„König des Klezmer“: Zum 85. Geburtstag von Klarinettist Giora Feidman

Wohl kaum ein anderer Interpret erweckt die Klarinette mit seiner Klezmermusik so zum Leben wie der legendäre Giora Feidman. Auch mit 85 Jahren gibt er noch Konzerte.

Lesezeit: 3 Minuten

Seine Klarinette jubelt und klagt, gurrt und säuselt, schmettert wie eine Trompete und klingt sanft wie eine Flöte. Der gebürtige Argentinier gilt als einer der weltweit besten Klarinettisten. Am 25. März feiert Feidman seinen 85. Geburtstag und möchte – sobald das wieder möglich ist – in Deutschland wieder Konzerte geben.

von Birgitta Negel-Täuber (KNA)

Die Musik wurde dem jungen Giora in die Wiege gelegt. Den ersten Unterricht erhielt er von seinem Vater. Beide Eltern waren bessarabische Juden aus dem heutigen Moldawien, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts vor den Judenpogromen in ihrer Heimat nach Südamerika geflohen waren. Geboren wurde Giora Feidman in Buenos Aires. Bereits mit 18 Jahren war er Mitglied im Orchester des Teatro Colon in seiner Heimatstadt. 1956 wanderte er dann nach Israel aus.

Viele Jahre spielte Feidman die Bassklarinette im Israel Philharmonic Orchestra. In den 1970er Jahren begann er eine Solokarriere und siedelte nach New York über. Einem breiten Publikum wurde er ab den 1990er Jahren durch seine Film- und Theaterarbeit bekannt: In den deutschen Filmen „Jenseits der Stille“ und „Comedian Harmonists“ hatte er Auftritte mit seiner Klarinette, an der Filmmusik zu „Schindlers Liste“ von Steven Spielberg war er ebenfalls beteiligt.

Die jüdische Herkunft bestimmt Feidmans musikalisches Schaffen und gesellschaftlichen Einsatz gleichermassen. Im musikalischen Bereich widmete er sich vor allem der Klezmermusik, die er weiterentwickelte und zu deren Wiederbelebung er massgeblich beitrug. Diese Volksmusik jüdischer Tradition entwickelte sich seit dem 15. Jahrhundert aus dem liturgischen Kantorengesang der Synagoge; ihre heutige Form entstand vermutlich im 19. Jahrhundert in Osteuropa.

Klezmer enthält somit religiöse Traditionen, ist aber rein weltliche Instrumentalmusik. Die Klezmorim spielten vor allem Tanzmusik, aber auch Klagelieder und freie Fantasien gehörten zu ihrem Repertoire. Feidman verbindet seine Klezmermusik mit Elementen klassischer Musik.

1967 kam Giora Feidman mit seinem Orchester zum ersten Mal nach Deutschland. Nachdem er in seiner Kindheit „nur Schreckliches über die Deutschen gehört hatte“, empfand er seinen Aufenthalt im „Land der Täter“ als „unglaublich schwierig“. Aber die Verbindung blieb, und 1984 lud der Theaterregisseur Peter Zadek ihn ein, in dem Theaterstück „Ghetto“ an der Berliner Volksbühne mitzuwirken. Feidman spielte darin einen Juden in Vilnius während des Zweiten Weltkriegs. Dieses Stück hat ihn hierzulande bekanntgemacht. Im Laufe der Jahre entwickelte Feidman eine besondere Nähe zu Deutschland. Inzwischen bezeichnet er es sogar als ein Stück Heimat.

„Dienst an der Gesellschaft“

Die Aussöhnung liegt ihm dabei besonders am Herzen. Für sein jahrzehntelanges Engagement in diesem Bereich wurde Feidman vielfach ausgezeichnet. In der Begründung für die Verleihung des Brückepreises der Stadt Görlitz heisst es, er sei „einer der grossen Brückenbauer der Musik unserer Tage“. 2005 wurde Feidman auf Wunsch von Papst Benedikt XVI. zum Weltjugendtag in Köln eingeladen. Während der Vigilfeier musizierte er vor etwa 800.000 jungen Christen.

Musik hat für Feidman auch eine spirituelle Bedeutung, er sieht sie als „Dienst an der Gesellschaft“. Musik sei die Botschaft der Einheit, sagte er einmal in einem KNA-Interview. Auf das Verhältnis zwischen Deutschen und Juden angesprochen, meinte er: „Der heilende Prozess zwischen Juden und Deutschen ist zu Ende. Wir leben in der Gegenwart, und die ist Einheit. Was nicht heisst, dass wir die Vergangenheit vergessen sollen.“ Jeden Gedanken an eine deutsche Kollektivschuld für den Holocaust oder gar ein Schuld der Nachgeborenen lehnt Feidman ab. „Wir fühlen uns als Gesellschaft verantwortlich, schämen uns als Menschen, dass so etwas passieren konnte, aber nicht als Deutsche oder als Juden.“

Musik hält jung, dafür ist der „König des Klezmer“ wohl der beste Beweis. Seine letzte CD veröffentlichte er 2019. Nun hofft er auf baldige Lockerungen der Corona-Beschränkungen. Auf seiner Homepage kündigt er für die nächsten Monate mehr als 50 Konzerte im deutschsprachigen Raum an.

KNA/mit/aps/gbo

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