etwa um 1943“ fotografiert wurden. Die sechs Fotos wurden für 12.300 Dollar an eine Privatperson versteigert, die auch, so würde ich sagen, die übrigen drei Bilder ins Web stellen sollte als eine humanitäre Geste für Familien der Gefangenen.

Die Männer der Gruppe

Nur drei jener abgebildeten „Fatalen Sieben“ überlebten 1946. Die beiden deutschen Beamten in Uniform des Auswärtigen Amts waren in den Holocaust verwickelt. Vor oder nach dem Besuch des Lagers empfing Adolf Hitler jeden der fünf Gäste separat, zu denen der Österreicher Arthur Seyss-Inquart, der palästinensische Führer al-Husaini, der vormalige Premier Minister Iraks Ali al-Kailani, der kroatische Ustascha Ideologe Mile Budak, and der indische Hindu Führer Subhas Chandra Bose gehörten. Also wer waren sie?

Mile Budak, auf beiden Bildern mit Hut und Weste, war der Ideologe der ethno-radikalen, antisemitischen Ustascha Partei in Kroatien, die den 1941 gebildeten Nazi-Satellitenstaat anführte. Er war Anhänger der Nazis wie der frühere Premier Iraks Rashid Ali al-Kailani. Links ist Dr. Fritz Grobba, ehedem Gesandter in Kabul, Bagdad und Jidda. Er war evangelisch und nicht in der Nazi-Partei. Seit Anfang 1942 war er für Mittelost im Auswärtigen Amt zuständig.

Foto Kedem Auction House Jerusalem

Grobba und die beiden arabischen Führer unterstützten den antibritischen Coup im Irak, dem Mitte 1941 der al-Farhud Pogrom nachfolgte. Dabei wurden 179 Juden getötet und viele Geschäfte geplündert. Drahtzieher wie al-Kailani und al-Husaini wollten das Signal geben – dort in einer 2.500 Jahre alten Gemeinde –, wie Arabiens Juden zu behandeln wären.

Auf dem zweiten Foto ist der Politiker Arthur Seyss-Inquart. Er leitete den „Anschluss“ Österreichs durch Hitler 1938. Zwei Jahre später diente er als Kommissar für die besetzten Niederlande. Dabei beaufsichtigte er die Deportation von 100.000 Juden in Todeslager und einer halben Million Niederländer als Sklavenarbeiter, wobei eine Hälfte von ihnen nach Deutschland gehen musste.

Arthur Seyss-Inquart auf dem Bild zweiter von links. Foto Kedem Auction House Jerusalem

Am Galgen endete Seyss-Inquart in Nürnberger Prozessen 1946 für Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Dieses Los teilte auch Budak im Vorjahr in Zagreb, wo er als Kriegsverbrecher dafür gehängt wurde, Juden, Serben, Sinti und Roma aus Kroatien in Todeslager zu verbringen. Hitler empfing ihn noch Mitte Februar 1942 in Berlin.

Hingegen setzten die beiden arabischen Führer nach Kriegsende ungehindert ihre antijüdische und islamistische Politik fort: al-Kailani bis 1965 und al-Husaini bis 1974. Von Israel abgesehen, wurde in Mittelost der Nazismus kaum delegitimiert. Dessen Träger kamen oft nach dem Krieg zur Macht. Der Iraker al-Kailani scheiterte in einem neuen Putsch in Bagdad. Er wurde zum Tod verurteilt, dann nach Bairut ins Exil verbannt.

In Libanons Metropole lebte auch al-Husaini, wo er im Islamischen Weltkongress wirkte, den er 1931 in Jerusalem gründete (im Folgejahr eröffnete er eine Berliner Filiale). Gut fundiert, stieg er zum ersten Globalen Grossmufti auf. Ein Mufti ist ein religiös und juristisch Bewanderter, der Gläubigen seines Amtsbezirks Urteile zu Alltagsfragen erteilt. Jerusalems Grossmufti war bereits sein verstorbener Halbbruder Kamil. Al-Husaini erhielt den Titel 1921. Um sein transregionales Erbe „Mittelost-Europa“ nach 1945 zu bewahren und zu erweitern, wählte er als seinen Vertreter in der Schweiz Said Ramadan für Europa und Yasir Arafat für Mittelost. Der Mufti riet ihm 1968, die Palästinensische Befreiungsorganisation zu übernehmen (die er bis 2004 leitete), und von Gaza aus mit seinen Fatah-Truppen „Palästina zu befreien“.

