Israel – Punktgenaue Vorwarnung bei Raketenbeschuss: Für Freund und Feind

Lesezeit: 5 Minuten

Die Sirenen bei Luftalarm sind laut und markerschütternd. Man kennt sie Israel von Gedenktagen, am Holocaustgedenktag und dem Gedenktag für die gefallenen Soldaten im Frühjahr. Zwei Minuten lang sind dann die Bewohner Israels aufgefordert, still zu stehen, ihre Autos zu stoppen und sich kurz neben sie zu stellen. 

Dieser Tage wird Israel buchstäblich von Tausenden Raketen aus dem Gazastreifen beschossen. Aber dann heulen die Sirenen nicht im ganzen Land. 

Das Vorwarnsystem wird ständig verfeinert. Landesweit kann man den Raketenalarm miterleben, wenn man den knapp 3 bis 4 Minuten andauernden Rundfunknachrichten lauscht oder Fernsehen schaut. Dann wird das Programm unterbrochen. Ganz kurz heult eine Sirene und es werden die Orte oder sogar nur die Stadtviertel verlesen, in denen Raketen explodieren könnten. Da heisst es dann, dass die Bewohner der Viertel A, B, E, und H, sich sofort in die Sicherheitsräume begeben und dort 10 Minuten lang verweilen sollten. 

Aber Nachrichten werden ja nur jede volle Stunde gesendet und nicht jeder hört ständig Radio. Die Verantwortlichen wollten eine individuelle Lösung und haben die jetzt offenbar gefunden. 

Auf dem Höhepunkt der Corona-Krise wurde der Bevölkerung in Israel klar, dass der Inlandsgeheimdienst Schinbeth buchstäblich jeden überwachen und nachverfolgen kann. Die modernen Smartphones registrieren automatisch ihren exakten Standort, ob man zuhause ist oder im Bus sich auf dem Weg zu Verwandten in einer anderen Ortschaft. Der Geheimdienst nutzt diese Fähigkeit, um gesuchte Terroristen zu orten. Doch während der Corona-Krise machte sich das Gesundheitsamt diese Fähigkeit zunutze, um infizierte Corona-Kranke zu verfolgen, und festzustellen, wo sie sich aufhielten und mit wem sie sich getroffen haben. Das Gesundheitsamt konnte so nachvollziehen, wie sich das Virus verbreitete und wer sich sonst noch angesteckt haben könnte. 

Als das bekannt worden war, und einige Kranke teure Strafzettel zugeschickt bekamen, weil sich nachweisen liess, dass sie die ihnen auferlegte häusliche Quarantäne gebrochen hätten, gab es eine hitzige aber auch wirksame öffentliche Diskussion. Kurzum galt es als unerträglich, dass die Gesundheitsbeamten sich der Methoden der Terrorbekämpfung bedienten, um das gefährliche Virus zu stoppen. Nach kurzer Zeit wurde per Gesetz dem Geheimdienst verboten, unbescholtene Bürger wie ein „Großer Bruder“ automatisch zu überwachen. 

Aber offenbar wird die gleiche Technologie jetzt dafür genutzt, die Alarmsirenen ganz individuell in der Hosentasche aufheulen zu lassen, wenn sich jemand in einem möglichen Zielgebiet der Hamas-Raketen aufhält. 

Die Radars des Raketenabwehrsystems Iron Dome haben bekanntlich die Fähigkeit, jedes Projektil zu sehen, das im Gazastreifen aufsteigt. Das können Raketen sein, Mörsergranaten oder andere fliegende Geräte wie Drohnen. Im Bruchteil von Sekunden wird die Laufbahn der Geschosse ermittelt. Die Computer der Iron Dome prüfen nun anhand von Landkarten oder vielleicht eher hochaufgelösten Luftaufnahmen, ob die Raketen in einem bewohnten Gebiet, oder aber im offenen Gelände, im Wald, im Mittelmeer oder auf einem Parkplatz landen und explodieren werden. Sowie klar ist, dass die Rakete in Richtung von Wohnvierteln fliegt, wird die Iron Dome aktiviert, um das Projektil abzufangen. 

