Oberrabbiner: Exodus von Juden aus Europa ist keine Übertreibung

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Der Präsident der Konferenz der Europäischen Rabbiner (CER), Oberrabbiner Pinchas Goldschmidt, hat seine Kritik an einer zunehmenden Einschränkung des religiösen Alltagslebens für Juden in Europa erneuert. „Wir wollen von Europas Politikern beherzte und positive Massnahmen sehen, die das religiöse Leben respektieren und stärken und einen drohenden Exodus stoppen. Ein solcher Exodus ist keine Übertreibung, sondern bereits Realität“, so der Moskauer Oberrabbiner in einem Gastkommentar für die Deutsche Welle (Samstag) zu Beginn des Pessach-Festes.

Viele Juden hätten im zurückliegenden Jahrzehnt ihre europäischen Heimatländer verlassen, weil sie sich dort nicht mehr willkommen gefühlt hätten, so Goldschmidt. Das liege „an der Zunahme antisemitischer Übergriffe, aber eben auch an der Einschränkung ihrer Religionsfreiheit“.

Der Oberrabbiner verwies auf eine Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs vom Dezember, wonach das in den belgischen Provinzen Flandern und der Wallonie erlassene Verbot des Schächtens, also des rituellen Schlachtens von Tieren, nach europäischem Recht gerechtfertigt sei.

„Das Urteil stellt nicht nur den Wert des tierischen Lebens über das menschliche, sondern gefährdet auch die Möglichkeiten der jüdischen Gemeinde in Belgien, ihr religiöses Alltagsleben frei auszuüben“, kritisiert Goldschmidt. „Die Einschränkung des Zugangs zu koscherem Fleisch und seiner Produktion sowie das in Ländern wie Dänemark, Finnland und Island diskutierte Beschneidungsverbot männlicher Kinder machen es unmöglich, jüdisches Leben dort weiter zu leben.“

Die jüdische Gemeinschaft in Europa erfülle das mit grosser Sorge; ihre Zukunftsfähigkeit stehe auf dem Spiel, mahnte der Oberrabbiner. Solche gesetzlichen Vorgaben kämen einem Verbot jüdischen Lebens gleich. „Europa verspricht Freiheit für alle – doch das Gegenteil des stets Beteuerten geschieht.“

Goldschmidt äusserte Kritik an europäischen Politikern. Sie „beteuern immer wieder, dass jüdisches Leben geschätzt und respektiert werden solle“, sagte er. „Aber all diese Erklärungen erscheinen wertlos und heuchlerisch, vor allem wenn sie ausgerechnet bei Gedenkzeremonien wie dem Ende Januar begangenen Internationalen Holocaust-Gedenktag geäussert werden.“ Wenn es Europas Politiker ernst meinten mit der Präsenz jüdischen Lebens in Europa, müssten sie „diese Gesetzgebungen gegen Religion stoppen“.

KNA/lwi/brg

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