Unerwähnt, aber auf Foto eins zu sehen Winkel und Qualität trüben es – ist sicherlich der indische Nationalist Subhas Chandra Bose. Auch Netaji genannt, verehrter Führer, starb er wohl im Flugzeugabsturz Mitte 1945 nahe Taiwan. Streit um seine Rolle nahm ab, als er 1997 seinen Platz im indischen Pantheon von Leitern der Befreiung erhalten hatte. Jedoch schwelen Fragen zu seinen engen Nazi-Kontakten und Treffen 1942 in Berlin mit Hitler und SS-Chef Heinrich Himmler. Da auf dem ersten Foto blühende Blumen sind, stammt es wohl aus der zweiten Hälfte von 1942, als Bose noch in Berlin war, was dessen Identifizierung nur wahrscheinlicher macht.

Subhas Chandra Bose trifft Hitler in Ostpreussen. Links der Dolmetscher Paul Schmidt. Foto Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=37705885

Angebahnt mit Forschungsreisenden seit 1760, verbanden fünf Generationen den Westen und Mittelost. Jene beiden Deutschen sind aus Generation fünf solcher Mittelost-Experten. Geboren in zwei Dekaden vor 1900, diente ihnen das sich ausdehnende akademische System für diese Region in Deutschland: 21 Universitäten mit 57 Orient-Dozenten und zwei ausseruniversitäre Institute, das Berliner Seminar für Orientalische Sprachen, wo Grobba Türkisch erlernte, und Hamburgs Kolonialinstitut unter Carl Heinrich Becker, Begründer moderner Islamstudien. Das waren 30 „Deutsche Mittelost-Gründerjahre“ seit 1884: Berlin expandierte dort friedlich und dynamisch, aber nicht kolonial.

Der 1886 geborene Grobba überlebte den Zweiten Weltkrieg und danach seine zehn Jahre als Gefangener im sowjetischen GuLag. Nach seiner Entlassung 1955 beriet er als Rentner die Bonner Mittelostpolitik bis 1973. Etwa in seinem und Hitlers Alter war auch der andere Beamte, Martin Luther. Er diente als Unterstaatssekretär im Auswärtigen Amt. Jedoch verfiel er einer Intrige gegen seinen Chef, Joachim von Ribbentrop, und wurde deswegen Anfang 1943 in das SS-Konzentrationslager Sachsenhausen gebracht, wobei er nach Kriegsende verstarb.

Im Ersten Weltkrieg diente Luther bei einem Eisenbahn-Regiment der Armee bis zum Balkan. Dort hörte er auch vom Armenischen Genozid. Zwei Dekaden später war er als Chef der Abteilung Deutschland des Auswärtigen Amts einer von 15 Nazis auf der Wannsee Tagung, die die „Logistik des Massenmords“ koordinierten. Eine Hälfte diente auch im Ersten Weltkrieg. Es gab 30.000 Deutsche an der Seite osmanischer Alliierter. Rund 100 solcher „Asienkämpfer“ stiegen nach 1933 zu Nazi-Führern auf, von denen viele 1950 ihre Karriere in Bonn fortsetzten.

Der Auktionstext erklärte über al-Husaini, die andere Schlüsselfigur dieser Gruppe: einige sehen seine Nazi-Kontakte als pragmatisches Interesse, um einen starken Verbündeten für die arabischen Nationalziele zu erhalten. Andere verbinden den Enthusiasmus des Muftis für die Nazi-Pläne der Endlösung mit seinem zusätzlichen Wunsch, den Genozid auch nach Palästina und Mittelost zu bringen. Die neuen Fotos sind wichtige Beweise in dieser Debatte.

Sicher ist, dass er sich zum primären aussereuropäischen Helfer und für Hitlers Mittelost zum Aktivisten erhob. Von Sowjets 1946 verhört, bestätigte Grobba Hitlers und von Ribbentrops Genozid-Pläne in Mittelost. Manche sagen, der Grossmufti bildete den nationalen Konsens, eine Aussage, die auf der Annahme beruht, es habe schon eine palästinensische „Nation“ vor dem Zweiten Weltkrieg gegeben. Gewiss, nicht alle palästinensischen Araber sollten mit al-Husaini assoziiert werden, was auch seine Titel und Ambitionen gewesen sein mögen, zumal einige von ihnen gegen die Achsenmächte Italien und Deutschland gewirkt haben.