Diese Methode hat auch wirtschaftliche Gründe, denn jede Abfangrakete kostet um die 60.000 US-Dollar und sollte deshalb nicht gegen harmlose Luftballons eingesetzt werden. Deshalb steigen die teuren Abfangraketen nur auf, wenn das System sicher ist, dass auf Menschen oder Gebäude gezielt wird, wo im Falle einer Explosion erheblicher Schaden angerichtet werden kann. Das wurde zum Beispiel bekannt, als die Militärs gefragt wurden, weshalb sie eine Rakete nicht abgefangen hätten, die auf dem Parkplatz eines Supermarktes explodierte, wobei bei dort ein im Freien stehender Torwärter durch Splitter verletzt worden war. Da kam eben als Antwort, dass ein Parkplatzt als „leere Stelle“ galt, wie ein Waldstück, wo natürlich auch mal eine Familie beim Piknik getroffen werden könnte. 

Die so gesammelten Informationen werden nun automatisch der „Heimfront“ übermittelt, die zielgerichtet die Bewohner bestimmter Bezirke in Städten oder Ortschaften vorwarnen kann, ohne gleich den gesamten Grossraum Tel Aviv oder Beerschewa aus den Betten in die Schutzräume zu scheuchen. 

Dieser Tage werden die Besitzer von Smartphones aufgefordert, sich die neueste App der Heimfront runterzuladen und einzurichten. Dahinter steckt die Idee, die Smartphones in der Hosentasche einen Sirenenton als Vorwarnung abgeben zu lassen, wenn man sich gerade in einem mit Raketenbeschuss angezielten Viertel aufhält. So können ganz gezielt nur jene gewarnt werden, die es auch wirklich betrifft und nicht die ganze Bevölkerung. Derzeit, wo die Hamas innerhalb weniger Tage Salven mit über 1000 Raketen in Richtung der grossen Städte Israels abschiesst, dürfte diese Methode auch die Nerven der Menschen schonen, die sonst allesamt in die Unterstände rennen müssten.

Vorwarnungen auch für Zivilisten in Gaza

Israel warnt auch Zivilpersonen in Gaza vor Angriffen. Eine offizielle Quelle der Palästinensischen Autonomiebehörde bestätigt die israelische Politik, dass palästinensische Zivilisten gewarnt werden, die Gebäude zu evakuieren, die Terroristen und Terrorinfrastrukturen im von der Hamas kontrollierten Gazastreifen beherbergen, bevor sie zerstört werden. Dies ist eine seit langem bestehende israelische Praxis, auch wenn Terroristen dadurch entkommen können. Nun bestätigt dies auch ein Reporter des offiziellen palästinensischen Staatsfernsehens und berichtet, was er in Gaza erlebt hat. Palestinian Media Watch hat das Video übersetzt:

„Als sie informiert wurden, dass dieser Turm angegriffen wird… wurde das Gelände komplett evakuiert. Der Block, die Strasse, die zivilen Gebäude und die Wohngebäude in der Gegend – komplett – einschließlich Kinder und Frauen, und wir haben es gesehen…

Der Wachmann, der in diesem Turm arbeitet, wurde durch einen Telefonanruf von der israelischen Sicherheitsbehörde gewarnt. Sie sagten ihm wortwörtlich: ‚Evakuieren Sie den Turm und sagen Sie ihnen, dass dieser Turm angegriffen werden wird. Er wird jeden Moment angegriffen werden.‘ Nach diesem Gespräch wurde der Turm etwa zwei Stunden später unter Beschuss genommen.“

Das Telefongespräch, in dem der palästinensische Wachmann die Warnung erhielt das Gebäude zu räumen, wurde von der Reporterin des israelischen TV Kan, Nurit Yohanan dokumentiert:

Wachmann: „Wie viel, wie viel Zeit brauchen Sie? Wie viel?“ …

Mindestens zwei oder drei Stunden? Keiner soll mehr reingehen? Mit anderen Worten, [ich soll] zum Turm gehen, zum Turm gehen und niemanden mehr reinkommen lassen?“

Über Ulrich W. Sahm

Ulrich W. Sahm, Sohn eines deutschen Diplomaten, belegte nach erfolgtem Hochschulabschluss in ev. Theologie, Judaistik und Linguistik in Deutschland noch ein Studium der Hebräischen Literatur an der Hebräischen Universität in Jerusalem. Seit 1975 ist Ulrich Sahm Nahost-Korrespondent für verschiedene deutschsprachige Medien und berichtet direkt aus Jerusalem.

