Thesen zu einem „neuen Stamm“ des Antisemitismus von links

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Kundgebung gegen Trumps Entscheidung über Jerusalem am 8. Dezember 2017. Foto IMAGO / Pacific Press Agency
Kundgebung gegen Trumps Entscheidung über Jerusalem am 8. Dezember 2017. Foto IMAGO / Pacific Press Agency
Lesezeit: 8 Minuten

Während Juden in der Vergangenheit diskriminiert und verfolgt wurden, weil sie als ausserhalb der weissen Mehrheitsgesellschaft stehend und als nichtweiss betrachtet wurden, gibt es einen neuen Antisemitismus vonseiten der akademischen Linken (vor allem in Nordamerika), der die Juden als Teil einer weissen Herrschaftsgruppe ansieht, die es zu bekämpfen gelte. Das ist der Kern eines Thesenpapiers, das eine Arbeitsgruppe des israelischen Think Tanks Reut Group diesen Monat veröffentlicht hat: Erasive Anti-Semitism. A New Threat Arising Within Contemporary Progressive Discourse.

Um eine „aus dem gegenwärtigen progressiven Diskurs herrührende Bedrohung“ geht es also, den die Autoren auf Englisch als erasive anti-Semitism bezeichnen.

Den Begriff adäquat im Deutschen wiederzugeben, stellt den Verfasser vor einige Mühe. Das Wort mit „auslöschend“ zu übersetzen, wäre das Gegenteil dessen, was die Autoren des Thesenpapiers ausdrücken wollen. Sie meinen ja gerade nicht das, was der amerikanische Historiker Daniel Jonah Goldhagen den „exterminatorischen Antisemitismus“ nannte, einen der die Juden ermorden will. Worum es ihnen geht, ist, wie das Weglassen, Verwischen, Entfernen oder Ausradieren von Fakten und Unterschieden zu einem neuen Antisemitismus führt. So ist der Begriff erasive wohl zu verstehen.

Sie beginnen ihre Abhandlung mit der kaum kontroversen Feststellung, dass der „traditionelle“ oder „klassische“ Antisemitismus – verstanden als offen geäusserte, gewalttätige Feindseligkeit gegenüber Juden – heutzutage vor allem im Rechtsradikalismus und dem radikalen Islam zu finden sei. Mit dieser Art von Antisemitismus verbunden seien oft Stereotype wie das Blutgerücht (wonach die Juden Kinder töten, um mit deren Blut rituelle Handlungen vorzunehmen), das Leugnen des Holocaust oder pauschale Behauptung über den angeblichen Charakter der Juden, etwa, dass sie von Natur aus geldgierig seien.

An die Seite dieses Antisemitismus sei in jüngerer Zeit ein Antisemitismus der Linken getreten, der darauf zielt, dem Staat Israel „seine Legitimation abzusprechen“. Anders als der klassische Antisemitismus sei diese Form in der Regel nicht offen oder gewalttätig, sondern subtil. Darum werde der „klassische“ Antisemitismus im politischen und gesellschaftlichen Diskurs „eher erkannt und verurteilt“.

Im Kampf gegen diesen neuen Antisemitismus hätten jüdische Gemeinden Unterstützung erhalten durch „koordinierte globale Anstrengungen“, die Delegitimierung des jüdischen Staates zu bekämpfen, etwa durch die Arbeitsdefinition Antisemitismus der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA).

„Neuer Stamm des Antisemitismus“

Soweit die sicherlich nicht falsche Bestandsaufnahme der Autoren. An dieser Stelle kommt der von ihnen beobachtete „neue Stamm“ des Antisemitismus ins Spiel. Der Begriff lässt an die in der Presse vielfach diskutierten neuen Stämme des Corona-Virus denken (die gefürchtet sind, weil sie im Verdacht stehen, noch ansteckender zu sein als das Original-Virus), was von den Verfassern wahrscheinlich gewollt ist, auch wenn sie diese Analogie nicht ausformulieren. Was macht den „neuen Stamm“ des Antisemitismus so gefährlich?

„Die Radikalität und die Turbulenzen des politischen und sozialen Klimas in den letzten Jahren“ hätten „die Entwicklung eines Antisemitismus [beschleunigt], der direkt mit progressiven Ideen verbunden ist, die im Diskurs der Linken zunehmend dominieren“. Im Gegensatz zu Delegitimierungskampagnen, bei denen ausdrücklich Israel Ziel der Feindseligkeit ist, seien „im Kontext dieser neuen Form des erasiven Antisemitismus auch jüdische Gemeinden und ihre Positionierung auf der politischen Linken und in der weiteren Gesellschaft direkt betroffen“.