Das Jahr der Tour  

Als Offiziere waren Grobba und al-Husaini 1915 Waffenbrüder auch in Gebieten, von wo Armenier deportiert wurden. Beide Männer sprachen Türkisch und trafen sich im Irak der 1930er Jahre. Dort ging der Gesandte Grobba mit Staatsrepräsentanten um. In seinen Augen sollte ein Kleriker ohne Staat wie der Grossmufti nicht als Politiker auftreten, obwohl er sich dann schon „Grossmufti von Palästina“ nannte. Ihre gegenseitige Abneigung stieg nach dem verfehlten Bagdader Coup gegen die Briten Mitte 1941.

Als ein britischer Berater in Irak, Archibald McDougall, in der The Times Grobba verteidigte, er wäre kein „Nazi-Lawrence of Arabia“, der Muslime aufrühre, sondern ein hartnäckiger Karriere-Diplomat, stieg in Berlin Misstrauen gegen Grobba. Ein Jahr später hörten die Nazis, dass er zu seinen Empfängen Juden eingeladen hatte, dass er ein Freimaurer war und al-Kailani dem Mufti vorzog. Seine Laufbahn stockte, zumal er zwischen beide Araber geriet, die oft stritten, wer der wahre Führer sei.

Hitlers Wahl war klar: al-Husaini. Er sah in ihm den Hauptakteur in Mittelost, und einen „Realisten“. Dem folgte Benito Mussolini als er im Grossmufti den berufensten Sprecher der Araber anerkannte, zumal dieser seiner Faschisten-Nazi-Allianz helfen könnte, Nordafrika umzugestalten.

Vor diesem Hintergrund lud SS-Chef Himmler ausgewählte Nazis und ihre Gäste in sein System von Konzentrationslagern ein. Ende Juni 1942 notierte Grobba, die beiden Araber wiesen je zwei ihrer Gehilfen an, einen SS-Ausbildungskurs mit Besuch eines Konzentrationslagers zu durchlaufen. Al-Kailani wollte mitgehen, um zu sehen, ob dies ein Modell für Irak sei, wo es eine grosse jüdische Gemeinde gab. Ja, sagte Grobba, die Gehilfen gehen ohnehin, also sei dagegen nichts einzuwenden. Dennoch fragte die SS, ob das Auswärtige Amt zustimme.

Das war Luthers Sache. Wohl redete er mit seinem „Juden-Experten“ Franz Rademacher, dem der Mufti nach dem Krieg Asyl in Syrien besorgte. Der Referent leitete in Belgrad die Tötung serbischer Juden und schrieb auf seine Kostenabrechnung bei Zweck der Dienstreise: „Liquidation von Juden”. Er entwarf auch den Madagaskar-Plan mit Offiziellen des Vichy-Regimes, um Juden gewaltsam auf diese Insel zu bringen, eine Kolonie Frankreichs. Bestätigt durch Hitler im Frühjahr 1940, wurde die Idee dennoch aufgegeben: die Briten behielten ihre maritime Vormacht, die grosse Transporte unmöglich machte.

Am 18. Dezember gab der Diktator Befehl Nummer 21, „Barbarossa“, der den Überfall auf die Sowjets anwies. Nach der Nazi-Invasion am 22. Juni folgte auch die massenhafte Erschiessung von Juden. Zum Jahreswechsel begann Himmler, im okkupierten Polen Todeslager zu bauen in Chełmno, Bełżec, Sobibor und Treblinka. Seit Frühjahr 1942 setzten sie wie Auschwitz Giftgas ein, um Millionen Juden zu beseitigen, die aus Ghettos und Arbeitslagern dorthin transportiert wurden.

Nachdem es in Nordafrika anfänglich Nazi-Siege gab, befahl Hitler, Araber im Wüstenkrieg auszubilden und al-Kailani zu beteiligen. Erwin Rommels Armee rollte in Ägypten ein und wäre bereit gewesen, in Palästina und Irak einzufallen. Am 28. April unterzeichneten beide Araber – der Mufti hatte die panarabische Flagge am Auto, der Iraker liess sich mit az-Za’im, Führer anreden – einen Geheimbrief mit Berlin und Rom für den vereinten Kampf bis zum Endsieg und die Liquidation des Judenheims in Palästina. Das hiess genauer stets, die Juden dort zu töten: dies war der vierseitige, auf Palästina orientierte Genozidpakt für „Judenreine Länder oder Reiche Arabiens“, den auch die beiden Aussenminister der Achse eingingen.