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4 KOMMENTARE

  1. Hallo @Nussknacker,
    – ich verstehe Dich, – so wie es in bestimmten Situationen, wie der Austausch von 600 islam. Terroristen gegen 3 israelische Entführte oder sogar Leichen, es sehr schwächend aussah auf den ersten Blick.
    Aber nicht vergessen:
    Auch die pal.-islam. Propaganda-Politik der grausam-blutigen Bilder („Pallywood“, möglichst mit Kinderleichen), die Bestandteil deren Art der djihadistischen Kampfführung ist, ist ebenfalls Teil der früher „kommunistisch“/ vietnamesich und algerisch beratenen „Volkskrieg“-Strategie auch der PLO zu internationalen Isolierung ISRAELs und Gewinnung von mehr Geld und neuen Kampfpartnern ( so wie in unseren Tagen, nicht zufällig besonders deutlich auch von der Schweden-Greta, die das aus der schwed. Erwachsenenwelt übernommen hat; aus Norwegen (die „Arbeiterpartei“ ist total israelfeindlich und eine linkere Partei forderte schon im norw. Parlament die Bombardierung; ähnlich die IREN „antiimperialistisch“-antizionistisch — wie politideologisch auf der Linie von Blüm, Todenhöfer, M.Lüders, Ganser, WDR, NDR, ZDF & Co. vorgezeichnet; – zum 70. Geburtstag ISRAELs gab es nicht eine Dokumentation, die die grundlegenden Fakten für ISRAEL richtig dargestellt hätte.).

    Wie sehr das ganze aber auch ein strategisches israel-seitiges Problem ist, auch im Zushg. mit seiner von den Linken geförderten ENTZIONISIERUNG steht und die Fehl- oder Selbstüberschät-zung des israelischen Sicherheits-Establishments, zeigten schon seit langen folgende zwei Aufsätze aus dem Jerusalemer JCPA: Erst im Zusammenhang mit der dort aufgezeigten „Volks-krieg“-Strategie und der zusammen mit dem KGB entwickelten Weltpropaganda von PLO. Arab.Liga, OIC, AKP, IGMG etc. kann man die Kraft des an sich recht primitiv aussehenden STUFENPLANES verstehen.

    Und zur zentralen Propaganda, sich nicht nur als Opferkollektiv des imperialistisch-zionistischen Feindes darzustellen, gehören zentrale, mit der PLO-Gründung einhergehende KGB-Schulung verbundene Begrifflichkeiten der Realitäts- und Bedeutungsverdrehung, die uns seit Jahren auch hier angreifen:
    – – „Rassismus“, auch faschistischer Kolonialismus der Zionisten/Juden sei das eigentliche Problem
    – – „Palästinenser“ wurden 1964/ 73 ff. als vermeintliches Opferkollektiv und dann noch einer „Besatzung“ geschaffen, das es fortan als „gerechtes“ Befreiungsobjekt eines suggerierten Volkes und Nation, das es auch als Staat — außer indirekt Jordanien als 78 % von Palestine — nie gegeben hat, während gleichzeitig die historische Tatsache verdeckt wird, daß sich vor 1948 nur die Juden „palestinense“ entspr. ihres britischen Passes genannt haben, – und die längst nicht alle feindlich eingestellten Nichtjuden sich nur „Moslems“, „Araber“ oder nach ihrem Stammesnamen.
    — „Palästina“, von dem ja auch im dt. Rundfunk immer wieder so getan wird, als sei es schon eine Art oder nur besetzter Rumpfstaat, und „Palästinenser“ sind also von Grund auf ISRAEL-feindliche und in letzter Konsequenz antisemitische Kampfbegriffe (geworden) :
    JCPA :
    > www. „Zehn Jahre seit Oslo: Die „Volkskrieg“-Strategie und ISRAELs unangemessene Antwort“
    > www „Die Große Lüge und der MEDIENKRIEG gegen ISRAEL; Von der Umkehrung der Wahrheit zur Umkehrung der Realität“.
    > DAS SCHWARZBUCH DES KGB 2″, > „Die UN-Gang“, > „Vereinigte Nationen gegen ISRAEL“
    Und zur Aktualisierung des inzw. unglaublich pervertierten RASSISMUS-Begriffes das kürzlich erschienene „SCHÄMT EUCH!“ von Judith Sevinc Basad.

