Israel – Gaza: Medienberichterstattung im Clinch mit den Fakten

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Lod, Israel: Jüdische Jugendliche räumen in einer niedergebrannten Synagoge auf und bergen religiöse Gegenstände. Foto IMAGO / ZUMA Wire
Lod, Israel: Jüdische Jugendliche räumen in einer niedergebrannten Synagoge auf und bergen religiöse Gegenstände. Foto IMAGO / ZUMA Wire
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Tel Aviv am 21. Mai 2021. Das erste Opfer eines Krieges ist die Wahrheit. Ich schreibe dies als eine Journalistin, die nach zwei Jahrzehnten der Berichterstattung über den israelisch-palästinensischen Konflikt vor Ort begriffen hat, dass die wahre Schlacht nicht die zwischen der Hamas und Israel ist. Der wahre Kampf ist der um die öffentliche Meinung. Fakten werden gesponnen, um einem Sender oder einer Leserschaft eine bestimmte Sichtweise zu liefern.

Die weltweite Abneigung gegen Israel spiegelt nicht die Fakten vor Ort wider. Als Journalistin halte ich mich aber immer noch gerne an Fakten.

Tatsache: Die jüngsten Ereignisse im kleinen Ost-Jerusalemer Stadtteil Sheikh Jarrah, von denen einige behaupten, sie hätten die jüngste Runde der Gewalt ausgelöst, drehen sich um einen komplizierten Streit um Eigentumsrechte. Im Jahr 1875 kauften Juden Land in diesem Gebiet, 1948 wurden sie jedoch vertrieben. Palästinensisch arabische Einwohner zogen ein. Sicherlich ist dies eine Angelegenheit, die man besser den Gerichten als der Weltöffentlichkeit überlässt.

Tatsache: Ein Grossteil der derzeitigen Instabilität resultiert von der Ankündigung des palästinensischen Präsidenten Mahmoud Abbas, dass er die Wahlen im Westjordanland absagen würde. Kein Palästinenser, der jünger als 34 Jahre ist, hat jemals an nationalen Wahlen teilgenommen. Experten sind sich einig, dass Abbas besorgt ist, dass seine Fatah-Fraktion sowohl im Gazastreifen als auch im Westjordanland gegen die Hamas verlieren könnte.

Tatsache: Als muslimische Gläubige vor drei Wochen das Gelände der Al-Aqsa-Moschee verliessen und „bombardiert Tel Aviv“ riefen, wurden sie von der Hamas angestachelt. Die jüngsten Aktionen der Machthaber in Gaza sind ein Versuch, sich als die wahren Vertreter der Palästinenser zu positionieren. Was sich hier abspielt, ist ein innerpalästinensischer Konflikt.

Tatsache: Am vergangenen Montagmorgen kam es zu Zusammenstössen zwischen Gläubigen auf dem Tempelberg und der israelischen Polizei, nachdem sich über Nacht Tausende von Palästinensern an der heiligen Stätte versammelt hatten, um Steine und andere Waffen zu lagern. Wer provozierte wen?

Tatsache: Am vergangenen Montagabend feuerte die Hamas in einer bewussten, offensiven Kriegshandlung ein wahres Sperrfeuer an Raketen auf Israel ab. Israel antwortete mit Luftangriffen.

Mark Twain sagte: „Lass niemals die Wahrheit einer guten Geschichte im Weg stehen.“ Fotos aus Gaza berühren das Herz, deshalb lieben wir Journalisten sie.

Ich schreibe dies aus einem Luftschutzkeller in Tel Aviv, wo seit 3 Uhr morgens jedes Mal, wenn Israels Raketenabwehrsystem Iron Dome eine ankommende Rakete abfängt, Sirenen kreischen, gefolgt von einer kurzen Pause und dann einer lauten Explosion. Abgesehen von einer gelegentlichen Rakete die durchkommt, können die Bilder aus Israel niemals mit der Verwüstung und Zerstörung aus Gaza verglichen werden. Wenn Israel den Medienkrieg gegen die Hamas gewinnen wollte, müsste das Land zulassen, dass mehr Bürger getötet werden.

Lassen Sie uns jetzt über Zahlen sprechen. Anders als bei einem Fussballspiel, bei dem die Punkte zwischen den einzelnen Mannschaften aufgelistet werden, ist es irreführend, die Opfer auf der Gaza-Seite mit denen auf der israelischen Seite zu vergleichen. Jedes getötete Leben ist ein Leben zu viel, und ich habe viele Kollegen und Freunde in Gaza, um die ich mir Tag und Nacht Sorgen mache, aber die Opferzahlen ignorieren den Kontext dessen, was vor sich geht.