Im Juni bejahte die SS eine arabische Tour im Lager Sachsenhausen. Mitte Juli einigte sich Hitler mit al-Kailani, gemeinsam Feinde bis zum Endsieg zu bekämpfen. Luther las Grobbas Bericht: ein Offizier sprach vor vier Arabern, führte sie zwei Stunden durchs Lager, wo sie die angetretenen jüdischen Gefangenen inspizierten. Die Gäste habe „exzellent beeindruckt“. Doch Luther missfiel dies, weshalb Grobba ihm keine weiteren arabischen Lagertouren mehr zusagte.

Al-Husaini, den manche als möglichen Kalifen sahen, drängte dann Grobba aus der Arabien-Politik. Als “Weihnachtsgabe“ wurde der Gesandte ins Pariser Archiv delegiert, wogegen al-Kailani umsonst protestierte. Im Februar 1943 verliess Bose Deutschland. Luther wurde nach seinem verfehlten Coup gegen von Ribbentrop Häftling in Sachsenhausen. Drei der „Fatalen Sieben“ waren zu Jahresbeginn schon weg, so dass das Foto wohl aus der zweiten Hälfte 1942 stammte, als Bose noch in Berlin weilte.

Hitler empfängt Bose

Nazi-Hilfe suchte Bose, um Briten im Zweiten Weltkrieg aus Indien zu vertreiben, wie schon zuvor andere Inder die Berliner Hilfe im Ersten Weltkrieg suchten, um gegen die Briten zu kämpfen. Der Kaiser besorgte Indiens Nationalisten Geld, Waffen und Experten. Wilhelms Militärattaché in Amerika, Franz von Papen, leitete diese Hindu-Deutsche Konspiration. Er wurde ertappt und musste das Land Weihnachten 1915 verlassen. Später kämpfte er mit Osmanen in Palästina. Hitler ernannte von Papen zum Gesandten in Ankara, ein wertvoller Mittelost-Posten, wo von Papen und al-Husaini am Raub-Goldhandel der Deutschen Orientbank profitierten.

Berlin vereinte im Ersten Weltkrieg Inder und Araber, um sie aufzuwiegeln, gegen die Briten zu rebellieren. Deutsche bezahlten ihnen Journale, Reisen für islamistische Revolten und für Kleriker in alten und neuen Bruderschaften unter deutschem Einfluss. Dieser Ansatz half Bose, als er Anfang 1941 in Berlin ankam, um Hilfe zu erlangen. Am Ende des Jahres verfügte Himmler, Freiwillige in SS-Truppen zu rekrutieren. Bose schuf ein Freies Indien-Zentrum oder Azad Hind und unter dem gleichen Namen Mitte 1942 seine Indische Legion und einen Radiosender. Zu seinen 3.000 Mann kamen auch viele britische Inder, die General Rommel in Libyen gefangen nahm.

Am 29. Mai empfing Hitler Bose in Berlin, der ihm einen Text übergab, wie er Briten durch indische Massen-Erhebungen angehen wollte. Die Zeit war günstig, denn der „Blitzkrieg“ stockte in Russland. Hitler drängte jetzt auf niederländische, indische, arabische und kroatische Truppen in seiner Machtpyramide. Er sagte zu Bose, beide haben gleiche Feinde: die Engländer, Bolschewiken und Amerikaner. Deutschland werde Russland vernichten. Das helfe Japan in Ostasien und Bose in Indien. U-Boot Angriffe, Luftschläge auf britische Zentren und auf besiegte englische Truppen in Nordafrika helfen Indien und liefern dem Land Soldaten für dessen Befreiung.

Vielleicht werde er Indiens Grenze in zwei Jahren erreichen, sagte Hitler. Dann könnte er Bose fragen, gemeinsam dort einzumarschieren, indes dieser seine anti-britische Revolte auslöse, die britische Truppen binden würde. Zudem mag er die Japaner für sich gewinnen. Als ein alter Revolutionär, sagte Hitler zu Bose, möge dieser von innen allein dann eine Revolte starten, wenn diese durch eine Militärmacht von aussen geschützt werde. Nichts erreiche Gandhis passiver Widerstand oder Nehrus Feindschaft gegen Faschismus und Nationalsozialismus.

