Die dschihadistischen Hilfstruppen der Türkei

Eine Ansammlung von Dschihadistengruppen, die sich in Nordsyrien unter dem Schutz der Türkei verschanzt haben, wird zur permanenten Hilfstruppe der neuen Osmanen.

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Eine Gruppe von Spezialkräften der Uthman-bin-Affan-Brigade von Hayat Tahrir al-Sham. Nordsyrien, 31. Dezember 2020. Foto IMAGO / ZUMA Wire
Eine Gruppe von Spezialkräften der Uthman-bin-Affan-Brigade von Hayat Tahrir al-Sham. Nordsyrien, 31. Dezember 2020. Foto IMAGO / ZUMA Wire
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Die Türkei, ein Mitglied der NATO, verfügt nun de facto über eine dschihadistische Hilfstruppe, die sie sowohl in ihrem syrischen Stammland als auch auf fernen Kriegsschauplätzen wie Libyen und Berg-Karabach einsetzt.

von Burak Bekdil

Es sieht aus wie eine Ehe, die im Himmel geschlossen wurde. Die Türkei und die Dschihadisten teilen eine ideologische und konfessionelle Bindung und haben gemeinsame Ziele. Es gibt Geld und logistische Unterstützung, sowie geografische Nähe. Sie teilen die Vorliebe für Abenteurertum in fernen Ländern, insbesondere im Dienste dessen, was sie für eine heilige Sache halten.

Der 27. Bericht des Analytical Support and Sanctions Monitoring Team, der dem Sicherheitsrat der Vereinten Nationen in Bezug auf den Islamischen Staat (IS), Al-Qaida und mit ihm verbundene Personen und Organisationen vorgelegt wurde, kommt zu dem Schluss, dass der Irak und Syrien nach wie vor das Kerngebiet des IS sind, wobei das Gebiet um Idlib, in dem auch Al-Qaida Verbündete hat, besonderen Anlass zur Sorge gibt.

„Das Idlib-Gebiet“ bezieht sich auf den nordwestlichen Zipfel Syriens, der an die Türkei grenzt und die letzte Rebellenhochburg in dem vom Krieg zerrissenen Land ist. Idlib ist de facto zu einer türkischen Provinz geworden. Die türkische Lira ist das Tauschmittel, und türkische Regierungsstellen bieten Dienstleistungen wie Bildung, Wohnraum und die Aufrechterhaltung der öffentlichen Sicherheit an. Seit Anfang 2020 kontrolliert das türkische Militär das Gebiet unter dem Vorwand, türkische Beobachtungsposten vor einer syrischen Militäroffensive zu schützen und eine sichere Zone für Vertriebene zu schaffen.

Im Bericht des UN-Sicherheitsrates heisst es:

«Die Deeskalationszone Idlib bleibt für den islamischen Staat als begrenzter Rückzugsort wichtig. Hay’at Tahrir al-Sham (HTS) nimmt regelmässig IS-Kämpfer fest. Einige ISIL-Führer halten sich jedoch weiterhin in der Region auf und sie ist für viele ehemalige IS-Kämpfer und deren Familien ein Ziel, da sie das sicherste Tor in die Türkei ist.

Die HTS ist nach wie vor die dominierende militante Gruppe im Nordwesten der Arabischen Republik Syrien mit etwa 10.000 Kämpfern, die meisten von ihnen Syrer. Die HTS versucht, ihre Kontrolle über die Deeskalationszone Idlib weiter zu festigen und übt Druck auf die lokalen Führer aus, die Autorität der Gruppe zu akzeptieren und sicherzustellen, dass die Bevölkerung ihre Version der Scharia befolgt.

Neben der Besteuerung lokaler Unternehmen hält HTS ein Monopol über den Import und Vertrieb von Benzin und Dieselkraftstoff… Die Einnahmen der Gruppe aus dem Handel mit Treibstoff und Energie werden auf etwa 1 Million Dollar monatlich geschätzt. Berichten zufolge kontrolliert HTS auch die Verteilung von humanitärer Hilfe durch eine Einrichtung namens Maktab Sho’oun Al-Munathamat (Büro für Organisationsangelegenheiten), die die direkte Verteilung von Gütern an die lokale Bevölkerung durch humanitäre Organisationen einschränkt. Sie beschlagnahmt auch Teile dieser Güter, um die Klientelnetzwerke der HTS zu stärken.