    Anlage :
    https://heplev.wordpress.com/2011/10/26/die-%E2%80%9Egalilaa-freiheitsbataillone%E2%80%9C-und-der-%E2%80%9ESTUFENPLAN%E2%80%9C-der-plo-von-1974/

    >> Solange Einigkeit in dieser Sache in der arabischen Welt bestand, blieb der Stufenplan der PLO von 1974 intakt:
    Zusammengefasst lautet der Plan:
    1 ) Durch den „bewaffneten Kampf“ (d.h. Terrorismus) eine „unabhängige, kämpfende nationale Autorität“ auf jedem Territorium zu schaffen, das von israelischer Herrschaft „befreit“ wird (Artikel 2).
    2 ) Den Kampf gegen Israel weiterzuführen, indem man das Territorium der nationalen Autorität als Operationsbasis nutzt (Artikel 4).
    3 ) Einen offenen Krieg zu provozieren, in dem Israel von seinen arabischen Nachbarn komplett vernichtet wird („alles palästinensische Gebiet befreien“) (Artikel 8).

    Der Stufenplan ist heute noch gültig. Unmittelbar nach der Veröffentlichung der Vereinbarungen zwischen Israel und der PLO im Jahr 1993 verkündete der PLO-Vorsitzende Yassir Arafat, dass das historische Übereinkommen „die Basis für einen unabhängigen palästinensischen Staat in Übereinstimmung mit der Resolution der Palästinensischen Nationalrats von 1974 sein wird… Die 1974 ausgegebene PNC-Resolution fordert die Einrichtung einer nationalen Autorität auf jedem Teil palästinensischen Bodens, von dem Israel sich zurückzieht oder der befreit wird.“ (Radio Monte Carlo, 1. September 1993) <<

    • Hallo Bert Führmann,

      danke für Deine sehr ausführliche Antwort auf meinen kurzen Beitrag. Ich wollte lediglich auf das Dilemma hinweisen, dem die israelische Armee unterliegt und das fatalerweise eine schnelle Beendigung der Terrorangriffe erschwert.

      Eine Lösung dafür habe ich nicht. Und „Ratschläge“ geben zu wollen, wäre vermessen.

  2. Für Juden ist das Leben heilig. Auch jenes der Feinde. Juden töten auch, wenn notwendig, aber nicht mehr als notwendig. — Ich bin so ziemlich ohne Religion aufgewachsen. Doch, obwohl ich schon so alt bin (90J.), erinnere mich an eine Geschichte. Als die Juden aus Ägypten kamen und das Rote Meer überquerten, kamen die Ägypter nach und das Wasser begann sich zu schließen.
    Die Engel im Himmel jubelten. Worauf G’ott: meine Geschöpfe ertrinken und ihr jubelt? Es wurde sofort still, die Engel schwiegen beschämt. — Diese Geschichte, die ich seinerzeit in der Schule hörte, mußte mich seht beeindrucken, daß ich mich noch immer daran erinnere und weiterhin für richtig finde. Man kann sich erleichtert fühlen, wenn Todesfeinde sterben, aber jubeln? Würde mir
    nie einfallen. — Man erinnere: wenn man Prosit sagt, kann man das auf das Neue Jahr sagen, auf Gesundheit, auf eine Geburt, auf alles mögliche. Im Judentum sagt man, was immer geschah: L‘
    chajim! Aufs Leben! Andere Möglichkeiten gibt es wenige. (z.B. mazal tov; ung.: gutes Glück).
    lg
    caruso

  3. Israels moralische Stärke ist – zumindest militärisch gesehen – auch seine größte Schwäche. Welcher andere Staat auf diesem Planeten würde sich in ähnlicher Lage ein solches Vorgehen zu eigen machen?

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