Bose, so Hitler weiter, müsse näher an Indien heran. Als ein wichtiger Mann sollte er ein Flugzeug vermeiden, das die Briten zur Landung zwingen könnten. Sicherer wäre ein U-Boot. Bose, verheiratet mit einer einst schwangeren Österreicherin, stieg also nahe Madagaskar von U-180 auf das japanische I-29 um, und gelangte so auf das japanisch besetzte Sumatra.

Hitler und al-Husaini

Der Mufti kam am 6. November im Berliner Schloss Bellevue an und traf Bose.Beide einigten sich auf Propaganda-Aktionen. Al-Husaini benutzte die nächsten 22 Tage bis zu seinem Treffen mit Hitler, um bei führenden Nazis darum zu werben: das Ende der legalen Reise von Juden nach Mittelost (Himmler befahl es am 23. Oktober, wobei beide Araber am 24. September in ihren elf Punkten erneut forderten, das jüdische Heim in Palästina abzuschaffen), sowie alle seine Wirkungen und Ergebnisse „zu eliminieren“.

Um Konsens für seine Ambitionen im Nazi-Staat zu bilden, konsultierte der Mufti deutsche und italienische Gesandte in Vichy und Rom zu solchen Punkten wie Syrien, Arabische Legion und eine Erklärung der Achsenmächte zu Arabien. Am 20. November meinte Aussenminister von Ribbentrop zu ihm, Palästina sei „rein arabisch“, und traf ihn noch zweimal vor dem Gespräch mit Hitler sowie am Folgetag, an dem er ebenso Bose empfing. Dem Inder sagte der Chefdiplomat von Ribbentrop auf den nahenden japanischen Überfall in Pearl Harbor anspielend, Japan und Amerika erfahren bald einen Konfliktzustand, der zum Krieg führen könnte.

Am 22. November notierte Rademacher ein Memorandum über Ideen des Auswärtigen Amts zur Gesamtlösung der Judenfrage in Europa, die Luther zur Wannsee Tagung mitnahm. Diese Ideen umfassten die Abschiebung von Juden aus dem Deutschen Reich und dem besetzten Europa, wo überall Judengesetze nach Nürnberger Art einzuführen wären, nach Europas Osten.

Die Treffen des Muftis während seiner 22 Tage in Berlin, fokussierten sich auf Debatten um die Arabien-Erklärung Berlins und Roms, die sein Sekretär, Uthman Kamal Haddad (Foto), notierte und am 25. Februar 1941 an Grobba übergab. Diese Erklärung reifte seit Mitte 1940 heran. Ihr Paragraf 7 sah vor, dass Berlin und Rom ein jüdisches nationales Heim in Palästina für illegal erklären. Ferner erkennen sie Arabern, darunter in Palästina, das Recht zu, die Frage ihrer jüdischen Bevölkerungsanteile dort „im national-arabischen Interesse und in der gleichen Art zu lösen, wie die Frage in den Achsen-Ländern gelöst worden ist. Daraus folgt auch, dass keine jüdische Einwanderung nach den arabischen Ländern mehr gestattet sein wird.“ Rademachers Text sah vor, dass Juden nach Osteuropa deportiert werden würden; er erwähnte nichts von Mittelost, obwohl die Emigration dorthin zuvor Hitlers bevorzugter Aktionskurs gewesen war: der Haavara Pakt von 1933 erlaubte etwa 60.000 deutschen Juden bis 1939 nach Palästina zu emigrieren.

Von links, Fritz Grobba, Uthman Kamal Haddad, Amin al-Husaini. Foto Helmut Laux

Der Entwurf von al-Kailanis Militärvertrag mit Berlin sah vor, nach sechs Monaten die Militärmacht durch eine Zivilregierung abzulösen. Klar war, was Iraks Juden in dem halben Jahr bevorstand. Indes feilten Berlin und Rom an ihrer Arabien-Erklärung bis zu jenem Freitag, als Hitler den Mufti empfing.