Der andere wichtige Al-Qaida-Ableger in der Region Idlib ist Hurras al-Din (HAD) mit 2.000 bis 2.500 Kämpfern. Sie wurde durch eine beträchtliche Anzahl von Führungsverlusten im Jahr 2020 geschwächt und steht im Schatten der HTS, mit der sie um Rekruten und Ansehen in der lokalen Bevölkerung konkurriert.

Das Gebiet Idlib beherbergt weiterhin auch andere terroristische Gruppen, die sich hauptsächlich aus Kontingenten ausländischer Terrorkämpfer zusammensetzen, die der Autorität der HTS unterstellt bleiben. Zu diesen Gruppen gehören die Khattab Al-Shishani Brigade (tschetschenische Kämpfer), Katiba al-Tawhid wal-Jihad (KTJ, zentralasiatische Kämpfer) und das Eastern Turkistan Islamic Movement (ETIM), auch bekannt als die Turkistan Islamic Party. Letztere besteht Berichten zufolge aus 3.000 bis 4.500 Mitgliedern.»

Das war Idlib Ende 2020. Die militante Dachorganisation für die dschihadistischen Gruppen ist die Freie Syrische Armee (FSA), offizielle Verbündete und Kampftruppe der Türkei in Syrien, die sich 2019 in Syrische Nationalarmee (SNA) umbenannt hat. Die SNA wird seit 2016 vom türkischen Militär ausgebildet und ausgerüstet.

Türkische Loyalisten sunnitisch-arabischer Herkunft werden beschuldigt, in Nordsyrien Verwüstungen anzurichten, Hunderttausende zu vertreiben und täglich mutmassliche Kriegsverbrechen zu begehen. Die von Ankara befehligten Stellvertreter-Milizen tragen die Hauptschuld an vielen der berichteten Gräueltaten, von denen lokale Kurden betroffen waren, einschliesslich Hinrichtungen, Entführungen, Vergewaltigungen, Plünderungen und anderer Verbrechen.

Anscheinend folgte die selbsternannte Syrische Nationalarmee, die neue Version der Dschihadisten der FSA, diesem Beispiel. Einem Bericht vom 15. Oktober 2019 zufolge schworen die extremistischen Stellvertreter der Türkei, „Schweine“ und „Ungläubige“ zu töten, führten ihre kurdischen Gefangenen vor Kameras vor und feuerten in einem anschaulichen Video mehrere Schüsse auf einen Mann ab, der mit auf dem Rücken gefesselten Händen am Strassenrand lag“.

Nach UN-Angaben wurden über 200.000 Menschen vertrieben. Viele Flüchtlinge behaupten, dass die türkischen Streitkräfte planen, die Kurden aus den Siedlungen zu vertreiben und sie durch Araber zu ersetzen, die loyal zu Ankara stehen. Sie haben auch syrische Kurdenmilizen bekämpft, die das wichtigste militärische Ziel der Türkei sind. Das ist eine ungewöhnliche Berühmtheit für den Verbündeten eines NATO-Mitgliedsstaates.

Laut einem Artikel in der Huffington Post vom 31. Dezember 2012:

«Die Freie Syrische Armee hat in der jüngsten Vergangenheit Weizenreserven gestohlen, die für die Bewohner von Aleppo bestimmt waren, und sie an private türkische Getreidehändler verkauft, Vorräte an Medikamenten enteignet und gewaltsam an die Besitzer zurückverkauft und Schulen geplündert…

In den Aussenbezirken von Aleppo hat die FSA eine Polizei zur Durchsetzung der Scharia eingesetzt, die eine Nachbildung der wahhabitischen Polizei in Saudi-Arabien ist – sie zwingt die normalen Bürger, sich an den Scharia-Kodex zu halten…

Libanesische Zeitungen wie Al-Akhbar und Assafir sowie Alex Jones‘ infowars.com haben ein beunruhigendes Video ausgestrahlt, das ein 12-jähriges Kind zeigt, das offenbar von der FSA gezwungen wurde, einem syrischen Militäroffizier den Kopf abzuschlagen…

Die FSA hat auch die Infrastruktur des Landes ins Visier genommen. Eines der wichtigsten Kraftwerke in Damaskus wurde letzte Woche für drei Tage lahmgelegt, was 40 Prozent der Einwohner der Stadt betraf.»

