Warum macht Israel nicht Schluss mit dem Raketenbeschuss?

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Raketen werden von Hamas aus Wohngebieten auf Israel abgefeuert. Gaza 17. Mai 2021. Foto IMAGO / NurPhoto
Raketen werden von Hamas aus Wohngebieten auf Israel abgefeuert. Gaza 17. Mai 2021. Foto IMAGO / NurPhoto
Lesezeit: 7 Minuten

Aus Europa hört man oft die Frage: Warum hört wenigstens Israel nicht endlich auf, die Menschen in Gaza zu beschiessen? Die Zivilbevölkerung dort hat doch gar keine Möglichkeit, sich zu schützen. Die Juden sind doch so klug und wir haben doch gelernt, dass der Klügere nachgibt. Aber wäre die Lebensgefahr für die Menschen in Gaza denn vorbei, wenn die IDF nicht mehr auf die Raketenstellungen der Hamas und ihre Kommandozentralen zielt? Die Antwort lautet: Leider nein. Der Blick vom Sofa in Brüssel oder Berlin erfasst leider wesentliche Probleme nicht.

Eine Hamas-Rakete auf Israel – fast zwei Hamas- Raketen auf Gaza

„Fast eine Woche nach Beginn des Beschusses haben militante Palästinenser nach Angaben der israelischen Armee damit rund 3150 Raketen aus dem Gazastreifen in Richtung Israel abgefeuert. Etwa 460 der abgeschossenen Raketen seien noch in dem Küstengebiet selbst niedergegangen, teilte das Militär am Montagmorgen mit.“ Schreibt die NZZ. Nahostkonflikt: Raketen auf Israel, Luftangriffe auf Gazastreifen (nzz.ch) Das bedeutet: In dem dicht besiedelten Küstengebiet ist die Bevölkerung in Gaza dem Raketenterror durch die Hamas genauso ausgesetzt, wie in Sderot und Beerscheba. Und zwar ohne Iron Dome, der in Israel 90% der Raketen abfängt. Durch den Beschuss aus Gaza wurden demnach 269mal auf der israelischen Seite die Zivilisten gefährdet und zeitgleich 460mal Bewohner in Gaza. (Fehlschüsse auf beiden Seiten mal nicht mitgerechnet.) Es gibt, so zynisch das klingt, zurzeit nur eine Möglichkeit, die Menschen auf beiden Seiten der Grenze zu schützen: Man muss die Hamas stoppen, selbst wenn dadurch ebenfalls auch Unschuldige in Gaza getroffen werden. Selbst wenn man die Angriffe der Israelis mit einberechnet, geht es sich sonst nicht aus.

Besatzung von Gaza wäre unbezahlbar

Die saloppe Frage „Warum macht Israel nicht Schluss mit dem Raketenbeschuss“ wird auch in Israel gestellt. Militärexperten sagen offen, dass es eine Möglichkeit gäbe, dem Spuk des derzeitigen Raketenbeschusses aus dem Gazastreifen ein für alle Male ein Ende zu bereiten. Aber dafür müsste Israel den Gazastreifen erneut besetzen, um so die Hamas physisch abzuschaffen. Diese Möglichkeit bestünde natürlich, würde aber hohe Verluste unter israelischen Soldaten kosten und noch viel mehr Zivilisten in Gaza gefährden. Denn das bedeutet gleichzeitig einen gnadenlosen Häuserkampf. Denn die Hamas wurde gewählt. Sie agiert nicht im luftleeren Raum. Immer noch hat sie auch viele zivile Anhänger und andere werden gezwungen, sich als menschliches Schutzschild vor die paramilitärischen Truppen zu stellen. Ein unfassbar schwerer Kampf mit vielen Toten. Schwer nicht zuletzt dadurch, dass das gesamte Grenzgebiet auf der Gaza- Seite bis zu 40 Meter in die Tiefe über viele Kilometer untertunnelt ist. Es wird heute von einer „Metro“ der Hamas geredet, denn der ganze Küstenstreifen ist mit grossem Aufwand und viel gespendetem Beton untertunnelt worden. Die Baumaterialien werden von Spenden der UNO unkontrolliert entwendet oder auch von „humanitären“ Lieferungen der Israelis, die eigentlich für die Bevölkerung gedacht sind, etwa für den Wiederaufbau der durch Kriegseinwirkung zerstörten Wohnhäuser. Und selbst wenn man den Krieg mit vielen Verlusten an Menschenleben gewinnen könnte, müssten die israelischen Militärs anschliessend über einen langen Zeitraum den kleinen Küstenstreifen mit fast 2 Mio. meist feindseligen Einwohnern besetzt halten und kontrollieren. Das wäre dann eine Rückkehr zu den Zuständen vor 2005, als Israel sich mitsamt Siedlungen und Militäreinrichtungen vollständig aus dem Gazastreifen zurückgezogen hatte. Bis dahin gab es tatsächlich keinen Raketenbeschuss. Eine erneute Besatzung wäre der Preis, den der Staat Israel bezahlen müsste.