Die beiden Männer gaben sich 95 Minuten am 28. November 1941. In diesem Treffen enthüllte Hitler gegenüber al-Husaini seinen Plan, Juden in Europa, Mittelost und global zu töten sowie seinen Wunsch, in Irak und Iran einzufallen. Sein Gast sollte warten, bis Nazi-Truppen den Südausgang des Kaukasus erreichten. Von Ribbentrop plante den Tiflis-Moment, wenn die Nazis Mittelost und Indien über den Sueskanal und/oder den Kaukasus diese georgische Stadt erreichten. Von dort sollten die Araber und Bose zu Revolten „von Jerusalem über Bagdad bis Kalkutta” aufrufen, ihre Regierungen im Exil bilden und sodann heimwärts mit den Nazis vorangehen.

Al-Husaini stimmte Hitler zu und erwartete dessen Befehl. Ihr Genozidpakt war eine weitere Zäsur in der Eskalationsspirale der Kriegszeit gegen Juden, die am 30. Januar 1939 intensiviert wurde als Hitler vor dem Reichstag drohte, einem neuen Weltkrieg folge „die Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa”. Eine Drohung, die er Ende Januar 1942 abermals in einer öffentlichen Rede wiederholte. Vor al-Husaini ging er weiter, sicherte ihm die Vernichtung der Juden Mittelosts und global zu. Wegen des in zehn Tagen darauf nahenden Angriff Japans auf Pearl Harbor, den Hitler vorab erfuhr, kam der totale Weltkrieg auf. Hitler wollte nun weit über das Deutsche Reich gehende Pläne realisieren.

Nachdem al-Husaini ging, legte Hitler mit von Ribbentrop vier Mufti-Punkte fest. Er stellte die Arabien-Erklärung zurück, die er mit Mussolini beriet. Erst zwölf Tage später kam der Kurztext samt Fotos und Film ohne Datum des Treffens: Hitlers Adjutantur gab den Text erst am 9. Dezember 1941 frei, und die Presse meldete es am Folgetag, wiederum ohne ein Datum des Treffens. Der um zehn Tage verzögerte Text diente dazu, den spezifischen Kontext zu Hitlers Treffen mit al-Husaini zu vertuschen. Hitler plante auch, einen Arabisch Islamischen Führerrat in Berlin zu etablieren, der seine Umordnung Mittelosts bestätigen sollte.

Am Abend, nachdem al-Husaini ging, löste Hitler die Wannsee Konferenz aus, nun, da Amerikas Eintritt in den Krieg wie auch Hitlers Gegenkriegserklärung unvermeidlich geworden waren. Luther erhielt die Einladung zur Wannsee Tagung am Folgetag, Samstag, den 29. November, wobei später dessen Protokoll als einziges erhalten blieb. Sehr wahrscheinlich ist, dass Hitler den Entschluss zur Wannsee Tagung nach dem Freitag Treffen mit al-Husaini fasste. Er legte den Termin für diese Tagung der Unterstaatssekretäre in einer Villa am Wannsee auf den 9. Dezember fest.

Mit der globalen Ablenkung durch Japans Angriff auf Pearl Harbor, sah Hitler seine Chance, diese Wannsee Tagung eher unter dem Radar halten zu können. Am Samstag sagte Hitler zu Roms Aussenminister Ciano, dass der Krieg gegen Russland prinzipiell gewonnen sei, und dass er nun seine Aufmerksamkeit Mittelost über den Kaukasus zuwende, obwohl er voll die russische Gegenoffensive und die Folgen des russischen Winters auf seine Armee unterschätzte. Bald erklärte Adolf Eichmann dem Mufti die Endlösung in seinem Kartenraum.

In ihrer Planung und Strategiefindung folgten Hitler und seine Gäste den Mustern der deutsch-osmanischen Jihadisierung des Islamismus im Ersten Weltkrieg, Aufstände anzuzetteln und als unbequem angesehene Minoritäten zu beseitigen. Obwohl Hitler noch 1925 Jihad in Berliner Diensten abwies, „der angenehme Nervenkitzel zu denken, dass Andere bereit sind, ihr Blut für uns zu geben“, so bat er nun Indiens und Arabiens Nationalisten und Islamisten genau darum. Im Gegenzug boten sie ihm Revolten und Legionen an. Nach dem Krieg meinte der Mufti, die Nazis bedurften seiner nicht. Doch Hitlers Befehle 30 Irak und 32 Russland setzten auf Befreiungsbewegungen als „natürliche Alliierte“.  Indessen waren Genozide schon unter dem Vichy-Regime in Nordafrika vorgesehen und verfehlten im Irak und anderen Mittelost-Ländern.

