IS-Propaganda in Zeiten des Coronavirus

0
Symbolbild. Foto IMAGO / ZUMA Wire
Symbolbild. Foto IMAGO / ZUMA Wire
Lesezeit: 5 Minuten

Der Islamische Staat (IS) arbeitet seit seiner Gründung im Jahr 2014 daran, Staatsgebiete und Gesellschaften umzuwälzen und die sogenannte Utopie eines «gerechtigkeitsgeleiteten» islamischen Kalifats durchzusetzen, welches vom IS als «ein historisches Wunderwerk, das den Weg für den grossen Krieg» gegen die Ungläubigen ebnen soll, beschrieben wird.

von Galit Truman Zinman

Das ausgeklügelte und professionelle globale Netzwerk der Gruppe hat Tausende von Videos, Nashids (religiöse Lieder), Plakate, Artikel in Magazinen und Zeitschriften, Nachrichten in sozialen Netzwerken, Blogs und Foren, Videospielen und vieles mehr verbreitet. Diese Propaganda wird in mehreren Sprachen veröffentlicht, um unterschiedliche Zielgruppen anzusprechen. Ihr Zweck ist es, das Bewusstsein für die Bemühungen der Organisation, das moralische und religiöse Leben zu formen, zu stärken und Menschen zu ermutigen, sich ihr anzuschliessen. Die Terrorgruppe hat Muslime auf der ganzen Welt dazu aufgerufen, die herrschende Ordnung umzustürzen um das sogenannte ideale Kalifat zu errichten.

Selbst als sie mit dem Verlust der von ihr kontrollierten Gebiete im Irak und in Syrien, der Ungewissheit über ihre Zukunft und der COVID-19-Krise konfrontiert war, propagiert die Organisation weiterhin utopische Botschaften über die Beseitigung von Perversionen und die Errichtung eines einheitlichen, staatenübergreifenden, islamischen, auf der Scharia basierenden Systems. Der IS glaubt, dass das Kalifat durch die Hilfe Allahs, die Befolgung des Korans und die Hingabe seiner Krieger auf dem Schlachtfeld überleben und sich entwickeln wird. Trotz der Umwälzungen, die die Gruppe seit der Auflösung des Kalifats erlebt hat, einschliesslich der Tötung des charismatischen Anführers Abu Bakr Baghdadi im Jahr 2019 und dem Ausbruch der Pandemie, hat der IS seine Fähigkeit bewahrt, seine Botschaften über vielfältige Medienkanäle zu produzieren und zu verbreiten.

Auch während der Phase von COVID-19 nutzt die Organisation nach wie vor fortschrittliche Technologien, um die Vision ihrer Utopie zu vermitteln. Die Organisation ist bestrebt, die Idee der Wiederherstellung des Kalifats aufrechtzuerhalten, während sie sich die Entwicklungen in den Medien zunutze macht. Ihr ausgeklügeltes Propagandanetzwerk ist intakt und operiert weiterhin über alle unterschiedliche Medienkanäle, um die Ideen der Gruppe online am Leben zu erhalten.

Der IS nutzt die Möglichkeiten, die das Informationszeitalter bietet, umfassender als jede andere Terrororganisation der Welt und setzt die neusten Technik-Tools zu seinem Vorteil ein. Bereits im März 2018 rief eines seiner Plakate seine Anhänger dazu auf, den Dschihad gegen Ungläubige und Götzenanbeter zu führen, «indem ihr euer Geld, eure Hände und eure Zungen benutzt» – also durch das gesprochene und geschriebene Wort. Neben Goldmünzen und einem bewaffneten Kämpfer waren auf dem Plakat Symbole von Facebook, Twitter, YouTube und einem Computer zu sehen, um die Bedeutung der Online-Lobbyarbeit zu unterstreichen.