Aber auch Ägypten will den Gazastreifen weder selbst übernehmen, noch eine israelische Besatzung an diesem Ort dulden. Auch die neuen Friedensschlüsse mit anderen Ländern der Region wären durch so einen Krieg gefährdet. Aber selbst, wenn kein anderer arabischer Staat sich einmischt: Eine erneute Besetzung Gazas würde Irrsinnssummen an Sicherheits- und Unterhaltskosten verursachen, die alle von den israelischen Steuerzahlern finanziert werden müssten. Es wäre, abgesehen von den völlig indiskutablen Gefährdungen für die Menschen auf beiden Seiten der Grenze, für Israel buchstäblich unmöglich, allein diesen Preis zu zahlen. Viele Israelis sind zudem auch durch die Coronapandemie schon arbeitslos geworden. Der Staat kämpft sich von einer Wahl zur nächsten. Es gibt grosse Probleme im Inneren. Und die UN hat sich für eine Finanzierung dieses Projektes ja bekanntlich auch noch nicht gemeldet.  Es bleibt also für Israel nur eine Möglichkeit: In mühseliger Kleinarbeit den Führern des Terrors Mann für Mann das Handwerk zu legen und die Infrastruktur der Terroristen zu zerstören.

Geheimdienstarbeit und Hilfe aus Gaza selbst

Es heisst, dass Israel den besten Geheimdienst der Welt besitze. Das mag stimmen. Und es ist erstaunlich, mit welch punktgenauem Wissen die Israelis heute gegen die Hamas und ihre Waffen vorgehen. Die Israelis kennen nicht nur die Telefonnummern der Hausmeister jener Hochhäuser, die sie sprengen und dem Erdboden gleichmachen. Diese Hausmeister erhalten Anrufe vom Geheimdienst mit der Anweisung, die Gebäude unversehens zu räumen. So halten die Israelis die Zahl der Opfer niedrig angesichts der massiven Bombardierungen. Man kann davon ausgehen, dass der Geheimdienst auch viele andere Telefonnummern kennt und systematisch abhört. So wissen die Israelis genau, wo sich gerade die Spitzen der Hamas aufhalten, wo die wohnen und auch wie sie systematisch eliminiert werden können. In jüngster Zeit wurde das Haus des Ismail Haniye, des Chefs der Hamas in Gaza, bombardiert, sodass der und seine Familie sich eine neue Wohnung suchen müssen, wenn sie denn wieder aus Qatar zurückkommen sollten. 

Man kann davon ausgehen, dass die Israelis auch heute noch zahlreiche Spione im Gazastreifen haben. Hinzu kommt, dass viele Palästinenser, Bewohner des Gazastreifens, ein verständliches Misstrauen gegen die politische Führung der Hamas, hegen. Nach der Machtübernahme der Hamas 2007 wurden Anhänger der Fatah-Partei des Mahmoud Abbas von Hochhäusern in den Tod gestürzt oder in Richtung Israel vertrieben. Die Familien dieser Menschen haben nicht viel zu verlieren. Es ist bekannt, dass auch die bis heute manches tun, die Hamas zu bekämpfen. Eine ihrer Methoden ist es, ihr Wissen über Vorgänge in ihrer Nachbarschaft als Tipp an die Israelis weiterzugeben und abzuwarten. So erfahren die Israelis vieles, was sich gerade im dem Küstengebiet abspielt und können dann zielgenau Waffenfabriken oder Tunnels bombardieren.