Amnesty International hat Beweise für Kriegsverbrechen zusammengestellt, die von türkischen Streitkräften und von der Türkei unterstützten bewaffneten syrischen Gruppen während der Offensive begangen wurden. Der Amnesty Bericht basiert auf Zeugenaussagen vom 12. bis 16. Oktober 2019 und beschreibt, „wie die türkischen Streitkräfte das Leben der Zivilbevölkerung missachtet haben, unter anderem durch willkürliche Tötungen und ungesetzliche Angriffe, bei denen Zivilisten getötet und verletzt wurden… Die Informationen liefern vernichtende Beweise für wahllose Angriffe in Wohngebieten – einschliesslich Angriffen auf ein Haus, eine Bäckerei und eine Schule -, die von der Türkei und verbündeten bewaffneten syrischen Gruppen ausgeführt wurden.“

Während die neo-osmanischen Ambitionen der Türkei das Land in den libyschen Bürgerkrieg trieben, entsandte Ankara seine halboffizielle Stellvertreterarmee in dieses neue Kriegsgebiet. Laut dem Generalinspekteur des Pentagons schickte die Türkei in den ersten drei Monaten des Jahres 2020 zwischen 3.500 und 3.800 bezahlte syrische Kämpfer nach Libyen. Dies war der erste Bericht des US-Verteidigungsministeriums über türkische Einsätze, die darauf abzielten, den Verlauf des libyschen Krieges zu verändern. Der vierteljährliche Bericht über Anti-Terror-Operationen in Afrika von der internen Überwachungsstelle des Pentagon besagte, dass die Türkei Tausende von Söldnern bezahlt und ihnen die Staatsbürgerschaft angeboten hat, die an der Seite von in Tripolis ansässigen Milizen gegen Truppen des in Ostlibyen ansässigen Kommandanten Khalifa Hafter kämpfen.

Im Jahr 2020 setzte die Türkei ihre dschihadistischen Verbündeten in einem Konflikt ein, der weit entfernt von ihren eigenen Grenzen in einem Land tobte, von dem viele wenige Monate zuvor kaum etwas gehört hatten. Im Oktober wurden die Leichen von mehr als 50 Syrern, die im aserbaidschanisch-armenischen Krieg getötet worden waren, zur Vorbereitung ihrer Beerdigung in ihre Heimat zurückgebracht. Sie waren Mitglieder von Milizen, die auf Seiten der Türkei in der umstrittenen Enklave Berg-Karabach gekämpft hatten. Wieder einmal war Präsident Erdoğan der erste Staatschef der Welt, der sich einmischte, als ein lange schwelender Konflikt im Südkaukasus in einen offenen Krieg ausbrach. Die Türkei lieferte auch Waffen, insbesondere bewaffnete Drohnen, sowie Training an Aserbaidschan. 

Laut einem Bericht der Observer Research Foundation sind Kämpfer aus Syrien eine Mischung aus Umständen und Realität vor Ort.

„Viele, die sich auf anderen Konfliktschauplätzen wie Libyen oder jetzt Aserbaidschan tummeln, kommen nicht unbedingt aus dem gleichen Milieu von Kämpfern, Milizen, Islamisten und so weiter. Diejenigen, die im Auftrag der Türkei in Libyen kämpfen, sind höchstwahrscheinlich abgehärtete Milizen, die das selbsternannte sunnitische Führer-Image des türkischen Präsidenten Recep Erdoğan als schmackhaft empfinden und dies zur Unterstützung der regionalen geopolitischen Manöver Ankaras tun“, so der Bericht. Aber die Kämpfer in Aserbaidschan, die Berichten zufolge von privaten Auftragnehmern angeheuert wurden, waren grösstenteils Menschen, die zu Hause unter wirtschaftlicher Not litten und den fremden Kriegsschauplatz als bezahlten Job sahen.

„Trotz der Zeit, die es gedauert hat, und der Kosten, die der Türkei entstanden sind, haben sich die Entscheidungsträger in Ankara zunehmend für den Einsatz von Stellvertretern geöffnet, was eine Veränderung der Psychologie und der Wahrnehmung zur Folge hat und eine signifikante Abkehr von der historischen Politik der Türkei darstellt, sich auf konventionelle Streitkräfte zu verlassen. Stellvertreter (Proxies) werden nun als kritische Komponente der regionalen Sicherheitsinteressen der Türkei wahrgenommen und nicht mehr nur als eine Massnahme, die indirekt durch andere Stellvertreter-Sponsoren in der Region durchgeführt werden könnte“, so Osman Sert, Forschungsdirektor am Ankara Institute.

Burak Bekdil ist ein türkischer Kolumnist. Er schreibt regelmässig für das Gatestone Institute und Defense News und ist wissenschaftlicher Mitarbeiter des Middle East Forum. Darüber hinaus ist er einer der Gründer des Thinktanks Sigma mit Sitz in Ankara. Auf Englisch zuerst erschienen bei Gatestone Institute. Übersetzung Audiatur-Online. 

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