Israel «Kritiker»: Einige meiner besten Freunde sind Juden

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Der Satz «einige meiner besten Freunde sind Juden» war früher ein untrügliches Zeichen, dass man es mit einem Antisemiten zu tun hatte. Heute hat sich der Spruch geändert und wurde ersetzt durch «Man kann Israel kritisieren, ohne antisemitisch zu sein.»

von Benjamin Kerstein

Ich habe in der Vergangenheit geschrieben, dass dies nicht der Fall ist, aufgrund der Art und Weise, wie die «Israelkritiker» es getan haben. In einer Zeit eskalierender Gewalt gegen Juden, die durch Anti-Israel-Hass angestachelt wird, fördert die Kritik an Israel unweigerlich den Antisemitismus. Sollten sich die «Israelkritiker» entscheiden, auf weniger statt auf mehr Antisemitismus hinzuarbeiten – obwohl sie derzeit das Gegenteil zu tun scheinen – dann wäre die Situation eine ganz andere.

Die eigentliche Frage ist jedoch, warum die «Israelkritiker» unfähig zu sein scheinen, auf weniger Antisemitismus hinzuarbeiten.

Eine mögliche Antwort liegt in ihrem Widerstand gegen die weit verbreitete Definition von Antisemitismus der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA), die Beispiele für Anti-Israel-Antisemitismus enthält, wie «die Behauptung, dass die Existenz eines Staates Israel ein rassistisches Unterfangen ist» und «der Vergleich der heutigen israelischen Politik mit derjenigen der Nazis».

Der Widerstand gegen die IHRA-Definition ist derzeit so gross, dass linke Gruppen versuchen, sie durch ihre eigene Definition zu ersetzen. Unter dem etwas skurrilen Namen «The Nexus Document» ist die alternative Definition insofern interessant, als dass sie sich in der Tat nicht sehr von der IHRA-Definition unterscheidet. Aber es sind gerade die klitzekleinen Anpassungen, welche die Intentionen dahinter offenbaren: «The Nexus Document» entfernt alle spezifischen Beispiele für antisemitische Angriffe auf Israel und macht sie damit, wie mein Kollege Ben Cohen es ausdrückte, geradezu «lächerlich schwammig.»

In der Tat scheint der Zweck des Nexus-Dokuments einzig und allein darin zu bestehen, Leute zu entlasten, die behaupten, Israel sei ein rassistischer Nazi-Staat. Man könnte behaupten, dass diejenigen, die Israel nicht kritisieren können, ohne so etwas zu sagen, es gar nicht erst tun. Nichtsdestotrotz offenbart der Versuch, genau diese Kritiker zu schützen, dass «Israelkritiker» nicht ohne solche Diffamierungen auskommen.

Dafür gibt es einen Grund: Wie sehr sie auch behaupten mögen, linke oder progressive Weltbürger zu sein, denen es nur um Menschenrechte und Gerechtigkeit geht, so sind doch fast alle israelfeindlichen Linken in Wirklichkeit palästinensische Nationalisten der einen oder anderen Art. Zumindest machen sie sich die wesentlichsten Thesen des palästinensischen Nationalismus zu eigen: Zionismus sei imperialistisch und kolonialistisch, die grundsätzliche Illegitimität jüdischer Selbstbestimmung, der angebliche Rassismus der heutigen israelischen Gesellschaft, palästinensischer Terrorismus als lobenswerter Akt des Widerstands, die Notwendigkeit Israel durch einen Staat mit arabischer Mehrheit zu ersetzen, sowie die Gründung Israels als eine weltgeschichtliche Katastrophe.

Das Problem, dem sich alle anti-israelischen Linken und Progressiven stellen müssen, ist jedoch, dass der palästinensische Nationalismus nicht links oder progressiv ist und es auch nie war. Er war immer eine rassistische Bewegung, die Juden grundsätzlich entmenschlicht. Seit den 1920er Jahren bedient sie sich des Pogroms und des Massakrieren von Männern, Frauen und Kindern mit Messern, Pistolen und Selbstmordattentaten, um ihre Ziele zu erreichen. Diese Bewegung verherrlicht Kriegsverbrechen und Unmenschlichkeit. Diese Bewegung hat offen und enthusiastisch mit dem Nationalsozialismus kollaboriert, bis hin zur Ermutigung und Billigung des Holocaust. Sie brachte die PLO und die Hamas hervor, zwei der schlagkräftigsten Terrororganisationen der Geschichte, die beide die ethnische Säuberung befürworten. Und sie betreibt regelmässig einen kruden Antisemitismus, der schwer, wenn nicht gar unmöglich, vom rechten Antisemitismus zu unterscheiden ist, den die Linke angeblich verachtet.

Mit anderen Worten: Die palästinensische Nationalbewegung verstösst gegen linke und fortschrittliche Werte, was viele Linke, so sehr sie auch für ein Ende der Besatzung und einen palästinensischen Staat eintreten mögen, schon immer bemerkt und bekämpft haben – was ihnen hoch anzurechnen ist.

Es stellt die israelfeindliche Linke jedoch vor ein schreckliches Dilemma: Wie können sie eine Bewegung unterstützen, die im Widerspruch zu all ihren erklärten Prinzipien steht?

Die Antwort ist einfach: indem sie sich den Antisemitismus zu eigen machen. Sie haben gar keine andere Wahl. Sie müssen bekunden, dass Israel, der Zionismus und die Juden so böse sind, dass nichts tabu ist. Es geht nicht so sehr darum, dass Anti-Israel-Linke antisemitisch sind, sondern darum, dass es keine Möglichkeit gibt, dass sie es nicht sein können. Es gibt einfach keinen anderen Weg, wie sie ihre Annahme des palästinensischen Nationalismus rational begründen können. Ohne Antisemitismus würden sie sofort als Heuchler, Rassisten und Völkermörder entlarvt werden.

Wenn der Anti-Israel-Antisemitismus überwunden werden soll, dann müssen sich israelfeindliche Linke endlich mit ihm in sich selbst auseinandersetzen. Sie müssen zugeben, dass es durchaus möglich ist, für eine Zweistaatenlösung oder palästinensische Selbstbestimmung einzutreten, ohne sich einen spezifischen reaktionären Nationalismus zu eigen zu machen, der die von ihnen am leidenschaftlichsten vertretenen Überzeugungen zurückweist.

Ironischerweise ist der beste Weg für sie, dies zu tun, die Annahme der IHRA-Definition. Dies könnte einen ethischen Konflikt auslösen und die Linken von dem moralischen Bankrott befreien, welcher die Kritik an Israel zu einem rassistischen Unterfangen gemacht hat.

Benjamin Kerstein ist Kolumnist und Israel-Korrespondent für The Algemeiner. Auf Englisch zuerst erschienen bei The Algemeiner. Übersetzung Audiatur-Online.

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