Frankfurt: Von Synagogen, koscherem Eis und einer Rabbinerin

Der bevorstehende Deutsche Ökumenische Kirchentag in Frankfurt nimmt auch das Judentum in den Blick. Eine gute Gelegenheit, die Mainmetropole und das jüdische Leben dort einmal näher zu erkunden.

Lesezeit: 5 Minuten

Der hessische Antisemitismusbeauftragte Uwe Becker hat einmal gesagt, Frankfurt am Main sei die „jüdischste Stadt“ Deutschlands. Die jüdische Gemeinde der Metropole zählt laut eigenen Angaben mit 6.500 bis 7.000 Mitgliedern zu den vier grössten Gemeinden bundesweit und hat eine lange Tradition. An den Main soll auch ein wichtiges Projekt des Zentralrats der Juden in Deutschland kommen: die Jüdische Akademie, eine bundesweite Denkfabrik und Bildungsstätte. Der geplante Neubau gilt als Pendant zu den Katholischen und Evangelischen Akademien.

von Leticia Witte

In Frankfurt ist es möglich, jüdische Religion und Tradition aktiv zu leben – eingebettet in eine Infrastruktur, wie es sie ähnlich auch in einigen weiteren Städten mit grossen Gemeinden wie Berlin und München gibt, in vielen anderen Teilen Deutschlands aber eben nicht. Die Frankfurter unterhalten etwa ein Gemeindezentrum mit koscherem Restaurant, zwei Kindergärten, Krippen, eine Kindertagesstätte, die I.E. Lichtigfeld-Schule mit Grundschule und gymnasialer Oberstufe, ein Alten- und ein Jugendzentrum. Auch gibt es jüdische Friedhöfe.

Darüber hinaus hat die Bildungsabteilung des Zentralrats ihren Sitz in der Stadt, ebenso finden sich dort unter anderen auch der Jüdische Turn- und Sportverband Makkabi, die Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland und das Jüdische Museum, das im Herbst vergangenen Jahres nach einer Sanierung und Erweiterung wieder eröffnet wurde. Ist jüdisches Leben in Frankfurt also etwas „ganz Normales“?

„Normalität würde bedeuten, dass man das jeweils andere kennt“, sagt Michaela Fuhrmann, Leiterin für politische Beziehungen der Gemeinde. Viele Menschen hätten jedoch selbst in Frankfurt kaum Berührung mit der Gemeinde. Diese biete gleichwohl Veranstaltungen an, die auch von Nichtjuden angenommen würden. „Wir laden alle ein, die Unkenntnis zu überwinden und jüdisches Leben kennenzulernen und zu erleben“, betont Fuhrmann.

Auch am Ökumenischen Kirchentag (ÖKT), der vom 13. bis 16. Mai in Frankfurt und vor allem digital stattfindet, hätten sich Gemeindevertreter eingebracht – in der Vorbereitung und bei geplanten Veranstaltungen zum Gedenken an die Opfer der Schoah, zum Thema Antisemitismus oder ethische Fragen sowie im interreligiösen Dialog.

Judenfeindschaft geht auch an der Frankfurter Gemeinde nicht spurlos vorüber. „Ich kenne glücklicherweise kein Gemeindemitglied, das Angst hat, auf die Strasse zu gehen“, so Fuhrmann. Jedoch müssten Polizisten und anderes Sicherheitspersonal für den Schutz der Gemeinde sorgen. „Die Kosten für die Sicherheit sind mit 1,2 Millionen Euro pro Jahr einer der größten Posten in unserem Haushalt“, erklärt Fuhrmann. Geld, das an anderen Stellen fehle. „Das ist eine absurde Realität, die zu einer jüdischen Normalität geworden ist, die wir nicht hinnehmen wollen.“ 

Die Frankfurter Gemeinde ist eine Einheitsgemeinde. Das bedeutet, dass Gottesdienste für eine streng orthodoxe bis hin zu einer liberalen Ausrichtung angeboten werden. Geleitet wird das Rabbinat von Avichai Apel und Julian-Chaim Soussan, die beide auch hohe Posten in der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschland bekleiden. Eine Besonderheit ist der Egalitäre Minjan als Synagogengemeinschaft der liberalen Juden mit Rabbinerin Elisa Klapheck. Minjan bedeutet zehn gezählte Personen, die Mindestzahl für eine Gemeinde, und egalitär, dass Männer und Frauen gleichberechtigt gezählt werden. Es gibt mehrere Synagogen, die grösste ist die Westend-Synagoge.