Die Organisation operiert geschickt im Cyberspace, um ihre Botschaften unter einer Vielzahl von Zielgruppen in muslimischen Ländern und im Westen zu verbreiten. Ihre Medienprodukte werden hauptsächlich auf Arabisch, aber auch in anderen Sprachen wie Englisch, Französisch, Russisch, Deutsch, Spanisch, Italienisch, Chinesisch und anderen verbreitet. Die sozialen Medien und Messaging-Plattformen sind voll von Aufrufen zum Dschihad sowie von Predigten und Diskussionen über religiöse Themen. Der IS betont, dass diejenigen, die sich in der Propaganda engagieren, «Dschihad-Kämpfer» sind, weil «die Bemühungen um die Überzeugungsarbeit nicht weniger wichtig sind als die Bemühungen auf dem Schlachtfeld».

Die Botschaften des Unterstützungsnetzwerks konzentrieren sich hauptsächlich auf die Verherrlichung von Dschihad-Aktivitäten gegen «Ungläubige» und «Abtrünnige des Islams», die Steigerung der Motivation von Kämpfern und Anhängern zur Selbstaufopferung und sogar zum Tod im Namen Allahs, wenn nötig, und die sogenannte Erneuerung des Kalifats. Die Propagandamaterialien der Gruppe vermitteln einfache Ideen, die leicht zu verstehen sind (wie «Tod den Ungläubigen und den Kreuzfahrern») und werden von ebenso simplen Slogans begleitet («Bewahrt den Glauben», «Kämpft bis zum versprochenen Sieg»). Der Propagandaaufwand soll verschiedene Zielgruppen überzeugen, begeistern und ihre Gefühle und Gedanken mit visuellen, stimmlichen und sinnlichen Mitteln ansprechen. Die utopische Vorstellung einer vereinten Umma begeistert weiterhin zahlreiche Muslime auf der ganzen Welt, die davon träumen, die Tage der al-salaf al-salih (der rechtschaffenen Gründerväter zur Zeit Muhammads) wieder aufleben zu lassen.

Seit Ende 2019 und Anfang 2020 nutzt der IS verstärkt die Video-Sharing-App TikTok, die besonders bei jungen Menschen – einer wichtigen Zielgruppe – beliebt ist. In dieser chinesischen App verbreiten die Organisation und ihre Unterstützer weltweit Videos, die «stolze Dschihadisten» zeigen, die Symbole wie eine erhobene schwarze Flagge, ein Gewehr oder ein Messer tragen. Diese Personen fordern die Zuschauer auf, der Terrorgruppe die Treue zu schwören und sich mit dem Dschihad und dem Kampf gegen die Ungläubigen zu identifizieren.

Im Gegensatz zu anderen Plattformen, die Gruppen und Gemeinschaften enthalten, bietet die TikTok-App einen ständigen Strom neuer Inhalte für eine Vielzahl an Zuschauern. Die beliebte App spricht vor allem Kinder und Jugendliche an, die der Islamische Staat als seine nächste Generation sieht. Propagandabotschaften auf TikTok, auch wenn sie nur kurz sind, können die Denkweise von Jugendlichen beeinflussen und sie dazu verleiten, sich der Gruppe anzuschliessen. Die Videos sind sorgfältig bearbeitet, auf die Sehgewohnheiten junger Menschen zugeschnitten und so konzipiert, dass sie ihre Aufmerksamkeit durch Reime, rhythmische Musik und Gesang, Herzsymbole und schnelle, dynamische Botschaften, die sich leicht einprägen, auf sich ziehen. TikTok ist ein Beispiel dafür, wie der IS den technologischen Fortschritt in grossem Stil missbraucht.

Selbst inmitten von Unsicherheit, Gebietsverlusten und der Pandemie verbreitet der IS weiterhin effektiv seine Propaganda. Sie ist die auffälligste und visuellste Terrororganisation und ist sehr geschickt in einer Vielzahl von Formen der Propaganda. Ihre hochtrabende utopische Idee, das Kalifat in unserer Zeit wiederherzustellen, wirkt weiterhin als Magnet für verschiedene Zielgruppen, die sich in virtuellen Welten bewegen.

Dr. Galit Truman Zinman, ist Mitarbeiterin des BESA-Zentrums und lehrt an der School of Political Science der Universität Haifa.

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.