Das Datum der Tour

Doch die anhaltenden Siege der Achsenmächte bis zum Einmarsch der Alliierten in Nordafrika am 8. November 1942 ermutigten Hitlers „natürliche Verbündete“, das Know-how der NS-Konzentrationslager zu studieren. Im Ersten Weltkrieg vereinte Berlin indische und arabische Rebellen. Daher organisierten Bose und der Mufti ein „Treffen der Solidarität“ im Haus der Flieger nahe des Brandenburger Tores. Dort war das Büro von Hermann Göring. Dieses Foto von al-Kailani und Bose vom 23. September 1942 kann den Tag oder Tage darum betreffen, als die „Fatalen Sieben“ die Artillerie-Schule mit dem Nazi-Lager in der Nähe von Berlin besuchten.

Ali al-Kailani und Subhas Chandra Bose 1942. Foto Scherl Bilderdienst – Nationaal Archief, Fotocollectie Spaarnestad Onderwerpen Original at Nationaal Archief with id 1495afaa-3321-ac10-fe76-0a4b0ffdedf4, CC0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=83649559

Der Besuch des Lagers gab Echtzeiteinblicke in die Schoah, wie davor schon die Visite durch die vier arabischen Helfer. Luther, der am Wannsee Treffen teilnahm, begleitete diese fünf Gäste. Wegen der sowjetischen Offensive und Pearl-Harbor-Folgen musste das Wannsee Treffen vom 9. Dezember 1941 auf den 20. Januar 1942 vertagt werden.

Am Tag nach der Wannsee Tagung traf sich Grobba mit dem Mufti. Man kann annehmen, was er berichtete, wurde ihm direkt von Luther als Wannsee Teilnehmer mitgeteilt. Der Gesandte war Zeuge von Hitlers Genozid-Pakten mit beiden Arabern. Indem Hitler diese Pakte einging, folgte er seiner früheren Idee „in Sonderzeiten Partner zu finden, die für ihre eigenen Ziele denselben Weg gehen müssen.“

Bose, Budak und Seyss-Inquart sahen alles, was Hitler tat in Echtzeit. Sie deportierten Juden oder befolgten Hitlers Rat Legionen der Waffen-SS, Polizei-Einheiten und Truppen der Lagerbewachung aufzustellen. Als Seyss-Inquart Himmler im Mai 1941 traf, ging es um SS-Verbände der Niederlande, wo dem Vernehmen nach Ende 1942 auch indische Legionäre eintrafen. Darum ging es auch als Himmler Bose in seinem ostpreussischen Kommando am 15. Juli 1942 empfing, was noch ein anderes plausibles Datum für den Lagerbesuch der „Fatalen Sieben“ war. Doch eher fand der Besuch am oder um den 23. September statt, zumal der SS-Führer Gottlob Berger am Abend in Berlin Kroaten empfing, darunter sicherlich Budak.

Berger, SS-Hauptamtschef, lenkte die Umsiedlung von „Volksdeutschen“, was die Deportation anderer Gruppen bedeutete. Er wirkte eng mit al-Husaini, der als einstiger Osmanen-Offizier bereits Spezialeinheiten erlebte, die Minoritäten verfolgten wie die Teşkilât-ı Mahsusa. In der Tat regten ihn Himmlers Kommandos an, eine seiner syrischen Blitz-Truppen „as-Sa’iqa“ zu nennen.

Gerhart M. Riegners Kabel alarmierte die Alliierten Mitte 1942 über Hitlers Plan, bis zu vier Millionen Juden in seinem Machtbereich im besetzten Polen zu liquidieren. Dies schreckte Nazi-Autoritäten und ihre Helfer nicht von ihren Absichten ab. Anfang Dezember traf in Berlin ein Geheimbericht über den Grossmufti aus Rom ein, wo er mit dem Geheimdienst Ausland- Abwehr Gespräche führte. Unter der Überschrift „Der Mufti als Mitarbeiter“ stellte al-Husaini seine Position dar: Er kann seine eigenen politischen Ziele nur dann erreichen, wenn die Achsenmächte siegen. Aus vier Gründen muss er mit ihnen zusammengehen, 1) Deutschland hat zu keiner Zeit arabisch-islamisches Gebiet besetzt oder angegriffen; 2) es ist das einzige Land, dass die Judenfrage in einer prinzipiellen und radikalen Art zu lösen versucht; ein Kampf, den er lange schon vor 1933 in entschiedener Weise aufnahm; 3) Deutschland ist der Feind Englands, ein Feind aller arabischen Länder; 4) Deutschland ist das einzige Land, das in der Lage ist, den Bolschewismus zu bannen; die arabischen Völker sind wegen ihrer religiösen Einstellung Feinde des Bolschewismus.