Am Flughafen in Frankfurt stehen jüdischen Reisenden darüber hinaus Gebetsräume zur Verfügung. Und ebenfalls am Airport: ein Automat mit koscheren Lebensmitteln. Denn das Angebot an Speisen und Produkten, die den jüdischen Speisegeboten folgen, gehört zur Infrastruktur der Mainmetropole. Vorhanden sind Einkaufsmöglichkeiten, Restaurants und selbst eine Eisdiele, die koschere Sorten im Programm hat.

Der ÖKT fällt in das Festjahr zu „1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“, das unter anderem dazu anregen möchte, sich mit dem zeitgenössischen jüdischen Leben hierzulande vertraut zu machen. Wer neugierig ist, kann das zum Beispiel in Frankfurt tun – auch wenn gerade kein ÖKT ist.

Aspekte zur Geschichte der Jüdischen Gemeinde Frankfurt

Die Jüdische Gemeinde Frankfurt am Main hat eine lange Tradition. Die Anfänge gehen zurück bis ins 12. Jahrhundert, als sich in dem Gebiet um den heutigen Dom eine erste jüdische Gemeinde bildete. Auch in Frankfurt kam es zu Verfolgungen von Juden. 1464 wurde ihnen schliesslich ein Areal an der Stadtgrenze zugewiesen, wo später die Judengasse, das Frankfurter Ghetto, entstand. Nach der bürgerlichen Gleichstellung im Jahr 1864 zogen Juden auch in andere Stadtteile.

Vor der Schoah war Frankfurt einer der wichtigsten Schauplätze für die Geschichte des liberalen Judentums. Bekannte Reformrabbiner wie Caesar Seligmann und Georg Salzberger wirkten in der Stadt. Aufseiten der Orthodoxie war ein weiterer bedeutender Rabbiner in Frankfurt tätig: Samson Raphael Hirsch, Gründer der modernen Orthodoxie.

Viele Juden hatten zu unterschiedlichen Zeiten wichtige Funktionen in der Frankfurter Kultur- und Politikszene. Institutionen wie die Johann Wolfgang Goethe-Universität oder die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" gehen auf jüdische Stiftungen und Gründungen zurück.

Bis 1933 hatte die Frankfurter Gemeinde mehr als 30.000 Mitglieder. Die NS-Zeit machte dem jüdischen Leben der Stadt den Garaus. Viele Gemeindemitglieder flohen, rund 12.000 Frankfurter Juden kamen in den Lagern ums Leben.

Im Juli 1945 wurde Rabbiner Leopold Neuhaus, der in Theresienstadt inhaftiert gewesen war, von der amerikanischen Militärregierung mit der Gründung einer jüdischen Gemeinde beauftragt. Wenige überlebende Frankfurter Juden gehörten zu den Gründern der Gemeinde, überwiegend waren es polnische Holocaust-Überlebende.

1949 nahm die Gemeinde mit rund 800 Mitgliedern den Status einer Körperschaft des öffentlichen Rechts an. Bis zum Zuzug von Juden aus der zerfallenden Sowjetunion ab den 1990er Jahren hatte die Gemeinde etwa 4.500 Mitglieder. Heute sind es 6.500 bis 7.000 Menschen.

Die Jüdische Gemeinde weist darauf hin, dass sie durch politische Auseinandersetzungen oft auch in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses gerückt ist: zum Beispiel 1985 im Streit um die Aufführung des Theaterstückes "Der Müll, die Stadt und der Tod" von Rainer Werner Fassbinder oder 1998 während der Kontroverse zwischen Ignatz Bubis, der damals an der Spitze des Zentralrats der Juden stand, und dem Schriftsteller Martin Walser.

Diese Auseinandersetzung hatte sich an der Rede Walsers anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels in der Paulskirche und seinem Wort von Auschwitz als "Moralkeule" entzündet.

KNA/lwi/pko/joh

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