Israels wundersame Impfkampagne

Der jüdische Staat erlebt gerade ein historisches Ereignis, passend zu seinem innovativen Charakter und einer grossen Dosis Chuzpe.

Lesezeit: 6 Minuten

Im Laufe der Geschichte haben sich Impfstoffe als wundersam erwiesen und Pocken, Diphtherie, Polio und andere Krankheiten praktisch eliminiert. Heute stehen sie kurz davor, uns von COVID-19 zu befreien. Das Epizentrum des Letzteren ist Israel, das als ermutigendes Beispiel für die ganze Welt dient.

von Fiamma Nirenstein

Seit dem Ausbruch der Pandemie hat Israel mehr als 6.000 Menschen durch das Coronavirus verloren. Das ist keine geringe Zahl, und das Land trauert weiterhin um jeden einzelnen der Toten.

Aber auf dem Höhepunkt der Pandemie im Januar lag die Zahl der Todesopfer im Durchschnitt noch bei 79 pro Tag. Jetzt, seit der Auslieferung und Abgabe des Impfstoffs, liegt der Tagesdurchschnitt bei etwa 15-20, was einen deutlichen Rückgang bedeutet. Die Pandemie ist zwar nicht vorbei, aber auf dem Rückzug.

Dieses Wunder geschieht auf israelische Art und Weise.

Am 9. Dezember nahm der israelische Premierminister Benjamin Netanyahu persönlich die erste Lieferung der BioNTech-Impfstoffe von Pfizer am internationalen Flughafen Ben-Gurion in Empfang. Als am 7. Januar die erste Ladung Moderna-Fläschchen eintraf, hatte Israel bereits eine effiziente und innovative Impfkampagne in Gang gesetzt.

Das soll nicht heissen, dass es auf dem Weg dorthin keine Stolpersteine gab. In der Tat missachteten viele Mitglieder der Haredi-Community und der arabischen Gemeinschaft des Landes einerseits die Auflagen zum Schutz vor dem Coronavirus und waren andererseits misstrauisch gegenüber dem Impfstoff.

Doch genau wie im Sechstagekrieg 1967, als die besten Aspekte der israelischen Überlebenskultur zu Tage traten – und die verblüffte Welt überraschten – ergriff der jüdische Staat die Initiative, schlug zuerst zu und gewann dann den Kampf gegen Feinde, die auf seine Zerstörung aus waren.

In einem Interview mit Channel 12 News am 11. März erklärte der CEO von Pfizer, Albert Bourla, warum er Israel als Referenzbeispiel für die Impfstoffe seiner Firma gewählt hatte. Seine Begründung war, dass er «beeindruckt war von der Besessenheit Ihres Premierministers».

Netanyahu «rief mich 30 Mal an», sagte Bourla. «Er rief mich um 3 Uhr morgens an und fragte mich: ‹Was ist mit den Varianten? Was für Daten haben wir?‘ Ich sagte: ‹Herr Premierminister, es ist 3 Uhr›, und ich antwortete: ‹Nein, nein, keine Sorge, sagen Sie es mir.› Oder er rief mich an, um wegen den Kindern zu fragen, und sagte: ‹Ich muss die Schulen impfen.› Oder um nach schwangeren Frauen zu fragen. Er überzeugte mich, dass er die Dinge im Griff hat. Und ich weiss, dass die Israelis so viel Erfahrung mit der Bewältigung von Krisen haben, wegen der Situation, in der sie leben, umgeben von feindlichen Nationen und in dieser fast ständigen Kriegssituation. Ich hatte also das Gefühl, dass sie es schaffen können und ich hatte das Gefühl, dass er tatsächlich garantieren kann, dass es funktioniert.»

Von Beginn der Krise an erschien Netanjahu Tag für Tag im Fernsehen, zeigte wie man sich eine Maske aufsetzt und die Hände wäscht, und appellierte an die Öffentlichkeit, die Abstandsregeln einzuhalten. Er flehte die Bürger an, während drei langen Lockdowns zu Hause zu bleiben, um sich selbst, ihre Kinder und ihre Eltern zu schützen.

Israel war in der Tat «besessen» von der Aufrechterhaltung der öffentlichen Sicherheit und verhängte Bussgelder bei Verstössen, selbst als die Demonstrationen gegen ihn im Speziellen und die Coronavirus-Bestimmungen im Allgemeinen dramatisch zunahmen.

Das Gesundheitspersonal verhielt sich liebevoll, wie jüdische (oder italienische) Mütter, selbst als die Krankenhäuser an der Kapazitätsgrenze arbeiteten. Und die israelischen Verteidigungsstreitkräfte mobilisierten Truppen zur Unterstützung bei COVID-19-Tests und zur Hilfe für Familien in Quarantäne.

Anfangs wurde der Impfstoff zwar nach dem Alter der Empfänger verteilt – beginnend mit den über 60-Jährigen – aber jeder, der sich in der Schlange anstellen wollte, durfte dies fast immer tun.