Al-Husaini und al-Kailani schufen ein panarabisches und islamistisches „nie Frieden Veto mit Juden“ und blockierten dabei parallel britische Angebote und die jüdische Emigration nach Mittelost. Juden konnten sich selbst nicht dorthin retten, woher ihre Vorfahren kamen. Indem Hitler dem zustimmte, limitierte er seine Optionen: seine Helfer waren an ihren eigenen „judenfreien Ländern und Reichen“ interessiert: Irak, das ehemalig osmanische Grosssyrien mit Syrien, Libanon, Palästina, Ostjordanien und den Emiraten, laut dem erwähnten Elf-Punkte-Plan von Ende 1941, der sie nach Nazi-Prinzipien in den Dreimächtepakt Rom-Berlin-Tokio einband. Paris und London sollten sogar Reparationen an arabische Länder bezahlen.

Dank der Alliierten erlebte Mittelost nicht dieses barbarische Trauma, das die Nazis und ihre lokalen Helfer planten. Seinerseits schrieb der Mufti später in seinen Damaszener Memoiren, dass Vorwürfe, er hätte ein Konzentrationslager besucht, eine „Schmierkampagne“ der „zionistischen Führer“ wäre. Die Nazis, meinte er, „brauchten mich nicht, um sie anzuspornen.“ Seine Politik „war nicht Vernichtung, sondern war und ist einfach, sie [Juden] aus unseren Ländern zu vertreiben.“

Doch zeigen al-Husainis schriftlicher Pakt mit den Nazis und nun die Fotos seiner Tour in einem Konzentrationslager sowie seine nachfolgende enge Verwicklung in die Endlösung über jeden Zweifel hinaus, was der palästinensische Führer wollte: die Juden Mittelosts sollten das gleiche Schicksal teilen wie die Juden Europas. An jenem schicksalsschweren Freitag hat ihm Hitler die Natur ihres gemeinsamen Kurses im Detail erklärt – und al-Husaini war damit völlig einverstanden.

Infolge dieser neuen und hier erklärten fotografischen Beweise erscheint es so, dass das letzte Wort dem Nazi-Jäger Simon Wiesenthal gehören sollte. Er versicherte, dass der Grossmufti sich mit Hitler mehrfach getroffen hat und dass der Mufti ein Konzentrationslager als Teil einer Kommission oder Gruppe besuchte. Mithin wurde bewiesen, dass Wiesenthal Recht behielt – freilich mag er noch einen weiteren Gruppenbesuch im Auge gehabt haben. 

Dieser Artikel erschien erstmals als „Photographic Evidence Shows Palestinian Leader Amin al-Husseini at a Nazi Concentration Camp, An analysis of photographs sold at a Jerusalem auction house offers new insight into the role of foreign accomplices in Hitler’s Final Solution by Wolfgang G. Schwanitz“ in Tablet Magazine am 7. April 2021, und erscheint hier mit Genehmigung von Tablet Magazine und Autor.

Wolfgang G. Schwanitz forscht als Mittelost-Historiker in Amerika. Er ist Autor von zehn Büchern und Editor von zehn Büchern, darunter Gold, Bankiers und Diplomaten: Zur Geschichte der Deutschen Orientbank 1906-1946; Germany and the Middle East 1871-1945; Islam in Europa, Revolten in Mittelost; Nazis, Islamists, and the Making oft he Modern Middle East (mit Barry M. Rubin) und die Jahrbücher Mittelost Mosaik 2015-2019. Seine Werke wurden in acht Sprachen übersetzt. Er ist Senior Fellow am Aussenpolitik Forschungsinstitut in Philadelphia, Pennsylvania.

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