Brückenbauer: Judaist und Historiker Ernst Ludwig Ehrlich wäre 100 geworden

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Judaist und Historiker Ernst Ludwig Ehrlich wäre 100 geworden. Foto IMAGO / Christian Ditsch
Judaist und Historiker Ernst Ludwig Ehrlich wäre 100 geworden. Foto IMAGO / Christian Ditsch
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Er wurde in der NS-Zeit verfolgt und musste Berlin in Richtung Schweiz verlassen. Nach der Schoah setzte sich Ernst Ludwig Ehrlich unermüdlich für den Wiederaufbau jüdischen Lebens ein – und für den Dialog mit Christen.

von Leticia Witte (KNA)

Gelehrsamkeit, Energie und Humor: Damit ging der Judaist und Historiker Ernst Ludwig Ehrlich nach den Worten von Weggefährten an sein Lebenswerk und auf die Menschen zu. Trotz NS-Verfolgung tat er viel für den Wiederaufbau jüdischen Lebens in Deutschland und Europa und brachte als eine der treibenden Kräfte den schwierigen Dialog zwischen Juden und Christen voran. Er war ein Brückenbauer. Heute ist das Begabtenförderungswerk Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerk (ELES) nach ihm benannt und will in seinem Sinne wirken. Vor 100 Jahren, am 27. März 1921, wurde Ehrlich in Berlin geboren.

Schon seine Kindheit verbrachte er mit seiner Familie im Geiste des liberalen jüdischen Bürgertums. Früh verlor er den Vater: Dieser soll Hitler als „hergelaufenen Österreicher“ bezeichnet haben, kam in Haft und starb 1936. Angesichts der NS-Novemberpogrome von 1938 sagte Ehrlich später einmal im Fernsehen: „Da war das Ende gekommen. Das war die grosse Zäsur.“ Mit nur wenigen Ausnahmen habe die Bevölkerung diese Verbrechen hingenommen. Ehrlichs Mutter kam nach Auschwitz.

Ehrlich selbst überlebte, weil Menschen ihn versteckten, bevor er mit einem Freund in die Schweiz floh. Nachdem er noch das Abitur in Berlin gemacht und dort bei Leo Baeck an der liberalen Hochschule für die Wissenschaft des Judentums bis zu ihrer Schliessung durch die Nationalsozialisten 1942 gelernt hatte, begann er in der Schweiz ein Studium der Theologie. Sowohl in Nazi-Deutschland als auch in der Schweiz gehörten zu Ehrlichs Unterstützern auch Christen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg promovierte Ehrlich 1950 in Basel, später lehrte er an Hochschulen in Deutschland und der Schweiz. 1958 erhielt er den Leo-Baeck-Preis des noch jungen Zentralrats der Juden in Deutschland, 1976 für seinen Einsatz im interreligiösen Dialog die Buber-Rosenzweig-Medaille, 2004 den Klaus-Hemmerle-Preis und 2007 den Israel Jacobson Preis der Union progressiver Juden. Von 1961 bis 1994 prägte Ehrlich die jüdische Wohlfahrtsorganisation B’nai B’rith als europäischer Direktor.

In diese Zeit fällt das Zweite Vatikanische Konzil (1962-1965): Dabei war Ehrlich Berater von Kardinal Augustin Bea und an der Vorbereitung der Erklärung „Nostra aetate“ beteiligt, in der die katholische Kirche ihr Verhältnis zu den Juden neu bestimmte. Bis zu seinem Tod am 21. Oktober 2007 in Riehen bei Basel war Ehrlich Mitglied des Gesprächskreises „Juden und Christen“ des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK).

Der Theologe Hanspeter Heinz, über Jahrzehnte Vorsitzender des Gesprächskreises, bezeichnet Ehrlich als „die wichtigste jüdische Stimme“ in diesem Zusammenschluss, der auch eine Brücke zu den orthodoxen Rabbinern geschlagen habe. Die Brücke habe zudem in die Politik gereicht: „Er war ein gewiefter Politiker.“ Durch Ehrlichs Teilnahme an Katholiken- und Kirchentagen habe er nicht zuletzt die Idee des interreligiösen Dialogs nach aussen getragen. Ehrlich sei mit Menschen in echter Freundschaft verbunden gewesen, habe die persönliche Begegnung geschätzt und sich für Versöhnung eingesetzt. „Da war eine ganz starke menschliche Treue.“

Auch ELES-Geschäftsführer Jo Frank würdigt das vermittelnde Wirken des Namensgebers des Begabtenförderungswerks – zu Christen und auch zwischen den Strömungen innerhalb des Judentums: „Er hat sich für alle eingesetzt. Und ausgerechnet jemand mit der Erfahrung von Verfolgung hat sich sein Leben lang der Aufgabe gewidmet, ein jüdisches Leben in Europa nach der Schoah zu ermöglichen. Denn wer nach 1945 an einen Wiederaufbau Deutschlands dachte, musste, forderte Ehrlich, den Aufbau jüdischen Lebens mitdenken.“

Ehrlich habe über Bildung und deren Institutionalisierung einen Weg gesehen, die Vermittlung jüdischer Tradition wieder aufzunehmen, etwa durch das Abraham Geiger Kolleg als erstes Rabbinerseminar nach der Schoah in Deutschland. Er sei ein Vordenker für Themen gewesen, die Anhänger unterschiedlicher Religionen bewegen. Auch sei es Ehrlich um die Frage gegangen, wie eine Gesellschaft funktioniert, die durch Vielfalt geprägt ist. Frank: „Er hätte heute noch viel bewegen können, auch bei der Öffnung des Dialogs für andere Religionen.“

KNA/lwi/pko/aps

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