Schon bald darauf wurde das Alter der Empfänger immer jünger, so dass auch 16-Jährige geimpft wurden. Einige von ihnen nutzten die Gelegenheit, um vor den Abiturprüfungen noch einmal in die Schule zu gehen. Andere, die vielleicht ihre Eltern oder Grosseltern zum Impfzentrum begleiteten, wurden gefragt, ob sie sich impfen lassen möchten. «Ok, setz dich hin», wurde ihnen gesagt. «Sind Sie gegen irgendetwas allergisch? Warten Sie nach der Injektion eine halbe Stunde draussen.»

„Was wird das für ein Tag sein, wenn das Hauptsymbol der Pandemie verschwindet“

Seit einer Woche tanzen die Menschen in Tel Aviv praktisch auf der Strasse, essen in Restaurants und gehen ins Theater – sie müssen einen «grünen Pass» vorlegen, als Beweis, dass sie entweder zwei Dosen des Impfstoffs erhalten, oder sich von dem Virus erholt haben.

Zugegeben, vielleicht sollten sie ein bisschen weniger aufgedreht und ein bisschen vorsichtiger sein. Aber die Lockerung der Anordnung, im Freien Masken zu tragen, ist bereits in Planung. Und was wird das für ein Tag sein, wenn das Hauptsymbol der Pandemie verschwindet.

In der Zwischenzeit sind COVID-19-Schnelltests ausserhalb von Lokalen und anderen Orten, wie Sportarenen für diejenigen geplant, die nicht im Besitz eines «grünen Passes» sind. Das bedeutet, dass kleine Kinder bald ihre Eltern an Orte begleiten können, die ihnen derzeit noch verwehrt sind. Und obwohl viele Flughäfen auf der ganzen Welt immer noch teilweise geschlossen sind – auch in Israel – können Israelis jetzt in Griechenland, Zypern und Georgien Urlaub machen.

Eine Sanitäterin der israelischen Notfallbehörde Magen David Adom impft einen palästinensischen Arbeiter mit dem Impfstoff Moderna gegen COVID-19 an einem Checkpoint zwischen Gush Etzion und Beit Shemesh. Foto IMAGO / UPI Photo

Wir sind nicht Zeuge eines magischen Verschwindens von COVID-19, sondern vielmehr des historischen Ereignisses der Wirksamkeit der Impfstoffe. Seit dem 20. Dezember 2020 sind 90 Prozent der über 50-jährigen Israelis geimpft, 81 Prozent der 40-49-Jährigen, 46 Prozent der 30-39-Jährigen, 69 Prozent der 20-29-Jährigen und 51 Prozent der 16-19-Jährigen.

Bis am 17. März hatten 5’140’261 Israelis die erste Dosis des Impfstoffs erhalten, 4’362’416 hatten beide Dosen erhalten und die Infektionsrate war mit 0,76 Prozent stetig rückläufig, ebenso wie die Zahl (578) der kritisch kranken Patienten.

Wird sich der Impfstoff vollständig durchsetzen?

Das hängt von einigen Faktoren ab, unter anderem von den Varianten des Virus und dem gesunden Menschenverstand. Es ist unbestreitbar, dass der israelische Charakter mehr von Einfallsreichtum und Chuzpe geprägt ist, als von Geduld. Wie zum Beispiel die Unverfrorenheit, die Netanjahu dazu trieb, Bourla mitten in der Nacht anzurufen. Schließlich ist Israel weltweit führend, wenn es um das Thema Impfen geht. Die Aufmerksamkeit der internationalen Medien zeigt dies ebenso wie die Allianz Israels mit verschiedenen europäischen Staaten, um eine gemeinsame Strategie für die zukünftige Verteilung von Impfstoffen an andere Länder und an Palästinenser an den Grenzübergängen zu entwickeln.

Am Tag meiner eigenen Impfung erfüllte mich ein Gefühl der historischen Bestimmung – ein verbindendes Band der Erlösung. Möge dies überall auf der Welt so sein.

Die Journalistin Fiamma Nirenstein war Mitglied des italienischen Parlaments (2008-2013), wo sie als Vizepräsidentin des Ausschusses für auswärtige Angelegenheiten in der Abgeordnetenkammer und im Europarat in Strassburg tätig war und den Ausschuss zur Untersuchung des Antisemitismus gründete und leitete. Sie ist Fellow am Jerusalem Center for Public Affairs (JCPA). Auf Englisch zuerst erschienen bei Jewish News Syndicate. Übersetzung Audiatur-Online.

Artikel zum Thema

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Stay Connected

5,408FansGefällt mir
214NachfolgerFolgen
1,309NachfolgerFolgen

NEU

Wenn Ihnen dieser Beitrag gefallen hat: Unterstützen Sie uns. Danke!