Spiegelverwirrungen – Was der Spiegel von den Unruhen in Jerusalem berichtet

2
Symbolbild. Foto IMAGO / Dean Pictures
Symbolbild. Foto IMAGO / Dean Pictures
Lesezeit: 5 Minuten

Alle Welt weiss inzwischen von den Spannungen und gewalttätigen Auseinandersetzungen in Jerusalem. Dankenswerterweise hat der „Spiegel“ recherchiert, wie und wo die Auseinandersetzungen begonnen haben, oder wie es ein paar Zeilen weiter formuliert worden ist, wie sie „ausgebrochen“ sind.

Der Spiegel schreibt:

„Medienberichten zufolge begannen die Auseinandersetzungen nach einer Veranstaltung von rechten Israelis. Sie sollen unter anderem palästinenserfeindliche Parolen gerufen haben. Nach Angaben der Polizei wurden rund 20 Beamte verletzt.“

Ohne jede Quellenangabe beruft sich der Spiegel zunächst auf „Medienberichte“, die behaupteten, dass „die Auseinandersetzungen nach einer Veranstaltung von rechten Israelis“ begonnen hätten. Verschwiegen wird da, wo diese Veranstaltung stattgefunden hat, ob sich die Israelis auf der Strasse oder im stillen Kämmerlein getroffen haben. Unklar ist hier jedenfalls, wie rund 20 Beamte verletzt wurden, wenn diese „rechten Israelis“ lediglich Parolen gerufen haben. Es könnte natürlich sein, dass sie die Parolen mit Megafonen so laut geschrien haben, dass die Trommelfelle der Beamten verletzt wurden, denn von Gewalt ist da keine Rede.

Weiter heisst es:

„Die Gewalt in Ostjerusalem brach aus, als nach den Abendgebeten nach Sonnenuntergang Tausende Muslime das Gelände der Al-Aksa-Moschee verliessen. Sie sahen sich Dutzenden bewaffneten Polizisten gegenüber, auch berittene Polizei war im Einsatz. Einige Palästinenser bewarfen die israelischen Beamten mit Wasserflaschen und Steinen. Die Polizei setzte Blendgranaten und Wasserwerfer ein. Es gab mehrere Festnahmen und Verletzte. »Es war wie in einem Kriegsgebiet, es war gefährlich«, sagte ein Palästinenser, der die Zusammenstösse aus der Nähe beobachtet hatte, der Nachrichtenagentur AFP.“

Der unbedarfte Leser muss da zum Schluss kommen, dass „Ost-Jerusalem“ nicht in Jerusalem liegt, wenn es einen Unterschied zwischen „beginnen“ und „ausbrechen“ gibt und dass zwei verschiedene Ereignisse beschrieben werden. Man kann aber auch den Text so verstehen, dass die „rechten Israelis“ Muslime waren, wenn „nach den Abendgebeten nach Sonnenuntergang Tausende Muslime das Gelände der Al-Aksa-Moschee verliessen“. Denn wie sonst kann man verstehen, dass einerseits die Auseinandersetzungen „begonnen hätten“ und andererseits „ausbrachen“. Und woher kommen jetzt plötzlich die Palästinenser mit den Wasserflaschen und Steinen her? Und was machen ein paar Dutzend Polizisten, wenn ihnen plötzlich tausende Palästinenser gegenüberstehen, von denen Steine auf sie geworfen werden? Warum haben die AFP und der Spiegel nicht auch die israelische Polizei befragt?

Es spricht offenbar alles gegen das Heimkino, denn weiter schreibt der Spiegel:

„In den vergangenen Tagen waren die Spannungen zwischen muslimischen Palästinensern und jüdischen Israelis durch eine Reihe von Videos angeheizt worden. Sie zeigten, wie junge Araber ultraorthodoxe Juden angreifen und wie jüdische Extremisten nachts Araber auf der Strasse schikanieren.“ 
Bereits am 22. April wurde ein Jude der Nähe des Nablus-Tor von einem arabischen Mob verfolgt und verprügelt.

Beim Spiegel sind das bloss „Videos“. Die hat vermutlich irgendwer aus Jux gedreht, um damit Leute aufzuhetzen. So wie man das ja von Netflix kennt. Mal zu recherchieren, wer da wie verletzt wurde, ist offenbar zu viel verlangt.

„Am Donnerstagabend organisierte die rechtsextremistisch-jüdische Lehava-Organisation einen Aufmarsch in Jerusalem. Bei Auseinandersetzungen zwischen Levaha-Anhängern und aufgebrachten Palästinensern wurden am Donnerstag nach Angaben der palästinensische Hilfsorganisation Roter Halbmond mindestens 105 Menschen verletzt. Hinzu kamen nach Angaben der Behörden 20 verletzte Polizisten.“

Auch hier wird wieder nur die palästinensische Hilfsorganisation befragt. Juden scheinen nach dieser Lesart keine Menschen zu sein. Und Polizisten (egal ob muslimische, christliche oder jüdische) ebenfalls nicht.  