Warum? Weil Juden in diesem Diskurs nicht etwa das am stärksten verfolgte Volk der Geschichte sind und nicht einmal Angehörige einer verletzlichen Minderheit. Stattdessen werden sie in einen Topf geworfen mit den „privilegierten“ „Weissen“ (gegen die sich der Zorn der Linken richtet, seit der alte Dualismus von „Proletariat“ und „Kapitalisten“ aus der Mode gekommen ist).

Dem Rezensenten fallen ad hoc etliche Beispiele für diese These ein. Während sich etwa Amnesty International (AI) in Grossbritannien seit Jahren in Kampagnen gegen Moslemfeindlichkeit engagiert, lehnte die Organisation es 2015 in einem Votum der Mitgliederversammlung ausdrücklich ab, eine Kampagne gegen Antisemitismus durchzuführen. Dass die „Rassen“-Rhetorik von Teilen der politischen Linken – vor allem in Amerika – eine Rutschbahn bilden kann, auf der man schnell zum radikalen Judenhass gelangt, zeigte vor einigen Jahren Tamika Mallory, eine der umstrittenen Anführerinnen des Women’s March. Als sie öffentlich dafür kritisiert wurde, dass sie einer antisemitischen Hetzrede von Louis Farrakhan, dem Anführer der rechtsextremen Nation of Islam (NoI) beigewohnt hatte, zu dessen ideologischen Kernthemen das Verbreiten von Stereotypen des klassischen Antisemitismus gehört – etwa das Gerücht von den Juden als angeblichen Hauptprofiteuren des transatlantischen Sklavenhandels – verteidigte sich Mallory mit den Worten, sie habe in der Zwischenzeit durch Gespräche „viel darüber gelernt, dass während weisse Juden die weisse Vorherrschaft stützen, alle Juden zu deren Ziel werden“.

„Weisse Juden“ und ihre „Vorherrschaft“ – das ist die Demagogie von Farrakhan, der in jener Rede, der Mallory lauschte, von dem „mimetischen weissen Mann“ sprach, der angeblich die Welt und die Weltwirtschaft kontrolliere. Damit meinte Farrakhan die Juden. „Warum“, fragte er,

„sind die echten, dunkelhäutigen Mexikaner nicht an der Macht? Seht euch Südamerika an. In praktisch jedem Land ist der Herrscher weiss. Und er behauptet, er sei Peruaner. Er ist Bolivianer. Er ist Ecuadorianer. Er ist Brasilianer. Er ist Venezolaner. Er ist Kolumbianer. Aber schaut euch das Land an und die Dunkelhäutigen, die es dort gibt. Sie kommen nie dorthin, wohin ihre Macht sie führen könnte. Sie werden so meisterhaft manipuliert von einem mimetischen weissen Mann. Ein mimetischer weisser Mann ist ein weisser Mann, der die Sprache, die Kultur, die Geschichte und die Volksmusik des Ortes, wohin er geht, übernimmt. Ihr habt also Mexikaner, doch es sind mexikanische Juden. Sie beherrschen das Land. Es gibt deutsche Juden, polnische Juden, ukrainische Jude, russische Juden, litauische Juden, estnische Juden, lettische, Dänemarkjuden, Schweden-, Norwegen-, Finnlandjuden; es gibt italienische Juden, es gibt französische Juden. Und überall, wo sie sind, übernehmen sie die Sprache, die Kultur, doch sie beherrschen das Geld. Sie kontrollieren die Wirtschaft. Ist ein jüdischer Feiertag, wird alles still.“

Die Erfindung des „weissen Juden“ dient dazu, eine Brücke zu schaffen zwischen dem jüdischen Volk und den Vorwürfen, die gegen „die Weissen“ erhoben werden. Die Juden werden wieder einmal zum Sündenbock.

Einige Juden aus der Szene des jüdischen Selbsthasses haben sich diese Auffassung zueigen gemacht. So reagierte Rebecca Vilkomerson, die Vorsitzende der BDS-Gruppe Jewish Voice for Peace, auf Mallorys Äusserung mit dem Tweet (zitiert in der Jerusalem Post):

„Insbesondere wir weissen Juden müssen erkennen, dass das Ausrichten unseres eigenen Status als Opfer [unserer] Macht dient und zudem ein Weg ist, Selbstreflexion über unseren relativen Status in einer weissen suprematistischen Welt zu vermeiden.“

„Privilegierte“ Juden?

Die Autoren des Papiers nennen einige schockierende Beispiele für die Versuche, Juden in der Vorstellung zu „weissen Privilegierten“ zu machen. Etwa den folgenden Fall, der sich an der University of Pennsylvania ereignete. Studenten, die ein Pflichtseminar über Rassismus belegten, wurde vom Professor ein sogenanntes „Privilegienquiz“ vorgelegt: Je mehr Punkte sie im Selbsttest erreichten, desto grösser ihre angeblichen „Privilegien“. Wem der Test nachwies, dass er „privilegiert“ war, der sollte „seine Privilegien überprüfen“, wurde verlangt. In der DDR und anderen stalinistischen Staaten wurden unangepasste Jugendliche aufgefordert, rituelle „Selbstkritik“ zu üben – so etwa Ähnliches erwartete der Professor offenbar von vermeintlich „privilegierten“ Studenten. Bis hierhin wäre das schon schlimm genug. Der Gipfel aber war: In der Kategorie Religion gab es für „Judaismus“ 25 Punkte, die höchste Punktzahl. Der Professor war also der Meinung, niemand sei so „privilegiert“ wie die Juden.