Tatsache: Die Hamas hat alle ihre militärischen Einrichtungen absichtlich in zivilen Gebieten platziert und Raketen mitten aus der Bevölkerung abgefeuert.

Tatsache: Israelische Soldaten haben den ständigen Befehl, dass sie nur militärische Ziele angreifen dürfen. Sie haben ein absolutes Verbot, Zivilisten anzugreifen.

Tatsache: In der Kriegsführung gibt es keine gesetzliche Vorgabe für eine verhältnismässige Reaktion. Ein Land darf gegen militärische Ziele reagieren. Das bedeutet, dass Israel rechtlich gesehen das Recht hat, sich so lange zu verteidigen, wie die Hamas das Land beschiesst.

Tatsache: Es gibt auch keine gesetzliche Verpflichtung, feindliche Soldaten oder Terroristen vorwarnen zu müssen. Israel hat ein Vorwarnsystem entwickelt, um Kollateralschäden zu minimieren. Deshalb warnt Israel oft, bevor es ein Gebäude angreift, in dem Zivilisten leben. Das kann allerdings ein schmaler Grat sein, denn eine Vorwarnung ermöglicht dem militärischen Ziel auch die Flucht.

Es gab eine Zeit, da war ich stolz auf meinen Beruf. Man vertraute darauf, dass Journalisten den Kontext und das Verständnis für Nachrichten liefern. Ein 10-Sekunden-Clip von einem Haus, das in Gaza bombardiert wird, ist schrecklich, aber es ist nur ein Teil der Geschichte.

Aber wie erzähle ich die ganze Geschichte des Konflikts und was die Kriegsparteien an diesen Punkt gebracht hat – und füge dazu noch aktuelle Entwicklungen hinzu – innerhalb der Grenzen eines einminütigen-30-sekündigen Fernseh-Nachrichtenbeitrags? Noch schlimmer ist, dass mit dem Aufkommen der sozialen Medien jeder denkt, er sei ein Journalist und lädt sekündlich Fotos, Informationen und Kommentare hoch. Aber wo bleiben die Fakten? Wo ist der Kontext?

Wenn die Hamas alle ihre militärischen Aktivitäten in zivilen Einrichtungen unterbringt, schafft sie ein absichtliches Dilemma für die israelische Armee. Entweder schiesst Israel nicht zurück, oder, wenn es das tut, wird es mit den tragischen Gesichtern toter Kinder als Kollateralschäden konfrontiert, die in den Medien der ganzen Welt verbreitet werden. Für die Hamas ist das eine Win-Win-Situation.

Und solange Israel nicht bereit ist, seine Bevölkerung zu opfern, um uns Journalisten die Fotos zu geben, die wir unbedingt haben wollen, wird es den Medienkrieg für immer verlieren.

Die Geschichten auf beiden Seiten sind gleichermassen tragisch. Es ist mir egal, ob es eine palästinensische Mutter oder eine israelische Mutter ist, die Tränen sind die gleichen Tränen, wenn ihr Sohn getötet wird.

Aber irgendwann wurde es Mode, nur Israel die Schuld an dem Konflikt zu geben.

Warum stürmen die Menschen nicht auf die Strasse, um die saudische Flagge zu verbrennen, angesichts des schrecklichen Krieges von Riad gegen den Jemen?

Ich habe während der schlimmsten Tage des Bürgerkriegs aus Syrien berichtet. Wo waren die Verurteilung und die Medienberichterstattung, die anprangerten, was geschah? Und wo sind sie heute?

Was ist mit den gravierenden Menschenrechtsverletzungen in China?

Die Liste liesse sich fortsetzen.

Aber es gibt eine Obsession gegenüber Israel.

Wie sonst ist es zu erklären, dass so viele Menschen nicht bereit sind, die aktuellen Ereignisse in irgendeinen Kontext einzuordnen? Wie sonst erklären wir uns die Behandlung und Verurteilung eines Landes, von dem man erwartet, dass es sich angreifen lässt?

Die Ironie ist, dass diese Doppelmoral auch den Palästinensern nicht hilft. Vielmehr ermutigt sie zu mehr Konflikt, der auf beiden Seiten nur Hass für die Zukunft aufbaut.

Paula Slier ist eine südafrikanische Journalistin und Kriegsberichterstatterin die im Nahen Osten lebt. Sie ist als Chief Executive des Middle East Bureau für RT sowie als Gründerin und CEO von Newshound Media International tätig.

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