Israel: In Akko ist die Stimmung nach den jüngsten Unruhen angespannt

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Marktstand im Souk in Akko, Israel. Foto IMAGO / Schöning
Marktstand im Souk in Akko, Israel. Foto IMAGO / Schöning
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In Akko hat sich die angespannte Lage im Heiligen Land in Gewalt und Vandalismus niedergeschlagen. Die Situation ist mittlerweile unter Kontrolle, aber Normalität herrscht noch lange nicht.

von Andrea Krogmann

Eine Spur der Verwüstung zieht sich durch die Altstadt der nordisraelischen Hafenstadt Akko: Das Lager eines Gewürzhändlers, eine Bar, zwei Hotels, ein Restaurant und ein historisches Bürogebäude sind Brandanschlägen wütender arabischer Randalierer zum Opfer gefallen. Ihnen gemeinsam: die jüdischen Besitzer. Die über mehrere Tage anhaltenden Gewaltausbrüche sind vorerst unter Kontrolle, die Spannung in der Stadt aber bleibt angespannt. Die Präsenz der israelischen Polizei ist hoch. Auswärtige Besucher gibt es kaum. Bis Normalität einkehren wird, sagen jüdische und arabische Bewohner, wird viel Zeit vergehen.

„Es ist ein Scheissgefühl!“. Schimon Jehuda steht vor den verbrannten Überresten seines Lagerraums. Der eigentliche Laden, genau gegenüber im arabischen Altstadtsouk Akkos, ist bereits wieder geöffnet. Seit 1958, seit er 8 Jahre alt ist, ist der marokkostämmige Jude Teil der Altstadt von Akko. Das Geschäft hat er von seinem Vater übernommen.

Jetzt eskalierte die Situation. Am 11. Mai riefen Muslime zu einer Demonstration in Solidarität mit Palästinensern in Ostjerusalem auf. Zunächst seien es Kinder gewesen, die mit Spielzeugwaffen in den Gassen „Demonstration“ gespielt hätten, erinnert sich der Obere des Franziskanerkonvents in einer Seitenstrasse des Souks, Pater Toufic Bou Merhi. Später am Abend kamen die Erwachsenen. Und die israelische Polizei, die die Demonstranten am Zug durch die Neustadt Akkos hindern wollte. „Der Mufti der Al-Jazzar-Moschee rief die Menge wiederholt zur Ruhe, forderte Eltern dazu auf, ihre Kinder von der Strasse zu holen“, sagt der Pater. Doch die Stimmung heizte sich auf. An diesem Abend brannte unter anderem „Uri Buri“, das berühmte Fischrestaurant unterhalb des Leuchtturms.

Tags drauf war es die jüdische Seite, die zu Demonstrationen aufrief, so Bou Merhi. Autos und arabisch bewohnte Gebäude in der Neustadt seien das Ziel von Gewaltakten gewesen. Tausende Muslime folgten diesmal dem Aufruf des Muftis: Sie sollen in die Altstadt kommen und ihre Moschee beschützten, die durch die jüdische Masse bedroht seien. Bis tief in die Nacht dauerten die Unruhen nach Worten des Franziskaners. Es ist die Nacht, in der auch das Lager von Schimon Jehuda der arabischen Wut zum Opfer fällt.

„Unsere guten Beziehungen hier im Souk wird das nicht verändern, wir sind über seit 60 Jahren Freunde“, sagt Jehuda, während er die Hände muslimischer Bekannter schüttelt und in fliessendem Arabisch Smalltalk führt. Aber das Geschäft leidet unter den Ereignissen der letzten Tage. Denn die Kunden, die bleiben jetzt aus. Der Altstadtmarkt lebt von Besuchern von aussen: Ausländischen Touristen und mehr noch jüdischen Besuchern, die am Wochenende zum Einkaufen kommen.

„Jehuda hat eine arabische Seele“, sagt Emil Ghattas, der das bei Touristen beliebte türkische Bad in Akko führt. Christ Ghattas, Jude Jehuda und viele der Muslime im Souk sind zusammen aufgewachsen. Für Ghattas und seinen Nachbarn Maurice ist klar: „Die, die das getan haben, sind von aussen gekommen und waren in ihrer Wut nicht kontrollierbar. Die Schäden wiederum sind ein Verlust für ganz Akko, nicht nur die betroffenen Besitzer!“ Das Feuer in Jehudas Lager etwa, erzählen sie in den Gassen der Stadt, haben einheimische Muslime gelöscht, weil die Feuerwehr nicht gekommen sei. Der Aufruf der muslimischen Jugend zu einer Aufräumaktion nach den Krawallen habe grosses Gehör gefunden, auch junge Christen und ein orthodoxer Priester hätten sich beteiligt.

„Die Lage wird sich normalisieren, aber das wird Zeit brauchen“, sagt Micha Avni. Er steht in der Eingangshalle des Hotels seines Vaters. Scherben liegen auf dem Boden, Möbel und auch der Flügel sind umgestürzt, Pflanzen entwurzelt worden. Fünf Jahre Arbeit habe die Familie in das „Arabesque“ investiert. „Wir in Israel waren die ersten, die nach der Coronavirus-Pandemie wieder für Touristen aufmachen sollten, und jetzt das.“ Worte für das Geschehen gebe es nicht, sagt er, Tränen in den Augen. „Leute, die so etwas machen, die kümmert es nicht, welchen Schaden sie auch den Nachbarn antun.“ Aufgeben will die Familie nicht. Nächste Woche, sagt Micha Avni, beginnt der Wiederaufbau.

KNA/akr/cha

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