Holocaustüberlebender im Gespräch mit Nachfahren von NS-Tätern

Lesezeit: 2 Minuten

Unter dem Titel „Das Schweigen brechen“ strahlt ARD-alpha am 25. April um 20.15 Uhr eine Dokumentation besonderer Art aus. Darin trifft der 94-jährige Holocaustüberlebende Leon Weintraub auf Jens-Jürgen Ventzki, Sohn eines NS-Oberbürgermeisters, und Julie Lindahl, die Enkeltochter eines SS-Mannes. Sie sprechen über Schuld, Scham und darüber, wie es weitergehen soll, wenn es keine Zeitzeugen mehr gibt, wie es in der Ankündigung heisst. Im Anschluss an den 45-minütigen Film folgt ein Beitrag aus der Reihe „Zeugin/Zeuge der Zeit“ mit Weintraub. Beide Filme stehen auch in der BR-Mediathek.

Weintraub, Lindahl und Ventzki treffen sich vor der Münchner Feldherrnhalle, einem zentralen Ort der NS-Propaganda. Die drei betrachten ein historisches Foto: Wehrmachtsoldaten mit Stahlhelmen und Uniformen stehen in Reih und Glied genau an der Stelle, an der sich die Gesprächspartner an diesem Septembertag 2020 unterhalten. Das Treffen bringt einen schmerzhaften Blick in die Vergangenheit hervor. Und doch geht es allen auch um die Zukunft: Wie lässt sich die Schuld der Vorfahren in einen Verwandlungsprozess übersetzen, bis zur Verteidigung humanistischer Werte?

Weintraub wurde als polnisch-jüdischer Junge im Alter von 13 Jahren ins berüchtigte Ghetto Lodz/Litzmannstadt eingesperrt. Jahrelang musste er unter Hunger und Folter Zwangsarbeit leisten. Wie durch ein Wunder überlebte er auch das Vernichtungslager Auschwitz und die Konzentrationslager Gross-Rosen, Flossenbürg und Natzweiler. Der 94-Jährige erzählt vom Überleben und was ihn jeden Tag antreibt.

Ventzki hört Weintraub intensiv zu. Dass seine eigenen Eltern an diesem Vernichtungssystem aktiv mitwirkten und laut seiner Aussage erst mit ihrem eigenen Tod aus der NSDAP ausgetreten sind, ist für den 77-Jährigen belastend. Sein Vater war ein hochrangiger Schreibtischtäter. Als NS-Oberbürgermeister von Lodz/Litzmannstadt unterstand ihm die Verwaltung des Ghettos.

Die Autorin und Menschenrechtsaktivistin Lindahl wurde 1967 in Brasilien geboren und wusste lange nicht, wie es zu diesem ungewöhnlichen Geburtsort kam. Gegen den Willen ihrer Familie forschte sie nach und entdeckte die Geschichte ihres Grossvaters. Seine Taten als SS-Mann, der in Polen für Deportationen und mutmaßlich für Mordaktionen mitverantwortlich war, veranlassten ihn Anfang der 1960er Jahre zur Flucht vor der bundesdeutschen Nachkriegsjustiz.

KNA/baj/cri/lwi

Artikel zum Thema

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Stay Connected

5,406FansGefällt mir
214NachfolgerFolgen
1,327NachfolgerFolgen

NEU

Wenn Ihnen dieser Beitrag gefallen hat: Unterstützen Sie uns. Danke!