In diesem Zusammenhang erinnern die Autoren des Papiers auch an die jüngste Debatte um den Entwurf eines neuen Schullehrplans im US-Bundesstaat Kalifornien. Dieser fordert die Lehrer auf, mit ihren Schülern die Situation von ethnischen Minderheiten in Kalifornien zu diskutieren. Zu den Minderheiten, über die im Unterricht gesprochen werden soll, gehören Schwarze, Latinos, Asian Americans, Native Americans und auch arabischstämmige Amerikaner – Juden aber nicht, obwohl es in Kalifornien eine der grössten jüdischen Diasporagemeinden gibt. Die israelische Staatsgründung taucht in dem Entwurf dort auf, wo von den Erfahrungen der arabischen Amerikaner die Rede ist: als „Nakba“ (Katastrophe), ein Begriff aus dem Wortschatz derjenigen, die den Staat Israel abschaffen wollen.

Die Autoren machen auf ein Paradox aufmerksam: Während es im linken akademischen Diskurs sonst immer als wichtig angesehen wird, dass die subjektive Erfahrung der Opfer von Rassismus und Diskriminierung im Mittelpunkt steht – und nicht das, was Dritte darüber denken und sagen –, gilt das für Juden offenbar nicht. Ihnen wird das Recht abgesprochen, selbst zu entscheiden, ob sie eine Minderheit sind und ob sie Diskriminierung erfahren. Das entscheiden andere über sie – wie jener Professor, der Juden qua ihrer Religion für „privilegiert“ hält. Die Autoren sprechen vom „Konfiszieren des Narrativs“ und der „Verweigerung des Rechts auf Selbstdefinition“.

Juden, so die Autoren, werde das Recht vorenthalten, ähnlich wie andere Minderheiten ihre eigene Geschichte zu erzählen. Stattdessen werde ihnen „Macht“ unterstellt (ein Anknüpfungspunkt zum klassischen Antisemitismus!) und vorgeworfen, andere zum „Schweigen“ bringen zu wollen, etwa durch die „Instrumentalisierung des Antisemitismusvorwurfs“ als „Waffe“. Die Autoren beklagen, dass jüdische Personen und Organisationen von Koalitionen und Kampagnen der Linken, die sich für Minderheiten und „soziale Gerechtigkeit“ einsetzten, ausgeschlossen würden – zumindest dann, wenn sie auf ihrem Recht beharren, ihre jüdische Identität selbst zu definieren. Vielmehr werde als Aufnahmevoraussetzung von ihnen verlangt, keinesfalls eine Diskriminierung von Juden zu behaupten, sondern im Gegenteil ihre eigenen angeblichen „Privilegien“ und ihre „Macht“ einzugestehen, die sie angeblich hätten. „Dies wird zum Hintergrund, um das jüdische Selbstbestimmungsrecht zu leugnen und alle Juden für die ‚Erbsünde’ des Zionismus verantwortlich zu machen.“

Welchen Schluss ziehen die Verfasser des Papiers? Obwohl diese Dinge in der jüdischen Gemeinschaft bekannt seien und diskutiert würden, fehle es an einem Begriff, um sie zu benennen, schreiben die Autoren, und schlagen dafür erasive anti-Semitism vor. Anschliessend müssten Juden die vorherrschenden „progressiven Denkmuster“ in Frage stellen. Worum es letztlich gehe, sei, dass den Juden das Recht zugestanden werde, sich selbst zu definieren und ihre eigene Geschichte zu erzählen. Da es in erster Linie die akademische Linke, vor allem in den USA, ist, die dieses Recht in Frage stellt, muss sich diese Forderung an sie richten. Ob sie zuhören und sich einsichtig zeigen wird? Das steht auf einem anderen Blatt.

Stefan Frank ist freischaffender Publizist und lebt an der deutschen Nordseeküste. Er schreibt regelmässig über Antisemitismus und andere gesellschaftspolitische Themen, u.a. für die „Achse des Guten“, „Factum“, das Gatestone Institute, die „Jüdische Rundschau“ und „Lizas Welt“. Zwischen 2007 und 2012 veröffentlichte er drei Bücher über die Finanz- und Schuldenkrise, zuletzt "Kreditinferno. Ewige Schuldenkrise und monetäres Chaos."

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