Hinzu kommt noch die herkömmliche Aufklärung, mit Drohnen, Flugzeugen und sogar per Satellitenaufnahmen. Wenn etwa neben einer Moschee auffällig viele Lastwagen vorfahren, um Erdreich abzutransportieren, ist klar, dass da gerade ein Tunnel gebaut wird. Ebenso können die Israelis „sehen“, wohin schwere Waffen wie Raketen transportiert werden. Aber dennoch gibt es viele Einzelheiten, die den Israelis nicht bekannt sind. Und die Hamas weiss natürlich von diesen israelischen Aktivitäten und bemüht sich, die eigenen Aktivitäten geheim zu halten. So ist es der Hamas gelungen, im Laufe der Jahre eine grosse Anzahl von iranischen Raketen und Drohnen in den Gazastreifen zu schmuggeln und zu verstecken. Iranische Ingenieure halfen, ganze Waffenfabriken aufzubauen.

Durchlässige Grenzen

Bekannt sind die Schmugglertunnel von Ägypten unter der Grenze. So gelangten nicht nur Luxusautos und Raketen in den Küstenstreifen. Diese Tunnels dienten auch Bräuten und sogar Elefanten und Giraffen für den Zoo zur Einreise in den von Israel und Ägypten umlagerten Landstreifen. Ebenso verfügen die Palästinenser über eine ganze Flotte von Fischerbooten, sodass auch auf dem Seeweg vieles nach Gaza gelangt. Diese Wege lassen sich nicht hermetisch sperren. Zeitweilig hatten die Ägypter auch kein Interesse daran, den Gazastreifen völlig zu isolieren. Sie liessen daher zu, billiges Erdöl, Kochgas und Benzin unter der gemeinsamen Grenze in den Gazastreifen fliessen zu lassen. Als die Israelis noch im Gazastreifen sassen und einige jener Schmugglertunnel unter der Grenze zu Ägypten sprengten, stieg gefärbter Rauch mitten in ägyptischen Grenzstützpunkten auf. So war erwiesen, dass damals die Ägypter durchaus wussten, wo die Schmugglertunnel endeten und unter der Hand munter mit den Palästinensern kooperierten.

Eine Folge davon war, dass die Hamas mit Terroranschlägen auch auf der Sinai-Halbinsel aktiv wurde und zum Beispiel Öl- und Erdgasleitungen nach Israel sprengten. Das war zwar nicht im Sinne der Ägypter, aber es war wohl ein Preis, den sie damals bereit waren, zu zahlen.

Tatsache ist, dass die Sinai-Halbinsel bis heute ein Paradies für Schmuggler ist. Durch dieses Gebiete gelangen auch Tausende Afrikaner nach Israel, aus Sudan, Ruanda und Eritrea. Viele siedeln heute im Süden von Tel Aviv. Auch hier gibt es keine schnellen Lösungen für die Probleme der illegalen Einwanderung. Im Nahen Osten, der unter Kriegen und Bürgerkriegen ächzt, noch weniger als in Europa, wo man sich ja bekanntlich noch nicht einmal bei der Frage der Restaurantöffnungen einigen kann, geschweige denn bei anderen Fragen. So banal es klingt: Auch die Israelis sind Menschen und Menschen machen immer wieder Fehler. Wenn man von dem jüdischen Staat aber wenigstens nicht mehr Perfektion erwarten würde als von den Staaten der EU, wäre schon viel geholfen.

Ulrich W. Sahm, Sohn eines deutschen Diplomaten, belegte nach erfolgtem Hochschulabschluss in ev. Theologie, Judaistik und Linguistik in Deutschland noch ein Studium der Hebräischen Literatur an der Hebräischen Universität in Jerusalem. Seit 1975 ist Ulrich Sahm Nahost-Korrespondent für verschiedene deutschsprachige Medien und berichtet direkt aus Jerusalem.

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