An Sarah Halimi, die jüdische Gemeinschaft der Welt und Frankreich…

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Collage am Place de la Porte-d'Auteuil in Paris. Foto © Polymagou / Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=89715400
Collage am Place de la Porte-d'Auteuil in Paris. Foto © Polymagou / Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=89715400
Lesezeit: 4 Minuten

Die Verweigerung der Gerechtigkeit ist nicht nur ein Verrat an dem Kampf, den wir gegen den Judenhass und den Extremismus in all seinen Formen führen müssen; sie ist der eigentliche Verrat an Frankreichs eigener Definition. Es ist Hass nicht nur auf Juden, sondern auf Frankreich selbst, auf die Demokratie und auf die Werte, die Frankreichs Republik ausmachen.

von Arié Bensemhoun

Der „ewige Pakt“ zwischen den Juden Frankreichs und der französischen Republik, der auf erhabenen Vorstellungen beruhte, wurde immer wieder in Frage gestellt und durch eine lange Reihe von Ereignissen untergraben, die die Geschichte und das Gedächtnis der Juden mit Blut überzogen haben. Schauen wir auf die alten Meister, so finden wir Racine in seiner bewundernswerten Esther, der das wenig beneidenswerte Schicksal seiner jüdischen Landsleute des Grand Siècle anprangert. Montesquieu, Diderot und sogar Pascal Paoli sprechen sich in ihrem Mut und ihrer intellektuellen Klarheit gegen die Unterdrückung und Ausgrenzung der Juden im Zeitalter der Aufklärung aus.

Aber dieser pacte éternel wurde immer wieder gebrochen: 1894 mit dem antisemitischen Komplott, das zur Verurteilung von Dreyfus wegen Hochverrats führte; 1940 und 1941 mit dem Erlass der ersten und zweiten antijüdischen Vichy-Gesetzgebung; 1942 mit der Razzia von Vél d’Hiv, der Deportation und der Komplizenschaft des Vichy-Regimes bei der Shoah, der systematischen Vernichtung des jüdischen Volkes.

Die meisten von uns erinnern sich vielleicht nicht mehr, aber 1967, mit der Wende Frankreichs und dem gegen Israel verhängten Embargo aufgrund einer neuen sogenannten „arabischen“ Politik, behauptete Charles de Gaulle in einer berühmten Pressekonferenz schamlos, das jüdische Volk sei „ein elitäres, selbstbewusstes und herrschsüchtiges Volk“.

1980, nach dem Anschlag auf die Synagoge in der Rue Copernic, erklärte Premierminister Raymond Barre, dass das Ziel Juden waren, aber unter den Getöteten waren auch „unschuldige Franzosen, die die Strasse überquerten“.

Traurigerweise müssen wir nicht so weit in der Geschichte zurückgehen. Zu Beginn des neuen Jahrtausends entstand ein neuer verdeckter Antisemitismus, der unter dem Vorwand eines allgemeinen Hasses auf Israel hemmungslose Gewalt gegen Juden entfesselte, ohne dass dies weltweit viel Beachtung fand. Die Synagogen brannten und die Juden mussten sich verstecken, weil sie täglich bedroht, beleidigt und beschimpft wurden.

Im Jahr 2006 nahm diese antisemitische Gewalt eine schreckliche Wendung mit dem Mord an Ilan Halimi, der entführt, gefoltert und ermordet wurde, nur weil er Jude war – und Juden, wie die gute alte Ritualmordlegende sagt, Geld haben.

Im Jahr 2012 wurden Kinder der jüdischen Schule Ozar-Hatorah aus nächster Nähe von einem Islamisten getötet, und wieder zog es ein verängstigtes Frankreich vor, wegzuschauen, anstatt öffentlich seine kollektive Empörung angesichts dieser abscheulichen Verbrechen zu zeigen.

Es sind Wut und Empörung, die uns in diesen Tagen überwältigen, da die französische Justiz beschlossen hat, den Mörder von Sarah Halimi nicht vor Gericht zu stellen, unter dem Vorwand, dass dieser verrückte Islamist und Antisemit, der ein umfassendes Strafregister hat, in Wirklichkeit selbst Opfer eines „akuten Deliriums“ infolge übermässigen Cannabiskonsums sei. Drogenkonsum stellt unter anderen Umständen einen erschwerenden Faktor dar, kann aber auf keinem Fall als strafbefreiende Ursache angesehen werden.

Dieser moralische und juristische Bankrott scheint das Gewissen unserer nicht-jüdischen Landsleute geweckt zu haben. Rund um den Globus erheben sich Frauen und Männer, um das Entsetzen auszudrücken, das dieses abscheuliche Verbrechen in ihnen hervorruft. Es ist nicht nur eine Verweigerung der Gerechtigkeit, sondern der Verrat des Kampfes, den wir gegen den Islamismus, den Obskurantismus und den Judenhass führen müssen, der neue Formen annimmt – vor allem aber der Hass auf Frankreich, auf die Werte, die unsere republikanische Basis und die Demokratie ausmachen.

Nein, die Juden sind nicht mehr allein. Es ist Frankreich, das sich allein in diesem Kampf gegen sich selbst wiederfindet. Es ist konfrontiert mit seiner eigenen Feigheit, seinen Kompromissen und seinem Verzicht; konfrontiert mit der Herausforderung, sich zu besinnen und zu seinen glorreichen Tagen als Leuchtturm unter den Nationen zurückzukehren. Der Präsident der Republik, Emmanuel Macron, erinnerte wie der ehemalige Premierminister Manuel Valls feierlich daran, dass „Frankreich ohne die Juden nicht mehr Frankreich wäre.“

Also ja, dasselbe Frankreich, das Dreyfus zu Unrecht verurteilte, sich selbst entehrte und sich aktiv an der Deportation der Juden nach Auschwitz beteiligte, begeht wieder einmal das Unheilvolle. Frankreich, das sich heute weigert, den Mörder von Sarah Halimi zu verurteilen, verrät das Vertrauen seiner eigenen Bürger in die Werte ihres Landes.

Dennoch hat Frankreich zwei Gesichter. Das Frankreich von Zola und Péguy, das dafür kämpfte, die Unschuld von Dreyfus zu beweisen; das Frankreich, das die Widerstandskämpfer und die Gerechten unter den Völkern grosszog, ist unvergänglich.

Dieses Frankreich, welches der „grossen Stimme der Gerechtigkeit“ Gehör verschaffte, besitzt unumstössliche Kraft und bleibt in den Herzen aller Juden, in Paris wie in Jerusalem. Dieses Frankreich wird sich erheben, um an das Martyrium von Sarah Halimi zu erinnern und gegen Antisemitismus und Islamismus aufzuschreien.

Dieses Frankreich wird laut und deutlich seine Ablehnung dieser Rechtsverweigerung bekräftigen, mit der die Erinnerung an alle Opfer dieses jahrhundertealten Judenhasses ausgelöscht wird, weil dieser Hass dem eigentlichen republikanischen Versprechen widerspricht und den europäischen Traum zunichte macht.

Dr. Arié Bensemhoun ist Chief Executive Officer von ELNET Frankreich. ELNET Europe-Israel ist eine Non-Profit-Organisation, die sich für die Stärkung der Beziehungen zwischen Europa und Israel auf der Grundlage gemeinsamer demokratischer Werte und strategischer Interessen einsetzt.

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