„Damit waren es die schwersten Zusammenstösse zwischen Israelis und Palästinensern seit Jahren.“

Hat der Spiegel nachgefragt, ob es sich um Palästinenser, oder um muslimische Araber mit israelischem Ausweis handelt? Oder erkennt man in Deutschland hier keine Unterschiede?

Was der Spiegel auch nicht erzählt, sind folgende Fakten:

Die jüngste Gewalt begann am ersten Tag des muslimischen Fastenmonats Ramadan, als „Aktivisten“, die unter anderem auch der regierenden Fatah-Fraktion von Präsident Mahmud Abbas angegliedert sein sollen, mit Feuerwerkskörpern, Steinen und Benzinbomben Polizisten angriffen, die in der Nähe der Altstadt von Jerusalem stationiert waren. Mehrere jüdische Passanten wurden ebenfalls ins Visier genommen und brutal verletzt. Das führte wiederum zu Aufmärschen jüdischer Extremisten (daher die Videos). Die arabischen „Aktivisten“ sagten gegenüber den Medien, sie protestierten gegen harte israelische Sicherheitsmassnahmen, darunter ein Versammlungsverbot für Dutzende Jugendliche an den Treppen des Damaskustors. Aber vom ersten Tag an war klar, dass die Zusammenstösse Teil der Kampagne waren, um Israel unter Druck zu setzen, die Wahlen in Jerusalem stattfinden zu lassen. Anhänger der Fatah und der Hamas wollen sich aktuell gegenseitig beweisen, wer von ihnen besser Jerusalem von den Juden befreien kann. Deshalb sorgt die Fatah im Land für Aufstände und die Hamas von aussen für Raketenbeschuss. Das Muster ist bekannt und erprobt. Das Ganze wird vermutlich solange dauern, bis die palästinensischen Wahlen entweder abgesagt sind, oder stattgefunden haben.

Nur dem Spiegel scheint das, was jeder hier vor Ort weiss, offensichtlich nicht klar zu sein.

Abschliessend sei hier noch erwähnt, dass in Jerusalem keine „Palästinenser“ leben, sondern nur Araber mit israelischen Ausweisen und jordanischen Pässen. Wegen der zu erwartenden Unruhen lässt Israel während dieser muslimischen Feiertage keine „Palästinenser“, also Bewohner der palästinensischen Autonomiegebiete mit palästinensischen Ausweispapieren, nach Jerusalem einreisen. Es sollte sowohl dem Spiegel wie auch AFP bekannt sein, dass die Autonomiebehörde keine Kontrolle über Jerusalem hat, zumal ja in dem Text erwähnt wird, dass Israel eine Genehmigung erteilen muss, um die palästinensischen Parlamentswahlen auch in Jerusalem stattfinden zu lassen. 2006 gab es Wahlurnen in Postämtern. Angesichts dieser leichtfertigen Formulierungen sollte es nicht verwundern, wenn der Spiegel künftig alle Juden in der Schweiz oder in Deutschland zu „Israelis“ erklärt.

Ulrich W. Sahm, Sohn eines deutschen Diplomaten, belegte nach erfolgtem Hochschulabschluss in ev. Theologie, Judaistik und Linguistik in Deutschland noch ein Studium der Hebräischen Literatur an der Hebräischen Universität in Jerusalem. Seit 1975 ist Ulrich Sahm Nahost-Korrespondent für verschiedene deutschsprachige Medien und berichtet direkt aus Jerusalem.

2 KOMMENTARE

  1. Im puncto Effektivität bei der Verbreitung von Ressentiments und dem Schüren von Hass gegen Israel hat das deutsche Nachrichtenmagazin „Spiegel“ wieder einmal die vielen anderen Mitbewerber klar deklassiert.

  2. Nachdem Biden die Hilfszahlungen an Palästinenser, die Trump eingestellt hat, wieder begonnen hat, spüren die Palästinenser Aufwind. Seit 1998, Beginn der Rot-Grünen Ära, leben die Palästinenser von Hilfszahlungen aus Deutschland und Europa. Man unterstützt Islamisten, die Juden abgrundtief hassen, und uns Ungläubige übrigens auch.(https://bit.ly/3noWnE8).

    Es gibt keinen ideologischen Unterschied zwischen Palästinenser mit einem israelischen Pass und Palästinenser die ihn nicht besitzen.

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.